Memphis Grizzlies

Grit and Grind 2.0

Wie die Grizzlies es zurück zur Relevanz geschafft haben

Die letzten zwei Jahre verliefen alles andere als optimal für die Grizzlies. Die Probleme fingen für wie so viele Teams im Sommer 2016 an. Die Verpflichtung von Chandler Parsons für einen Maximum-Vertrag hätte im Optimalfall das Scoring besser verteilt und die schon in den Jahren zuvor angegangene Stilwende vollendet. Mit dem Flügel wäre endlich mehr Platz unter dem Korb gewesen, eine langjährige Lücke in den Lineups geschlossen und so der Abschied von Grit and Grind genommen. Dass Parsons seitdem insgesamt keine volle Saison gespielt hat (73 Spiele), aber in diesem und nächstem Jahr zusammen fast noch 50 Millionen Dollar verdient, sagt alles über den Erfolg dieses Vorhabens. Die Verletzung von Mike Conley vor ziemlich genau einem Jahr bedeutete dann, dass Memphis in der Saison 2017/18 nur 22 Siege holen konnte.

Umso erstaunlicher ist, dass die Grizzlies es trotzdem aktuell bis an die Spitze der extrem umkämpften Western Conference gebracht haben. Die Bilanz von 12 zu 5 kam auch nicht nur durch einen leichten Spielplan zu Stande: Gegner wie die Nuggets und Bucks gehören selbst zu den positiven Überraschungen. Bei anderen Teams wie den Jazz, Wolves und Spurs läuft es nicht ganz so gut, aber auch sie standen letztes Jahr in den Playoffs. Was hat die Grizzlies also an diesen Punkt gebracht?

Der Weg zurück

Wie schon Ende der letzten Regular Season prognostiziert, hat das Memphis-Management um GM Chris Wallace auf radikale Schritte verzichtet. Mike Conley und Marc Gasol wurden gehalten, der durch die schlechte Saison hart erarbeitete 4. Pick nicht vertradet und auch keine Panikreaktion mit Parsons begangen. Im Draft fiel die Entscheidung auf Jaren Jackson Jr., was klar als Pick nach Potential zu werten ist. Der Big ist einer der jüngsten Spieler des Draftjahrgangs und füllte auch nicht die Lücken der Grizzlies auf dem Flügel. Immerhin ist JJJ talentiert genug, um dem Team sofort zu helfen – der Vorteil eines so hohen Draftpicks.

Das bedeutete, dass die Grizzlies sich in der Free Agency auf Wings konzentrieren mussten. Ohne Cap Space und ohne wirklich interessante Assets mit Ausnahme des 4. Picks sah das anfangs nach einer schwierigen Aufgabe aus. Flügelspieler mit Wurf und akzeptabler Defense gehören schließlich zu den aktuell gefragtesten Spielertypen. Folglich verloren die Grizzlies die positive Überraschung des letztes Jahres, Tyreke Evans, an die Pacers, die ihm schlicht mehr Gehalt bieten konnten. Aber gegen Ende der Free Agency kamen einige Glücksfälle zusammen, die den Grizzlies doch noch zu einer akzeptablen Rotation verhalfen: Die Spurs entschieden sich wohl in Erwartung des Trades für DeMar DeRozan, dass sie nicht einen weiteren Spieler ohne Wurf benötigen. Daher zogen sich nicht mit dem MLE-Angebot der Grizzlies für Restricted Free Agent Kyle Anderson mit. Die zweite wichtige Verstärkung kam von den Kings, die ein Jahr vor Vertragende keine Verwendung mehr für Veteran Garrett Temple hatten. Er kostete Memphis nur einen Zweitrundenpick und die ohnehin wenig hilfreichen Ben McLemore und Deyonta Davis. Damit ging das Team erstmals seit langem mit einer soliden Wing-Rotation in die Saison, wie wir schon in der Preview feststellten.

Alles wie gehabt?

Mit Ausnahme der Entscheidung im Draft deuteten somit alle Transaktionen auf weitere Gewinnambitionen. Das bedeutete, dass Conley und Gasol wieder als die Schlüsselakteure eingeplant werden mussten, falls nicht Jackson sofort einschlug oder Parsons eine Wunderheilung hinlegte. In gewisser Weise blieb also alles beim Alten – Conley hat mittlerweile 12, Gasol 11 Jahre bei den Grizzlies verbracht, zumindest die Hälfte der Zeit waren sie die beiden besten Spieler. Der Spielstil muss also weiterhin auf ihr Two-Man-Game zugeschnitten werden. Aber immerhin hatte die sportlich irrelevante Vorsaison einigen jüngeren Spielern wie Dillon Brooks, Wayne Selden und Ivan Rabb Spielpraxis verschafft, die jetzt gemeinsam mit den Neuverpflichtungen den Kader abrunden konnten.

Somit setzt sich in dieser Saison fort, was sich schon vor zwei Jahren andeutete: Ein leicht modernisiertes Grit and Grind, das aber durch die Entwicklung der Liga fast noch mehr aus der Zeit gefallen scheint. Ein Blick auf die wichtigsten Kennzahlen bestätigt das: Bei einem absolut identischen Offensivrating von 107,7 rutschen die Grizzlies in die Bottom 10 der Liga. Die verbesserte Defense kann das zumindest in der noch nicht allzu aussagekräftigen bisherigen Zahl an Spielen weitgehend ausgleichen. Stilistisch noch bemerkenswerter ist, dass die Grizzlies mehr Distanzwürfe nehmen und – auch beeinflusst durch die Gegner – deutlich schneller spielen als vor zwei Jahren, damit allerdings im Verhältnis zum Rest der Liga trotzdem abgefallen sind.

Die Offense der Grizzlies

Die Zahlen der laufenden Saison verdienen eine genauere Analyse. Die unterdurchschnittliche Offense stellt offensichtlich bisher den Schwachpunkt dar. Platz 23 reicht mit Sicherheit nicht für einen echten Contender-Status. Hier scheint die Spielweise an ihre Grenzen zu stoßen, wenn man eine schnelle und distanzwurflastige Offense als Maßstab anlegt. Natürlich sind die Grizzlies deutlich langsamer als die besten Offensivteams, aber sie werfen nicht unbedingt weniger Dreier. Mit den verletzungsgeplagten Warriors, den Clippers und den Pelicans bleiben drei Teams aus der derzeitigen Top 5 nach ORtg unter 33,7 3PAr. Die Kombination aus langsamer Pace und wenigen Distanzwürfen kostet jedoch gleich zwei Formen effizienten Scorings.

Stattdessen liegen die Stärken der Grizzlies jedoch in zwei anderen Schlüsselelementen guter Offense: Sie begehen nur wenige Turnover und kommen oft an die Freiwurflinie (Platz 6 bzw. 7 ligaweit). Hier zeigt sich die Erfahrung von Conley und Gasol, die beide trotz großer Spielanteile keine zwei Turnover pro Spiel begehen, aber auch ohne elitäre Athletik durchschnittlich etwa fünf Freiwurfversuche ziehen. Angesichts der niedrigen Pace wirkt das nicht sonderlich beeindruckend, auf Possessions gerechnet liegt Gasol aber etwa auf dem Niveau von Kevin Durant, Conley auf dem von John Wall. Aber auch der Rest des Teams passt zu der methodischen, intelligenten Offense. Ex-Spur Kyle ‚Slow Mo‘ Anderson ist schon durch den bisherigen Karriereverlauf und den Spitznamen für die Spielweise prädestiniert, auch wenn er noch mit seiner individuellen Effizienz kämpft. Die größte Überraschung dürfte aber Shelvin Mack sein. Der Journeyman kam im Sommer für das Minimum, verteilt jetzt aber hinter und auch neben Conley sicher den Ball und trifft selbst hervorragend.

Die alte Stärke Defense

Defensiv ist der größte Vorteil der Grizzlies, dass es ihnen bisher weitgehend gelingt, den Gegnern ihren Spielstil aufzuzwingen. Sie verzichten fast vollständig auf Offensivrebounds (Rang 29, trotz Lineups mit Gasol und JJJ), um möglichst keine Fast Breaks zu riskieren. Auch die geringe Zahl an Ballverlusten hilft natürlich. Sie sind zwar in gegnerischen Punkten nach Turnovern gerade noch in der Top 10, in gegnerischen Punkten bei Fast Breaks sogar am falschen Ende der Rangliste (26.) – das bedeutet aber vor allem: Wenn die Grizzlies ein Team in den Half Court zwingen, fehlen den Gegnern die Mittel. Memphis muss kaum defensive Schwachstellen verbergen, spielt viel mit flexiblen Flügeln und hat in Gasol eine hervorragende Absicherung in der Zone. Die Defense ist natürlich auf den ehemaligen DPoY zugeschnitten. Das heißt: Gasol soll möglichst nicht auf den Perimeter gezogen werden, sondern verteidigt beispielsweise das Pick and Roll meistens durch Absinken. Die kleineren Spieler switchen öfter, was beides der grundsätzlichen Tendenz der Liga entspricht.

Besonders Lineups mit Anderson als zweitgrößtem Spieler bringen für diese Spielweise die optimalen Voraussetzungen mit, gerade gegen die recht häufige 4-Out-Offense ohne Center mit Wurf. Allerdings kosten die Aufstellungen ohne zweiten echten Big natürlich Länge, Rebounding und Shotblocking. J.B. Bickerstaff war bisher verhältnismäßig oft zu dieser Option gezwungen, weil JaMychal Green zwölf Spiele verpasste und Jackson bislang extrem foulanfällig spielt. Dadurch konnte der Rookie teils keine 20 Minuten auf dem Parkett bleiben. Die Rückkehr von Green gibt neue Optionen, die aber aufgrund des Ausfalls von Dillon Brooks auch notwendig sind. Möglicherweise wird sich die Spielweise der Grizzlies in den nächsten Wochen also noch mehr in Richtung langsam und groß entwickeln.

Der heimliche MVP

Nicht nur Fans von Ein-Wert-Statistiken, sondern auch jeder, der einige Grizzlies-Spiele gesehen hat, dürften den bisher wichtigsten Spieler des Teams eindeutig identifizieren können. Marc Gasol definiert an beiden Enden des Courts, was Memphis ausmacht. Platz eins in Real Plus Minus erscheint deswegen nicht völlig absurd, auch wenn die geringe Sample Size und der Black Box-Charakter der Statistik die echte Nutzbarkeit nehmen. Ein kurzer Blick auf Gasols Duell mit Karl-Anthony Towns zeigt die Stärken des spanischen Big: Zum einen gelang es ihm mehrfach, den offensiv trotz aller Kritik herausragenden Towns im Eins-gegen-Eins zu stoppen:

Dass Gasol hier kaum Hilfe benötigt, reduziert die Gefahr des Passes auf einen offenen Mitspieler. Mike Conley muss Towns nur kurz irritieren, bevor er sich zu seinem eigentlichen Gegenspieler zurückorientiert. Das Resultat ist trotzdem ein Block Gasols quasi aus dem Stand gegen den Versuch eines Hook Shots. Am anderen Ende sah das Duell Potential gegen Erfahrung teils ähnlich einseitig aus. Towns Defense ist nicht berühmt, Tom Thibodeaus Schemata machen die Sache oft nicht einfacher – aber trotzdem ist ein Step-Back-Swish von hinter der Dreipunktline durch einen Sevenfooter bemerkenswert:

Beide Szenen demonstrieren zusätzlich das Two-Man-Game mit Conley. An beiden Enden des Courts funktioniert das Zusammenspiel trotz der Zwangspause im letzten Jahr hervorragend. Bisher lassen sich auch die Befürchtungen nicht bestätigen, dass mit 31 (Conley) beziehungsweise 34 (Gasol) das Alter seinen Tribut fordert.

Fazit

Die Grizzlies stehen nicht völlig zu Unrecht bei einer Bilanz von 12-5, auch wenn die Spitzenposition in der Conference eher der Schwäche der Konkurrenz geschuldet ist. Die gerade noch akzeptable Offense und das daher eher magere NetRating von nur +2,9 zeigen zusätzlich die Grenzen auf. Das Team von Conley und Gasol wird daher, solange beide fit bleiben, ein extrem unangenehmer und immer gefährlicher Gegner bleiben, das Potential für mehr hält sich jedoch in Grenzen. Nach der letzten Saison und den Abgesängen auf die Grit and Grind-Ära wäre jedoch eine sichere Playoffteilnahme schon ein Erfolg.

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1 comment

  1. Jonathan Walker

    Schöner Artikel. Wird das Team eigentlich allgemein “Grit and Grind 2.0” genannt, oder hat ESPN da jetzt von dir abgekupfert? :mrgreen:

    EDIT: Sehe gerade im Artikel auf ESPN, dass Fizdale das gesagt haben soll.


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