MHP Riesen Ludwigsburg

PlayOff Breakdown – MHP Riesen Ludwigsburg

John Patrick und sein ungemütlicher, defensiver Spielstil in den Playoffs

Das Final 4 der Basketball Champions League steht vor den Playoffs vor der Ludwigsburger Tür

Das Team von John Patrick aus Ludwigsburg kann bislang auf eine durchaus sehr erfolgreiche Spielzeit zurückblicken. Nicht nur in der heimischen Liga wird man als Basketball interessierter Fan etwas verwundert auf die Tabelle schauen, wenn er auf dem dritten Platz hinter dem FC Bayern München und Alba Berlin das Team aus Baden-Württemberg erblickt und nicht die Teams aus Bamberg, Oldenburg oder Ulm. Somit genießt man Heimrecht, wenn am 05./06. Mai die Playoffs starten. Doch hier werden die Ludwigsburger nicht spielen können, da sie am 04. Mai erstmal in Athen gegen das französische Team des AS Monaco das Halbfinale der Basketball Champions League austragen werden. Man sieht, das Team ist nicht nur in der heimischen Liga erfolgreich, sondern kann sich auch auf europäischen Parkett hervorragend präsentieren und um Titel mitspielen. In wie weit diese “extra” Belastung allerdings so kurz vor den Playoffs von Vorteil sein wird, mag dahingestellt sein, da womöglich auch der Ausgang des Final 4 in Athen entweder eine gedrückte und euphorische Stimmung mit sich bringen könnte, je nachdem, wie das Wochenende für die Riesen aus Ludwigsburg laufen wird. 

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Check – Up*

Die MHP Riesen Ludwigsburg konnten in der Hauptrunde mit 26 Siegen bei nur 8 Niederlagen den dritten Platz belegen. Damit starten sie, wie bereits zuvor erwähnt, mit Heimrecht in die anstehenden Playoffs. Ebenso wie die beiden Mannschaften in der Tabelle vor ihnen, kann das Team von John Patrick ausgesprochen gute Statistiken in der Defensive vorweisen und gehört hier mit den beiden genannten Clubs zu den Top 3 der Liga.

Auch hier muss man erwähnen, dass gerade der defensive Aspekt in Playoff Serien eine bedeutende Rolle einnehmen kann. Doch der so defensiv geprägte Spielstil von Trainer Patrick kann in dieser Saison nicht allein darauf reduziert werden, denn auch offensiv wissen seine Spieler den Ball im Korb unterzubringen. Mit guten 86,58 Punkten pro Partie landen die Baden-Württemberger hier auf den 4. Platz innerhalb der Ligastatistiken und können sogar deutlich teils potentiell talentiertere Mannschaften, wie Oldenburg, Ulm oder Bamberg mit klaren Abstand hinter sich lassen. 

Ein interessanter Aspekt ist in dieser Saison, dass Ludwigsburg nach jeder ihrer Niederlagen in der BBL Hauptrunde immer mit einem Sieg antworten konnte; dies sogar teils mit deutlichen Ausgang und gegen Gegner, die mit ihnen um eine gute Ausgangsposition für die heiße Phase der Saison stritten. Von ihren insgesamt 8 Niederlagen, kassierten sie jedoch jeweils zwei gegen die Teams vom FC Bayern München sowie Alba Berlin.

Zurück zu den Statistiken, die die bislang gute Saison weiter belegen können: Mit 36,4 Rebounds pro Partie sind sie neben den Gießen 46ern das reboundstärkste Team der Liga und können auf beeindruckende 13,2 Offensivrebounds blicken, die dem Team immer wieder zweite Wurfmöglichkeiten verschaffen. Außerdem verbuchen die Riesen mit über 10 Steals pro Partie die meisten Ballgewinne, welche zum schnellen Stil John Patricks passen. 

Bei den Wurfquoten kann man jedoch einen deutlichen Abfall zu den nominellen Top-Teams der Liga erkennen; so finden sich die Ludwigsburger dort, egal in welcher Kategorie man sucht, nur im Mittelfeld des Ligadurchschnitts:

  • 2P Percentage: 52,2%
  • 3P Percentage: 35,3% (schlechtester Wert aller Playoff Teams)
  • FG Percentage: 45,9%
  • FT Percentage: 75,9%

*Stand zum 30. Spieltag der Hauptrunde

 Kader und Verletzungen

John Patrick ist als Trainer dafür bekannt, dass er gerne Mal auch Spieler während einer Saison tauscht oder seinem Team neue Impulse mit neuen Spielern geben möchte. Auch in dieser Hauptrunde stießen mit Malik Müller (Februar 18), Jacob Wiley (März 18) und Jeremy Senglin (April 18) noch drei Spieler zum Team aus Baden-Württemberg. Dies liegt zum einen daran, dass mit Johannes Thiemann, der eine tolle Saison spielte, ein wichtiger Baustein verletzungsbedingt die Saison mit einem Sehenabriss im Oberschenkel beenden musste. Die Verletzung wiegt umso schwerer, da es sich bei Thiemann nicht nur um den bis zu diesem Zeitpunkt Starting 5 Center der Ludwigsburger handelte, nein, auch da er mit seinem deutschen Pass keine Ausländerposition belegte. Mit Roderick Trice haben die Ludwigsburger einen zweiten Spieler, der aufgrund einer Knieverletzung während der Saison ausfiel und mehrere Monate pausieren musste, auf den man mit Vorsicht blicken muss. Da die Ludwigsburger, wie schon erwähnt auch noch in einem europäischen Wettbewerb unterwegs sind, dieser zudem noch kurz vor den Playoffs absolviert werden muss, entschied man sich bei den Verantwortlichen noch einmal personell nachzulegen.

Ludwigsburg hat zur Zeit 9 Ausländer im Kader stehen; 6 dürfen bekanntlich nur in der BBL in einer Partie eingesetzt werden.  Der nachverpflichtete Malik Müller belegt mit seinem deutschen Pass keine weitere Position und ist seit der Verletzung von Johannes Thiemann kontinuierlich im Kader der Ludwigsburger zu finden. Bei den ausländischen Positionen rotiert Coach Patrick bislang vor allem auf den Guard Positionen. Hier setzten der Kanadier Peter-McNeilly, sowie die die US-Amerikaner Senglin und Trice abwechselnd aus. Der nachverpflichtete Wiley spielte bislang zwei Partien für die Barockstädter. 

Mit Smallball zum Erfolg – Das Offensivkonzept von John Patrick

Das Ludwigsburger Team steht in der Basketball Bundesliga sicherlich noch für den sogenannten Smallball, also mit dem agieren von vielen schnellen, wendigen und für ihre Position eher kleineren Spielern. Dieses System verfolgte Coach John Patrick schon bei seiner allerersten Trainerstation in Japan und übernahm dieses System, das vor allem in der Zeit in Göttingen den Beinamen “Guard-Terror” erhielt, mit nach Deutschland. Inzwischen ist es sicherlich nicht mehr der “Terror”, den man aus Göttinger Zeiten kannte, aber gewisse Ähnlichkeiten sind natürlich weiterhin vorhanden. 

Der Ludwigsburger Coach legt bei seiner Spielerauswahl größeren Wert auf die Einstellung und den Charakter der Spieler als vielleicht auf ihr basketballerisches Können. Denn wenn man sich die Offensive der Barockstädter anschaut, kann man zwei Dinge beobachten: Das Team wirft von allen Playoff Teams und Anwärtern mit am schlechtesten aus dem Feld; vor allem die auffällig vielen Wurfversuche jenseits der Dreipunktelinie bei überschaubarer Quote erstaunen im Ludwigsburger Offensivspiel. Doch wie kommt es, dass sie dennoch auf Platz 3 der Hauptrunde abschließen konnten? Die Antwort liegt zum einen im nächsten Abschnitt, der sich mit der Defensive beschäftigten wird, zum anderen aber sicherlich an den vielen zweiten Wurfchancen, die sie sich während einer Partie erarbeiten. Satte 13,1 Offensivrebounds und somit 13 Wurfchancen können die Spieler verbuchen. Dies hat sicherlich auch mit der Rekrutierungsphilosophie von John Patrick zu tun: Einstellung oder besser gesagt Spieler, die neben einer guten Athletik einfach auch den Willen besitzen am offensiven Brett sprichwörtlich zu arbeiten. Dies kompensiert die vergleichsweise schlechten Quoten. Ein weiterer Grund für die relativ hohe Punkteausbeute der Ludwigsburger liegt ebenfalls in ihrer Spielanlage. Durch die vielen kleinen, wendigen und athletischen Spieler, nicht nur auf den Guard Positionen versucht das Team mit viel Energie zum Korb zu gelangen, was wiederum in vielen Freiwurfversuchen mündet. 

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Auffällig ist ebenfalls, dass die Punkteverteilung innerhalb der Mannschaft ziemlich ausgeglichen ist: Spitzenreiter ist hierbei Elgin Cook, der mit seiner eindrucksvollen Athletik, gepaart mit einer enormen “Wingspan” in der Liga zu den besseren Athleten gezählt werden darf. Hinzu kommt ein über die Saison gesehen, guter Wurf von jenseits der 3-Punkte Linie. In den Playoffs darf man erwarten, dass er eine der ersten Optionen im Ludwigsburger Offensivspiel sein wird und dort versucht wird mit geschickt gestellten Blöcken, seinen explosiven ersten Schritt zur Geltung kommen zu lassen.

Aber zurück zur Ausgeglichenheit: Nicht nur Cook, sondern auch Thomas Walkup, Dwyane Evans und Justin Sears scoren im Durchschnitt über 11 Punkte pro Partie. Hinzu käme hier eigentlich noch Johannes Thiemann, der aber bekanntlich verletzungbedingt nicht mehr eingreifen kann in dieser Saison. Gerade auf Thomas Walkup darf man nochmal einen Blick werfen: Der 25-jährige Amerikaner ist ein ausgewiesener Allrounder, der neben einer guten Trefferquote auch noch gut reboundet, und ein überdurchschnittliches Spielverständnis aufweist, von dem seine Mitspieler häufig profitieren (4,6 APG). Auffällig ist aber auch zudem wieder: Es handelt sich bei allen Spielern, um sehr bewegliche Vertreter auf ihren jeweiligen Positionen, die MHP Riesen Ludwigsburg dürften mit zu den athletischsten Teams der Liga zählen. 

Das Rezept in der Ludwigsburger Defensive: Druck, Druck und nochmal Druck

Der im obigen Abschnitt angesprochene hohe Punkteschnitt Ludwigsburg hat auch eine defensive Komponente, die gleich zu Beginn genannt werden sollte: Ballgewinne. Kein Team der Liga klaut der gegnerischen Mannschaft öfter den Ball als die MHP Riesen. Nur die Hauptstädter aus Berlin können einen ähnlichen Wert, jedoch etwas schlechter, aufweisen. Zusammen mit der eingangs erwähnten guten Arbeit am offensiven Brett, kann Ludwigsburg viele zweite Würfe als auch ein schnelles Spiel aufziehen.

Neben den Steals kann man ein weiteres defensives Konzept in Ludwigsburg ausmachen: Die Ganzfeldpresse. John Patrick hat sie schon in Göttingen und auch Würzburg gerne spielen lassen und sie ebenfalls nach Ludwigsburg mitgenommen. Die Presse gewann durch ihn als Trainer in Göttingen vor allem auch defensiv den Namen “Guard-Terror”, da er sogar relativ häufig mit vier Guards gleichzeitig gespielt hatte. In Ludwigsburg ist dies in diesem Falle nicht mehr in der Art anzutreffen, dennoch versucht das Team immer sehr hohen Druck auf den Gegner auszuüben. Hierbei gehört neben dem Pressing natürlich das Doppeln hinzu. Normalerweise sollte man annehmen, das gut strukturierte Mannschaften eine leichte Lösung gegen das Doppeln finden sollten, da es aber innerhalb der BBL immer noch nicht allzu häufig anzutreffen ist, haben es die Gegner oftmals schwer sich darauf einzustellen. In der Regel kann man durch geschicktes Spacing samt überlegten Pässen ein Doppeln leicht aushebeln und kommt somit zu leichten Würfen bzw. sogar Korblegern im Abschluss. Hier knüpft Coach Patrick aber an: Seine Teams wissen fast immer, welcher gegnerische Spieler die erste und zweite Passoption darstellt und rotieren als Team geschickt dagegen. Oftmals sieht dies viel nach Spekulation und wilder Defensive aus, doch hinter dem ganzen steckt ein ausgeklügeltes Konzept. Mit entscheidend ist hierbei der Wille der eigenen Spieler, nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit flinken Händen Defense spielen zu wollen. Ebenso beansprucht diese Art die Kondition der eigenen Mannschaft, auch ist ein unabdingbarer Wille für den “extra” Weg wichtig. 

Neben der aggressiven Verteidigung, die oftmals am Rande des Erlaubten stattfindet (jedenfalls in den Augen der Zuschauer), ist auch wieder das Rebounding ein wichtiges Thema im defensiven Konstrukt. Zwar sammeln die gegnerischen Teams meist mehr defensive Rebounds als die Barockstädter (dies ist aber sicherlich auch der mäßigen Wurfquote mit geschuldet), interessant ist aber etwas anderes: Ludwigsburg lässt mit gerade mal etwas über 8 Offensivrebounds sehr wenige zweite Chancen gegen sich zu. Der Wert liegt statistisch gesehen ein ganzes Stück unter dem Ligadurchschnitt von 9,6 Rebounds, den die Teams durchschnittlich am offensiven Brett pro Spiel holen.

Außenseiterchance für die Riesen aus Ludwigsburg

Insgesamt gesehen besitzt Ludwigsburg keine allzu schlechten Aussichten auf die Playoffs. Das Heimrecht ist ihnen zumindest im Viertelfinale schon sicher, sodass ein möglicher Einzug ins Halbfinale durchaus der Realität entsprechen könnte. Als eher defensiv geprägtes Team können die Mannen von John Patrick sich zudem gerade in den Playoffs wohlfühlen, wo es nochmal ein ganzes Stück intensiver zu Werke gehen wird als in mancher Hauptrundenpartie. Die Riesen besitzen zudem einen tiefen Kader, der mit 9 Ausländern überaus großzügig im Vergleich ausgerichtet ist, mit dem man auf viele verschiedene Spielweisen des Gegners (auch innerhalb einer Playoff Serie) reagieren kann. 

Das Final 4 der FIBA Champions League kurz vor den Playoffs ist zum einen sicherlich ein schönes Erlebnis für das Team. Es bedarf aber auch einer ausgeprägten und gewissenhaften Vorbereitung auf den Gegner. Hinzu kommen die Reisen, die das Team neben dem Spiel selbst zusätzlich belasten wird. Doch das Team von John Patrick hat in dieser Saison bislang meist Charakter bewiesen und stets versucht, intensiven und engagierten Basketball zu spielen, so dass am Ende vielleicht sogar der Erfahrungswert dieses Finalwochenendes in Athen ein Pluspunkt in der Endphase der Saison sein könnte. Zudem wird die erste Partie der Viertelfinalserie gegen Medi Bayreuth erst in der kommenden Woche am 10. Mai ausgetragen werden. Dabei nimmt man von BBL Seite aus Rücksicht auf das Finalwochenende der Ludwigsburger in Athen.

Schaut man sich aber die Konkurrenz in der heimischen Liga und vor allem die wohl wahrscheinlichen Gegner in einer Halbfinalserie an, die, sollten keine allzu großen Überraschungen passieren, die wohl Alba Berlin und Bayern München heißen werden, dann muss man einräumen, dass die Ludwigsburger für ein Finale dann doch nur Außenseiterchancen besitzen werden, wenn man das eigene Viertelfinale erfolgreich abschließen sollte. Denn mit München und Berlin kämen hier nicht nur zwei selbst defensiv starke Mannschaften, sondern Teams, die mit ihrer individuellen Qualität in der Offensive auch eine so stark defensiv ausgerichtete Mannschaft, wie die von Coach Patrick, vor große Herausforderungen stellen dürften.

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