Chicago Bulls, NBA

What’s Next – Chicago Bulls

Der Rebuild nach dem Abschied von Jimmy Butler

Obwohl es im vergangenen Sommer in der NBA gleich mehrere spektakuläre und kontroverse Trades zu diskutieren gab, erntete wohl keine Franchise mehr Kritik als die Chicago Bulls. In Jimmy Butler gaben sie nicht nur ihren einzigen Star, sondern einen amtierenden All-NBA-Spieler mitten in seiner Prime ab und entschieden sich damit klar für einen Neuanfang.

Der Weg in den Rebuild

Mit einer ausgeglichenen Bilanz von 41-41 hatte es das Team von Head Coach Fred Hoiberg zuvor äußerst knapp auf den letzten Playoff-Platz der Eastern Conference geschafft und war dort in Runde eins an den Boston Celtics gescheitert. Einige der neben Butler am häufigsten eingesetzten Spieler – Dwyane Wade (35), Rajon Rondo (30), Taj Gibson (31) – schienen nicht nur ihre besten Jahre hinter sich zu haben, auch aufgrund ihrer Spielweise passten sie weder in Hoibergs bevorzugtes System noch in die „moderne“, von Spacing und Ballbewegung geprägte Liga.

Der Weg in den Rebuild war daher wohl der richtige Schritt. Es blieb allerdings die Frage, ob ein Neuaufbau um Butler herum oder ohne den 27-Jährigen stattfinden sollte. Das Front Office entschied sich für einen Trade mit den Minnesota Timberwolves, dessen Gegenwert jedoch nicht nur in der GtG-Saisonvorschau für einiges Kopfschütteln sorgte. Neben Zach LaVine (mit gerissenem Kreuzband) und dem in seiner Rookie-Saison enttäuschenden Kris Dunn erhielten die Bulls Lauri Markkanen, den siebten Pick der Draft 2017.

Embed from Getty Images

Anstatt nach dieser Entscheidung jedoch nach jedem verfügbaren Talent zu greifen, schickte Chicago nicht nur den eigenen Erstrundenpick (#16, Justin Patton) im Paket mit Butler nach Minnesota. Auch ein hoher Zweitrundenpick (#38) wurde für 3,5 Millionen Dollar verkauft. Die Golden State Warriors sicherten sich damit Jordan Bell, der bereits in seiner ersten Saison zeigen konnte, dass er mindestens das Potenzial zu einem soliden Rollenspieler mitbringt.

Die aktuelle Saison

Nach der Trennung von Wade und Rondo (denen die Bulls in der laufenden Saison gemeinsam noch 18,5 Millionen Dollar an Gehalt überweisen) gehörte der verjüngte Kader klar zu den schlechtesten der Liga, in unserer Preview wurden dem Team kaum mehr als 20 Siege und beste Aussichten auf einen Top-Pick vorausgesagt. Nach nur drei Siegen aus den ersten 23 Spielen startete das Team im Dezember jedoch eine überraschende 10-2-Serie mit Erfolgen gegen Boston, Milwaukee, Philadelphia, Utah und Indiana. In einer Saison, in der neun Teams um die besten Lottery-Chancen kämpfen, könnte sich dieser Höhenflug noch als folgenschwer erweisen.

So steht Chicago aktuell mit der achtschlechtesten Bilanz der NBA da und ist mit 24 Siegen nun sogar den New York Knicks auf den Fersen, die sich ohne den verletzten Kristaps Porzingis im freien Fall befinden. So könnte man sich am Ende der Saison ganz oben in der Gruppe der „Tanking“-Teams wiederfinden. FiveThirtyEight prognostiziert inzwischen eine Bilanz von 29-53, obwohl das aktuell drittschlechteste Net-Rating der Liga (-6,7) eigentlich dem Niveau eines 25-Siege-Teams entspräche. Damit bliebe den Bulls lediglich eine 1,7-prozentige Chance auf den ersten, eine 6,1-prozentige auf einen Top-3-Pick in der kommenden Draft.

Der junge Kern

So wichtig die größtmögliche Anzahl an Ping-Pong-Bällen in der Lottery für ein Team ohne echtes Superstar-Talent auch wäre: Es ist durchaus positiv, dass die zusätzlichen Siege vor allem dadurch zustande kamen, dass einige junge Spieler die Erwartungen ein Stück weit übertreffen konnten. Lauri Markkanen galt an seiner Draftposition sieben vor der Saison zwar nicht als extremer Reach, dennoch hätten viele wohl das größere Potenzial von Dennis Smith Jr. vorgezogen. Der 2,13 große Finne spielt jedoch eine mehr als überzeugende Rookie-Saison und lässt damit auch für die Zukunft hoffen.

Mit einer Usage-Rate von 21,5 Prozent bei leicht unterdurchschnittlicher Effizienz (105er ORtg, 54% True Shooting) liegt er nahezu gleichauf mit den Werten von Ben Simmons, Donovan Mitchell oder Kyle Kuzma. Dabei fällt der Distanzwurf nach starkem Saisonstart inzwischen nicht mehr so zuverlässig, eine Dreierquote von knapp 35 Prozent bei sechs Versuchen pro Spiel lässt aber weiterhin darauf hoffen, dass Markkanen seinem Ruf als herausragender Schütze künftig gerecht werden kann. Außerdem konnte er auch die erhoffte Variabilität bereits unter Beweis stellen und ist nicht nur in Spot-ups, sondern auch nach Screens, Handoffs und vor allem im Pick-and-Pop gefährlich.

In der Defensive kann der Rookie zumindest als solider Rebounder überraschen (9 Rebounds pro 36 Minuten) und zeigt auf der Forward-Position das Potenzial, zeitweise auch die Dreierlinie verteidigen zu können. Obwohl er derzeit noch weder die offensive noch die defensive Effizienz des Teams in seiner Spielzeit positiv beeinflusst, können die Bulls den 20-Jährigen als wichtigen Teil des zukünftigen Teams einplanen.

Gleiches gilt wohl auch für Kris Dunn. Der inzwischen bereits 24-Jährige enttäuschte in seiner Rookie-Saison bei den Timberwolves insbesondere in der Offensive und gehörte zu den ineffizientesten und ineffektivsten Spielern der gesamten NBA (7,9 Punkte pro 36 Minuten bei einem ORtg von 90). Entsprechend wurde er im Rahmen des Butler-Trades kaum noch als relevantes Asset angesehen.

In dieser Saison bekam er in Chicago dennoch die Rolle als Point Guard in der Startformation anvertraut und konnte sich praktisch in allen Bereichen seines Spiels deutlich steigern. Pro 36 Minuten legt Dunn 16,5 Punkte, 7,3 Assists, 5,2 Rebounds und 2,5 Steals auf, die katastrophalen Wurfquoten von 38 Prozent aus dem Feld, 29 Prozent aus der Distanz und 61 Prozent von der Freiwurflinie stiegen 2017/18 immerhin auf 43/32/73. Die hervorragende Quote bei langen Zweiern (46% FG zwischen 16 ft. und der Dreierlinie) und die Tatsache, dass Dunn sich die meisten seiner Dreier selbst kreieren muss, bestätigen die positive Entwicklung des Sprungwurfs, auch wenn Dunn insgesamt noch immer sehr ineffizient ist (ORtg 96). Defensiv gehört er insbesondere on-ball dagegen schon jetzt zu den besseren Verteidigern auf den Guard-Positionen.

Zach LaVine knüpft seit seiner Rückkehr ins Team eher auf negative Weise an seine Leistungen aus Minnesota an. Seine Usage-Rate ist mit knapp 30 Prozent die höchste aller Bulls, das ORtg von 99 dafür katastrophal. Zumindest scheint die schwere Knieverletzung seine Explosivität nicht sonderlich vermindert zu haben. LaVine schließt so häufig wie noch nie in seiner Karriere am Ring ab (32% aller FGA), trifft dort aktuell mit nur 55 Prozent allerdings deutlich schlechter als im letzten Jahr.

Embed from Getty Images

Bobby Portis konnte sich nach seiner Auseinandersetzung mit dem inzwischen getradeten Nikola Mirotic wieder im Team etablieren. Als Combo-Big von der Bank überzeugt er dabei mit 13 Punkten und sieben Rebounds (in 22 Minuten), guter Effizienz (ORtg 110) und einem deutlich gestiegenen Dreiervolumen (3,1 Versuche pro Spiel, 35% Quote). Die übrigen jungen Spieler wie der Defensivspezialist David Nwaba, der mit 32 Millionen für vier Jahre klar überbezahlte Cristiano Felicio, Paul Zipser oder die enttäuschenden Guards Cameron Payne und Jerian Grant sind mittelfristig wohl höchstens Kandidaten für das Ende der Rotation.

Die Draft-Situation und der weitere Weg

Die Bulls brauchen also dringend mehr Talent und haben – abgesehen vielleicht von Markkanen – auf keiner Position Spieler, auf die sie bei der Draft Rücksicht nehmen müssten. Allerdings werden die bereits eingefahrenen Siege eine Chance auf Luka Doncic & Co. voraussichtlich verhindern. Mit etwas Glück könnte man in diesem Jahrgang wohl aber auch am Ende der Top-10 noch einen Spieler mit großem Potenzial abgreifen – sei es ein Defensivanker (z.B. Mo Bamba), ein Playmaker (z.B. Collin Sexton) oder ein variabler Flügelspieler (z.B. Mikal oder Miles Bridges). Dazu hat man mit dem Pick der New Orleans Pelicans voraussichtlich noch eine weitere Auswahlmöglichkeit in der Mitte der ersten Runde, der Zweitrundenpick der Bulls ist dagegen im Besitz der New York Knicks.

Im Sommer verschwindet endlich das restliche Gehalt von Dwyane Wade aus Chicagos Büchern. Insgesamt könnten dann bis zu 40 Millionen Dollar an Capspace zur Verfügung stehen, sollten die Bulls ihre Restricted Free Agents LaVine, Nwaba und Vonleh gehen lassen. Gerade LaVine wird vermutlich einen großen und langfristigen Vertrag anstreben, hat gleichzeitig aber noch nicht annähernd nachgewiesen, diesen auch Wert zu sein. Als dem Namen nach größter Gegenwert im Butler-Trade hat das Front Office allerdings bestimmt großes Interesse, den Guard nicht direkt wieder zu verlieren. Der Markt in diesem Sommer könnte den Bulls in die Hände spielen und LaVine dazu zwingen, einen teamfreundlichen Vertrag oder sogar seine Qualifying Offer zu unterschreiben.

Aufgrund des klaren Mangels an (Star-)Talent und der fehlenden Attraktivität für Free Agents sollte das Front Office den jungen Kader für die kommende Saison mit Veteranen mit kurzen Verträgen ergänzen und den jungen Spielern möglichst viel Raum zur Entwicklung geben. Die Bulls besitzen alle ihre künftigen Erstrundenpicks und könnten mindestens 2018/19 noch einmal um einen hohen Lottery-Pick mitspielen. Nach dieser Spielzeit endet der Vertrag von Robin Lopez (14,4 Millionen Dollar), es blieben nur die schlechten Verträge von Felicio (8,2 Millionen) und Ömer Asik (Spieleroption über 12 Millionen). Ob das Team zu diesem Zeitpunkt nicht nur finanziell sehr flexibel, sondern mit einem talentierten Kern um Markkanen & Co. auch wieder sportlich attraktiv sein kann, hängt wohl in besonderem Maße von der Draftentscheidung in diesem Sommer ab. Nach einigen viel kritisierten Trades, Picks und Verträgen ist der Druck auf das Management um Gar Forman und John Paxson groß.

  • 8
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

1 comment

  1. Benchplayer

    Die Bulls verlieren hoffentlich jetzt noch viele Spiele bis zum Saisonende. Ganz wichtig wären Niederlagen gegen Orlando, Charlotte und zweimal Brooklyn. Gerade Brooklyn könnte damit die Bulls noch überholen.

    Die Free Agency dürfte für die Bulls interessant werden, hoffentlich hauen sie keine überteuerten Verträge raus. So Verträge wie Wade brauchen die Bulls nicht mehr.
    Der Asik-Vertrag ist im letzten Jahr zum Glück nur mit 3 Mio garantiert, sodass die Bulls da auch ordentlich Capspace haben.

    Wenn das Front Office eine sehr gute FA abliefert und Dunn und Markkanen einen weiteren Entwicklungsschritt machen könnten nächstes Jahr schon die Playoffs drin sein. Nach dem katastrophalen Saisonstart von 3:20 stehen die Bulls seitdem bei einer Bilanz von 21:26. Soweit sind sie von einer 50%-Bilanz also gar nicht entfernt.

    Die Zukunft der Bulls sieht also auf dem ersten Blick gar nicht so schlecht aus. Nur bitte in diesem Sommer bloß keine überteuerten Verträge, damit würde man sich wieder die Zukunft verbauen.

  2. Julian Lage

    Damit es nicht untergeht, weil das Cross-Posting der Kommentare unter den Artikeln hier ins Forum irgendwie nicht geklappt hat…Von Benchplayer:

    Die Bulls verlieren hoffentlich jetzt noch viele Spiele bis zum Saisonende. Ganz wichtig wären Niederlagen gegen Orlando, Charlotte und zweimal Brooklyn. Gerade Brooklyn könnte damit die Bulls noch überholen.

    Die Free Agency dürfte für die Bulls interessant werden, hoffentlich hauen sie keine überteuerten Verträge raus. So Verträge wie Wade brauchen die Bulls nicht mehr.
    Der Asik-Vertrag ist im letzten Jahr zum Glück nur mit 3 Mio garantiert, sodass die Bulls da auch ordentlich Capspace haben.

    Wenn das Front Office eine sehr gute FA abliefert und Dunn und Markkanen einen weiteren Entwicklungsschritt machen könnten nächstes Jahr schon die Playoffs drin sein. Nach dem katastrophalen Saisonstart von 3:20 stehen die Bulls seitdem bei einer Bilanz von 21:26. Soweit sind sie von einer 50%-Bilanz also gar nicht entfernt.

    Die Zukunft der Bulls sieht also auf dem ersten Blick gar nicht so schlecht aus. Nur bitte in diesem Sommer bloß keine überteuerten Verträge, damit würde man sich wieder die Zukunft verbauen.

    Mein Kommentar dazu: Ich halte die 21:26-Bilanz für nicht gerade Aussagekräftig. Dafür war ja z.B. Mirotic noch teilweise an Bord, außerdem dürften viele Gegner die Bulls nicht so ernst genommen haben. Playoffs als Ziel halte ich beim Bulls-Management für absolut denkbar, aber einen eindeutigen Fehler, wenn man kein Talent auf Franchise-Player-Niveau hat.


Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben