Charlotte Hornets, Milwaukee Bucks, NBA

Bucks und Hornets: Zwei dieser berüchtigten “Jump Shooting”-Teams?

Zwei Offensivsysteme in der Gegenüberstellung

Mit dem ligaweiten Trend des ansteigenden Dreiervolumens und dem neuen analytischen Zugang zu Basketball müssen sich immer mehr Teams den Vorwurf gefallen lassen, sie würden nur noch “Dreier draufjagen” und damit verbunden auch oft, dass ja nun alle Teams “gleich” spielen. Mit den Charlotte Hornets sowie den Milwaukee Bucks trafen in der Nacht zum 27.11. zwei Teams aufeinander, die beide eine Top 5 Offense der Liga aufbieten können. Eine weitere Gemeinsamkeit: beide Teams setzen bevorzugt auf den Distanzwurf (Bucks Platz 2, Hornets Platz 7 in 3PAr). Doch spielen diese Systeme wirklich so ähnlichen Basketball? Gibt es nur noch diese eine Formel für erfolgreiche Offense, die darin besteht, überspitzt gesagt möglichst viele Dreier in Richtung Korb zu schleudern? Diese Fragen verdienen eine genauere Betrachtung.

Wer bildet die Speerspitze dieser Teams?

Schaut man sich zunächst das Personal der beiden Mannschaften an, so wird direkt ein wesentlicher Unterschied deutlich. Während bei Charlotte der designierte Franchiseplayer und Fanliebling in einem quirligen Guard besteht, der auf den Namen Kemba Walker hört, vertraut man in Milwaukee voll und ganz auf die drahtige Gestalt eines gewissen Griechen, namentlich Giannis Antetokounmpo, auf der Wing Position. Beide spielen bisher eine sehr überzeugende Saison (Kemba Walker mit 28 Punkten und 6,5 Assists/Giannis mit 27 Punkten, 13 Rebounds und 6 Assists pro Spiel) und sind valide erste Optionen einer guten Offense. Dazu weisen beide ebenfalls die notwendige Effizienz auf, um als deklarierte Scorer ihren Teams wirklich weiterzuhelfen. Walker erreicht einen starken True Shooting Wert (TS%) von 59 bei einem 118er Offensivrating (Ortg). Antetokounmpo kann sogar ein TS% von 62 vorweisen (Career High), gepaart mit einem individuellen Ortg von 116. Ihre Vergleichbarkeit scheint nun belegt, jedoch stellt sich weiterhin die Frage nach den Unterscheidungen. Diese besteht in der Art und Weise, wie sie zu ihrem Scoring kommen. Walker gehört zu den Knockdown Shootern der NBA und verwandelt momentan starke 39% seiner 10 Dreierversuche pro Spiel. Hierbei ist zu betonen, dass 6 dieser Würfe aus dem Dribbling kommen und man ihn somit zu den Pull-Up Kings der NBA zählen könnte. In dieser Szene nimmt Kemba ohne zu zögern den Wurf und verwandelt ihn, wie bereits so häufig in dieser Saison:

Giannis hingegen trifft 12,5% seiner Dreierversuche und schöpft sein effizientes Scoring vor allem aus einem Bereich: Er verwandelt traumwandlerische 77% seiner Versuche direkt am Ring, welche zwei Drittel seiner Wurfanteile ausmachen. Dazu kommt eine Freiwurfrate von nahezu 50%, was nicht nur seine persönliche Bestmarke darstellt, sondern sich auch im ligaweiten Schnitt mehr als sehen lassen kann. Wie unaufhaltsam der Grieche dabei zu Werke geht ist in dieser Szene unschwer zu erkennen:

Ein weiteres Indiz für ihre Unverzichtbarkeit im eigenen Team sind die jeweiligen On/Off-Werte. Mit Kemba auf dem Feld ist das Offensiv-Rating seines Teams um 10 Punkte besser, und auch bei Giannis steigt die Punkteausbeute des Teams um 7 Punkte per 100 Possessions. Diese Werte sind nicht singulär auf die beiden Superstars zurückzuführen, weil beide hauptsächlich mit den anderen Startern gemeinsam auf dem Platz stehen, sie können jedoch als Indiz für ihren enormen offensiven Einfluss verstanden werden. Beide prägen auch gewissermaßen den Spielstil ihrer Franchises und bilden den Ausgangspunkt vieler offensiver Aktionen. Dies lässt sich nicht nur anhand der allgemeinen Wurfverteilung sondern auch an den jeweiligen Plays erkennen die des Öfteren vom Team konsultiert werden. 

Welche Unterschiede sind bei der Konzeption der beiden Offensiven zu erkennen?

Bei den Bucks fällt auf, dass sie einen sehr großen Anteil ihrer Würfe entweder, wie bereits angedeutet, von jenseits der Dreierlinie, oder aber direkt in Korbnähe suchen. Ihr Shot Chart dürfte dem GM der Rockets, Daryl Morey, Tränen der Freude in die Augen treiben, da sie mit ihrem Wurfprofil nahezu seinen Idealvorstellungen entsprechen:

Wie auf diesem Bild deutlich zu erkennen ist, kommen viele Würfe der Bucks damit aus dem von Giannis präferierten Bereich, nämlich direkt am gegnerischen Korb. Doch die Bucks schließen hier nicht nur sehr oft ab, sie tun es bisher auch mit einer fast schon unheimlichen Präzision. 71% Abschlussquote als Team ist vermutlich besser als die Superstars vieler Teams und darf trotz der unbestreitbaren Qualität von Giannis tatsächlich ein wenig kritisch beäugt werden. Nach mittlerweile rund 20 Spielen haben sich die Quoten zwar zunehmend stabilisiert, jedoch scheint dieser Wert sogar für ein athletisches und langes Bucks Team etwas zu hoch. Die Dreierquote von 36% (Platz 12) hingegen scheint durchaus haltbar und lässt das hohe Volumen des Teams vertretbar erscheinen. Genau so ist dem Bild zu entnehmen, dass man die Mitteldistanz praktisch aus seinem Repertoire verbannt hat und hier faktisch das Schlusslicht der Liga bildet. Wie stellen sich im Vergleich die Würfe der Hornets dar?

Bei den Hornets findet man durch die ebenfalls häufige Nutzung von Dreiern (Platz 7) zunächst eine Gemeinsamkeit. Sie haben hier auch eine etwas bessere Trefferquote zu verzeichnen mit 37% (Platz 7), sind jedoch bei der eFG% insgesamt um 7 Plätze schlechter. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie weitaus seltener den Abschluss am Ring versuchen und damit auch bei weitem nicht so erfolgreich sind (jeweils Bottom 10). Sie nehmen deswegen deutlich mehr Würfe aus der Mitteldistanz und können hierbei eine hervorragende Effizienz vorweisen (Platz 3 bei langen Zweiern / Platz 4 bei Mitteldistanzwürfen im Allgemeinen). Ihr Shot Chart macht diese Verteilung greifbarer:

Diese Tendenzen lassen sich zumindest teilweise durch die Spielweise ihrer Superstars erklären. Giannis bevorzugt zwar selber eher Abschlüsse unmittelbar am Ring, kann jedoch durch seine Übersicht und die Gefahr, die er ausstrahlt freie Würfe für seine Mitspieler kreieren. Hinzu kommt, dass ebenjene Mitspieler auch die Selbstlosigkeit und die Spielintelligenz besitzen den freien Dreier konsequent herauszuspielen. Gerade Lopez ist hier ein sehr bereicherndes Element. Er hat durch seine enorme Wurfpotenz (fast 7 Dreierversuche pro Spiel bei 37%) eine gute Gravity und dazu die nötige Abgeklärtheit das richtige Play zu spielen. In dieser Szene kommen all diese Faktoren zusammen. Giannis zieht die Hilfe unterm Korb, kickt raus zu Lopez, welcher geduldig den Pass spielt und Bledsoe bedient mustergültig den Edelshooter des Teams in Khris Middleton:

Bei den Hornets wiederum ist der Ausgangspunkt nahezu aller Aktionen ein PnR oder ein PnP am Perimeter, welches bevorzugt vom primären Ballhandler gelaufen wird. Hierbei können entweder einfache Mitteldistanzwürfe für den Guard entstehen oder aber der Pick-stellende Big Man wird frei. Kemba Walker ist hier bemerkenswert sicher in seiner Entscheidungsfindung und spielt nicht nur oft sondern auch schnell das richtige Play. Die Offense der Hornets unter Head Coach James Borrego ist zudem so konzipiert, dass, wenn die erste Aktion scheitert, der Ball sofort wieder an den Perimeter wandert und einer der anderen Ballhandler einen neuen Versuch startet. Man merkt, dass das System von Clifford zwar in Teilen aufgegriffen wurde, jedoch auch weiterentwickelt und in einigen Punkten verfeinert wurde. Das Team wirkt nun etwas kreativer, dynamischer und kann auch gegen gut eingestellte Defensiven geduldig zu Punkten kommen. In dieser Szene wird jedoch Kaminsky aufgrund der Drop Coverage von Giannis sofort frei und nimmt dankbar den freien Wurf:

Doch nicht nur in dieser Hinsicht spiegeln die Offensiven das Talent der beiden Starspieler recht gut wieder. Auch bei den Turnovern lässt sich eine Parallele ziehen. Die Hornets beschützen den Ball als Kollektiv besser als jedes andere Team und auch auf die Turnover Percentage (TO%) von Kemba lässt sich mit 10% bei seiner 32% Usage mehr als stolz blicken. Die Bucks sind in diesem Aspekt zwar nicht katastrophal, allerdings bringt ihr System mit viel Ball- und Spielerbewegung hier etwas mehr Ballverluste mit sich. Sie zählen zum Mittelfeld der Liga und Giannis weist hier mit 16% TO% ebenfalls einen etwas schwächeren Wert auf. Dennoch ist die Spielweise beider Teams sehr interessant, denn sie ist trotz teilweise ähnlichen Resultaten (viele Dreier) von sehr unterschiedlichen Ansätzen geprägt.

Welche Schwerpunkte sind bei der jeweiligen Offense zu erkennen?

Die Bucks haben eine sehr variable Offense, die durch viel Abwechslung und viel Bewegung in jeglicher Hinsicht hervorsticht. Auffällig ist dabei, dass Giannis fast durchgehend in On-Ball Action involviert ist und sich in erster Linie am Rand der Zone bewegt. Dort wird er oft aufgepostet oder aber er agiert als Picksteller und beschäftigt die gegnerische Defense unaufhörlich. Die anderen Spieler um ihn herum sind mit Bledsoe, Brogdon, Middleton und Lopez oftmals durch die Bank weg solide bis gute Playmaker. Jeder von ihnen ist in der Lage eine Situation schnell zu lesen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch deswegen überrascht es wenig, dass ein beliebtes Play der Bucks darin besteht, den Ball einmal über die Mitte auf die andere Seite zu swingen. Dann laufen die beiden weiterpassenden Spieler ein Off-Ball Set, welches die Defense des Gegners zwingt zu reagieren. In dieser Szene fürchtet sie vor allem den Dreier von Middleton, weshalb Giannis in der Mitteldistanz frei wird und die einrückende Hilfe mit einem Kickout Pass auf den freistehenden Bledsoe ins Leere schickt. Easy Buckets:

Bemerkenswert ist hierbei vor allem die wechselnde Besetzung in diesen Plays. In diesem Fall spielt Lopez den wichtigen Pass und oft ist Giannis in der Mitte, um als Cutter Gefahr auszustrahlen. Ansonsten kann nahezu jeder Spieler der Bucks jede beliebige Position in diesem Play einnehmen und es werden vergleichbare Resultate erzielt. Die Effektivität dieses Plays wird maßgeblich durch die Stretch-Qualitäten von Lopez oder auch Ilyasova gesteigert, weil dadurch mehr Raum in der Zone entsteht und Giannis bei nahezu allen Aktionen mehr Platz hat, beziehungsweise die Defense auch tatsächlich bestrafen kann, wenn sie gegen ihn Hilfe schickt. Die Bucks kommen also in den Genuss teilweise sogar 5 Out Offense zu spielen und Giannis als einzigen Non-Shooter auf dem Feld zu haben. Dieser profitiert natürlich ungemein von diesen Möglichkeiten und kann auch deswegen eine brachiale Effizienz in Korbnähe aufweisen.

Bei den Hornets hingegen setzt man sehr häufig auf das traditionelle Pick n Roll. Hier können die Guards wie Walker, Lamb oder auch Tony Parker ihre Qualitäten zum Vorschein bringen und sich mit ihrer Schnelligkeit freie Würfe erarbeiten. Wenn die gegnerische Defense switcht wird das Mismatch dankend attackiert, aber meistens sinkt der gegnerische Big ab und bietet so Platz für einen Pull-Up Shot. Gerade an der Dreierlinie werden solche Gelegenheiten vermehrt von ihnen wahrgenommen und so ist es wenig verwunderlich, dass in dieser Kategorie lediglich die Houston Rockets vor ihnen rangieren. Allerdings wäre nur klassisches PnR in der heutigen NBA dann doch zu ausrechenbar, weshalb man über Off-Ball Picks auf der Weakside oftmals zusätzliche Aktivität schafft und auch gern mal auf Elemente des spanischen PnR zurückgreift, bei dem der Picksteller am Ball ebenfalls einen Screen bekommt. Auch viele Aspekte von Horns Sets finden in ihrem Spiel Verwertung und in dieser Szene sieht man schön wie der erfahrene Tony Parker daraus Profit schlagen kann:

Unterm Strich ist ihre Offense dadurch dennoch ein wenig statischer als die der Bucks und liefert eher Gelegenheiten aus der Mitteldistanz, als allzu häufige Würfe in unmittelbarer Ringnähe. Dies hängt vermutlich auch mit den überwiegend begrenzten Slashing-Fähigkeiten ihres Personals zusammen. Spieler wie Monk, Lamb oder auch Batum beschränken sich oftmals aufs Werfen und gerade Monk, welcher in seinen 20 Minuten die drittmeisten Würfe des Teams nimmt, schafft es bisher nur auf eine eFG% von 47. Grund zur Hoffnung gibt bisher der Rookie Miles Bridges: Er ist in seinen wenigen Aktion aggressiv auf dem Weg zum Korb und deutete  neben seinem soliden Dreier (35%) auch gewisse Finishing-Qualitäten (77% FG am Rim) an. Allerdings bekommt er aktuell lediglich 5,5 FGA in 20 Minuten Spielzeit und es bleibt zu hoffen, dass er zukünftig ein wenig mehr Verantwortung schultern darf/muss. Alles in allem ist Charlottes Offense mit ihrer PnR- und shooting-lastigen Ausrichtung bisher jedoch ganz gut gefahren und es ist zu erwarten, dass sie sogar bei einer Regression der Quoten aus der Mitteldistanz eine der besseren Offensiven der Liga stellen.

Die Bucks wiederum bleiben wohl eine der spektakulärsten Entwicklungen der jüngsten NBA-Saison und verdienen großes Lob, auch für ihre Kaderzusammenstellung im Sommer. Mit Lopez, Ilyasova und Connaughton hat man Leute ins Team geholt, die bisher hervorragend hineinpassen und das moderne Spiel der Bucks überhaupt erst ermöglichen. Lopez ist bisher eine absolute Waffe von draußen und kann gegen Mismatches im Post sogar gelegentlich seine Finesse vergangener Tage bei den Nets aufblitzen lassen. Dennoch stammen 71% seiner Würfe von jenseits der Dreierlinie und er zieht den Floor neben Giannis und den Shootern entscheidend auseinander, um diesem Platz zum Wirbeln zu schaffen. Connaughton verzeichnet momentan ein Ortg von 123 und scheint die Erwartungen zu übertreffen, die in der Vergangenheit von Tony Snell in der Offense nie so hundertprozentig erfüllt worden konnten. Auch Ilyasova knüpft an seine soliden Leistungen bei den Sixers an und bietet mit seiner Erfahrung und seinem Wurf einen Wert, der die Lineup-Variationen für Coach Bud noch weiter erhöht. Zu diesen Variationen gehört es bisher auch, Brogdon kontinuierlich starten zu lassen, was, wie bereits angesprochen, die Playmaking Skills der S5 weiter maximiert. Über den Verlauf des Spiels werden dann die primären und sekundären Playmaker der Bucks so gestaggert, dass durchgehend mindestens einer (eher zwei) auf dem Feld stehen. So halten die Bucks den Spielfluss am Leben und durch die enorm hohe Anzahl an Schützen und die Bereitschaft aller, Dreier zu nehmen (sogar Henson hat 2 Versuche pro Spiel vorzuweisen), bleibt die Offense dauerhaft potent.

Fazit

Man kann also festhalten, dass sich beide Teams recht unterschiedlich gestalten. Zwar besitzen beide Offensiven den Dreier als zentrales Element ihrer Wurfauswahl, jedoch sind die Spielanlagen und auch die Verteilung der restlichen Würfe grundsätzlich zu unterscheiden. Sogar bei den Dreiern kann man insofern differenzieren, dass die Bucks vor allem auf durch Passing herausgespielte Dreier aus dem Catch-and-Shoot setzen (Platz 1) und die Hornets oft zum Pull-Up-Dreier aus dem PnR heraus tendieren. Dazu spielt sich bei den Bucks viel Action am Zonenrand ab, sie posten häufig auf und lassen den Ball gern durch mehrere Hände wandern. Bei den Hornets werden die Würfe vornehmlich durch Guards kreiert, sie agieren sehr perimeterlastig und neigen zu Jump Shots aus diesem Bereich. Insofern kann man diesen beiden Systemen durchaus mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten unterstellen. Schlussfolgernd  gibt es offenbar mehrere Wege erfolgreiche Offense zu kreieren, auch wenn der Dreier und gutes Spacing ein unabdingbarer Teil moderner Spielsysteme geworden sind. Dafür braucht es das richtige Personal und selbst dann muss man Mittel und Wege finden, um dieses effektiv zu nutzen. Die Bucks schaffen dies bisher wie kein zweites Team und es bleibt abzuwarten, wohin sie diese Spielweise tragen wird, wenn es im April darum geht sich gegen die starke Konkurrenz zu behaupten und sich den Weg in die Finals zu bahnen.

 

Stand der Daten: 27.11.18 , Quelle: www.cleaningtheglass.com

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