3-on-1 Fastbreak, Detroit Pistons, Indiana Pacers, NBA, Toronto Raptors

Wer sind die Kandidaten für den MIP-Award?

3-on-1 Fast Break: Midseason-Award-Favoriten, Teil 3

Etwa die Hälfte der Regular Season in der NBA ist vorbei. Es zeichnet sich bereits recht deutlich ab, welche Teams schon für die Playoffs planen können, wo es vermutlich nur noch um Spielerentwicklung und Picks geht oder bei welchen Teams noch zwischen Platz 5 und 12 alles denkbar ist. Aber auch die Spieler können sich schon langsam Gedanken machen, wie es mit individuellen Auszeichnungen aussieht. Heute diskutieren wir die Kandidaten für den Most Improved Player Award, der in den letzten Jahren zu einem „hat den Schritt zum (Borderline-)Allstar gemacht“-Award wurde. Nachdem 2010 beziehungsweise 2012 noch in Aaron Brooks und Ryan Anderson zwei Rollenspieler gewannen, kamen seitdem anscheinend nur noch die Top-2-Spieler ihrer jeweiligen Teams in Frage: Auf Paul George, Goran Dragic, Jimmy Butler, C.J. McCollum und Giannis Antetokounmpo trifft das genauso zu wie unsere Kandidaten. Oder kann vielleicht dieses Jahr das Muster der vergangenen Saison durchbrochen werden?

Julian Lage: Hätte man vor einem Jahr gefragt, welche Schwachpunkte Andre Drummond in seinem Spiel beheben muss, wäre die Antwort wahrscheinlich recht deutlich ausgefallen: Er traf seine Freiwürfe miserabel (38,6%), war offensiv ineffizient (ORtg 104) und ein weitgehend eindimensionaler Spieler, der lediglich von seinen exzellenten physischen Voraussetzungen profitiert. Diese Widersprüchlichkeit hatte ihn seit dem Draft begleitet: Aufgrund seiner diversen Fragezeichen bis zum 9. Pick gefallen, konnte er in seinen ersten Jahren aufgrund seiner Athletik positiv überraschen – obwohl die Pistons kaum Spacing aufs Parkett brachten. 2015/16 erlangte er sogar eine Allstar-Nominierung und führte sein Team gemeinsam mit Reggie Jackson in die Playoffs. Allerdings hatten die größere Rolle und vielleicht auch die Maximum-Verlängerung keinen guten Einfluss auf seine Wurfauswahl, so dass er in der letzten Saison als einer der Gründe für das schlechte Abschneiden der Pistons ausgemacht wurde.

Diese Saison lässt Drummond jedoch auf allen Problemfeldern eine klare Verbesserung erkennen, die ihm seriöse Chancen auf den MIP-Award einräumen sollten. Die vielleicht am wenigsten überraschende Entwicklung ist seine gesteigerte Effizienz. Dass ein Spieler mit seiner athletischen Dominanz effizient am Ring abschließen können sollte, dürfte niemand in Frage stellen. In den letzten Jahren nahm Drummond jedoch vergleichsweise viele Würfe von außerhalb der Restricted Area – in der vergangenen Saison etwa knapp 50% aus dem Bereich von 3-16 Feet. Dass er davon letztes Jahr knapp 40% traf und dieses Jahr unter 30, stellt deswegen im Endeffekt keine Verschlechterung dar, weil er zum Ausgleich den Anteil dieser Würfe fast halbiert hat. Stattdessen schließt Drummond wieder deutlich öfter direkt am Korb ab, über 70% seiner Würfe in dieser Zone sind der höchste Wert seit seiner Sophomore-Saison. Die war wenig überraschend die bisher letzte, in der Drummond eine klar überdurchschnittliche Effizienz (115 ORtg) aufwies. Erst dieses Jahr konnte er mit einem Offensivrating von 115 wieder an seine frühere Quote Anschluss finden.

Dass Drummond wieder näher am Korb agiert, dürfte auch mit seinem gesteigerten Selbstvertrauen von der Linie zusammenhängen. Ohne dass es sich zuvor abgezeichnet hätte, trifft er diese Saison mit 62% zumindest akzeptabel. Für einen der schlechtesten Freiwurfschützen der Ligageschichte wäre allein diese Entwicklung fast einen Award wert. Bei mittlerweile deutlich über 100 getroffenen Freiwürfen muss man nicht mehr davon ausgehen, dass es sich um Zufall handelt. Falls Drummond seine Quote über der Effizienz normaler Possessions (entspräche ca. 55%-60% Freiwurfquote) hält, wird er in Zukunft ohne größere Probleme in der Crunch Time auf dem Parkett bleiben können – bisher ein großes Manko, das seinen Nutzen stark limitierte. Außerdem trägt die bessere Freiwurfquote natürlich zur Effizienz bei, so dass die beiden bisher angeführten Aspekte doppelt verbunden sind.

Zudem entwickelte sich Drummond noch in einem Punkt weiter, mit dem wohl noch weniger zu rechnen war als mit einer besseren Quote von der Linie: Er agiert mittlerweile ziemlich überzeugend als sekundärer Playmaker. Die 1,1 Assists der Vorsaison stellten bereits einen Karrierebestwert dar, zuvor konnte Drummond nicht mal eine Vorlage pro Partie verbuchen. Diese Saison sprang die Zahl der Assists jedoch auf fast 4 (!), was Drummond zwar nicht ganz auf das Niveau von Al Horford, Demarcus Cousins und Nikola Jokic (je ca. 5) befördert. Allerdings steht er unter allen offiziell als Center geführten Spielern auf Rang fünf in Assists pro Spiel, fast gleichauf mit dem für seine Spielmacher-Fähigkeiten deutlich bekannteren Marc Gasol. Teamintern nimmt Drummond hinter den beiden Playmakern Reggie Jackson und Ish Smith Platz drei ein. Durch Jacksons Verletzung und die eher eindimensionale Offense von Topscorer Tobias Harris weist diese Entwicklung Drummonds noch zusätzliche Bedeutung auf.

Ob Drummonds Fortschritte auf den drei wohl wichtigsten Feldern wirklich für den Award reichen, ist zu bezweifeln. Zum einen waren Drummonds Schwächen in den letzten Jahren kaum Thema, so dass jetzt für die Verbesserungen das gleiche gilt. Außerdem fliegen die Pistons dieses Jahr generell unter dem Radar: Nach einem guten Start jetzt – auch durch Verletzungen – im Niemandsland der Eastern Conference angekommen interessieren sich nicht einmal die eigenen Fans wirklich für das Team. Trotz neuer Arena im Zentrum Detroits weist die Franchise die drittschlechtesten Zuschauerzahlen auf, unterboten nur von den in dieser Hinsicht notorisch schwachen Hawks und Pelicans. Drummond fehlt daher die für die MIP-Auszeichnung nötige Aufmerksamkeit, obwohl er mit seiner Entwicklung den Award durchaus verdient hätte.

Simon Haux: Wie Drummonds Detroit Pistons gehören auch die Indiana Pacers zu den grauen Mäusen der NBA. Das Team, das sich in der vergangenen Spielzeit in letzter Sekunde den Einzug in die Playoffs und damit das Recht erkämpft hatte, sich beim Sweep in Runde eins vom späteren Finalisten aus Cleveland eine Lehrstunde erteilen zu lassen, verlor im Sommer seinen einzigen Star. Der abwanderungswillige Paul George wurde nach Oklahoma City verschifft, im Gegenzug kamen der Rookie Domantas Sabonis und Victor Oladipo nach Indianapolis. Ohne den dreifachen All-Star George sahen die Pacers wie ein sicherer Kandidat für einen hohen Lottery-Pick aus. In unserer Preview trauten wir dem Team von Head Coach Nate McMillan kaum mehr als 30 Siege zu, auch die statistischen Modelle von FiveThirtyEight und ESPNs Kevin Pelton sahen die Pacers klar außerhalb der Playoff-Ränge. Zu allem Überfluss verpasste Hoffnungsträger Myles Turner verletzungsbedingt rund ein Drittel der bisherigen Spiele und scheint in seiner Entwicklung aktuell eher zu stagnieren.

Dass Indiana mit einer Bilanz von 26-22 trotz allem eines der Überraschungsteams der Liga ist, liegt nicht zuletzt an Neuzugang Oladipo. Nach einem enttäuschenden Jahr im Schatten von MVP Russell Westbrook schnellten die Zahlen des 25-Jährigen in nahezu allen Kategorien nach oben. Schon ein Blick auf die simplen Statistiken pro 36 Minuten macht ihn zu einem prototypischen Kandidaten für die Auszeichnung als MIP: 25,4 Punkte (nach 17,3 in der vergangenen Spielzeit), 5,5 Rebounds (4,7), 2,1 Steals (1,3) und 0,9 Blocks (0,3) sind allesamt Karrierebestwerte, die 4,2 Assists (2,9) zumindest eine deutliche Steigerung im Vergleich zur letzten Saison. Diese Werte zeugen aber nicht nur von der gewachsenen Rolle in einem schlechteren Team. Trotz seiner enormen Verantwortung (30,3 USG% und 19,6 AST%) ist Oladipo so effizient wie noch nie in seiner Karriere.

Schon das unterdurchschnittliche ORtg von 106 war 2016-17 ein Career-High, in der laufenden Saison gehört er mit einem Wert von 112 zur offensiven Elite der Liga. Als Scorer konnte sich Oladipo in nahezu allen Bereichen deutlich verbessern. Am Ring schließt er für einen Guard hervorragende 67 Prozent seiner Versuche erfolgreich ab und findet endlich auch wieder häufiger den Weg an die Freiwurflinie (29,1% FTr im Vergleich zu 16,5% in OKC). Besonders fällt jedoch die positive Entwicklung aus der Distanz auf. Erstmals in Oladipos Karriere fällt der Dreier konstant, von über sechs Versuchen pro Spiel finden bislang 40,1 Prozent den Weg durch den Ring. Dabei muss er sich als erste Offensivoption einen Großteil dieser Würfe selbst kreieren. Ging in Oklahoma noch fast 90 Prozent von Oladipos Distanzwürfen ein Assist voraus, sind es bei den Pacers nur noch 53 Prozent, nur jeder zehnte Dreierversuch kommt aus den Ecken (2016/17: 30,7%).

An beiden Enden des Feldes scheint Oladipo einen enormen Einfluss zu haben. Mit dem ehemaligen Indiana Hoosier lässt die Verteidigung der Pacers gerade einmal 104,9 Punkte pro 100 Ballbesitzen zu, obwohl er einen Großteil seiner Minuten an der Seite der defensivschwachen Bojan Bogdanovic und Domantas Sabonis spielt. Ohne Oladipo liegt das DRtg des Teams dagegen bei 116,8, das NetRtg stürzt von +7,7 auf -9,6 ab. Entsprechend gut sehen auch seine (wie immer mit Vorsicht zu genießenden) individuellen Defensivstatistiken aus – auf dem Flügel weisen aktuell nur Andre Roberson, Luc Mbah a Moute, Kyle Anderson und Robert Covington ein höheres Defensive RPM auf. So könnte Victor Oladipo die Pacers entgegen aller Erwartungen zu einer besseren Bilanz führen, als es seinem Vorgänger Paul George in der letzten Saison gelang. Aktuell ist Indiana auf dem Weg zu 43 Siegen, Platz sechs in der Eastern Conference und vielleicht sogar einem erneuten Playoff-Duell mit den Cavaliers.

 

Philipp Rück: Es soll jetzt für einen Spieler argumentiert werden, der hinsichtlich seiner Verbesserungen so etwas wie einen prototypischen Go-to-Guys-Kandidaten darstellt. DeMar DeRozan hatte innerhalb der Redaktion nicht viele Anhänger, weil seine Schwächen weniger mit Skills zu tun hatten, sondern eher mit den Entscheidungen, die er auf dem Basketballfeld trifft.

Teambuilding um ihn herum wurde stets als Schwierigkeit angesehen, da seine Fähigkeiten bis vor dieser Saison nur dafür gedacht waren, als primärer Ballhandler zu funktionieren. In dieser Funktion war er mit seinem hohen Volumen zum einen nicht effizient genug und zum anderen war er in seinem Team womöglich nicht einmal der beste Spieler für diese Rolle. Dies lag zumeist an seiner Wurfauswahl, die von der „Analytics“-Bewegung als nicht mehr zeitgemäß und ineffizient kritisiert wurde. So erzielte er zwar im letzten Jahr 27,3 Punkte pro Spiel bei einem ORtg von 113 (Usage: 34%), aber die Probleme in seinem Spiel wurden immer in den Playoffs offensichtlich, wenn gegnerische Verteidigungen Lücken im Spiel der Raptors ausfindig machen wollten. DeRozan nahm noch im vergangenen Jahr 31 % (!) seiner Würfe zwischen 16 Fuß und der Dreierlinie, dem Bereich der ineffizientesten Würfe im Basketball, und versuchte fast keine Dreier (nur 8 % seiner Würfe). Dieser fehlende Dreier war auch der Grund, warum man ihn off ball kaum einsetzen konnte, da er so das Spacing des Teams beschnitt. Teams, die die Raptors gezielt stoppen wollten, passten ihre Defense so an, dass man DeRozan die Abschlüsse am Ring nahm und nicht auf seine Pump Fakes aus der Midrange hereinfiel. Dadurch blieb ihm oft nur der dieser lange Zweier, den er aber nicht ausreichend gut traf (nur 38,4 %).

Ähnlich wie die Raptors als Team ihr Spiel umgestellt haben, so sieht man vor allem bei DeRozan klare Veränderungen, die sein Spiel nur noch besser gemacht haben. Seine Wurfversuche aus der langen Midrange (von 31 % auf 19 %) und zwischen 3 und 10 Fuß (von 22 auf 18 %) gingen deutlich zurück und der Dreier hat Einzug in sein Repertoire erhalten.  Über 17 % seiner Würfe sind Versuche aus Downtown, die er gleich mit annehmbaren 35 % verwandelt.

Dies hat mehrere positive Folgen. Dadurch, dass seine Würfe aus der Midrange weniger erzwungen sind, trifft er sie auch mit 44%. Der Dreier erlaubt ihm als Ballhandler mehr Freiheiten, da die Defense ihn höher verteidigen muss. Off ball muss ihn die Defense jetzt respektieren, was nicht nur der Teamoffense zuträglich ist, sondern auch der eigenen Effizienz, solange 3 > 2 gilt.

Ob es mit dem zusätzlichen Platz, den seine Dreiergefahr generiert, zu tun hat, lässt sich nicht ohne weiteres beantworten, aber sein Passing hat ebenso eine neue Stufe erreicht. Trotz geringerer Usage erzielt er ein Career-High in Assists (5,1) und der Assist-Percentage (24,7%). Sein Playmaking, vor allem aus dem Pick´n´Roll, ist fast nicht wiederzuerkennen (Top 10 in Secondary Assists, Top 23 in Potential Assists).

Solche fortgeschrittene Pässe aus dem PnR gibt es dieses Jahr von DeRozan in unzähligen Beispielen, eine Komponente, die auch neu ist an seinem Spiel.

DeMar DeRozan hat sein Spiel so entwickelt, dass jede Kritik an ihm ein Jahr später obsolet geworden ist. Verbessertes Passing, Wandel zum modernen Playmaking-Wing, eine der Ligaentwicklung Rechnung tragende Wurfauswahl und dadurch ein vor allem für die Playoffs deutlich schwierieger zu verteidigender Spieler.

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2 comments

  1. Simon

    Phil, wie siehst du DeRozans Defense in dieser Saison, gibt es da auch eine positive Entwicklung? Für mich war das bisher fast seine gravierendste Schwäche, vielleicht noch vor den offensiven Problemen, die du hier angesprochen hast. Ohne zumindest kleine Verbesserungen in der Defense fällt es mir schwer, einen Spieler wie DeRozan ernsthaft als möglichen MIP zu betrachten. Der kurze erste Blick auf das On-Off DRtg sieht jedenfalls nicht gut aus:
    15/16: +5,6
    16/17: +5,6
    17/18: +7,7 (ohne Garbage Time sind es sogar +9,1 :? )

  2. Poohdini

    Ehrlich gesagt ist mir nichts gravierendes aufgefallen. Nicht wirklich schlecht, gut auf keinen Fall. Aber insgesamt in seinem Spiel wohl eher eine Randnotiz. Sein Einfluss am defensiven Ende ist sehr gering, in negativer wie positiver Hinsicht.


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