Memphis Grizzlies

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Wie können die Grizzlies mit ihrer überraschend schlechten Saison umgehen?

Wie schon öfter in den letzten Jahren nutzen wir die Zeit zwischen Trade Deadline und Playoffs für einen Blick auf die Lottery-Franchises. In den nächsten Wochen werden wir die interessantesten Teams und ihre Aussichten analysieren.

März 2018: Nachdem sie die letzten sieben Jahre die Playoffs erreicht hatten, stehen die Grizzlies auf dem letzten Platz. Nicht auf dem letzten Playoff-Platz, nicht nur auf dem letzten Platz im Westen, sondern ligaweit. Vor Saisonbeginn hätte einen solchen Absturz niemand vorhergesagt, auch wir rechneten zumindest mit einer annähernd ausgeglichenen Bilanz. Diese Prognosen konnten natürlich nicht miteinbeziehen, dass in Mike Conley einer der beiden mit Abstand wichtigsten Spieler des Teams praktisch die ganze Saison ausfällt. Mit ihrem Star-Playmaker standen die Grizzlies zu Saisonbeginn bei mehr als brauchbaren 7-5, obwohl in JaMychal Green ein weiterer Schlüsselspieler länger verletzt war. Damit deutet sich schon das Hauptproblem des Teams in den letzten Jahren an: Ständige verletzungsbedingte Ausfälle standen größeren sportlichen Erfolgen im Weg. Während das Team in den letzten Jahren zumindest immer noch gut genug für die Postseason blieb, reichte es dieses Jahr offensichtlich nicht mehr. Umso interessanter ist es, die Entwicklung bis zu diesem Punkt und schließlich die möglichen Optionen für die Zukunft zu analysieren.

Die letzten Jahre

Fast schon so sehr wie Grit and Grind prägten Verletzungen die Grizzlies seit ihrem Aufstieg zum seriösen Playoffteam: 2010/11 gewannen sie erstmals in der Franchise-Geschichte eine Playoffserie – Rudy Gay musste allerdings von der Bank zusehen. In den folgenden Jahren fielen gerade in Schlüsselpartien immer wieder Marc Gasol, Zach Randolph, Tony Allen oder Conley aus. Beide Guards waren beispielsweise im Conference-Halbfinale gegen die Warriors 2015 angeschlagen und konnten nicht alle Spiele absolvieren. Zudem verhinderte die Kombination aus teuren Verträgen und damit zusammenhängenden Management-Fehlentscheidungen wie dem Abgeben eines Picks für einen minimalen Salary-Drop nur Wochen vor dem Rudy Gay-Trade den Schritt zum echten Contender unter Lionel Hollins und Dave Joerger.

Mit der Verpflichtung von David Fizdale im Sommer 2016 hoffte das dank John Hollinger durchaus analytisch geprägte Management der Grizzlies eine neue Ära einzuläuten. Insbesondere der Schritt hinter die Dreipunktlinie versprach dem Team eine neue Richtung. Tatsächlich fügte Marc Gasol in der folgenden Saison den Distanzwurf seinem Spiel hinzu; JaMychal Green als Stretch Big verdrängte Randolph aus der Starting Five. Allerdings konnte die teuerste Neuverpflichtung praktisch nichts zu diesem Trend beitragen: Chandler Parsons absolvierte gerade 34 Spiele, in denen er keine 27 Prozent aus der Distanz traf. Für insgesamt gut 94 Millionen Dollar über 4 Jahre keine zufriedenstellende Leistung – zumal Memphis durch Parsons Vertrag und die Rekord-Verlängerung mit Conley (152 Mio. $) mal wieder an der Tiefe sparen mussten. Entsprechend stand beispielsweise Rookie Andrew Harrison fast 1500 Minuten auf dem Feld, obwohl er ein ORtg von gerade einmal 100 erreichte. Damit übertraf er allerdings immer noch Parsons und einige andere junge Spieler wie Erstrundenpick Wade Baldwin. Dass es trotz dieser Probleme für die Playoffs reichte, war guten Leistungen des langjährigen Kerns und des 40-Jährigen Vince Carter zu verdanken. Zusätzlich brauchte das Team jedoch historisch gute Clutch-Performances – beides Faktoren, die nicht unbedingt für Zukunftstauglichkeit sprachen.

Die laufende Saison

In der vergangenen Offseason versuchten die Grizzlies daher, ihre Modernisierung fortzusetzen. Randolph, Carter und Allen wurden nicht gehalten, stattdessen nutzten sie ihre Exceptions zur Verpflichtung von Ben McLemore (2 Jahre, 10,6 Mio $) und Tyreke Evans (1 Jahr der Bianual Exception). Nach langem Abwarten unterschrieb schließlich auch Green einen neuen Zweijahresvertrag über gut 16 Millionen Dollar. Ansonsten sollten Minimum-Verpflichtungen wie Mario Chalmers und Zweitrundenpick Dillon Brooks die Lücken füllen.

Wie angesprochen sah dieser Kader in den ersten Spielen recht vielversprechend aus. Mit einem fitten Mike Conley und ohne andere schwerwiegendere Verletzungen erschien eine erneute Playoffteilnahme zu diesem Zeitpunkt absolut denkbar. Das wirkt rückblickend vielleicht unrealistisch für ein so schlechtes Team, schließlich dürfte Conley nicht alleine 25 Siege ausmachen. Allerdings zeigte die Grizzlies nach dem Ausfall ihres Spitzenspielers schnell, dass ihre Gewinnambitionen sich in Grenzen hielten. Gasol äußerte öffentlich seinen Unmut, was wohl den entscheidenden Anstoß zur Entlassung Fizdales darstellte.

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Trotzdem verzichtete Memphis auf größere Veränderungen: Ein möglicher Trade Gasols wurde allem Anschein nach gar nicht erst diskutiert; die Langzeitpatienten Parsons und Conley sind zurzeit ohnehin nicht abzugeben. Zur Deadline wurde nur James Ennis für einen Zweitrundenpick nach Detroit geschickt und mit Brandan Wright ein Buyout vereinbart. Der überraschend gut aufspielende Tyreke Evans blieb dagegen in Memphis, obwohl Gerüchten zufolge zahlreiche Teams Interesse anmeldeten. Bei einem auslaufenden Vertrag in einer sportlich verlorenen Saison erscheint diese Entscheidung fragwürdig. Allerdings wäre die Alternative vermutlich ein relativ geringer Gegenwert gewesen, da kein Interessent den geforderten Erstrundenpick abzugeben bereit war.

Die Bedingungen

Angesichts der bescheidenen Asset-Situation der Grizzlies wären möglicherweise auch Zweitrundenpicks viel wert gewesen. Von allen aktuell in der Lottery stehenden Franchises weisen sie die wohl wenigsten Talente auf: Der letzte Erstrundenpick Wade Baldwin wurde im Herbst nach nur gut einem Jahr schon wieder entlassen. Ansonsten stehen in der Altersgruppe unter 25 nur ungedraftete Spieler und Zweitrundenpicks wie Dillon Brooks, Deyonta Davis und Ivan Rabb im Kader. Einzige Ausnahme ist der ehemalige Lottery-Pick Ben McLemore, der allerdings die Chance auf Minuten in einem dezimierten Kader kaum nutzt und ein Offensivrating von gerade einmal 98 erreicht.

Noch schwerwiegender als das überschaubare Potential des aktuellen Kaders ist die Lage bei dem eigenen Erstrundenpick: Die Grizzlies müssen in den nächsten Jahren den 2015 für Jeff Green eingesetzten Pick nach Boston schicken, was den Handlungsspielraum des Managements stark einschränkt. Zwar ist der Pick 2019 für 1-8 und im folgenden Jahr noch für die Positionen 1-6 geschützt, aber spätestens 2021 erhalten die Celtics den Pick. Wie schwerwiegend unprotected abgegebenene Draftrechte sind, demonstrieren die Nets seit einigen Jahren. Bei Memphis ist es zwar immerhin nur ein Pick, die schwache Protection sorgt aber trotzdem für Unsicherheit. Gerade die ab kommender Saison veränderten Lottery-Wahrscheinlichkeiten erhöhen die Gefahr, dass schlechte Teams in der Reihenfolge abrutschen.

Die Aussichten

Nicht nur aus diesem Grund dürfte ein Trade der beiden Stars vorerst wenig attraktiv sein. Ohnehin ist für einen mittlerweile 33-jährigen Marc Gasol und einen wiederholt verletzten, extrem teuren Mike Conley kein berauschender Gegenwert zu erwarten. Parsons Vertrag würde in einem Lottery-Team ebenfalls nicht an Wert gewinnen. Daher liegt es für die Grizzlies nahe, die schlechte laufende Saison als einmalige Folge von Conleys Verletzung zu verbuchen und 2018/19 wieder die Playoffs in den Blick zu nehmen. Immerhin war das Jahr nicht komplett verloren: Falls sie die schlechteste Bilanz behalten – 17 Niederlagen in Folge sprechen dafür –, dürfen sie mindestens in der Top 4 draften. Dieser Talent-Boost in einem vielversprechenden Draftjahrgang ist wie beschrieben bitter nötig.

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Allerdings weist ein hoher Pick in für ein ambitioniertes Team seine Tücken auf. Zuerst müssten sich die Grizzlies die Frage stellen, welche qualitativen Zugeständnisse sie für einen besseren positionellen Fit zu machen bereit wären. Konkret: Sollte man einen Wing einem möglicherweise talentierteren Center oder Playmaker vorziehen, weil letztere nicht neben Gasol und Conley passen würden? Außerdem: Wie wichtig ist es, dass der Draftee in seiner ersten Saison schon Einfluss auf das Spiel nehmen kann? Im Zweifel könnte Memphis vielleicht nur einen guten Rollenspieler statt des erhofften Franchise Players erhalten, wenn sie kurzfristige Faktoren dem langfristigen Potential vorziehen. Umgekehrt droht bei einem High Risk-High Reward-Draftee jedoch, dass er in einem Win Now-Team untergeht und kaum Spielanteile erhält. Im Fall des Euroleague-erfahrenen Luka Doncic müsste man sich vermutlich die wenigsten Sorgen machen, gerade die verschiedenen in der Top 10 gehandelten Freshman-Bigs stellen jedoch potentiell ein Risiko dar. Sollten die Grizzlies daher den kommende Saison bereits 22 Jahre alten Mikal Bridges in Erwägung ziehen, auch wenn er etwa mit dem 4. Pick einen Reach darstellen würde? Solche Überlegungen verkomplizieren die Entscheidung der Grizzlies verglichen mit einem klassischen Rebuild-Team erheblich.

Fazit

Für die Grizzlies werden sich im kommenden Draft die Weichen für die nächsten Jahre stellen. Optimisten können auf eine Situation ähnlich wie bei Tim Duncan und den Spurs hoffen: Jetzt einen Spieler zu draften, der dem Team sofort weiterhilft und mittelfristig das Zepter übernimmt. Doncic verspricht klar die besten Aussichten auf dieses Szenario. Im schlechtesten Fall könnte Memphis jedoch auch an der Balance zwischen Playoffambitionen und Rebuild scheitern, kommende Saison gerade außerhalb der Protection des eigenen Picks landen und dann praktisch ohne Talente mit extrem teuren, alternden Stars im Kader verbleiben. Falls dieses Risiko zu groß erscheint, wäre immer noch ein Trade von Gasol und eventuell auch Conley denkbar. Für diese Variante wäre allerdings ein extrem gutes Angebot nötig, um die Grizzlies vor einer längeren Durststrecke zu bewahren.

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2 comments

  1. Coach K

    Klasse Artikel der die Situation gut deutlich macht, ich bin gespannt ob Dillon Brooks einer für die Zukunft des Teams ist. Als Second Round Pick spielt er ganz gut.

    9.8 Punkte bei 37% 3er Quote obwohl es nicht wirklich eine gute Struktur im Team gibt durch die Ausfälle. Ich würde es Ihm und den Grizzlys wünschen.

  2. Julian Lage

    |Author

    Danke, zu Brooks hätte ich vielleicht etwas mehr schreiben können, war ja z.B. im Rookie-Sophomore-Game. Vielleicht nicht unbedingt verdient, aber egal… Genau wie bei Andrew Harrison könnte ich mir vorstellen, dass er zumindest ein brauchbarer Rollenspieler wird. 6-6-Spieler mit Wurf kann man nie genug haben, Harrison bringt noch Playmaking mit, Brooks ist dafür sonst etwas vielseitiger.
    Aber sie sind eben schon 22 bzw. 23, also würde ich ihr Celing nicht zu hoch ansetzen. Das bedeutet, die Perspektive der Grizzlies dürfte durch ihre Entwicklung nicht so stark ändern. Wobei in den letzten Jahren ein paar günstige, gute Rollenspieler möglicherweise ne gewonnene Playoffrunde mehr oder ein paar Fehlinvestitionen weniger bedeutet hätten.


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