Brooklyn Nets

Whats Next – Brooklyn Nets

Ein Licht am Ende des Tunnels?

Die Tanking Wars in der NBA sind spätestens seit dem Allstar-Break in vollem Gange. Derzeit „kämpfen“ acht Teams um die schlechteste Bilanz und die damit einhergehende höchste Wahrscheinlichkeit im kommenden Draft an #1 ziehen zu dürfen. Um diese sicherzustellen, überbieten (unterbieten?) sich die Teams gegenseitig mit immer skurrileren Starting- und Crunchtime-Lineups, und immer fadenscheinigeren Ausreden um ihre besten Spieler vom Court fernzuhalten.

Die einzige Franchise die nicht in dieses Muster passt, sind die Brooklyn Nets: Denn im Unterschied zu den anderen sieben Franchises verfügen diese nicht über ihren eigenen Erstrundenpick – dieser wandert als Spätfolge des Pierce-Garnett-Trades nach Boston, Massachusetts. Obwohl die Brooklyn Nets also eigentlich über keinerlei Grund verfügen, derart schlecht zu sein, sind sie es. Und dies nicht nur in dieser Saison: In keiner der letzten 3 Jahre besaß die Franchise ihren eigenen Firstround-Pick, dennoch weist Brooklyn über diesen Zeitraum die geringste Winning Percentage (36.4%) in der Association auf.

Diese Bilanz ist zweifelsohne wenig schmeichelhaft für General Manager Sean Marks, der diesen Posten vor gut zwei Jahren übernahm. Dennoch sollte man diese nicht gegen ihn verwenden.

Die letzten Jahre

Grund hierfür ist der Scherbenhaufen, den Marks bei seiner Ankunft vorfand: Sein Vorgänger, Billy King hatte mit einer Reihe riskanter Win-Now-Moves versucht, die Fieberträume von Owner Mikhail Prokhorov zu realisieren und die Brooklyn Nets aus dem Stand heraus als Contender zu etablieren. Nachdem dies spektakulär scheiterte (mit einer 44:38-Bilanz und einem Trip in die EC-Semi-Finals 13/14 als sportlichem Höhepunkt), hinterließ King seinem Nachfolger nicht nur ein überaltertes, dysfunktionales Roster und eine kritische Capsituation, sondern auch eine Organisation ohne nennenswertes Draftkapital in der näheren Zukunft.

Als dementsprechend hart erwiesen sich die letzten Jahre für die Franchise, zumal Marks den überfälligen Rebuild kompromisslos anging: Seine erste Amtshandlung, die Entlassung von Veteran Guard Joe Johnson, zu diesem Zeitpunkt immerhin Starter und teaminterner MpG-Leader, stand dabei exemplarisch für den Kurs des Rookie-GMs: Altlasten wurden beseitigt, Veterans mit Tradewert, wie Thad Young, Bojan Bogdanovic oder Brook Lopez im Tausch für Prospects oder Draftpicks abgegeben. Der so geschaffene Capspace befähigte die Nets zudem, schlechte Verträge anderer Teams aufzunehmen (DeMarre Carroll, Timofey Mozgov) und im Gegenzug weitere Assets zu akquirieren.

So konnte Marks nicht nur das infolge des Pierce-Garnett-Trades nahezu aufgebrauchte Draftkapital der Nets aufstocken, darüber hinaus gelang es ihm, diese Picks tatsächlich auch in vielversprechende Prospects (Caris LeVert mit dem 20. Pick 2016, Jarrett Allen mit dem 22. Pick 2017) umzusetzen. Auch in der Free Agency bewies das Front Office ein gutes Auge für noch unentdecktes Talent: Spieler wie Joe Harris, Sean Kilpatrick (mittlerweile bei den Clippers) und Spencer Dinwiddie, zuvor von anderen Teams entlassen, entwickelten sich in Brooklyn zu soliden NBA-Spielern.

Daneben setzte man in der Free Agency vor allem auf günstige Veteranen, die, sobald sie sich in Brooklyn einen Tradewert erspielten, weitergetradet wurden. Als Paradebeispiele sind hier Tyler Zeller und Trevor Booker zu nennen: Jeweils zu Konditionen nahe am Veteran Minimum verpflichtet, konnten beide bei den Nets innerhalb ihrer Rolle überzeugten und wurden daraufhin gegen Prospects oder Picks zu Playoff-Teams getradet. Auf spektakuläre Free Agent-Signings verzichtete das Marks-Regime dagegen, die Verpflichtung von Jeremy Lin 2016, die sich verletzungsbedingt bisher nicht auszahlte, ausgenommen.

Als seinen neuen Headcoach installierte Marks, nachdem Coach Lionel Hollins gemeinsam mit Billy King im Januar 2016 entlassen wurde und Tony Brown das Team bis Saisonende als Interimscoach betreute, in der Offseason 16/17 Kenny Atkinson, zu diesem noch Zeitpunkt Mike Budenholzers Assistant Coach bei den Atlanta Hawks.

Die aktuelle Saison

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden die Brooklyn Nets die aktuelle Saison mit der höchsten Win-Percentage seit Beginn des Rebuilds vor 3 Jahren abschließen. Abgesehen davon, dass dieser Fakt wahrscheinlich mehr über die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Roster in den letzten Jahren als über die Qualität des derzeitigen aussagt, ist angesichts des bisherigen Saisonverlaufs dennoch eine gewisse Enttäuschung in Brooklyn zu verspüren. Vor der Saison von ESPNs Kevin Pelton auf 29,5 Siege geschätzt, war die Zuversicht, diese Prognose überbieten zu können, aufgrund der Akquirierung von etablierten NBA-Spielern wie DeMarre Carroll und Allen Crabe im Zuge von Salary-Dumb-Trades groß. Stattdessen stehen die Nets aktuell, 14 Spiele vor Ende der Regular Season, bei einer 21:47-Bilanz. Verletzungen von Schlüsselspielern wie Jeremy Lin, Rondae Hollis-Jefferson, Caris LeVert und DeAngelo Russell trugen ihren Teil dazu bei, dass man sich nicht von der Tanking Brigade absetzen konnte.

Auch wenn sich das Front Office in dieser Saison vielleicht einen größeren sportlichen Fortschritt erhofft hätte, lag die Priorität auch in dieser Saison ohnehin in erster Linie auf der Spielerentwicklung. Hier sind besonders die bereits angesprochenen Joe Harris, der als Sharpshooter (40.4 3P% bei 4.6 Attempts/Game) eine gefragte Nische bedient, und Spencer Dinwiddie, der sich in Abwesenheit von Lin und Russell als Starter etablieren konnte, positiv hervorzuheben. Auch Caris LeVert machte – obwohl sich sein Verletzungspech fortsetzte – in seiner zweiten Saison Fortschritte. Hier ist besonders die Playmaking-Ability des Zweitjahresprofis zu nennen (7,3 Assists/100 Possessions, 10th most/Wings). Überdies entwickelte er eine gute On-Court-Chemistry mit Jarett Allen. Der Rookie, an 22. Stelle des diesjährigen Drafts gepickt, muss mittlerweile als klarer Steal angesehen werden, und stellt zweifelsohne das vielversprechendste Talent im aktuellen Roster der Nets dar. Diesen Lichtblicken stehen mit D’Angelo Russell, Jahlil Okafor und Nik Stauskas ehemalige Lotterypicks gegenüber, die, nachdem sie bei ihren vorherigen Stationen den hohen Erwartungen nicht gerecht werden konnten, per Trade nach Brooklyn kamen und von denen man sich eine Renaissance erhoffte. Diese ist bisher nicht eingetreten. Russell spielt, seitdem er von seiner Verletzung zurückgekehrt ist, balldominant (30.2 USG% (NBA.com), 11th/NBA) und trifft dabei unterdurchschnittlich (47,8 TS%), während weder Okafor noch Stauskas fester Bestandteil der Rotation sind. Die Wette auf eine positive Entwicklung von Okafor, Stauskas und Russell stellte ein Risiko dar, das bisher nicht aufgegangen ist. Dennoch war es eines, dass es angesichts des Potentials der ehemaligen Lottery-Picks und des jeweils verhältnismäßig geringen Einsatzes wert war einzugehen.

Aussichten 

Mit Jarrett Allen, Caris LeVert, und Rondae Hollis-Jefferson – mittlerweile der ältestgediente Spieler im Roster der Nets – sowie, abhängig von deren weiteren Entwicklung, Spencer Dinwiddie und D’Angelo Russell, können die Nets als Ertrag der ansonsten vergessenswerten letzten Saisons auf ein Grundgerüst von jungen Spielern blicken, die auch über den Rebuild hinaus eine Zukunft in Brooklyn haben sollten. Das ist mehr, als man angesichts der desaströsen Situation der Franchise im allgemeinen, sowie des eklatanten Mangels an Draftkapital im besonderen, vor drei Jahren erwarten konnte. Zu verdanken ist dies in erster Linie General Manager Sean Marks: Auch wenn bisher nicht jeder seiner Moves aufgegangen ist – in seinen gut zwei Jahren im Amt konnte er zweifelsohne seine Eignung für diesen Job nachweisen.

Auch Coach Atkinson hat sich mindestens einen Vertrauensvorschuss verdient. Seine bisherige Amtszeit, in der er mit hoher Fluktuation sowie überwiegend geringer individueller sportlicher Qualität innerhalb des Rosters konfrontiert war, gab zumindest einen Vorgeschmack auf den Spielstil, den Atkinson sich vorstellt: Seine bisherigen Teams spielten schnell – 17/16 mit im Schnitt 103.58 Possessions, 17/18  mit 101.02 Possessions pro Spiel, der höchste, respektive siebthöchste Wert in der Association – und zeigten sich wurffreudig von Downtown (16/17 31.6 3PA/Game, 17/18 35.1 3PA/Game, und damit die viert- bzw. zweitmeisten in der NBA).

Wenn der Dreier in den den nächsten Jahren mit höherer individueller Qualität im Roster hochprozentiger fällt als in den bisherigen Saisons (16/17 33.8 3P%, 17/18 34.9 3P%), sollte dieser Spielstil hervorragend in die Space & Pace-Ära der NBA passen. Ansätze davon sind bereits in dieser Saison erkennbar:

Die zwei wichtigsten Posten innerhalb der Franchise sind also von Personen besetzt, die nicht nur qualifiziert sind, sondern auch auch an einem Strang ziehen. Damit sollten die Brooklyn Nets für die Zukunft personell gut aufgestellt sein –  ein Vorteil, den andere gegenwärtige Bottom-Feeder in der NBA nicht besitzen.

Als Folge der Salary-Dump-Trades, in denen die Nets die Verträge von Mozgov, Carroll und Allen Crabbe aufnahmen, wird die Franchise in den nächsten Offseasons über keinen signifikanten Capspace verfügen. Diese Zeit sollte die Franchise nutzen, um die jungen Spieler im Roster weiterzuentwickeln, und über den Draft – im nächsten Jahr verfügen die Nets das erste Mal seit 2011 wieder über ihren eigenen Erstrundenpick – weiteres Talent zu akquirieren. Auf diesem Weg sollten die Nets spätestens 2020, dem Jahr in dem die Verträge von Mozgov und Crabbe aus den Büchern sind, über ein wettbewerbsfähiges Team verfügen, das in der Free Agency weiter verstärkt werden kann.

Die oben geschilderte Timeline ist sicherlich kein Grund zur Euphorie für Brooklyn-Fans. Dennoch bietet sie etwas, dass die Franchise in den letzten Jahren nicht hatte: Eine Perspektive, ein Lichtblick des Ende des Tunnels. Nach Jahren der Niederlagen und Frustration verfolgt Brooklyn unter General Manager Sean Marks einen klaren, zukunftsorientierten Kurs; wenn dieser beibehalten wird, sollte die Talsohle des Rebuilds nach dieser Saison durchschritten sein.

 

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