Alltimers, NBA

Manupulierte Legacy?

Warum Manu Ginobilis Qualität kaum in Zahlen zu erfassen ist

Zahlen sind oft in der Lage, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Besonders im Sport – popularisiert durch die MLB – dienen Statistiken dazu, Spieler einschätzen zu können, obwohl man diese nie hat aktiv spielen sehen. In der NBA lassen sich aus dem  Boxscore einige (oberflächliche) Schlüsse ziehen. Man sieht beispielsweise, wie erfolgreich ein Spieler gepunktet hat, ob er dafür den Dreier oder aber Freiwürfe genutzt hat und wie erfolgreich er diese Würfe verwandelt hat. Schwierig wird es, zu erfahren, ob der Spieler seine Abschlüsse selbst kreiert hat, wie die Spielsituation aussah und ob die Defense angemessen positioniert war. Die inzwischen eingeführten Tracking-Daten sorgen hier teilweise für einen großen Informationsgewinn. Problematisch wird es, wenn man den Impact eines Spielers erfassen möchte. Da helfen Boxscore sowie Tracking-Daten nur eingeschränkt. Von Spezialisten entwickelte Metriken haben hier für einen großen Sprung in der Statistikwelt der NBA gesorgt. Advanced Stats helfen enorm bei der Bewertung des Impacts eines Spielers. Auf dieser Plattform wird den Advanced Stats ein gehöriges Maß an Werthaftigkeit zugesprochen. Unter den “gemeinen” NBA-Fans bedient man sich eher am Boxscore oder beruft sich auf den Eyetest. Der Eyetest ergänzt die statistischen Daten um wichtige und auch entscheidende Komponenten. Keine Zahl kann erfassen, wie die genaue Spielsituation auf dem Feld aussieht, die Help-Defense auf einen Fake reagiert oder welche Dribblingvariationen und Körpertäuschungen die Spieler nutzen. Es wird demnach vor allem klar, dass nur durch die Kumulation aller verfügbaren Zahlen und Beobachtungen, sowie der Aufnahme von relevanten Informationen ein valides Bild eines NBA-Spielers gezeichnet werden kann.

Bei wenigen Spielern beißen sich die unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe so sehr wie bei Emanuel David Ginobili. Er ist ein Paradebeispiel für den Kampf zwischen Boxscore, Eyetest und Advanced Stats. Außerhalb von Fachkreisen, Argentinien und dem US-Bundesstaat Texas scheint es eine Vielzahl an NBA-Sympathisanten zu geben, die Manu Ginobili eher als 6th Man oder Rollenspieler einordnen und mit ihm das Attribut “Star“ niemals in Verbindung bringen würden. Die Argumente scheinen auf der Hand zu liegen. In lediglich 402 von 1232 Partien (Regular Season und Playoffs kombiniert) startete Ginobili für die San Antonio Spurs. In der RS legte er nie mehr als 20 Punkte im Schnitt auf (Career High: 19.5 PpG 07/08). Nie nahm er mehr als 13.3 Würfe im Schnitt. Über seine Karriere hinweg stehen für die Regular Season folgende Zahlen zu Buche: 13.3 PTS, 3.8 AST, 3.5 TRB bei 44.7% aus dem Feld und 36.9% von Downtown. In den Playoffs sieht das kaum anders aus: 14.0 PTS/3.8 AST/4.0 TRB/43.3 FG%/35.8 3P%. So viel zu den “Simple Stats“. Durchaus solide Zahlen für eine NBA-Karriere, aber, unabhängig von der individuellen Definition, oberflächlich nur schwer mit dem Prädikat Star zu prämieren (wie unterschiedlich hier die Definitionen ausfallen können und welche Kriterien erfüllt werden sollten, um in der NBA ein Star zu sein, wird aktuell in einer interessanten Debatte im Forum diskutiert). Warum also war Manu Ginobili trotz der offenkundig nur durchschnittlichen bis guten Zahlen ein absoluter Difference Maker und ist selbst aktuell – mit 41(!) Jahren – noch in der Lage, den Ausgang eines NBA-Spiels entscheidend zu beeinflussen? Was macht ihn in der Historie der Liga (positionsunabhängig) so einzigartig? 

Cómo evaluar?

Der Boxscore manipuliert die Bewertung von Manu Ginobili recht eindeutig ins Negative. Abseits der “Simple Stats“ sprechen vor allem der Teamerfolg für die Qualität Ginobilis. Vier Titel, zusätzlich drei Conference Finals Teilnahmen und eine Finals-Niederlage gegen die Miami Heat 2013. Ein beeindruckendes Resümee. Die individuellen Auszeichnungen stützen wiederum eher die “überdurchschnittlicher Rollenspieler“-These. Abgesehen von seinen Erfolgen mit der argentinischen Nationalmannschaft und seinen Auszeichnungen in der Euro League und der italienischen LBA kann Ginobili lediglich zwei All-NBA-Nominierungen (3rd Team: 2008 und 2011), zwei All-Star-Nominierungen (2005 und 2011) und ein 6th Man of the Year Award (2008) vorweisen. Ein voreiliges Zwischenfazit legt hier nahe, dass Ginobili sicherlich ein Teamstar ist, aber die individuelle Trophäen-Vitrine eher mäßig imposant daher kommt. Wie soll das Ganze adäquat evaluiert werden? Legt man den Fokus auf die Advanced Stats, zeichnet sich ein anderes Bild. In der folgenden Tabelle werden, die uneingeschränkt als Star auf ihrer Position bezeichneten Spieler, Kobe Bryant und Dwyane Wade, Ginobili gegenüber gestellt (die erste Zahl steht für die Regular Season, die eingeklammerte für die Playoffs):

Player  TS% (Playoffs) ORtg (Playoffs) USG% (Playoffs) WS/48 (Playoffs)  BPM (Playoffs) OBPM (Playoffs) 
Ginobili .582 (.576) 112 (111) 24.5 (24.19) .190 (.164) 4.9 (5.2) 3.7 (3.7)
Wade .557 (.549) 109 (108) 31.6 (30.1) .168 (.154) 4.8 (4.8) 3.8 (3.0)
Bryant .550 (.541) 110 (110) 31.8 (31.0) .170 (.155) 3.9 (4.4) 4.4 (3.7)

Wie sind diese Zahlen zu interpretieren? Einzelne Metriken besitzen im Vakuum betrachtet wenig Aussagekraft. Oftmals ist es möglich, ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen, wenn man nur die “richtigen” Statistiken aufzeigt. Deshalb wurde hier versucht, ein möglich breites Bild zu zeichnen. zunächst fällt auf, dass Manu Ginobili in seiner Karriere prozentual deutlich weniger Possessions seines Teams abgeschlossen hat (oder den Ball verloren hat) als Kobe Bryant und Dwyane Wade. Sind dadurch die teils deutlich besseren Effizienzwerte  (TS%; ORtg) Ginobilis zu erklären? Jein. Ginobili kommt zwar bei Weitem nicht in die Volumen-Sphären der beiden anderen Kandidaten, hat aber gezeigt, dass er auch mit teils deutlich über 20 Würfen pro Spiel in den Playoffs (Stichwörter: Competition, defensive Intensität) eine ähnliche oder gar höhere Effizienz vorzeigen konnte. Während der Playoff-Runs der Spurs zwischen 2005 und 2011 legte Ginobili in 32.8 Minuten pro Spiel 20.6 Punkte bei einer USG% von 26.9, einer TS% von .596 und einem 116 ORtg auf. Das sind sehr effiziente, aber auch effektive Werte. Zur Thematik Volumen sei zusätzlich noch auf Ginobilis Dreier-Ausbeute hingewiesen. Mit seinen 321 getroffenen Würfen von Downtown (knapp 36% 3P%) steht er in der All-Time-Liste lediglich hinter LeBron James und Ray Allen. Metriken wie BPM und OBPM haben ihre Schwächen, zeigen aber dennoch, dass Ginobili einen mehr als formidablen individuellen Wert für sein Team verkörpert. Hier verbucht er neben den Win Shares auf 48 Minuten gerechnet die besten Werte der drei Shooting Guards.

Losgelöst von Wade und Bryant ist Ginobili in der in 2013 eingeführten Metrik RPM von Jeremias Engelmann jährlich bei den Shooting Guards weit oben in der Liste zu finden. Bedenkt man, dass Ginobili bei der Einführung der Metrik bereits 34 Jahre alt war, ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass er in seiner Prime noch bessere Werte vorweisen konnte. Auch hier ist der Statistik natürlich mit Vorsicht zu begegnen, jedoch dient sie, genau wie WS/48 oder BPM sicherlich als Indikator für die Qualität eines Spielers. Bezieht man sich auf den individuellen Beitrag zur Team-Performance, zeigen die Advanced Stats auch hier, dass Ginobili einen außerordentlich positiven Beitrag zu dieser leistet. Schaut man sich die Zahlen auf nbawowy.com an, wird auch hier deutlich, dass Ginobilis Einfluss auf die Spurs äußerst positiv ausfällt. Ist Ginobili auf dem Feld, steht eine TS% von 56.6%, ein ORtg von 113 und eine Assist Rate von 25.5 zu Buche. Ohne Ginobili: 53.9 TS%, 108 ORtg und 22.7 ASR. Indikatoren für den positiven Beitrag Ginobilis zum Flow einer Offense sind die Field Goals Made Assisted (61.7% on Court; 56.9% off Court), aber auch die Distanz zum Korb der Abschlüsse. Mit Ginobili auf dem Feld beträgt diese 8.1 Feet, ohne ihn 10.8. Mit Ginobili auf dem Parkett werden demnach hochprozentigere Abschlüsse generiert. Die Datensätze reichen indes nur bis in die Saison 2013/2014 zurück. Folglich ist auch hier nicht der Einfluss von “Prime-Ginobili” dokumentiert.

Anders verhält es sich mit Verfügbarkeit von Lineup-Daten. Hierbei lässt sich bei den effektivsten und effizientesten Lineups der San Antonio Spurs seit der Draft 2002 vor allem eine Konstante ausmachen: Manu Ginobili. Trotz unterschiedlichster Teamkonstruktionen mit sich stetig verschiebenden offensiven Fokus, ist Ginobili in allen Epochen in den besten Lineups zu finden. Trotz der unterschiedlichen Aufgaben, die das Spurs-System über die Jahre den Spielern diktiert hat, verkörperte Ginobili, ungeachtet der Umstände, einen elementaren Bestandteil des Teams. Sei es die auf den Low-Post fokussierte Offense der frühen Zweitausender, die auf Tony Parker ausgerichtete und P&R lastige Spielweise in der Mitte der letzten Dekade, oder die “Beautiful Game”-Offense des letzten Titelteams von 2014. Ginobili fand nicht nur seinen Platz, sondern gehörte konstant zu der Kategorie der wichtigsten Spieler der Spurs. Bei einem Team, welches derartig konstant vorweisen konnte, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Eingangs wurde darauf verwiesen, dass neben allen Formen der Statistiken der Eyetest als unerlässlich gilt, wenn man einen Spieler zielführend analysieren möchte. Das Bild, welches nach dem Betrachten der hier vorgelegten Statistiken (Boxscore und Advanced) gezeichnet wird, deutet schon mal darauf hin, dass Manu Ginobili in seiner Karriere mehr geleistet hat, als ein durchschnittlicher zweimaliger All-NBA 3rd Teamer. Im weiteren Verlauf dieses Artikels wird nun auf die gezeigten Qualitäten Ginobilis auf dem Platz eingegangen.

Der verlorene Finals MVP

In der Saison 2004/2005 war die NBA noch eine gänzlich andere als im Jahr 2018. Das Spiel verlief deutlich langsamer, defensiver und Big Men besaßen auch ohne elitäre Defensiv-Qualitäten ein deutlich höheres Standing. Spieler wie Shaquille oder Jermaine O’Neal, Tim Duncan, Kevin Garnett, Dirk Nowitzki und Amare Stoudemire legten alle teils deutlich mehr als 20 Punkte im Schnitt auf. Wohl bemerkt trotz weitaus geringerem Spacing, als es aktuell vorhanden ist. Mit Ausnahme von Mike D’Antonis “7 Seconds or less”-Suns aus Phoenix wurde die Liga auch aufgrund des Fokus auf den Post durch ihr geringes Tempo definiert. Die durchschnittliche Pace der Liga betrug lediglich 90.2. In der Saison 17/18 lautete der Durchschnitt 97.3. Ein defensiv ausgerichteter Spielstil, wie ihn der damals amtierende Champion  aus Detroit ausübte, fügte sich stellvertretend in das Gesamtbild ein. Die Defense, an der das Star-Ensemble aus Los Angeles im Vorjahr gescheitert war, sahen sich in den Finals 2005 nun die San Antonio Spurs gegenüber. Das Team von Gregg Popovich mit Tim Duncan, Robert Horry und Tony Parker schlug die Pistons bekannterweise nach sieben Spielen in zermürbender Manier. Im Gedächtnis bleiben neben der Defense beider Teams und der fehlenden Highlights für den gemeinen NBA-Fan die mit entscheidenden Würfe von Robert Horry und der Finals MVP für Tim Duncan. Dennoch wird oft vergessen, dass Manu Ginobili wahrscheinlich der beste und auch wichtigste Spieler dieser Serie war. Trotz einer historisch guten Defense mit elitärer Rim Protection (Ben & Rasheed Wallace) und erdrückender Wing Defense rund um Ausnahmekönner wie Tayshaun Prince und Chauncey Billups erzielte Ginobili über die Serie 18.7 Punkte bei beeindruckender Effizienz (117 ORtg; .636 TS%). Dazu gesellt sich eine AST% von 23.9% (dahinter Tony Parker mit 19.3%). Einen höheren Wert konnte nur Chauncey Billups – als einziger primäre Ballhandler der Pistons – vorweisen (28.6 AST%). Als Aushängeschild und  Star der Franchise sah sich Tim Duncan aufgrund der defensiven Dominanz der Big Men der Pistons großen Schwierigkeiten gegenüber und wurde nur einmal Topscorer der Partie. Dabei erzielte er über die Serie zwar 20.6 Punkte gegenüber Ginobilis  18.7, spielte allerdings auch insgesamt über 30 Minuten mehr und blieb in der Kategorie Effizienz weit hinter Ginobili zurück (Duncan: .471 TS%; 103 ORtg). Duncans Effective FG% ist mit 41.9% bis heute gar der schlechteste Wert aller (!) Finals MVPs. Diese Zahlen sollen Duncans Impact in der Serie jedoch keineswegs negieren. Duncan war defensiv und als Rebounder ein elementarer Faktor für den Seriensieg. 

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Ginobili war indes führender Playmaker, Initiator der Offense und erste Scoring Option. Zu den ersten beiden Siegen der Serie trug er mit den (neben Billups’ 34 Punkten in Game 5) besten Scoring-Leistungen der Serie bei (Ginobili Game 1: 26 Punkte; Game 2: 27 Punkte). Um den immensen Anteil am Scoring noch einmal zu verdeutlichen, sei darauf verwiesen, dass die Spurs im Schnitt  gerade einmal 84.9 Punkte und die Pistons 86.7 Punkte generieren konnten. Ginobilis Punkte-Durchschnitt betrug also fast ein Viertel der durchschnittlich erzielten Gesamtpunkte der Spurs. Defensiv ist das Ganze schwieriger anhand von Zahlen zu evaluieren. Der Eyetest, wenn bei dieser Serie auch mühsam, verdeutlicht aber auch hier Ginobilis Wert. Bei den Zahlen sticht er mit einer Steal Percentage von 2.1% (bester Wert des Teams) hervor und sorgte auch abseits des Balles mit seiner Positionierung und seinen Deny-Qualitäten für defensive Stabilität. Dem damaligen Pistons Coach Larry Brown wird nachgesagt, dass er einzelne Plays allein aufgrund von Manu Ginobilis Präsenz in den Passwegen angepasst hat. Zu Gute kam Ginobilis defensiven Bemühungen hier allerdings das extrem langsame Tempo der Serie (80.8 Pace). Allerdings verhält es sich hier offensiv gegenteilig. Ginobili war als Ballhandler gezwungen, erst die Wing Defense zu überwinden und dann in Traffic gegen die defensiv enorm potenten Pistons Bigs abzuschließen. Duncan sah sich “nur” der zweiten Verteidigungswelle gegenüber und musste bei etwaigem Doppeln lediglich wieder an den Perimeter raus passen. Erschwerte die Defense den Drive als Option, suchte und fand Ginobili seine Mitspieler. Zu der bereits erwähnten AST% konnte Ginobili serienübergreifend 28 Assists verbuchen (Team-Höchstwert). Ginobili war also, der relativ eindeutig beste (Offensiv-)Spieler der San Antonio Spurs in den Finals. Bezeichnet man seine defensiven Leistungen in dieser Serie als durch- bis überdurchschnittlich, entsteht eine eindeutige Konklusion. Diese brachte wohl auch den damaligen Assistant-Coach der Spurs und aktuellen Milwaukee Bucks Coach Mike Budenholzer zu folgender Aussage über Manu Ginobili:  

“He should have been the MVP of that series.” – Mike Budenholzer

Es ist zu vermuten, dass Ginobilis Reputation heute eine andere wäre, wenn er den Finals MVP 2005 erhalten hätte. Beleuchtet man die Serie intensiv, hätte er ihn wohl in jedem Fall “verdient”.

Unique Skills

Highlight-Reels spiegeln oftmals nur oberflächliche Fragmente der Leistungen von Spielern wider. Selten sind sie ein hinreichender Indikator für die Qualitäten eines Spielers. Bei Manu Ginobili verhält es sich zuweilen anders. Nahezu alle auffindbaren Highlights von Ginobili suggerieren drei bestimmte Qualitäten des Argentiniers: Scoring Ability, Court Vision/IQ und Playmaking. Nun sind all das Attribute, die zunächst nicht auf ein Alleinstellungsmerkmal hindeuten. Nimmt man jedoch einige wenige Szenen Ginobilis, lässt sich relativ zügig ein Merkmal Ginobilis hervorheben, das in dieser Form selten gezeigt wurde: Kreativität. Ginobili verstand und versteht es, trotz seiner kontinuierlich zurück gehenden Athletik in unterschiedlichsten Varianten am Korb abzuschließen und seine Mitspieler einzubinden. Um sich hier einen konkreten Überblick zu verschaffen, werden in dem kommenden Teil des Artikels die verschiedenen Attribute mit exemplarischen Ausschnitten unterstützt. Hierbei ist zunächst einmal in Kategorien einzuteilen. 

Scoring

Aufgrund seiner guten, aber für NBA-Verhältnisse nie überragenden Athletik verstand es Ginobili bereits früh, Winkel für sich zu nutzen. Als Linkshänder besitzt er – frei nach vielen Spielern und Ex-Profis – einen Vorteil, da die Automatismen gegnerischer Defensiven eher darauf ausgelegt sind, den Drive über rechts zu limitieren. Auch wenn man selbstverständlich davon ausgehen kann, dass Spieler die Tendenzen ihres Gegenübers kennen und studieren, verteidigen viele Defender (vor allem am Ring) die rechte Hand des offensiven Spielers. Ähnlich verhält es sich bei Shot-Fakes. Dwyane Wade nutzt seit jeher einen Shot-Fake in der Mitteldistanz und an der Dreierlinie, um Fouls zu forcieren. Man kann davon ausgehen, dass diese Tendenz in allen Scouting Reports der Liga explizit vermerkt ist. Am erfolgreichen Anwenden dieser Technik wird Wade dennoch kaum gehindert. Vermutlich lässt es sich tatsächlich ganz simpel auf den Instinkt herrunterbrechen, warum Verteidiger trotz eines detaillierten Scouting Reports und eigener Erfahrung auf solche Finten herein fallen. Manu Ginobili besitzt unter dieser Prämisse einen “natürlichen” Vorteil beim Finishing am Brett. Dennoch versteht er es zusätzlich, wie nur wenig andere, seine Abschlüsse so zu variieren, dass die Defense sich nie sicher sein kann, welche Variante er wählt.

Ginobili nutzt hier geschickt einen missglückten Steal-Versuch von Kevin Durant, indem er erfolgreich über rechts die Zone der Warriors attackiert. Die Defense reagiert absolut angemessen und doch erfolglos. Warum? Berücksichtigt man hier die Linkshändigkeit Ginobilis, positioniert sich die Defense der Warriors korrekt. Ginobili nimmt beim Zug zum Korb Fahrt auf und nutzt in der letzten Möglichkeit einen entscheidenden Fake. Da die linke Seite des Rings blockiert ist, täuscht Ginobili kurz den Abschluss an um die direkte Defensive aus dem Gleichgewicht zu bringen, nutzt dann aber seine schwächere rechte Hand, um einen fast ungefährdeten Abschluss zu bekommen. Durch das optimale Ausnutzen des Winkels generiert Ginobili in dieser Szene, trotz drei Verteidigern in der Zone, einen hochprozentigen Abschluss direkt am Korb. Im nächsten Beispiel macht Ginobili von seiner starken linken Hand Gebrauch:

Erneut nutzt Ginobili Winkel und das geschickte Nutzen von Fakes, um einen Abschluss in der Zone zu bekommen. Kyle Anderson zieht mit seinem Drive die Defense zusammen und schließt die Aktion mit einem Kickout-Pass zu Ginobili in der rechten Ecke ab. Ginobili faked zunächst einen Wurf um Platz für seinen Zug zum Korb zu generieren. Während des Drives täuscht er einen Pass zu LaMarcus Aldridge am Perimeter an, um dann mit seiner linken Hand über David West abzuschließen. Besonders ist hierbei vor allem, dass Ginobili den Abschluss nicht durch Tempo, sondern allein über sein Bewusstsein über die Situation und die in diesem Moment zielführend eingesetzten Fakes generiert. Abschlusssituationen kreiert Ginobili aber nicht nur durch das Nutzen von Fakes, sondern auch durch  das kluge Nutzen von Tempowechseln während einer Aktion. 

Hier bekommt er den Ball in einer spielentscheidenden Possession nach einem Hand-Off von Tim Duncan. Geschickt wird hier die Nähe zum direkten Verteidiger Jeff Green gesucht, der vorher bei Tim Duncan “geparkt” wurde. Auf Höhe der Freiwurflinie bremst Ginobili kurzzeitig ab, um dann mit Tempo über die linke Seite einen Layup zu generieren. Generell sucht Ginobili oft den Kontakt. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen wird dem Verteidiger so die Möglichkeit genommen, die abschließende Hand erfolgreich zu contesten. Zum anderen schafft es Ginobili so Fouls zu forcieren. 

Erneut lehnt er sich in den Verteidiger (hier: Raja Bell), um die eben genannten Vorteile zu nutzen und schlussendlich einen entscheidenden Layup zu verwandeln. Die bisher aufgezeigten Beispiele verdeutlichen die Variationen und die darin zugrunde liegenden Skills, die Ginobili bei seinen Drives nutzt. Bell selbst bringt die unvorhersagbaren Abschlüsse Ginobilis auf den Punkt:

“People always ask me who was hardest to guard,” Raja Bell said. “I say Kobe. That is what people want to hear. But the truth is, it might have been Manu. He’d rev it to fourth gear, get by you, take it back to second gear so you’d run into him, and then he’d make a crazy floater. I made a living studying offensive players. I couldn’t figure him out.” – Raja Bell

Exemplarisch dafür dient ein weiteres Beispiel:

Hier nimmt er zunächst Tempo auf, nur um dann den abgebremsten Carl Landry mit einem Behind the Back zu schlagen. Am Brett wartet Andres Nocioni, aber erneut schafft es Ginobili, seinen Körper zwischen Verteidiger und Korb zu positionieren. Der angewendete Reverse-Layup ist hier genau das richtige Mittel, damit Nocioni den Abschluss nicht entscheidend stören kann. Generell kennt Ginobilis Vielseitigkeit im Abschluss keine Grenzen: unterschiedlichste Layup-Variationen, Leaner oder Floater. Der “Euro Step” erlangte durch den Spur Popularität und machte ihn für Spieler wie James Harden oder Dwyane Wade wohl salonfähig. Manu Ginobilis außergewöhnlichen Finishing Skills, garniert mit elitärem Ballhandling und der bereits geschilderten Kreativität und Court Vision erschweren es jedem Verteidiger sich korrekt zu positionieren und den Abschluss entscheidend einzuschränken. Exemplarisch hierfür dient folgende Szene:

Dante Cunningham ist hier hilflos. Ginobilis Wurf muss respektiert werden, dennoch ist es eben der Drive der Defensiven vor die größten Probleme stellt. Über 42% seiner Abschlüsse hat der Argentinier während seiner Karriere innerhalb von 10 Fuß Entfernung oder weniger zum Korb genommen (53% FG%). Das weiß auch Cunningham, der zunächst nicht auf den Pump Fake eingeht, sondern seine Position hält. Ginobili faked durch seine starke Fußarbeit den Drive, dann einen Wurf und schließlich erneut den Drive, nur um mit dem letzten Fake Cunningham final aus der Balance zu bringen. Das Resultat ist ein freier Midranger. Ginobili ist sich seines starken Drives bewusst und nutzt das in dieser Szene geduldig aus. Trotz seiner Qualitäten beim Zug zum Korb müssen die Verteidiger seinen Distanzwurf respektieren. Knapp vier Versuche von Downtown nahm er in seiner Karriere im Schnitt und traf diese mit 37%. Durch den Distanzwurf besitzt Ginobili ein großes Maß an Gravity, welche im Umkehrschluss wieder Raum für den Drive generiert. Das Gesamtpaket Ginobilis als Scorer soll in diesem Abschnitt abschließend mit folgendem Ausschnitt verdeutlicht werden. 

Ginobili bekommt den Ball in der Mitte des Perimeters. Unmittelbar wird ein Wurf angetäuscht. Eine kleines Detail, das in dieser Szene durchaus Gewicht besitzt. Durch den ersten Fake forciert er Ibaka (neben Duncan) sich um den Screen zu kämpfen und zwingt dadurch die Help in Aktion zu treten. Auf Höhe der Freiwurflinie verlangsamt Ginobili das Tempo und bringt dadurch den Close Out von James Harden aus der Balance. Dadurch bekommt er genug Platz, um mit zwei weiteren Schritten frei zum Abschluss aus der Mitteldistanz zu kommen. Der Stepback ist abschließend genau richtig, um mit Durant den letzten Verteidiger im Play auf Distanz zu halten.

Eine Eigenschaft, die nahezu alle großen Scorer der Liga Historie besitzen, ist das effektive Ziehen von Freiwürfen. Vor allem in den Playoffs ist das ein Skill, der enorm hilfreich ist, um bei gut positionierter Defense effiziente Punkte generieren zu können. Es ist alles andere als selbstverständlich, diesen Skill auch in den Playoffs verlässlich nutzen zu können. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist Lou Williams. In der Regular Season gelingt es ihm konstant durch effektive Fakes Freiwürfe zu ziehen. In den Playoffs verhält es sich anders. Hier wird intensiver gescouted und die Referees lassen mehrere Aktionen ungeahndet laufen. Williams Freiwurfrate sinkt im Vergleich zur Regular Season in den Playoffs um ganze 7%. Bei Ginobili verläuft es genau gegensätzlich. Seine Freiwurfrate steigt in den Playoffs um 6% auf .453%. Wie ist dieser Wert einzuordnen? Auch hier dient James Harden als Paradebeispiel. Harden versteht es wie aktuell in der Liga kaum ein anderer, Fouls zu forcieren. In den Playoffs kann er eine überragende Freiwurfrate von .498% vorweisen. Das ist um vier Prozent höher als Ginobilis Freiwurfrate. Dabei muss allerdings betont werden, dass Harden historisch gut Freiwürfe forciert. Zieht man weitere prominente Perimeter-Spieler heran, die für ihren Drive bekannt sind, rückt das Ginobilis Qualität in dieser Disziplin in ein anderes Licht. Aufgelistet sind die Karriere-Freiwurfraten in den Playoffs.

Player Free Throw Attempt Rate
Michael Jordan .393
Russell Westbrook .362
Dwyane Wade .398
LeBron James .438
Manu Ginobili .453

Selbst in dieser illustren Gesellschaft kommt Ginobilis Qualität in den Playoffs Freiwürfe zu ziehen lediglich LeBron James nahe. In Konklusion sieht sich die Defense mit Manu Ginobili einem Spieler gegenüber, der entweder – wie ausführlich dargestellt – durch sein Skillset einen Abschluss nah am Ring, aus der Mitteldistanz oder von der Dreierlinie bekommt. Schafft es die Defense alle Optionen erfolgreich zu limitieren, zieht Ginobili das Foul und verwandelt seine Freiwürfe überdurchschnittlich (Playoffs: 81%; RS: 82%). 

Hier sieht man wohl den Worst Case für eine Defense. Josh Howard nimmt durch seine enge Deckung den Wurf, DeSagna Diop positioniert sich korrekt an der Baseline, um den Drive zu blockieren. Per Spinmove hebelt Ginobili schlussendlich dennoch die Verteidigung aus, bekommt einen Layup und wird zusätzlich gefoult. Hier wird abschließend verdeutlicht, dass Ginobili es auffallend gut versteht, sein Skillset der Situation anzupassen und die Winkel sowie den Platz auf dem Feld effektiv und zielführend zu nutzen, um aus unterschiedlichsten Situationen seinen Abschluss zu kreieren. Dieses Paket sorgt auch dafür, dass Ginobili ein dominanter Spieler in Clutch- und vor allem extremen Clutch-Situationen ist. In den letzten zehn Postseasons (Daten von 2016, demnach keine Berücksichtigung von 2017 und 2018) gelang es lediglich Paul Pierce, LeBron James und eben Manu Ginobili, drei oder mehr Würfe in den letzten fünf Sekunden eines One-Possession-Games zu treffen. Kein Spieler, der in diesen Situationen mehr als fünf Würfe nahm, traf sie besser als Ginobili (3-7; 43%). Pierce (3-10) und James (5-14) trafen bedeutend schlechter, nahmen aber auch mehr Versuche. In “regulären” Clutch-Situationen (die letzten fünf Minuten eines Spiels; kein Team führt mit mehr als fünf Punkten) zeigt sich Ginobili ähnlich kompetent. Auf 36 Minuten gerechnet erzielt er hier über seine Karriere 20.9 Punkte bei einer TS% von .573%. Damit befindet er sich beim Volumen nur knapp hinter Tim Duncan (21.0), überragt diesen aber klar in der Effizienz (Duncan: .516%). Demnach war er zeitlebens seiner Karriere, trotz Duncan und Parker (der hier weit abgeschlagen ist), der potenteste Clutch-Scorer eines langjährigen Top-Contenders. Duncan beschreibt die erfolgsversprechendste Taktik der Spurs in engen Spielsituation passend:

“He puts his head down and he goes, and we pray for the best.” – Tim Duncan

Selbst mit 40 Jahren ist Ginobili noch in der Lage, entscheidende Würfe zu kreieren und zu treffen. Die Dallas Mavericks und Boston Celtics haben das in der vergangenen Saison schmerzlich zu spüren bekommen. 

Playmaking/Court Vision

Neben den dargelegten Qualitäten als Scorer benötigt ein Ballhandler allerdings noch weitere Fähigkeiten, um als elitär bezeichnet werden zu können. Bei Ginobili sind das ohne Zweifel seine exzellente Court Vision und das daraus resultierende Playmaking. Ähnlich, wie sich Ginobili selbst Würfe kreiert, schafft er das auch für seine Mitspieler. Erneut sind hier simple Assist-Werte nicht zielführend. Ginobili strebt das richtige Basketball Play an und das kann abseits des Scorings neben einem Assist eben auch ein simpler Pass sein. Bei allen Aktionen wird klar: Ginobili besitzt ein außerordentliches Gespür für Räume und Winkel. 

LaMarcus Aldridge setzt einen Screen und rollt sich unmittelbar zum Korb ab. Der entscheidende Moment ist in dieser Situation nicht der abschließende Pass, mit dem Ginobili Aldridge findet, sondern der Fake, den Ginobili nach seinem Dribbling am Screen vorbei nutzt. Kevon Looney wird dadurch gezwungen, bis an den Perimeter raus zu gehen. Somit ist es ihm nicht möglich, Iguodala beim contesten von Aldridges Lauf in die Zone zu unterstützen. Das wiederum zwingt Kevin Durant von Davis Bertans in der Ecke abzusinken, was somit eine weitere Pass-Option für Ginobili kreiert. Schlussendlich ergibt sich so eine erfolgsversprechende Position für Aldridge und ein optimaler Winkel für den Pass. Das Ergebnis ist ein hochprozentiger Abschluss direkt am Korb. 

Ginobili reagiert variabel auf sich verändernde Situationen. Rollte sich Aldridge im vorherigen Beispiel noch direkt in die Zone ab, setzt er hier nach dem ersten Screen einen weiteren, um für Patty Mills Raum zu kreieren. Das funktioniert nicht, da die Warriors Defense hier erfolgreich switched und Klay Thompson Mills als Option so verhindert. Aldridge rollt sich erst nach dem zweiten Screen ab und zwingt dadurch Kevin Durant zur Help. Hier ist der Fokus auf das Timing von Ginobilis Pass zu legen. Exakt zeitgleich mit Durants absinkender Bewegung spielt Ginobili einen präzisen Pass zu Davis Bertans in der Ecke, der nun komplett offen ist. Ginobili selektiert hier und bedient den eigentlich gut positionierten Aldridge nicht, da er die kommende Hilfe von Durant antizipiert. Neben der Antizipation ist hier vor allem die Court Vision Ginobilis verantwortlich für das erfolgreiche Play. Ähnlich wie beim Scoring ist auch die Playmaking Ability Ginobilis in Clutch-Situationen besonders ausgeprägt. Seit 1997 verbuch(t)en auf 36 Minuten gerechnet lediglich acht Spieler mehr Assists in Clutch-Situationen als Ginobili. Hervorzuheben ist hierbei, dass sich unter den acht Spielern mit LeBron James lediglich ein Spieler befindet, der kein klarer Point Guard ist oder war. Andere Ballhandler wie Wade, Harden, Westbrook, Durant oder Curry sind hier abgeschlagen. Bei der AST% verhält es sich ähnlich. Zusätzlich zu seiner Court Vision, glänzt Ginobili im Bereich des Playmaking einmal mehr durch seine Skills am Ball und seine außergewöhnliche Kreativität.

Ginobili nutzt den Screen von Matt Bonner, splittet durch einen Crossover die zwei Verteidiger und bestraft die nun zur Aktion gezwungene Help-Defense mit einem Behind-The-Back-Pass zum in der Ecke offenen Kawhi Leonard. Plays wie diese stehen exemplarisch für das Ideenreichtum, welches Ginobili immer wieder anwendet, um komplexe Situationen erfolgreich zu lösen. Der finale Pass ist hier ein nettes Highlight, aber tatsächlich nicht überflüssig. Ginobili dribbelt so lange mit links, bis der als Help fungierende Sam Young die rechte Seite frei macht, da er versucht den Ball weg zu schlagen.  Erst in diesem Moment zieht Ginobili den Ball hinter seinen Rücken, um ihn dann spektakulär zu Leonard passen. Dadurch kreiert er maximalen Raum und Zeit für den Wurf Leonards. Die Art des Passes ist hier die richtige und trotz Show nicht auf diese ausgelegt. Ein abschließendes Beispiel verdeutlicht erneut die Begabung Ginobilis, Winkel und Raum optimal und kreativ zu nutzen.

Sicherlich ein Highlight, aber dennoch exemplarisch für das Talent Ginobilis. Nur in dieser Form ist der Pass zu Tony Parker möglich. Das Timing ist hier auf den Punkt koordiniert. Es ensteht keine direkte Abschlusssituation, aber durch den Pass wird LeBron James in die Hilfe gezwungen und schafft somit Raum für Kawhi Leonard, der sich zur Ecke orientiert. Pässe wie diese sind trotz ihrer Komplexität des Ziels einer erfolgversprechenden Spielsituation untergeordnet. So sehr Ginobili mit solchen Aktionen Highlights produziert, so sehr ist die optisch und technisch imposante Ausführung dieser Aktionen notwendig um Abschlusssituationen für seine Mitspieler zu kreieren. Das ist klar zu trennen von etwaigen No-Look-Pässen, die einzig der Show dienen, aber keinen Mehrwert für das Play generieren. Addiert man nun also das Playmaking und die Court Vision Ginobilis zu seinen Qualitäten als Scorer hinzu, zeichnet sich das Bild eines Offensivspielers auf Star-Niveau.

Defense

Auf dem anderen Ende des Feldes besitzt Ginobili sicherlich kein Gesamtpaket, dass ihn hier auf ein elitäres Level hievt. In der Team Defense ist er bis heute keine Schwachstelle. Ginobili ist in seiner Prime regelmäßig in den besten defensiven Lineups der Spurs zu finden. Dabei helfen ihm vor allem sein Basketball-IQ und die damit verbundene Positionieung im Teamgefüge. Individual fehlt ihm aber besonders in den späteren Jahren seiner Karriere die nötige laterale Geschwindigkeit, um schnelle Spieler dauerhaft effektiv am Drive zu hindern. Auch hier konnte er jedoch oftmals durch kluges Stellungsspiel erfolgreiche Possessions abliefern. Dennoch besitzt Ginobili auch in der Defense einen elitären Skill. Seine Antizipation generiert eine hohe Anzahl an unkontrollierten Pässen des Gegners. Ginobili besitzt zudem ein außergewöhnliches  Gespür für den Steal. Die durch seine Präsenz in den Passwegen stetig vorhandene Gefahr, zwingt Offensiven zu ungewollten Aktionen. Der Vergleich in diesem Bereich mit (teils ehemals) elitären Wing-Verteidigern zeigt Ginobilis Potenz in diesem defensiven Aspekt. 

Player Steal Percentage (RS) Steal Percentage (Playoffs)
Bruce Bowen 1.6 1.4
Andre Roberson 2.0 2.6
Tony Allen 3.4 3.4
Manu Ginobili 2.7 2.7
Danny Green 2.0 1.4

Selbst in der Gesellschaft von defensiven Ausnahmespielern sticht Ginobili in der Qualität als Balldieb positiv hervor. Möchte man andere (ehemalige) Spieler wie Doug Christie oder aktuell Klay Thompson als Vergleich heran ziehen, bleibt das Ergebnis identisch. Wie Ginobili zu seinen Steals kommt, ist unterschiedlich. Allerdings ist es auch hier zumeist die Antizipation, die für einen Erfolg sorgt. 

Ginobili erkennt hier den anstehenden Pass von Steve Nash zu Grant Hill. Er antizipiert, wie Hill sich mit dem Ball nach dem Erhalt positioniert und nutzt das erfolgreich aus. Die Beispiele für solche Aktionen sind vielfältig und als Bewegtbild leicht zu finden. Ginobili antizipiert Pässe, Dribblings und Bewegungen des Gegners und forciert so Ballverluste in großem Maße. Die Antizipation und Intelligenz hilft ihm zusätzlich bei anderen Defensivaktionen wie bei Deflections oder Blocks. Als Paradebeispiel dient hier ein bekanntes Play aus der vorletzten Postseason (ab 0:30):

Ginobili springt hier, bevor Harden überhaupt zum Wurf ansetzt. Das rechtzeitige Analysieren einer Situation und das unmittelbare Finden einer Lösung kompensiert bei Ginobili defensiv ausbleibende Athletik oder Geschwindigkeit. Ginobili ist ein mehr als geeignetes Beispiel für einen Spieler, der defensiv durch Spielintelligenz und Antizipation einen Mehrwert leisten kann, ohne ein herausragender One-on-One Verteidiger zu sein. Abschließend sei noch auf einen weiteren Skill hingewiesen, der zwar (zurecht) unbeliebt ist,  dem Team aber ohne Zweifel hilft. Ginobili versteht es genau wie Chris Paul oder James Harden Fouls an die Schiedsrichter zu “verkaufen”. Durch “Flops” hat er es zum Leidtragen des gegnerischen Teams unzählige Male geschafft, Fouls und damit auch Ballverluste für die Gegner zu forcieren. Ginobili weiß, wie er sich zu positionieren hat oder auf harte Picks reagiert um Offensivfouls des Gegners zu simulieren oder zu forcieren. Wohl bemerkt gehört Ginobili aber auch abseits des “Floppings” regelmäßig zu den erfolgreichsten Spielern, wenn es um das Ziehen von Charges geht. Abschließend runden Attribute wie “Competitvness” oder “defensive Härte”, die durch unzählige Aktionen auf dem Platz und Aussagen von Coaches und Mit-, sowie Gegenspielern bestens dokumentiert wurden, das Bild Ginobilis als Defensivspieler ab. Nicht elitär, aber situativ enorm hilfreich und bei weitem kein negativer Faktor für die Defense der Spurs. 

Fazit

Manu Ginobili liefert ein offensives Komplettpaket ab. Vor allem in seiner körperlichen Prime, verstand es auf sehr hohem Niveau, Defensiven vor massive Probleme zu stellen. Durch seine Fähigkeiten als Ballhandler, Schütze und Finisher war er auch in den Playoffs und spielentscheidenden Momenten eine veritable erste Scoringoption für mehrere Titelteams der San Antonio Spurs. Berücksichtigt man, dass Ginobili in vielen Serien zeigen konnte, dass er auch bei erhöhtem Volumen hohe Effizienz liefern kann, gibt es kaum Argumente, die gegen die Bezeichnung als offensiven Franchise Player sprechen. Kombiniert man seine Qualitäten als Scorer mit seiner herausragenden Spielübersicht, dem Erkennen von Räumen und Winkeln und den Fähigkeiten als Playmaker, ergibt sich ein Spieler, der auch historisch betrachtet ein absoluter Difference Maker war und ist. Zusätzlich verkörpert er wie wenig andere, was ein Spieler durch Kampfgeist, Spielintelligenz und Antizipation in der Defensive zu leisten im Stande ist, ohne eine herausragende Athletik zu besitzen. Die Art, mit welcher Ginobili die genannten Skills über die letzten 16 Jahre in der NBA repräsentiert hat ist einzigartig. Dieser Artikel ist keine Hommage an den Spieler, sondern soll lediglich mit Fakten untermauern, warum Ginobili abseits der simplen Boxscore-Zahlen auf seiner Position zu den Besten gehört, die je das Parkett betreten haben. Michael Jordan, Jerry West, Kobe Bryant, Dwyane Wade und James Harden kommen einem am ehesten in den Sinn, wenn man an die besten Shooting Guards der Geschichte der Liga denkt. Wenn es um das Gewinnen von Basketballspielen geht, gehört Manu Ginobili ohne Frage dazu. 

“I don’t know what to say. This is what Manu does. He plays to win, he always has. That’s why he’s a Hall of Fame guy. He’s a special person.” – Gregg Popovich über Manu Ginobili

Nicht nur Gregg Popovich sollte sich dessen sicher sein.

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6 comments

  1. Coach K

    Sehr guter Artikel, selten so eine mit Fakten belegte “Hommage” gelesen, auch wenn es keine sollte.

    Für mich ist Manu ein zukünftiger Hall of Famer, was habe ich mich aufgeregt über ihn oder mich mit Ihm gefreut. Besonders das er in diesem Alter noch so effizient unterwegs ist spricht für Ihn.
    Für mich ein absoluter Vollprofi der sich aber selber nicht so wichtig genommen hat, sondern das Team Stand immer im Vordergrund.

    Ich würde mich über eine weitere Saison mit Ihm freuen, aber insgesamt bin ich froh das ich seine Karriere Live verfolgen durfte.

  2. Marc Petri

    Grandioser Artikel über einen grandiosen, oft gnadenlos unterschätzten Spieler. Ich werde ihn vermissen.

    Ich werde nie verstehen wie man ihn “hassen” kann ;) :mrgreen:

  3. Tom_Schneider

    Kann mich dem Lob nur anschließen. Ist ein fantastisch geschriebenes Schriftstück bei dem noch mal liebevoll die überragenden Stärken von Manu aufgezeigt wurden, die er auch bis ins hohe Alter konservieren konnte. Mir haben insbesondere die Videoszenen mit ausführlichen Erläuterungen besonders gut gefallen und ich fand den Artikel als Ganzes sehr rund, umfassend aber nicht ausschweifend. Die coolen Kids würden ihn vermutlich als ganz schönes „Brett“ bezeichnen 😁

  4. Mabusian

    Ein sehr schöner Artikel. Bei der Rolle von Manu muss ich immer an Shawn Marion denken, der auch immer nur als Rollenspieler galt, aber sooo wichtig für die Mavs war. Ich gehe davon aus, dass Manu im Gegensatz zu Marion verdienterweise in die Hall of Fame kommt.
    Wollte er nicht diese Woche erklären, ob er nächste Saison noch spielt?

  5. Avatar

    bartek

    DANKESCHÖN :)
    Sowas hat Manu verdient. Typischer GTG. Hoffe wir sehen noch eine ruhige Saison vor der Rente. :tup:

  6. Rapsack

    Eine kleine Frage bleibt offen (falls ich es nicht überlesen habe):

    Wie bedeutend war die Rolle als 6 man?
    Hat er deshalb signifikant weniger gegen kompetente Gegner gespielt, als er es gemußt hätte, wenn er Starter gewesen wäre?

    Traue mir nicht zu hierzu eine Meinung zu bilden…


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