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FC Barcelona: Wenn die Enttäuschung zur Regel wird

Seit zwei Jahren steckt der FC Barcelona in der Krise - was läuft schief?
Screenshot: EuroLeague

Im Sommer 2017 ging der FC Barcelona auf große Shoppingtour, änderte einen Großteil des Kaders und sollte nach Jahren wieder für Erfolge sorgen, doch erneut enttäuschten die Katalanen auf ganzer Linie.

Negative Kontinuität setzt sich fort

Die Katalanen gehören zu den größten Teams des Kontinents und gehörten in den letzten zehn Jahren stets zur Spitze der Königsklasse. Zwischen 2008/09 und 2013/14 wurde fünfmal das Final Four erreicht. In den beiden darauffolgenden Saisons qualifizierte sich der spanische Topclub immerhin für das Viertelfinale. Nachdem die Euroleague vor der vergangenen Saison 2016/17 revolutioniert wurde, konnte sich der FC Barcelona sowohl im vergangenen als auch in diesem Jahr nicht für die Playoffs qualifizieren. In der vergangenen Spielzeit wurde die Blaugrana mit einer 12-18-Bilanz Elfter. In dieser Saison steht die Mannschaft nach 28 Spielen mit einer 9-19 Bilanz auf dem vorletzten Rang, obwohl nicht wenige Experten dieser Mannschaft im Vorfeld Playoff-Format attestiert hatten.

Die Veränderungen in der Offseason

Der wichtigste Wechsel vollzog sich dabei auf der Headcoach-Position. Nachdem Defensivfanatiker Georgios Bartzokas der Mannschaft kein Leben einhauchen konnte, wurde dieser von Sito Alonso ersetzt. Alonso, der sowohl in Bilbao als auch in Baskonia durch ansehnlichen Teambasketball auffiel, überzeugte die Verantwortlichen um GM Nacho Rodriguez mit seiner offensiven Spielphilosophie.

Dementsprechend wurde auch der Kader verändert. Tyrese Rice wurde schon früh in die zweite Mannschaft abgeschoben, bis er schließlich im Laufe der Saison nach China wechselte. Brad Oleson, Vitor Faverani, Stefan Peno, Marcus Eriksson und Xavier Munford verließen die Katalanen. Gerade der Wechsel von Eriksson dürfte in der Nachbetrachtung weh tun, schaut man sich alleine die Statistiken nach seiner langwierigen Verletzung bei Gran Canaria an (Liga: 12,2 PpG, 47,8% FG, 46,1% 3PT, Eurocup: 15,4 PpG, 49,7% FG, 54,9% 3PT).

Verpflichtet wurde der amtierende Euroleague-DPOY Adam Hanga, der mit einem Monstergehalt (7 Millionen Euro, drei Jahre Vertrag) für eine Ablösesumme in Höhe von 400.000€ von Baskonia Vitoria Gasteiz an Land gezogen wurde. Mit Kevin Seraphin kam ein bulliger Center aus der NBA, auf der Point Guard Position wurden Defensivspezialist Phil Pressey und Floor General Thomas Heurtel dem Kader hinzugefügt. Abgeschlossen wurde die Kaderplanung mit den Verpflichtungen von Pierre Oriola aus Valencia, Adrien Moerman von Darüssafaka sowie Rakim Sanders, der als eine der wenigen positiven Erscheinungen des letzten Jahres aus Mailand wechselte. Mitten in der Saison wurde Barcelona zudem noch einmal aktiv und verpflichtete Rückkehrer Edwin Jackson.

Vom letztjährigen Kader blieben Vereinslegende Juan Carlos Navarro, Ante Tomic, Petteri Koponen, Nachwuchstalent Rodions Kurucs, Aleksandar Vezenkov, Victor Claver und Pau Ribas. Mit diesem Kader war das Ziel klar: Die Euroleague-Playoffs erreichen und nationale Titel gewinnen.

Crunchtime? Können sie nicht

Großes hatten sie vor und als Panathinaikos vor eigenem Publikum mit 98:71 nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wurde, erinnerten sich vor allem die Fans an die glorreichen Zeiten vor einigen Jahren, als Barcelona ein Final-Four-Abonnement besaß. Bis zum neunten Spieltag sah alles in Ordnung aus, obwohl in Bamberg eine 27-Punkte-Führung verspielt wurde. Denn mit zwei Siegen in Folge über Valencia und Maccabi standen die Katalanen mit 4-5 relativ ordentlich da. Doch danach folgte eine Krise, die mit fünf Niederlagen einher ging. Auch danach fand das Team in der Euroleague nicht mehr wirklich in die Spur, sodass Alonso nach einer 7-14-Bilanz in der Euroleague und 12-7 (Dritter zu diesem Zeitpunkt) in der heimischen ACB Anfang Februar die Koffer packen musste. Vom tollen Teambasketball war in Barcelona nichts zu sehen. Vor allem in der Crunchtime machte sich die Ideenlosigkeit deutlich bemerkbar. Er fand nicht die passenden Lineups für die Schlussphase, es kristallisierte sich zudem keine wirkliche erste Option heraus. Dadurch hagelte es viele schlechte Würfe und unnötige Ballverluste, die einige Siege kosteten.

Von 21 Spielen betrug in elf Partien am Ende die Punktedifferenz 9 Punkte oder weniger. Die Bilanz der Katalanen in diesen elf Spielen? 0-11. Bezeichnend für dieses Problem ist auch die Korbdifferenz. Obwohl Barcelona bei 9-19 steht, hat die Mannschaft als Vorletzter eine Korbdifferenz von +24, damit sogar eine bessere als das drittplatzierte Olympiakos (+18), das sechstplatzierte Khimki Moskau (-1) oder das siebtplatzierte Zalgiris Kaunas (+16). Der Sieg mit der niedrigsten Punktedifferenz war der 85:72-Erfolg über ZSKA Moskau.

Pesic als Übergang

Wenige Tage nach der Entlassung Alonsos wurde mit Svetislav Pesic ein alter Bekannter an Bord geholt, der mit der Blaugrana im Jahre 2003 das Triple aus Liga, Pokal und Euroleague holte. Mit seiner Amtsübername wurde es in der Euroleague nicht unbedingt besser, dafür aber in der Heimat. So wurde der spanische Pokal gewonnen, dazu ist die Mannschaft unter Pesic in der Liga noch ungeschlagen und steht mittlerweile sogar auf Platz zwei. Noch ist nicht bekannt, ob Pesic über den Sommer hinaus Headcoach bleibt. Auch wenn er weiterhin das Team coachen sollte, dürfte er aufgrund seines Alters nicht für eine allzu lange Zeit bei den Katalanen bleiben.

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Veränderungen sind notwendig

Welche Fehler fielen auf? Zum Einen natürlich die Offseason, in der zu viel Geld für Spieler ausgegeben wurden, die nicht die Klasse haben, um Barcelona zum Triumph zu führen. Beispiel: Adam Hanga bekommt jährlich über 2 Millionen Euro, nur ist Hanga eher eine gute dritte Option im Angriff, die Platz für die Drives braucht, um effizient zu spielen. Und da wären wir schon beim nächsten Problem – Thomas Heurtel. Er mag zwar eine gute Übersicht haben, nur ist er mittlerweile auch zu sehr auf den eigenen Wurf fixiert, vor allem in der Crunchtime, in der er nicht selten schwere Dreier nahm, die oftmals keinen Erfolg brachten. Dazu ist er zwar ein genialer Passer, doch nicht selten wurde ihm diese Genialität zum Verhängnis, da er aufgrund dieser für haarsträubende Turnover in den letzten Minuten sorgte. Außerdem ist es schwer bis unmöglich, ihn defensiv zu verstecken, da viele Gegner auf diesem Niveau seine Schwäche in der Verteidigung auszunutzen wissen.

Das nächste Thema wäre die Personalie Juan Carlos Navarro. Der 37-Jährige, unter dem Spitznamen „La Bomba“ bekannt, ist zwar eine Legende im Verein, dennoch müssen beide Seiten abwägen, ob eine weitere Saison wirklich Sinn macht. Der Shooting Guard wirft seit zwei Jahren Tiefstwerte aus dem Feld (16/17: 31,9% FG, 17/18: 33,1% FG) und auch sein Punkteschnitt ist rapide gesunken. Nur in den letzten drei Jahren blieb er bei 10 Punkten pro Spiel, 15/16 waren es 9 Punkte pro Partie, 16/17 5,7 Zähler und in dieser Saison 6,4 Punkte. Ein klarer Abwärtstrend ist in den letzten Jahren zu erkennen. Da Navarros Prunkstück stets die Offensive war und er nicht mehr wirklich liefert, sollten sein Verein und er sich gut überlegen, ob er eine weitere Saison dran hängt oder ob er schon nach dieser Spielzeit eine Funktion im Club übernehmen wird.

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Ein Luxusproblem befindet sich auch auf der Center-Position. Mit Kevin Seraphin und Ante Tomic haben die Katalanen zwei offensivstarke Fünfer. Seraphin ist ein bulliger Zonenspieler, der sich dank seiner Physis durchsetzen kann und vor allem im Lowpost seine Gegner dominiert. Tomic hat nicht diese physische Stärke, dafür ist er mit seinen 2,17 Metern aufgrund seiner Größe nur schwer zu stoppen. Tomic hat zudem den Vorteil, dass er auch aus dem Highpost Angriffe initiieren kann. Vor allem nach Seraphins Verletzung stieg seine Einsatzzeit und damit auch seine Produktivität. Hatte er in den ersten 15 Spielen hinter Seraphin noch 6,6 Punkte aufgelegt, waren es nach der Verletzung des Franzosen 13,3 Zähler. Beide im Kader zu haben ist ein Luxus. Vernünftiger wäre es, sich am Saisonende von einem der beiden zu trennen, einen Rim Protector zu holen oder sich mit dem übrigen Geld auf einer anderen Position zu verstärken.

Einige positive Zeichen

War alles schlecht an der Saison der Blaugrana? Sicherlich nicht. Es fehlte vor allem die Konstanz. Dass Barcelona das Niveau besitzt, um auf dem Level der Topclubs zu spielen, hat man an einigen Spielen gesehen. Blowout-Siege über Olympiakos, Panathinaikos, ZSKA oder Khimki Moskau bestätigen diese These. Auf diese Spiele können sie nächstes Jahr bauen, auf viele andere jedoch nicht.

Ein anderer positiver Aspekt: Barcelona hat viele brauchbare Rollenspieler. Vor allem die Off-Guards Petteri Koponen (7,8 PpG, 50,% 3PT) und Pau Ribas (6,3 PpG, 48,7% FG, 3 ApG) konnten einen guten Eindruck hinterlassen. Die positivste Erscheinung in diesem Jahr dürfte Pierre Oriola sein. Der Big Man spielt sich mit seinem Einsatz in die Herzen der Fans. Egal, wie viel er spielt, er gibt immer 100% und ist sich für keinen Ball zu schade. Nicht selten sieht man Hustle-Plays von ihm. 8,9 Punkte (57% FG, 48,4% 3PT) und 4,8 Rebounds bringt er pro Spiel auf den Statistikbogen.

Was braucht Barcelona für die kommende Saison?

Erst einmal sollte die Trainerfrage geklärt werden, dies könnte jedoch noch dauern, denn falls Pesic die ACB gewinnen sollte, gäbe es keinen wirklichen Grund, um nicht mit ihm weiterzumachen. Sollten die Katalanen jedoch weiterhin auf der Jagd nach Kaunas-HC Sarunas Jasikevicius und dieser zu haben sein, dann wäre eine Verpflichtung mehr als sinnvoll.

Was den Kader betrifft, sollte eine klare erste Option im Angriff gefunden werden, die das Team auch zu Siegen führen kann – am besten auf Point Guard. Dazu sollte der Spieler in der Lage sein, die Stärken seiner Mitspieler gut einzusetzen, sodass zum Beispiel Adam Hanga nicht mehr nur noch am Perimeter parkt, sondern seine Athletik in Korbnähe ausspielen kann. Kandidaten hierfür wären Kevin Pangos von Zalgiris Kaunas oder Darüssafakas Scottie Wilbekin (falls er nicht eingebürgert werden sollte, weil er sonst von den türkischen Teams mit Geld zugeschüttet wird.). Des Weiteren sollte Barcelona einen der beiden teuren Center loswerden, um einen Ringbeschützer (wie zum Beispiel Augusto Lima von UCAM Murcia) zu verpflichten, damit Gegenspieler wie Gustavo Ayon oder Jan Vesely kein einfaches Spiel haben. Mit einem eventuellen Abgang von Navarro müsste auch ein 2/3er kommen, der am besten einen sicheren Wurf mitbringt, damit das Spacing vorhanden ist und Hanga sowie die Center mehr Platz haben als es in dieser Saison der Fall war. Ein passender Spieler hierfür wäre James Feldeine von Roter Stern Belgrad.

Eines dürfte klar sein: Es wird erneut keine langweilige Offseason für die Verantwortlichen von FC Barcelona Lassa!

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