Playoffs 2018, Toronto Raptors, Washington Wizards

Raptors – Wizards: Zurück zu alten Mustern?

Über alte und neue Stärken und Schwächen

Die abgelaufene Saison war für die Raptors nicht nur aufgrund der hervorragenden 59-23-Bilanz und Platz 1 im Osten ein Erfolg, sondern gerade aufgrund des veränderten Spielstils. Anders als in den letzten Jahren brachten sie eine teamdienliche Offense aufs Parkett. Abzulesen ist dies etwa am ligaweiten Rang in den Assists: Nach Platz 29 und 30 in den letzten beiden Jahren stieg sie in der gerade beendeten Regular Season auf Position 6. In absoluten Zahlen entspricht das 18,7 und 18,5 beziehungsweise 24,3. Damit einhergehend verteilte das Team von Dwane Casey die Scoring-Last auf mehr Schultern, was insbesondere die junge, aber in jeder Hinsicht überzeugende Bank einschloss. Nachdem wichtige Rollenspieler der letzten Jahre wie P.J. Tucker und Cory Joseph nicht mehr im Kader standen, waren die Tiefe noch eines der Fragezeichen des Teams. Fred VanVleet, Delon Wright, O.G. Anunoby, Pascal Siakam, Jakob Pöltl und Lucas Nogueira gelang allesamt ein deutlicher Schritt nach vorne, wodurch die Raptors mit C.J. Miles und dem etwas enttäuschenden Norman Powell eines der tiefsten Teams der Regular Season darstellten.

Für die Wizards gilt das sicher nicht. Für ein Team von Scott Brooks mag es nicht allzu sehr überraschen, dass außer von der Starting Five verhältnismäßig wenige Minuten und Punkte kamen. Mit Kelly Oubre hat Washington zwar noch einen vielversprechenden Sixth Man. Der Rest des Kaders war aber zu inkonstant – oder erhielt im Zweifel nicht das Vertrauen des Coaches. Ian Mahinmi konnte weiterhin nicht an seine Indiana-Form anknüpfen, die seinen Vertrag zumindest ansatzweise rechtfertigen würde. Mike Scott war zwar eine der positiven Überraschungen der Saison, funktioniert allerdings nur in bestimmten Matchups und Lineups. Tomas Satoransky vertrat John Wall während seines Ausfalls mehr als solide, wurde in den Playoffs jedoch mehr oder weniger durch Last-Minute-Verpflichtung Ty Lawson verdrängt. Sommer-Zugang Jodie Meeks konnte sich nie wirklich von seiner besten Seite zeigen und ist jetzt gesperrt. Der trotz Walls Verletzung enttäuschende 8. Platz verdeutlicht, dass bei den Wizards wenig rund lief diese Saison, obwohl Beal seine hervorragende Saison 2016/17 bestätigen konnte. Unzufriedenheit und Konflikte im Team wie zwischen Wall und Marcin Gortat verstärkten das negative Bild.


Das Ergebnis der ersten beiden Spiele entsprach somit klar den Erwartungen: Der souveräne 1. Seed schlägt den Außenseiter ohne größere Probleme – selbst der Fluch des ersten Playoff-Spiels endete für die Raptors. Auch das Fehlen von Fred VanVleet, der als ungedrafteter Sophomore zum Kandidaten für den 6th Man-Award wurde, machte sich nicht sonderlich bemerkbar. Passend zu den ‚neuen‘ Raptors trafen im ersten Spiel nicht etwa Kyle Lowry und DeMar DeRozan am besten, sondern Serge Ibaka und Delon Wright. In Anunoby, Miles, Valanciunas und Siakam erzielten vier weitere Spieler mindestens 9 Punkte. Im zweiten Spiel verschob sich das Scoring schon stärker auf die Stars, DeRozan lieferte jedoch mit effizienten 37 Punkten (Spiel-ORtg 136). Bei den Wizards bekam die Starting Five keinen Fuß auf den Boden, so dass das Team von Anfang an einem Rückstand hinterherrannte. Den konnten auch überraschend gute Leistungen der Bankspieler nicht aufholen. Somit flogen die Raptors vermutlich recht guter Dinge über die Grenze.

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Spiel Drei und Vier stellten jedoch wieder über weite Strecken den Basketball dar, den die Raptors eigentlich hinter sich gelassen glaubten. Der Ball lief schlechter, Lowry und DeRozan nahmen viele ineffiziente Abschlüsse. Ein gutes Abbild stellen die Assist-Statistiken dar: Während die Raptors in den ersten beiden Spielen noch mit 26 beziehungsweise 24 noch auf dem Level der abgelaufenen Regular Season agierten, fielen sie mit 20 und 19 in den beiden Niederlagen auf das Niveau der Vorjahre zurück. Auch wenn diese Zahlen nur begrenzt aussagekräftig sind angesichts unterschiedlicher Paces und schlicht der Logik, dass der Sieger mehr Punkte erzielt und damit mehr Chancen auf Assists hat – der Rückgang steht symptomatisch für die Probleme der Raptors.


Konkret bildete das vierte Spiel als eine Art Abbild der bisherigen Serie: Mit gutem Team-Basketball konnten sich die Raptors zur Halbzeit eine zweistellige Führung erarbeiten. Gleich in der ersten offensiven Possession traf beispielsweise im Fastbreak Ibaka nach dem Extra-Pass von Anunoby den Dreier. Ähnlich gut ging es die ersten 24 Minuten weiter. Danach wollte DeRozan übernehmen, gab aber stattdessen das Spiel aus der Hand. Innerhalb weniger Minuten anfangs des dritten Viertels kamen die Wizards in Folge einiger typischer Sequenzen bis auf eine Possession an die Raptors heran. Beispiel: DeRozan will aus der Isolation gegen gute Verteidigung scoren, trifft allerdings nicht.

Porter scort dafür am anderen Ende aus der Distanz. Ein ähnliches Bild ergab sich in den nächsten Angriffen mit Porters nächstem Dreipunkt-Treffer und drei Freiwürfen für Beal. In einem streckenweise planlosen Spiel schleppten sich die Teams so mit wiederholten Gleichständen bis in die letzten Minuten – wo Beal dann nach einem fragwürdigen Foulpfiff bei 92:92 und noch 5 Minuten auf der Uhr vom Feld musste. Statt diese Gelegenheit zu nutzen, setzten DeRozan und Lowry ihre Isolation-Show fort.

Beide versuchten sich in den letzten Minuten an Pull Ups vor und hinter der Dreipunktlinie, die vielleicht für Stephen Curry gute Würfe wären, aber nicht für einen Spieler, der diese Saison erstmals in größerem Volumen aus der Distanz wirft und dabei noch nicht einmal durchschnittlich trifft. Die Niederlage war somit folgerichtig: Die Wizards schafften es mit Wall anders als ihre Gegner gerade nach dem 6. Foul von Beal, auch die Rollenspieler wie Oubre und Porter sinnvoll einzubinden. Schon bei der Aufholjagd im dritten Viertel hatte Porter eine wichtige Rolle gespielt – obwohl er sonst in den laufenden Playoffs und auch in der Regular Season eigentlich viel zu selten gesucht wird.

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Am zweitteuersten Spieler des Wizards-Kader lässt sich die Problematik der von Scott Brooks vorgegebenen Spielweise vermutlich am besten festmachen: In der Regular Season konnte Porter noch sein Scoring-Volumen steigern (13,4 zu 14,7) und gleichzeitig seine Effizienz überdurchschnittlich halten (von überragenden 129 auf immer noch guten 120 Ortg). Die Usage Rate von 18,4% stellte ebenfalls einen Karrierehöchstwert dar und ist für einen elitären Rollenspieler noch akzeptabel. In der Postseason nimmt Porter allerdings gerade einmal 12,7% aller Würfe, wenn er auf dem Feld steht – ein Karrieretiefstwert. Das immer noch gute Offensivrating von 115 ist daher nicht sonderlich aussagekräftig. Allerdings ist offensichtlich, dass die Wizards ihn und auch die übrigen Rollenspieler deutlich öfter suchen müssen, wenn sie weiterhin die Chance auf das Upset wahren wollen. Zwar reichten in den beiden bisherigen Siegen die jeweils mindestens 27 Punkte von Wall und Beal zusammen mit brauchbaren Leistungen der Rollenspieler, aber auch die Wizards benötigen mehr Teamplay. Schließlich ist Porters Wurf aus der Ecke die wohl effizienteste Waffe, die den Wizards zur Verfügung steht – wie das Play aus der Aufholjagd des 3. Viertels zeigt. Davon kommt bisher zu wenig, vor allem angesichts Walls Rufs als exzellenter Passgeber für hochprozentige Distanzwürfe. Aber, immerhin, lief es in dieser Hinsicht noch besser als bei den Raptors. Das ist es, was in den Playoffs letztendlich zählt. Ob für die Wizards in Spiel 5, wieder in Toronto, nicht mehr Ausgeglichenheit im Team notwendig ist, wird sich heute Nacht zeigen.

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