Charlotte Hornets, Portland Trail Blazers

Das Lillard-Walker-Dilemma

Über die begrenzte Upside der Blazers und Hornets

Kemba Walker und Damian Lillard gehören seit Jahren zum (erweiterten) Kreis der Allstars und legen als erste Option ihrer Teams beeindruckende Zahlen auf. Der Blazer erzielt seit etwa drei Jahren knapp 27 Punkten pro Spiel bei einem effizienten Offensivrating von fast 120. Walker liegt leicht darunter, aber auch 25 PPG bei einem Offensivrating von über 110 wie zuletzt sind bemerkenswert. Zudem zeigten beide praktisch jede Saison eine neue Facette ihres Spiels, insbesondere Walker entwickelte sich etwa auf beeindruckende Weise zu einem hervorragenden Distanzschützen. In der laufenden Saison haben beide gute Argumente, sich mindestens zu den 20 besten Spielern zu zählen, vielleicht sogar zur Top 10. Trotzdem fällt es auch mit viel Phantasie schwer, sich die Blazers oder Hornets in den nächsten Jahren in einer echten Contender-Rolle vorzustellen. Das liegt einerseits an Fehlentscheidungen der Franchises in der Vergangenheit, aber auch an den beiden Stars.


Zuerst einmal ist es naheliegend, sich zu fragen, was die beiden Spieler verbindet beziehungsweise vom Rest der Liga unterscheidet. Spielerisch gehören sie mit Sicherheit zu den komplettesten Offensivspielern der Liga, allenfalls als Spielmacher haben sie noch etwas Luft nach oben. Lillard hat als Scorer leicht die Nase vorne, dafür ist Walker trotz seiner geringeren Größe der etwas bessere Verteidiger. Beide haben gezeigt, dass sie ein Team mit wenig beeindruckendem Supporting Cast in die Playoffs tragen können. Der größte Unterschied in dieser Hinsicht ist, dass Lillard mit C.J. McCollum einen weiteren (Borderline-)Star im Team hat – dafür spielen die Blazers im Westen. Deswegen sind die Erfolge von Walker und Lillard recht ähnlich einzuschätzen: Hervorragende Regular Season-Spieler, denen die größeren Playoff-Erfolge fehlen. Lillard hat immerhin einen Zweitrundenauftritt vorzuweisen, der allerdings gegen ein stark verletzungsdezimiertes Clippers-Team ohne Chris Paul und Blake Griffin zustande kam.

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Aktuell gibt es keinen Spieler in der Liga, der ein wirklich vergleichbares Profil aufweist: Kyrie Irving ist individuell ähnlich einzuschätzen, spielte aber in Cleveland erfolgreich mit einem besseren Spieler und in Boston mit einer deutlich stärkeren Teamstruktur. Mike Conley hat Marc Gasol neben sich. John Wall hat in Washington mit Bradley Beal und Otto Porter theoretisch hervorragend passende Teammates; die Probleme liegen bei den Wizards offensichtlich vor allem in der Teamchemie. Anthony Davis konnte letztes Jahr – ausgerechnet gegen Lillard – den Makel ablegen, noch nie eine Playoffserie gewonnen zu haben. Außerdem ist er genau wie Giannis Antetokounmpo deutlich jünger und auf einer komplett anderen Position zu Hause. Allenfalls Russell Westbrook passt seit dem Weggang von Kevin Durant noch in das Lillard-Walker-Profil als Lead Guard mit begrenzten Playofferfolgen. Mit Paul George steht ihm jedoch eine zweite Option zur Verfügung, die mehr Potential für das Team verspricht. Daher bleibt der Blick hier auf die Blazers und Hornets beschränkt, obwohl die Ähnlichkeiten zeigen, dass ähnliche Fragen weitere Franchises betreffen.


Ein Grundproblem von Blazers wie Hornets ist der mit zu teuren Rollenspielern überfüllte Kader. In Portland streiten sich Evan Turner und Meyers Leonard um die zweifelhafte Ehre, wer den schlechteren Vertrag hat. Allen Crabbe wurden sie immerhin schon an die Nets los, allerdings um den Preis, dass bis 2022 noch jährlich knapp 3 Millionen Dollar für den gewaivten Andrew Nicholson in den Büchern stehen. Bei den Hornets sind eher die brauchbaren, aber zu teuren Spieler das Problem. Nicolas Batum wurde seinem 120-Millionen-Vertrag aus dem Jahr 2016 nie gerecht; auch Michael Kidd-Gilchrist und Marvin Williams hätten im letzten Sommer als Free Agents vermutlich deutlich weniger Geld bekommen. In der vergangenen Offseason nahmen die Hornets das zusätzliche Gehalt von Bismack Biymobo auf, um Dwight Howard loszuwerden. Blazers und Hornets gehören damit beide zu den Franchises, die am stärksten auf den eigenen Kader festgelegt sind.

Für diese Verträge sind Walker und Lillard natürlich nicht verantwortlich, sondern das Management. Praktisch stellten die Verpflichtungen jedoch eine Folge des Erfolgs mit den jeweiligen Franchise Playern dar. Weil die Teams 2015/16 jeweils eine auf den ersten Blick höchst erfolgreiche Saison hinlegten, sahen sich Rich Cho beziehungsweise Nick Olshey dazu genötigt, die eigenen Free Agents in der folgenden Offseason zu bezahlen. Unverschuldet trugen Lillard und Walker allerdings zu dieser Situation bei: Ihre Qualität brachte das Team erst in diese Situation und sorgte teils dafür, dass Mitspieler besser wirkten, als sie tatsächlich spielten.

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Außerdem verhinderte schon die Draftposition der beiden Guards (Lillard #6 2012; Walker #9 2011) und die damit in Zusammenhang stehende Situation der Franchise ein gezieltes Teambuilding. Wer, wie etwa die Thunder vor einigen Jahren oder zuletzt die Sixers, gezielt den Rebuild über den Draft angeht, hat über Jahre hinweg hohe Picks. Damit besteht die Möglichkeit, ein breiteres Fundament an Talenten zu erreichen. Die Blazers hatten nie diese Chance, weil sie nach der LaMarcus Aldridge-Ära nur kurz in die Tiefen der Lottery abtauchten. Charlotte zog zwar öfter hoch (Bismack Biyombo #7 2011, Michael Kidd-Gilchrist #2 2012, Cody Zeller #4 2013), blieb dabei allerdings ziemlich erfolglos. Das war einerseits schlicht Pech – hätten die Hornets die Anthony-Davis-Lottery gewonnen, wäre die aktuelle Diskussion hinfällig. Andererseits sprechen die Draftees nicht gerade für das Scouting oder das Player Development der Hornets. Ohne Walkers Aufstieg zum Star hätte das Team jedoch weitere Versuche in der frühen Lottery gehabt. Unerwarteter Erfolg erzeugt in der NBA oft auch unerwünschte Nebenwirkungen, wie die beiden Beispiele zeigen.


Dazu kommt, dass auch die Spielweise Walker und Lillard nicht ohne strukturelle Probleme ist. Das erscheint widersprüchlich, vor allem, weil beide keine offensichtlichen Schwächen aufweisen. John Wall ist beispielsweise der Vorwurf zu machen, dass er den Ball in seinen Händen braucht und abseits des Spielgeschehens zu Passivität neigt. Diese Tendenz erfordert ein bestimmtes Teamgefüge und eine bestimmte Spielweise, um sein Talent zu maximieren – und trotzdem ist fragwürdig, ob mit Wall eine realistische Chance auf eine Meisterschaft besteht. Ähnlich ist gerade bei Big Men wie Karl-Anthony Towns und Nikola Jokic oft die Überlegung, ob ihre Defense für Playofferfolge ausreicht. Beide Punkte sind auf Walker und Lillard nicht direkt anzuwenden. Sie sind offensiv quasi komplett und defensiv nicht völlig verloren. Trotzdem hat die Entwicklung der NBA in den letzten Jahren für ihren Spielertyp ein erneutes Fragezeichen geschaffen: Nachdem schon die 1990er und 2000er kein Point Guard im klassischen Sinn einen Finals MVP gewann, sind trotz Steph Currys Erfolgen die Grenzen der Position sichtbar. Nicht nur klassischen Bigs, sondern auch kleinen Spielern schadet die Dominanz der Flügelspieler.

Kemba Walker ist mit 6-1 sogar auf der kleinsten Position undersized, Lillard mit 6-3 immerhin guter Durchschnitt. Die meisten Spitzenspieler der Liga gehören jedoch nicht nur zu den schnelleren, sondern auch deutlich zu den größten, schwersten und längsten Vertretern ihrer Position. LeBron James‘ Physis ist das beste Beispiel, aber auch Kevin Durant und Giannis Antetokounmpo fallen in die Kategorie der absoluten Ausnahmeathleten. Weitere Top 10-Spieler wie James Harden, Kawhi Leonard und Jimmy Butler fallen in dieser Hinsicht vielleicht nicht sofort ein, doch auch sie weisen bei einer Größe von 6-5 bis 6-8 eine unterschätzte Vielseitigkeit auf. Die besten Bigs der Liga wie Anthony Davis, Joel Embiid, Karl-Anthony Towns und Nikola Jokic bringen mittlerweile entweder Guard-Skills wie Shooting und Playmaking und/oder die entsprechende Beweglichkeit mit. Für die besten Flügelspieler ist eine Kombination dieser Fähigkeiten praktisch schon Voraussetzung.


Was bedeutet das für Guards, die traditionell durch Geschwindigkeit und Skills ihre Größennachteile ausgleichen konnten? Die einfache Antwort: Sie müssen neue Felder entwickeln, wo sie einen Vorteil aufweisen. Vielversprechend ist in dieser Hinsicht vor allem ein Skill: Distanzwürfe aus der Bewegung, gerne auch von Entfernungen weit jenseits der Dreipunktlinie. Diese Pull Ups sind das Markenzeichen von Curry, der sich als einziger Spieler bis 6-3 seit Jahren unter den Top 5 der Liga halten kann. Seine Reichweite, Wurfgeschwindigkeit und -präzision verändern die Geometrie des Courts und damit schlicht die Art und Weise, wie Basketball gespielt wird. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Distanzwürfe in der Liga generell massiv an, weil sich immer mehr Spieler und Coaches an den erfolgreichen Warriors orientierten. James Harden hat durch Daryl Morey die größte Unterstützung für diese Spielweise und daher Curry zumindest im Volumen als Spitzenreiter in dieser Hinsicht abgelöst. Der Warrior trifft zwar immer noch besser (43,1% zu 38,9%), nimmt aber auch aufgrund der besseren Teammates nur 4,5 statt 11,5 (!) Versuche. Auch Walker und Lillard gehören zu den besten Pull-Up-Shootern, nach Treffern pro Spiel belegen sie mit im Schnitt 2,1 bzw. 1,8 Rang 2 und 4. Auch die Quote von 35,7% (Walker) bzw. 38,8% (Lillard) kann sich sehen lassen.

Allerdings scheint es bisher so, als würde es gerade in den Playoffs nicht reichen, 95% von Currys Skillset mitzubringen. Wer nicht auf die transzendente Weise des Warriors-Stars das Spiel verändert, weist als kleinerer Guards die bereits angedeuteten Probleme auf. Nochmal deutlicher: Ein physisch starker Spieler mit etwa 6-7 ist in den seltensten Fällen in einem defensiven Matchup völlig verloren. Selbst der nicht gerade als Defensivass bekannte James Harden kann etwa durch seine Kraft und Länge gut größere Spieler verteidigen. Gerade für Walker, aber auch für Lillard – und Curry – werden die Limitationen in dieser Hinsicht deutlich schneller erkennbar. Dazu kommt, dass Länge natürlich auch offensiv extrem hilfreich ist, um Würfe abzugeben oder am Ring abzuschließen.


In einer von Wings und ‚Superteams‘ dominierten Liga sind Lillard und Walker daher nicht gleich doppelt in einer wenig beneidenswerten Lage: Ihre eigenen spielerischen Stärken sind zwar in der Regular Season äußerst hilfreich, verlieren aber zumindest bislang gegen bessere Teams an Bedeutung. Die Erfolge ihrer Franchises in der Regular Seasons sorgten jedoch dafür, dass die GMs das Talent des eigenen Kaders überbewerteten. So sind Blazers und Hornets in der wenig beneidenswerten Situation, dass sie kaum Potential für den nächsten Schritt zum Contender aufweisen. Für Charlotte ist noch gravierender, dass Kemba Walker im Sommer Free Agent wird. Falls ihn nicht finanzielle oder emotionale Argumente in South Carolina halten, dürften ihn sportliche von dort weglocken.

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