Minnesota Timberwolves, Set Play, Taktik

Die Early Offense der Timberwolves um Karl-Anthony Towns

Set Play #2

Eine Ausgabe von Set Play zu den Minnesota Timberwolves? Das gibt’s doch gar nicht! Gemeinhin ist nämlich die herrschende Meinung, dass Tom Thibodeau ein altmodisches, simples und ineffektives Offensiv-System installiert hat. Und das stimmt auch – gleichzeitig darf man jedoch nicht übersehen, dass die Offensive der Timberwolves funktioniert. Letzte Saison belegte Minnesota den vierten Platz in der offensiven Effizienz, diese Saison ist es, nach all den Querelen um Butlers Tradeforderungen, immer noch der 16.

Die Erklärung dafür lautet: individuelles Talent. Karl-Anthony Towns und Jimmy Butler sind offensiv zwei Stars erster Güteklasse, die es einem Team offenbar erlauben, auch ohne komplexes Spielsystem Erfolg zu haben.

An dieser Stelle scheint es geboten, noch einmal ein allgemeines Wort über Set Plays in der NBA zu verlieren.

Warum spielen die Teams überhaupt Plays? Die Antwort ist simpel: Weil Plays helfen, gute Abschlüsse und daraus resultierend Punkte zu generieren. Plays sind dazu da, die Stärken der eigenen Spieler zu akzentuieren und die Schwächen der Verteidigung offenzulegen. Gehört es zu den Stärken meines Spielers, dass er den Verteidiger problemlos schlägt, während das Lesen komplexer Spielsituationen eher zu seinen Schwächen zählt (etwa Russell Westbrook), dann ist ein simples Pick-and-Roll oder eine Isolation meist die richtige Wahl. Plays, gerade komplizierte, sind niemals ein Selbstzweck.

In den folgenden beiden Szenen wird man das gut erkennen können: Das Play besteht nur aus einem einzigen Backscreen, der so von jedem Regionalligateam gelaufen wird – wichtiger ist mal wieder das involvierte Personal und Towns’ individuelle Fähigkeiten.

1) Auf dem ersten Bild ist gut zu erkennen, dass die Timberwolves diese Situation bewusst suchen. Towns geht nach dem kassierten Score nach vorne, anstatt zu sprinten. Es handelt sich also um “Early Offense.” Towns’ langsame Gangart ist kein Zeichen für fehlenden Einsatz, sondern eine bewusste Entscheidung, denn so entsteht folgende Situation: Towns’ Verteidiger Nurkic wartet bereits tief in der Zone, als Towns an der Dreierlinie eintrifft; Josh Okogie hat so außerdem genug Zeit, um nach vorne in die Ecke zu sprinten. Tyus Jones dribbelt als Point Guard direkt den Flügel an. Taj Gibson, der Trailer, und der fünfte Spieler stehen auf der Weakside und bieten Spacing.

2) Okogie stellt einen Backscreen an Nurkic – das ist das ganze Play.

3) Alles, was jetzt passiert, liegt an Towns. Er muss die Verteidigung lesen und dementsprechend entscheiden. Die klassische Lehre besagt Folgendes: Geht der Verteidiger über den Screen, sollte Towns in den Lowpost schneiden, „cheatet“ er und geht unter dem Screen hindurch, sollte Towns zur Dreierlinie hinauspoppen. Das tut Towns dann auch: Nurkic geht zwar über den Screen, steht aber so tief, dass die Lücke zu Towns viel zu groß ist.

4) Auch Jones liest die Situation richtig und serviert Towns den Ball zum Catch-and-Shoot Dreier – Money. Nurkic versucht sich noch am Closeout, kommt aber zu spät.

Ist das jetzt gutes Playcalling von Tom Thibodeau? Auf jeden Fall. Er erkennt nämlich genau die Schwachstelle der Verteidigung, da der langsame Nurkic Towns nicht am Perimeter halten kann. Plays wie diese verraten daher einiges über den aktuellen Zustand der Liga: Etwa, warum „traditionelle“ Big Men wie Nurkic einen so schweren Stand haben und auch warum die Pace der Liga momentan so hoch ist. Warum noch komplexe Sets laufen, wenn ein Spieler wie Towns so einfach einen hochprozentigen Abschluss von der Dreierlinie bekommen kann?

Aber das Play war noch nicht vorbei. Im nächsten Angriff liefen die Timberwolves das exakt gleich Play noch einmal.

Das folgende Bild ist eine gute Gelegenheit für unsere Leser, die eigenen analytischen Augen zu schärfen. Was hat sich verändert?

Nun, auf Seiten der Timberwolves nichts. Auf Seiten der Trailblazers jedoch einiges. Coach Terry Stotts hat erkannt, dass Towns Nurkics Schwächen am Perimeter aufdeckt und tauscht die defensiven Zuordnungen seiner Big Men: Nurkic deckt nun Gibson, der viel kleinere und agilere Al Farouq Aminu kümmert sich um Towns und nimmt diesen viel früher auf. Und noch etwas hat sich verändert: Okogies Verteidiger wartet tief in der Zone, um notfalls bei Towns im Lowpost aushelfen zu können. Einen Dreier des herauspoppenden Okogies nehmen die Blazers also lieber in Kauf als ein Post-up von Towns.
Es sind solche Situationen, die die besten Coaches in der Liga auszeichnen; neben der Erstellung eines eigenen Matchplans gilt es, Spielsituationen schnell zu analysieren und den passenden Konter dazu anzuordnen. Dwayne Casesy wurde etwa  seine mangelnden In-game-Adjustements – trotz Coach of the Year-Throphäe – zum Verhängnis. Ob Stotts’ Maßnahmen passend sind, kann man mit Recht hinterfragen – ihm fehlt jedoch, wie den meisten Trainern, schlicht das passende Personal, um einen Spieler wie Towns adäquat zu verteidigen.

Aus Timberwolves-Sicht ergibt sich eine neue Mismatch-Situation: Towns müsste nun, gegen Aminu, das 1-gg-1 im Lowpost suchen und tut das auch. Wieder kommt der Okogie-Back-Screen, dieses Mal schneidet Towns hart zum Korb. Es ist der richtige Read und es gelingt ihm Aminu das Foul anzuhängen.

Aus diesem simplen Play schafften die Timberwolves es also, zwei hervorragende Possessions zu generieren. Nahezu alleine dafür verantwortlich sind die individuellen Fähigkeiten von Karl-Anthony Towns, der eigentlich ständig Mismatches hat – gegen Flügel im Post, gegen Center am Perimeter – und dazu einer der besten Spot-up-Schützen der Liga ist – als Sevenfooter.

Nach diesen beiden Plays liefen die Timberwolves gegen die Trailblazers übrigens andere Sets, die teilweise auch deutlich komplexer waren. Auf Dauer wäre eine Offense, die nur aus so simplen Plays besteht, dann eben doch zu ausrechenbar. Aber gerade aus der heutigen NBA sind solche „Quick-Hitters“ in Semi-Transition nicht mehr wegzudenken.

Hier könnt ihr die beiden Plays noch einmal in Echtzeit ansehen:

 

  • 9
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben