Golden State Warriors, Houston Rockets

Der Einfluss des Pull Up Jumpers

Wie Currys und Hardens Wurffähigkeit die Liga dominiert
Screenshot: NBA League Pass

Die Western Conference Finals zwischen den Golden State Warriors und den Houston Rockets waren für viele Fans das vorweggenommene Finale. Nicht nur, dass die Rockets die Warriors am Rande einer Niederlage hatten und man die Chris Paul-Verletzung sowie die historische Dreierflaute in Spiel sieben als weitere Argumente anführen konnte, beide Teams bieten einfach einzigartige Spieler auf, die die NBA prägen.

Es gibt eine ganze Reihe an Skills, die beide Teams so singulär erscheinen lassen: Bei den Rockets könnte man das großartige Spacing anführen, das mitunter alle fünf Positionen umfasste oder das meisterhafte Pick ‘n‘ Roll James Hardens. Bei den Warriors fallen sofort die Death-Lineup und die defensive Variabilität, kombiniert mit der passlastigen Offensive ein.


Eine bestimmte Fähigkeit separiert aber sowohl Harden als auch Curry von ihren Teamgefährten: Beide sind absolut exzellente Pull Up-Schützen. Dies hat enorme Auswirkungen – und nicht nur auf ihr Spiel, sondern auf das von allen anderen. Um sich zu verdeutlichen, wie elitär beide Spieler auftraten, müssen wir einen Blick auf die Zahlen bemühen, um diese als Grundlage zu nehmen, damit wir einordnen können, wie gut beide Schützen wirklich waren.

Steph Curry führt – für den Fan wenig überraschend – die Liste der Pull Up-Schützen mit 1.20 Points per Possession an. Wir müssen die zahlen jedoch ins Verhältnis setzen, um zu verstehen, wie gut die Leistungen sind. Im letzten Jahr erzielte eine durchschnittliche Offense 1.06 PPP. Die beste Offense der Liga, die der Warriors und Rockets, kam auf 1.12 PPP. Das heißt, dass der wohl schwierigste Wurf der Liga, aus dem Dribbling heraus, ohne gutes Set-Up, mit einem Verteidiger im Gesicht, von Curry effizienter abgeschlossen als das Offense der besten Teams der Liga taten!

Wie außergewöhnlich dies ist, verrät ein weiterer Blick auf den Statistikbogen: Curry ist nur einer von 10 Spielern in der abgelaufenen Saison, die (mit genügend Spielzeit und ausreichend Volumen) überhaupt über dem Ligaschnitt scoren konnten. Nur diese 5% aller NBA-Spieler helfen dem Team signifikant weiter. Ein überwältigender Großteil schadet seinem Team (hallo, Russell Westbrook).

Warum Harden hier so prominent hervorgehoben wird, obwohl er in der Liste nur Dritter ist und Teamkollege Chris Paul ebenfalls gut dasteht? Harden ist der Spieler in der letzten Saison gewesen, der die beste Kombination aus Volumen und Effizienz vorweisen konnte. Harden hat in der regulären Spielzeit 213 Pull Up Threes getroffen. Zweiter in der Liste ist Damian Lillard mit 143. Das ist ein Dreier pro Spiel weniger. Harden hat tatsächlich 3,5% aller Pull Up-Dreier der Liga getroffen. Das bedeutet, dass Harden alleine so viele Dreier trifft wie ein durchschnittliches NBA-Team pro Spiel. Alleine. Seine Wurfquote von 38,8% kratzt an der Top 10, wenn man berücksichtigt, dass ein Spieler mindestens einen Pull Up-Dreier pro Spiel genommen haben sollte.

Aber warum ist es denn überhaupt so erstrebenswert, einen solch schwierigen Wurf zu nehmen?

Die Öffnung des Spiels: Spacing & Gravity

Die beiden Schlüsselwörter für modernen Basketball dürfen hier natürlich nicht fehlen. Tatsächlich ist es jedoch unglaublich relevant, um eine effiziente Offensive ans Laufen zu bekommen. Harden und Curry generieren so viel Aufmerksamkeit der Defensive, nur dadurch, dass sie ab der Mittellinie den Ball dribbeln, dass beide den Gameplan der Verteidigung maßgeblich beeinflussen. Man kann natürlich versuchen, nicht aggressiv zu verteidigen, aber dann geschieht Folgendes:

Im Regelfall bedeutet das, dass die Verteidigung Curry und Harden sofort aufnehmen müssen und somit beide maximale Gravity erzielen. Mindestens ein Verteidiger ist gebunden und kann kaum noch im Teamkontext verteidigen, sondern ist völlig damit beschäftigt, den Ballhandler zu checken.

Wie essentiell dies für das Konzept der Warriors und vor allem der Rockets ist, sollte man sich vergegenwärtigen. Beide Spieler sind offensiv die wichtigsten für ihr Team, weil sie die Initiatoren sind. Mit ihnen beginnt es. Die Defensive reagiert darauf, dass sie nur einen Ball in der Hand haben. Diese Gefahr ermöglicht es nun, in einer Reihe von Möglichkeiten, Kapital daraus zu schlagen. Die Rockets lösen dies sehr gern über ein Pick ‘n‘ Roll mit Clint Capela, um sich auf Hardens exzellentes Decision Making zu verlassen.

Eine von Hardens Stärken ist es, dass er genau weiß, was er und seine Mitspieler können. Er will die Pull Up-Dreier nicht nehmen und nimmt sich dies in der Possession auch nicht vor. Er entscheidet situativ. Harden ist deswegen so gefährlich, weil er eng verteidigt werden muss, mit einem Pick aber auch schnell und recht ungehindert zum Korb ziehen kann – wo er abschließt oder einen offenen Schützen findet. Seine Fähigkeit, Pull Up-Würfe zu treffen, ermöglicht erst die Offense der Rockets. Ohne die Fähigkeit, sowohl am Korb als auch aus der Distanz zu finishen, wäre die Offensive der Rockets nicht denkbar.

Curry hingegen stellt meist nur die erste Bedrohung für Offensiven dar. Reagieren diese nicht adäquat, nimmt er den off-the-dribble Dreier und bestraft so den Gegner. Verteidigt der Gegenspieler aber Curry eng, eröffnet dies Wege, um eine der passlastigsten Offensiven der Liga in Gang zu setzen. Curry ist kein klassischer Pick ‘n‘ Roll Playmaker. Die Warriors arbeiten auch sehr wenig mit diesen On-Ball-Screens. Stattdessen nutzen sie vor allem die off-ball-Gefahr von Curry, Thompson und Durant, die alles hervorragende Schützen sind. Ohne Currys Gefahr von außen würde aber die Offense nicht so gut ins Laufen kommen und Spieler wie Draymond Green, die extrem abhängig davon sind, dass sie erst die zweite Offensive einleiten, profitieren von Currys Ausstrahlung.


Der Pull-Up-Jumper ist einer der schwierigsten Würfe in der NBA und 90% der Spieler sollten auf ihn nur zurückgreifen, wenn sie sich in einer Notsituation befinden. Es gibt allerdings eine Hand voll von Basketballern, die aus dieser vermeintlichen Schwäche eine Stärke für sich entwickelt haben und deshalb zu Stars geworden sind, weil sie das Spiel beeinflussen, obwohl sie nur den Ball dribbeln. Steph Curry und James Harden sind die Aushängeschilder dieser Gattung.

  • 18
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

9 comments

  1. Simon

    Super Artikel, danke :tup:

    Wie sieht denn der Einfluss dieser elitären Pullup-Schützen auf die Team-Offense (sprich: die Gravity) in Zahlen aus? Lässt sich dieser Effekt auch an den On-Off ORatings der Teams bzw. der individuellen Mitspieler mit und ohne Curry/Harden gut ablesen? Vielleicht auch an der Anzahl der offenen Würfe, Cuts o.ä., die sie mit oder ohne Curry/Harden bekommen?

    Falls du solche Zahlen parat hast, fände ich das sehr interessant. Das sind ja vermutlich genau die Dinge, die diese Gravity für ihre Teams so wertvoll machen.

  2. Jonathan Walker

    Super Artikel, danke :tup:

    Finde ich auch. :tup:

    Wie sieht denn der Einfluss dieser elitären Pullup-Schützen auf die Team-Offense (sprich: die Gravity) in Zahlen aus? Lässt sich dieser Effekt auch an den On-Off ORatings der Teams bzw. der individuellen Mitspieler mit und ohne Curry/Harden gut ablesen?

    So wie ich Dennis kenne, wird er argumentieren, dass sich daraus nur ablesen lässt, dass die Teams ohne Curry oder Harden schlechtere Offense spielen als mit ihnen, was wohl keinen wundern wird. :mrgreen:

    Vielleicht auch an der Anzahl der offenen Würfe, Cuts o.ä., die sie mit oder ohne Curry/Harden bekommen?

    Falls du solche Zahlen parat hast, fände ich das sehr interessant. Das sind ja vermutlich genau die Dinge, die diese Gravity für ihre Teams so wertvoll machen.

    Das wäre interessant, ja.

    Was mich bei den effizienten Pull Up-Shootern noch gewundert hat, war Tyreke Evans’ Platzierung. Hat sich als Shooter wirklich extrem gemacht, wobei man die Sample Size noch ein wenig im Auge behalten sollte.

  3. Simon

    Wie sieht denn der Einfluss dieser elitären Pullup-Schützen auf die Team-Offense (sprich: die Gravity) in Zahlen aus? Lässt sich dieser Effekt auch an den On-Off ORatings der Teams bzw. der individuellen Mitspieler mit und ohne Curry/Harden gut ablesen?

    So wie ich Dennis kenne, wird er argumentieren, dass sich daraus nur ablesen lässt, dass die Teams ohne Curry oder Harden schlechtere Offense spielen als mit ihnen, was wohl keinen wundern wird. :mrgreen:

    Klar, zumindest beim einfachen Team-ORtg stimmt das. Aber ein Argument des Artikels ist ja, dass die Gravity solcher Spieler der Team-Offense bzw. den Mitspielern hilft, effizienter zu sein. Das ist natürlich total plausibel. Trotzdem wäre es ja interessant, das irgendwie auch zu messen. Gerade, wenn man argumentiert, der Pullup-Dreier sei so etwas wie der heilige Gral erfolgreicher Offense (wobei ich gar nicht weiß, ob Dennis dieses starke Argument überhaupt machen wollte).

    Das ist ja mehr als das Argument “Superstars machen Teams besser”. Also frage ich mich natürlich: Haben Spieler wie Gerald Green und Tyreke Evans einen ähnlichen Impact? Wie ist es im Gegensatz dazu bei Redick, Klay Thompson oder Ryan Anderson? Westbrook oder Antetokounmpo? Anders ausgedrückt: Liegt es wirklich am Pullup-Dreier, einfach nur an der Range oder an einem umfangreicheren Superstar-Skillset bzw. bestimmten Fähigkeiten, die einfach nicht zu verteidigen sind?

  4. Dennis Spillmann

    |Author

    Ich habe keine Zahlen, die ich selbst anführen würde, um das zu stützen, was du suchst. Dafür bräuchten wir eine eigene Statistikabteilung, die das auswertet. Frei verfügbar dürfte das nicht zu machen sein.

    Der Pull Up-Dreier funktioniert nicht immer. Bei Harden (ganz zum Schluss) habe ich ja auch erklärt, warum das so ist: Hätte Harden nicht diesen starken Drive, das sehr gute Finish am Ring und den automatischen Freiwurf, dann würden die Gegner den Drive nicht respektieren. Es ist bei beiden (für Curry gilt das auch. Er hat sich in den letzten Jahren sehr beim Drive/Finish verbessert) so, dass die Gegner keine Ahnung haben, wie sie die beiden 1-on-1 verteidigen sollen. Der Pull Up gehört zum Paket dazu. Ein Spieler mit allen anderen Facetten, aber ohne Pull Up wird ganz anders verteidigt. Andersherum bekommen “nur Pull Up”-Schützen den Wurf auch nicht effizient los, weil sie keinen Platz generieren.

    Thompson oder Anderson können halt nicht dribblen. Damit bist du gleich ein ganz anderer Spieler und auch nur schwer vergleichbar. Wenn ich einen reinen Offensivspieler als erste Option bräuchte, würde ich 17/18 ziemlich sicher Evans vor Thompson ziehen. Brauche ich eine dritte Scoringoption, nehme ich Thompson.

    Evans ist in den Top 15, was getroffene Pull Up Dreier angeht. So wenig Volumen war das nicht. Green ist halt einfach knapp über den Filter gerutscht. Der hat 57 Würfe im Jahr getroffen.

  5. Julian Lage

    Wirklich spannendes Video, wo ich bei einem Punkt noch mal einhaken würde: Per Definition ist der Pull Up Jumper/3er ja ein On-Ball-Skill. Konkret relevant dürfte er, wie du schon sagst, v.a. in Isolations und in P&R-Plays sein. Bei Isos zwingt er den Gegner, am Mann zu bleiben, und erleichtert so den Drive. Im P&R verhindern Pull Ups, dass der gegnerische Guard einfach unter dem Block durchgeht.
    Deswegen wäre die Frage, ob man wirklich nur so einer kleinen Gruppe die Pull Ups zugestehen sollte. Sie erhöhen ja z.B. nach einem Pick die Optionen, die ein Team verteidigen muss, und verbessern so die Chancen der anderen Optionen. Vermutlich reicht es deswegen oft, wenn ein Spieler die Gefahr ausstrahlt, um Gravity zu erzeugen. Sprich: Nimmt man nie Pull ups, wird man komplett anders verteidigt. Selbst wenn man sie insgesamt nur unterdurchschnittlich effizient trifft, muss die Defense reagieren.
    Das ligt denke ich auch an einem weiteren Punkt: Pull Ups sind quasi per Definition selten offen. Zumindest, wenn dem Spieler der Wurf einigermaßen zugetraut wird. Das macht sie noch schwerer, verfälscht aber die Daten im Vergleich zu übrigen Dreiern und sonstiger Offense etwas. Aber da kommt dann die Verbindung mit dem Einfluss auf die Defense ins Spiel: Alle guten P&R-PGs, die keine so guten Werte hatten, leiden vermutlich auch darunter, dass sie bei Pull Ups extrem eng verteidigt werden. Da muss dann jeder Spieler die individuell richtige Balance finden, um weiter die Gefahr auszustrahlen, aber nicht unnötig Effizienz einzubüßen.

    Außerdem finde ich weiterhin die Unterschiede zwischen Pull Up und Catch&Shoot-3ern extrem interessant, hatte ich vor knapp 3 Jahren (uff, vergeht die Zeit schnell ;) ) schon mal was dazu geschrieben: https://go-to-guys.de/2015/11/11/die-bedeutung-des-distanzwurfs-fuer-gute-offense/ (Letzte Grafik).

  6. Dennis Spillmann

    |Author

    Julian Lage Ich meine, dass ich im Video darauf geachtet habe, dass ich sage, dass nur die Spieler bzw. Harden/Curry den Wurf forcieren sollten. Der Pull Up funktioniert auch bei anderen Spielern und hilft ungemein. Aber hier sollte er eher aus der Situation kommen und nicht mit der Absicht, den Heat Check Dreier zu nehmen. Das würde ich – für die letzte Saison – nur Harden und Curry empfehlen.

  7. Julian Lage

    Ok, ich hatte das auch in Verbindung mit dem Artikel so verstanden, dass du den Wurf sonst praktisch nur bei ablaufender Shot Clock, nem Broken Play oder so sehen willst. Aber wenn du nur meinst, dass es für niemand sonst Go-To-Option sein sollte, sind wir uns einig.

  8. Avatar

    lemanu

    überragender artikel!
    kurz. knackig. prägnant.
    dazu mit einem guten video veranschaulicht. echt gut :tup:

    außerdem ein thema das in der bereich der stats gurus und basketball intelligencia irgendwie nicht ganz so schick scheint.. vermutlich weil es sich zu sehr überschneidet mit den hot take brüllern im milieu.

    nur ich frage mich wieso bekommen curry und harden da allen credit (der ihnen als generational talent gebührt) aber spieler wie lillard oder kyrie (die in diesem bereich nicht ganz so herrausragend aber trotzde! extrem gut sind) nicht

    es wird darauf hingewiesen dass dame das zweithöchste volume an pull ups hat und kyrie die zweitbeste quote, auch der erfolg ist da boston 2ter im osten portland 3er im westen trotzdem haftet ihnen etwas das chucker image an und der ganz große impact wird ihnen abgesprochen.
    bei kyrie war ich bis vor einem jahr selbst noch zweifler aber ich muss sagen das hat sich geändert.
    der pull up 3er ist in meinen augen eines der wichtigsten elemente der nba geworden und die beiden gehören neben den klaren mvp kandidaten zur spitze in diesem feld.

  9. Avatar

    lemanu

    ich denke auch dass es für teams zunehmend wichtig ist bzw noch mehr wird auf diese waffe im arsenal zurückgreifen zu können vlt nicht als grundsätzlichen go to move aber zumindest als antwort option auf bestimmte PnR coverages und probleme im eigenen spielaufbau.

    für die frage ob utah in den nächsten jahren zu einem contender werden kann ist mmn zb die entwicklung mitchells in dieser hinsicht enorm wichtig . er hat den wurf bereits mit hoher volume genommen – zum teil musste er das aufgrund der offensiv teilweise beschränkten mitspieler auch – nur bisher mit sehr bescheidenen quoten…
    natürlich ist es jetzt einfach zu sagen ja mach halt nicht geh lieber zum korb oder spiel einen mitspieler zum spot up frei, ist ja auch richtig aber halt nicht immer drin.


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben