EuroLeague

Euroleague Observations

Anadolu Efes, Brose Bamberg und ZSKA Moskau in der Analyse

Ein bekanntes Sprichwort besagt: „Vieles weiß man erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist.“ Für Euroleague Fans hieß das in den letzten fast fünf Monaten vor allem eines: in Erinnerungen schwelgen. Bis, ja bis Europas beste Basketballliga am vergangenen Donnerstag endlich und urplötzlich wieder am Horizont auftauchte. Nach Monaten des Wartens verbreitete sich die Ankunft des Spaldings zumindest in europäischen Gefilden in Rekordzeit, nur ein polarisierender Saisontrailer hatte zuvor vereinzelt Hoffnungen geschürt. Endlich hieß es wieder „Game ON“, es war an der Zeit, loszulegen. Damit das eingangs erwähnte Sprichwort der zu geringen Wertschätzung des Gegebenen nicht auch beim Euroleague-Publikum zur Gewohnheit wird, ist es an der Zeit, Gegenwärtiges schätzen zu lernen und die Entwicklungen im Hier und Jetzt zu begutachten. Bühne frei für den ersten Teil der „Euroleague Observations“.

Anadolu Efes: Zu Beginn betrachten wir folgendes Szenario: Es ist Donnerstagabend. Der Körper, schwer geschafft von der vorangegangenen Arbeit, sehnt sich nach geistiger und körperlicher Entspannung, während das heran nahende Wochenende bereits fest im Hinterkopf herumschwirrt. Abhilfe nötig? Kein Problem, ein gutes Euroleague-Spiel schauen! Schnell auf den Spielplan geguckt, das hauseigene Endgerät angeworfen und den erstbesten Stream angeklickt. Was jetzt noch schief gehen kann? Leider eine ganze Menge.

„Schuld“ daran ist das Team aus Istanbul. Nicht das mit dem blau-gelben Dogus-Dress, sondern das mit der teils wirren Kaderzusammenstellung. Wer sich nach hochklassigem, typisch europäischen Teambasketball sehnt, dem dürfte der Anblick eines Anadolu Efes Spiels wohl des Öfteren die Zornesröte ins Gesicht treiben. Bereits letztes Jahr gab es unter Trainer Velimir Perasovic Phasen im Spiel, wo sich um die vereinsinterne Krone für den Akteur mit der fragwürdigsten Wurfauswahl duelliert wurde. Dieses Spiel soll in diesem Jahr scheinbar auf ein neues Level gehoben werden. Ohne zu zögern würden alleine drei Neuverpflichtungen den letztjährigen Gewinner in den Schatten stellen, mit gehörigem Abstand. Dass das nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist – selbstredend.

Beispiele gefällig? Beispiele gefällig!

Die erste Euroleague-Possession hat gerade erst begonnen, da hat der Spalding bereits zum ersten Mal unsanfte Bekanntschaft mit der Korbanlage gemacht.

Schnell kommt die Frage auf, was bedenklicher ist? Der Wurf an sich, die Zeit auf der Shotclock oder dass Istanbuls Nummer „12“, Brock Motum, normalerweise nicht als „Chucker“ bekannt ist? Die Mischung macht’s.

Weiter geht es mit den zwei eigentlichen Favoriten auf den angesprochenen Wurfauswahl-Titel.
Nominierter Nummer Eins: Josh Adams. Was macht man in seinem heiß herbeigesehnten Euroleague-Debüt? Möglicherweise den Ball nach eigenem Rebound nach vorne dribbeln und den langen Zweier gegen den sichtlich überraschten Europa-Veteranen Jaycee Carroll nach nur wenigen Sekunden nehmen? Nein, eigentlich eher nicht. Außer es geht um einen Titel. Um DEN Titel versteht sich.

Nominierter Nummer Zwei: Ricky Ledo. Bereits vergangenes Jahr im Team von Yesilgiresun war dem Ex-NBA-Spieler anzumerken, nicht immer in Einklang mit seinem Trainer zu sein. Wie nun sein neuer Coach über einige seiner Entscheidungen nachdenkt, ist bislang noch nicht überliefert. Es wäre allerdings überraschend, wenn die Antwort allzu positiv ausfallen würde.

Wer sich am Ende der Saison die Krone des Herrschers über Ball und Backstein aufsetzen darf, wird weiter zu beobachten sein. Schließlich darf auch Erick McCollum, immerhin im Dunstkreis der Favoriten, nicht außer Acht gelassen werden. Bei ihm bestehen jedoch berechtigte Hoffnungen, dass von ihm abgefeuerte, schwierige Würfe relativ häufig den Weg in den Korb finden werden. Ein nicht zu unterschätzender Punkt.

 

Brose Bamberg: Bambergs Basketballherz, Pardon, Deutschland Basketballherz – es blutet. Nicht das alte, das auf Hochtouren laufende und stimmig im Takt pulsierende, sondern das Neue. Schließlich ist das neue Herz gebrechlich. Fallen Einzelteile aus, verliert das ganze Herz sein Gleichgewicht. Aus Deutschlands Basketballherz wird schnell Doktors Basketballherz. Doktor Trinchieri muss ran, manchmal so sehr, dass dem Patienten schwindelig wird. Da wird schon mal einem erstklassig verdienenden Anfang 30er dessen Fehlverhalten auf so deutliche Art und Weise vor Augen geführt, dass Ottonormalsportler wohl augenblicklich über ein sofortiges Karriereende nachgedacht hätten. Andere haben erst gar nicht die Chance, Doktor Trinchieris nebenwirkungsreiche Medizin zu verkosten. Sitzen sie doch im lässig-lockerem Outfit neben dem Ort, der eigentlich ihr Arbeitsplatz sein sollte.

Bei so viel Durcheinander, Wirwarr und potenziellen Veränderungen geht einem zumindest in einem Punkt das eigene Basketballherz auf; bei des Italieners Speisekarte. Was machen, wenn die eigenen Möglichkeiten (noch) zu limitiert sind? Goldrichtig, den Finger in des Gegners eigene Wunden legen. In Limitationen, die in dem Fall nicht spielerischer, sondern physischer Natur sind. Trinchieris erstes Opfer: Pierre Jackson. Der 1,80m große Wirbelwind kann zwar offensiv ganze Berge versetzen, sich defensiv aber nicht in solche verwandeln.

Post-Ups gegen die kleinen, dürren Spieler dieser Welt sind nicht neu, Ausführung und Erfolg aber sehr verschieden. Trinchieri probierte es im Auftaktspiel zuerst auf die herkömmliche Art und Weise – Midrange Jumper für Leon Radosevic und freie Weakside Dreier für Bryce Taylor und Augustine Rubit waren die Folge. Da diese allerdings nur selten den Weg in den Korb fanden, musste ganz tief in der italienischen Trickkiste gewühlt werden – mit Erfolg.

Spain Pick and Roll nennen die Taktikgurus unserer Zeit den neuen, großen Stern am Basketballhimmel. Blöd nur, dass mittlerweile so ziemlich jeder gen Himmel geblickt hat. Wohl dem, der also kreativ wird.
In Bamberg fängt auf den ersten Blick alles mit einer für ein spanisches Blocken und Abrollen typischen Aufstellung an: Ein Ballhandler, zwei versetzt stehende Screener und zwei Ballvirtuosen, die in den Ecken das Spielfeld breit machen. Ein Unterschied zu der mittlerweile hinlänglich bekannten Aufstellung ist aber bereits hier zu erkennen: Leon Radosevic und Daniel Hackett haben ihre jeweiligen Rollen getauscht. Normalerweise würde der Big Men den ersten Block setzen, um dann nach einem Block des kleineren Spielers zum Korb abzurollen. Hier übernimmt der italienische Guard allerdings den Job seines Mitspielers.

Ganz im Gegensatz zu Bambergs Blockstellern scheinen Tel Avivs Verteidiger an diesem Tag wenig Lust auf einen gelungenen Rollentausch zu haben. Um den ursprünglichen Effekt des Screens verpuffen zu lassen, switchen Pierre Jackson und DeAndre Kane ihre Gegenspieler. Hackett bemerkt das Übergeben sofort und fordert im Anschluss den Ball von Nikos Zisis. Da der Anspielwinkel nicht perfekt ist und die langen Arme von DeAndre Kane die Sicht versperren, wählt der Grieche den Umweg über Radosevic.

Da der mittlerweile mit deutschem Pass ausgestattete Center den Ball an der Dreierlinie erhält, öffnet er zusätzlichen Raum für den angestrebten Passempfänger unter dem Korb. Maccabis Pierre Jackson bleibt schließlich nur das Zerren am Bamberger Heimdress, um mit einem Foul zwei einfache Punkte zu verhindern.

Trinchieri wäre allerdings nicht Trinchieri, würde er sich im Laufe des Spiels nicht weitere Nettigkeiten für den gegnerischen Schwachpunkt überlegen. So auch an diesem Tag.

Beim zweiten Post-Up Spielzug befindet sich Bambergs Zielobjekt relativ unbemerkt in der linken Ecke, neben ihm der mit Größenvorteilen gesegnete Nikos Zisis.

Während der Ball in den Folgesekunden von Ricky Hickman zu Luka Mitrovic wandert, bringt sich Bambergs erfahrener Guard bereits in Position, um den Ball unter dem Korb zu erhalten.

Damit der Ball am Ende auch wirklich bei Bambergs Nummer Sechs ankommt, setzt Leon Radosevic währenddessen einen Block für Ricky Hickman. Maccabis Center Artsiom Parakhouski, normalerweise mit dafür verantwortlich, den Passweg zu Zisis zu versperren, sieht sich durch das ballferne Treiben genötigt, seine Hauptaufgabe für einen kurzen Augenblick aus den Augen zu lassen. Fatal, wie der nachfolgende Screenshot zeigt.

Frei nach dem Motto „Never change a running system“ lässt Trinchieri in der Folge ein weiteres Mal besagten Spielzug laufen, wieder für seinen Veteranen Nikos Zisis.

Da Pierre Jackson jedoch alles andere als lernresistent zu sein scheint, versucht der quirlige Guard hier alles in seiner Macht stehende, um das Anspiel zu verhindern. Das Problem: Ein Meter Achtzig bleiben in der heutigen Rechnung weiterhin genau ein Meter Achtzig. Das anschließende Lob-Anspiel trotz Gegnerdruck dürften Taktikfuchs Trinchieri gefallen haben.

Deutschlands Basketballherz dürfte in Zukunft wieder regelmäßiger pochen, auch dank Plays wie diesen.

 

ZSKA Moskau: Für europäische Verhältnisse fast utopische, multiple 100+ Spiele in der vergangenen Saison, dazu Wurfstatistiken vom anderen Stern und mit Sergio Rodriguez den Mann verpflichtet, dem man getrost ein facettenreiches und spektakuläres Offensivarsenal attestieren kann. Wer beim ersten Blick gen Moskau nicht direkt an eine explosive Offensive denkt, der hat sich womöglich zu sehr mit der Charles Jenkins Verpflichtung von Stadtrivale Khimki beschäftigt. Gut nur, dass uns unser Sehvermögen auch immer einen zweiten oder dritten Blick ermöglicht. Ein Blick auf die Defensive beispielsweise, die mitunter ja durchaus über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Zugegeben, dreißig Punkte in den ersten zehn Minuten gegen ein komplett neu formiertes Mailänder Team abzugeben, ist alles andere als löblich. Einen 14-Punkte Rückstand am Ende noch in einen fast zweistelligen Sieg zu verwandeln, schon eher. Der Grund für den Umschwung: die Defensivarbeit.
Ja, Moskau kann verteidigen. Sehr gut sogar, wenn nur die richtigen Akteure auf dem Feld stehen. Coach Dimitrios Itoudis brauchte eine gewisse Zeit, um herauszufinden, welcher seiner Spieler für den oftmals ungeliebten Job in Frage kommt. Kein Wunder bei der schier endlos erscheinenden ZSKA-Bank. Dabei den Überblick zu bewahren, nicht immer leicht. Spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit war es aber so weit: Itoudis beorderte Neuzugang Leo Westermann auf die Bank, ließ Top-Star Nando de Colo über fehlende Defensivrotationen nachdenken und ersetzte den Fleisch gewordenen Baumstamm Kyle Hines mit dem Ex-Madrider Othello Hunter. Da war sie plötzlich, die Defensive. Sergio Rodriguez, Cory Higgins, Will Clyburn, Nikita Kurbanov und Othello Hunter, alle gemeinsam auf dem Feld. Jeder vielseitig und multidimensional in der Verteidigung, sieht man mal von Rodriguez ab, dessen Künste am anderen Ende des Feldes wohl unverzichtbar sind. Die Folge: Ein misslungenes Euroleague-Debüt von Jordan Theodore und ein sofortiger 13:2 Run. Hunter als alles reboundender Center in der Mitte, Clyburn und Higgins als Passverteidiger auf den Flügeln und Kurbanov als Kurbanov – eine tödliche Mischung.

„Kurbanov als Kurbanov“, so in etwa könnte die Rollenbeschreibung eines hollywoodreifen Films lauten, soll hier aber vor allem für eines stehen: Der Mann kann defensiv (fast) alles! Wer zu Spielbeginn Andrew Goudelock verteidigen soll, danach vom Trainer mit der Aufgabe vertraut wird, Jordan Theodore und Dairis Bertans in Schach zu halten UND dabei noch über zwei Meter groß ist, der hat einiges auf dem Kasten. Sind wir ehrlich, sehr viel sogar. Im Grunde wird es Zeit, dass Kurbanov endlich auch in der Defensive Player of the Year Wahl ganz vorne auftaucht. Teamkollege Kyle Hines hat hinlänglich vorgemacht, wie es geht.

Aber nun zurück zur gesamtheitlichen Defensivstruktur. Mit den angesprochenen fünf, respektive vier Spielern kann der eigene Korb nahezu verriegelt werden. Dank der Größe der einzelnen Spieler können auch Akteure wie De Colo oder Westermann in das switch lastige System involviert werden. Eine Szene aus dem vierten Viertel soll das beweisen.
Zu Beginn der Verteidigungssequenz ist bis auf das bereits angesprochene Verteidigungsmuster von Kurbanov nichts Besonderes festzustellen.

Es folgt Pick and Roll Nummer Eins und mit diesem Switch Nummer 1. Kurbanov übernimmt Vladimir Micov, während sich Will Clyburn um Jordan Theodore kümmert. Wirkliche Missmatches sehen anders aus.

Weiter geht’s mit Pick and Roll und Switch Nummer Zwei. Dieses Mal übergeben Kyle Hines und Nando De Colo ihre jeweiligen Mitspieler. Ein sofortiges und eindeutiges Missmatch? Auch hier, Fehlanzeige.

Ein vereiteltes Post-Zuspiel später und schon sucht Jordan Theodore mit nur noch wenigen Sekunden auf der Wurfuhr den eigenen Abschluss. Das nun folgende Bild dürfte illustrieren, ob der Ball durch die Reuse fiel oder nicht.

Moskau hat durch die Additionen von Clyburn und Hunter deutlich an Athletik gewonnen. Sollte die Defensive gefordert sein, werden beide Neuzugänge das Vertrauen bekommen. Der Backcourt um Rodriguez, Westermann und De Colo ist weiterhin nur an einem Ende des Feldes wirklich furchteinflößend, mit dem richtigen Defensivschema lassen sich allerdings auch deren Schwächen halbwegs kaschieren. Wie gegen Mailand.

  • 10
  • 2
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben