New York Knicks

Auf dem Weg zum Superstar

Der phänomenale Saisonstart von Kristaps Porzingis in der Analyse
© Jose Garcia, CC BY-SA 2.0CC BY-SA 2.0

Nach dem Trade von Carmelo Anthony schien der Weg in den Rebuild für die New York Knicks eigentlich schon vorgezeichnet. Junge Spieler wie Frank Ntilikina, Willy Hernangomez und Damyean Dotson sollten getestet werden, um zu prüfen, wer in den nächsten Jahren ein sinnvolles Puzzlestück beim Neuaufbau um Kristaps Porzingis sein könnte. Aufgrund der niedrigen individuellen Qualität im Kader war zu erwarten, dass die Knicks sich nach der Saison im Tabellenkeller der Eastern Conference wiederfinden und mit einem hohen Draftpick dem jungen Core ein weiteres Talent hinzufügen können. Nach den ersten elf Spielen konnten die Knicks jedoch schon sechs Siege verzeichnen und rangieren aktuell sogar auf einem Playoffplatz. Der Hauptgrund dafür ist Kristaps Porzingis, der in der Offseason erneut einen großen Schritt gemacht zu haben scheint und die Rolle als Franchiseplayer exzellent angenommen hat. Über die ersten zehn Spiele erzielt er im Schnitt 30 Punkte pro Partie und hat auch seine Effizienz noch einmal auf ein Offensivrating von 116 gesteigert.


In den ersten zwei Saisons von Kristaps Porzingis versuchten gegnerische Bigs, ihn häufig über ihre physische Überlegenheit zu zermürben. Der Lette misst zwar stolze 7’3 (2,21 Meter), hatte aber einen vergleichsweise schlaksigen Körperbau und deshalb Probleme gegen physische Bigs. In dieser Saison scheint Porzingis deutlich an Masse zugelegt zu haben. Vor allem sein Oberkörper wirkt austrainierter und deutlich stabiler und kräftiger.

Gegenüber Posting&Toasting von SB Nation äußerte sich Porzingis über die neue körperliche Stärke:

I think my strength is helping my game a lot. Just having my balance on all those shots here and there. Even though a lot of those shots are contested, I’m able to make them through contact. I’m more comfortable.

Durch die bessere Physis kann Porzingis seine Qualitäten noch besser ausspielen. Mit 2.21 Meter hat er einen Größenvorteil gegen nahezu jeden Gegenspieler. Schon in der letzten Saison bekam Porzingis deshalb immer wieder Touches im Post, meistens nach einem Switch gegen einen kleineren Gegenspieler oder gegen einen Small-Ball-Vierer. In dieser Saison suchen die Knicks Porzingis deutlich regelmäßiger als echte Option im Post. Pro Spiel bekommt er über die ersten zehn Spiele den Ball 8,4 Mal im Post. Nur Joel Embiid, DeMarcus Cousins, Marc Gasol und LaMarcus Aldridge bekommen dort noch mehr Touches. Dabei ist keiner dieser Spieler effizienter als der Franchiseplayer der Knicks mit 1.02 Points per Play.

Porzingis’ Stärke im Post beruht darauf, dass er sich dank der verbesserten Physis viel besser eine tiefe Position verschaffen kann. Bekommt er dann den Ball, agiert er ruhig und legt sich den Gegenspieler zu Recht. Er weiß, dass ihn bei seinem hohen Release niemand blocken kann und weiß dies zu nutzen, indem er häufig einfach über seinen Gegenspieler wirft. Beeindruckend ist vor allem sein Turnaround-Jumper, den er sowohl über die rechte als auch die linke Schulter werfen kann.

In den ersten Spielen ist gerade der Turnaround-Jumpshot extrem sicher gefallen. Hier wird man abwarten müssen, inwiefern Porzingis das auch über die Saison bestätigen kann oder es einfach auch noch einer geringen Sample Size geschuldet ist. Derzeit trifft er von all seinen Würfen aus der Mitteldistanz abnormale 64 Prozent. Obwohl Porzingis’ Post-Up-Game noch sehr abhängig von seinem Sprungwurf ist, zeigt er aber durchaus, dass er auch mit Finesse und Skill am Korb punkten kann. Weil von seinem Wurf so viel Gefahr ausgeht, beißen regelmäßig Verteidiger auf seine Fakes an.

Auffällig ist auch, dass er deutlich mehr Routine in seinem Post-Game zu haben scheint. Er analysiert die Situation besser und bewahrt auch die Ruhe, wenn ein Spieler zum Doppeln kommt. Gerne dreht er sich dann von dem Spieler weg und setzt den Jumper einfach über die andere Schulter an. Verbesserungspotential besteht vor allem im Playmaking aus dem Post. Hier könnte er die Double-Teams noch besser ausspielen und den Ball auch häufiger wieder nach draußen geben.


Eine weitere große Stärke von Kristaps Porzingis ist das Pick&Roll. Dabei kann er entweder seine Athletik ausspielen und zum Korb abrollen oder hinter die Dreierlinie treten, wo man dem Letten keinen Platz lassen darf. Die erste Szene im folgenden Video zeigt, wie Porzingis auf das reagiert, was ihm die Defensive gibt. Porzingis’ Gegenspieler Thad Young kommt hoch raus und will sich nach einem kurzen Bump gegen Ntilikina in Richtung Dreierlinie orientieren. Doch der Lette bewegt sich in dessen Rücken schon in Richtung Korb und kommt durch einen Pass von Ntilikina zu zwei einfachen Punkten in der Zone.

Beim Pick&Pop ist gut zu beobachten, wie wenig Aufmerksamkeit die Ballhandler der Knicks auf sich ziehen. Weder Courtney Lee noch Tim Hardaway, Frank Ntilikina oder Jarrett Jack gehen gerne tief in die Zone. Gegnerische Bigs müssen den Drive des Ballhandlers deshalb nicht fürchten. Dies führt dazu, dass sich die Defense im Pick&Pop sehr gut auf Porzingis fokussieren kann und ihm nur wenig Platz lässt. Häufig täuscht Porzingis deshalb den Block nur an und tritt dann schnell hinter die Dreierlinie. Dies verschafft ihm ein paar Zehntel-Sekunden, um seinen Wurf anzubringen. Obwohl viele der Dreier, die Porzingis nimmt,  sehr gut contestet sind, ist er mit einer Trefferquote von 38 Prozent aktuell auf dem Kurs zu einem neuen Career-High.

In der letzten Saison reagierte Porzingis meistens noch sehr zögerlich auf harte Closeouts. Doch in dieser Saison traut er sich öfter, zum Drive anzusetzen und den Verteidiger so zu bestrafen.


Das Ballhandling ist ein weiterer Teil des Spiels, in dem Porzingis sich deutlich verbessert hat. Nicht nur nach Closeouts kann Porzingis den Ball auf den Boden drücken, auch aus Blöcken abseits des Balles sucht er häufig den direkten Weg zum Korb.

Die Qualität, den Ball auch  zu dribblen und den Korb zu attackieren, macht Porzingis’ Spiel noch einmal deutlich gefährlicher. Die Defensive muss nicht mehr nur auf seinen Sprungwurf aufpassen, sondern gleichzeitig auch seinen Zug zum Korb respektieren. Bisher ist nicht abzusehen, dass Porzingis sich zu einer echten Ballhandling-Option entwickeln könnte, auch wenn er ganz vereinzelt schon als Ballhandler in 4-5-Pick&Rolls mit Enes Kanter eingebunden wird.


In der Defensive überzeugt Porzingis vor allem durch seine Qualitäten als Ringbeschützer.  Mit einer Defensiven Field Goal Percentage von 34% führt er die Liga in diesem Bereich sogar an.

Hier zahlt sich vor allem Porzingis’ Länge aus. Wie im Video zu sehen ist, kann er auch ohne zu springen Würfe am Ring beeinflussen.

Allerdings ist Porzingis als Ringbeschützer auch immer abhängig von seinem jeweiligen Gegenspieler. Da die Knicks auf der Center-Position tief aufgestellt sind, spielt der Lette fast ausschließlich auf der Vier. Viele Smallball-Vierer ziehen Porzingis immer wieder raus an die Dreierlinie. Dennoch versucht Porzingis häufig, in der Zone auszuhelfen. Manchmal endet es, wie in der folgenden Szene, gut, allerdings führt Porzingis’ Drang zur Help-Defense das ein oder andere Mal zu einem offenen Dreier.

Ein paar Schwächen zeigt Porzingis zudem in der Verteidigung des Pick&Rolls. Im Gegensatz zu vielen anderen Bigs liegt das allerdings nicht an der mangelnden Beweglichkeit. Viel mehr fokussiert er sich häufig zu sehr auf den Ballhandler und kehrt zu spät zu seinem eigenen Mitspieler zurück.


Kristaps Porzingis spielt bisher außergewöhnlich gut und hat die Knicks in seiner ersten Saison als Franchiseplayer zu einem guten Saisonstart geführt. Auch wenn erst elf Spiele gespielt sind, so sind eindeutige Verbesserungen in Porzingis’ Spiel zu sehen. Allen voran die stärkere Physis, das entwickelte Postup-Game und das verbesserte Ballhandling sind hier zu nennen. Dennoch sollten die Erwartungen an den Letten und die Knicks-Mannschaft weiterhin niedrig gehalten werden. Zum einen muss Porzingis erst einmal zeigen, dass er diese Leistungen über eine komplette Saison halten kann. Zum Anderen ist die Qualität im Kader so niedrig, dass es auch im schwachen Osten mit einer Playoffteilnahme schwierig wird. Porzingis scheint allerdings bereits in seinem dritten Jahr so gut zu sein, dass die Knicks zu viele Spiele gewinnen werden, um sich in der Lottery einen der absoluten Top-Picks sichern zu können. Insofern ist der große Sprung von Porzingis für die Knicks Fluch und Segen zugleich.

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