Brose Bamberg

Lucca Staiger und das Gesetz der Gravitation

Wie der Bamberger Scharfschütze die Spiele 2 & 3 beeinflusste

Es muss am Mittwoch, den 10. Mai, etwa kurz nach 21 Uhr gewesen sein, als es passierte. Brose Bamberg hatte soeben das erste Viertel des zweiten Playoff-Spiels gegen die Telekom Baskets Bonn mit 25:19 gewonnen und Andrea Trinchieri hatte zwei Minuten, um seinem Team neue Anweisungen zu geben. Da muss dem italienischen Headcoach eingefallen sein, dass er ja einen der besten Werfer Europas in seinem Team hat. Prompt brachte er ihn ins Spiel und dieser dankte es ihm mit vier verwandelten Dreipunktwürfen in fünf Versuchen. Die Rede ist natürlich von Lucca Staiger. Im ersten Spiel bekam er nicht mal eine Sekunde Einsatzzeit, im zweiten machte er den Unterschied. Es ist die zwiespältige Situation eines Bankspielers, der seine Rolle offensiv so gut ausfüllt, wie kaum jemand in der Basketball-Bundesliga.


Natürlich wirken die Statistiken und vor allem auch Einsatzzeiten von Lucca Staiger in dieser Saison nicht wirklich überragend. Gerade mal 11:33 Minuten stand er in der regulären Saison pro Spiel auf dem Parkett. Damit ist sein Minutenschnitt im Vergleich zur vorherigen Saison nochmals um fast vier Minuten gesunken. Ähnliches gilt auch für seine Punkteausbeute, die von 7,5 Zählern pro Spiel auf 4,8 gesunken ist. Er hat nach 146 Wurfversuchen im Vorjahr auch nur noch 89 erhalten, ganze 78 davon kamen von jenseits der Dreipunktelinie.

Trotzdem bleibt es absolut faszinierend, wie schnell sich Staiger im Spiel anpassen und direkt von der Bank kommend scoren kann. Sobald der 28-Jährige den Court betritt, versuchen seine Mitspieler ihn offensiv zu finden und ihm so Rhythmus zu geben. Dazu hat Andrea Trinchieri einige Setplays im Repertoire, die man immer wiederkehrend im Zusammenhang mit Staiger sieht. Häufig stehen dabei die beiden Big Man im Low-Post um tief die Blöcke zu setzen und Staiger damit die Möglichkeit zu geben Fahrt aufzunehmen, seinen Gegenspieler abzuschütteln und dadurch einen offenen Wurf zu erhalten. Denn der Nationalspieler ist nicht nur im Spot-Up gut, sondern trifft auch die Catch&Shoot-Würfe extrem sicher.

Am folgenden Beispiel kann erkannt werden, wie Staiger eingesetzt werden soll. Er startet tief unter dem Korb und hat somit einen langen Weg bis zur Dreierlinie, auf dem er sich von seinem Gegner separieren soll. Die beiden Bigs Daniel Theis und Leon Radosevic stehen bereit, um auf der Seite, für die sich Staiger entscheidet, den Block zu setzen. Die Aufgabe von Janis Strelnieks ist es dann, sich schnell zur gegenüberliegenden Seite abzusetzen, um Spacing zu schaffen.

Staiger wählt hier den Screen von Radosevic, kann sich aber nicht so weit absetzen, dass er einen offenen Wurf hat. Sofort spielt er den Ball zu Fabien Causeur zurück.

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Denn daraus entsteht die zweite Möglichkeit für den Scharfschützen. Nach seinem Pass zu Causeur sprintet Staiger sofort zur Seite und erhält einen Flare-Screen von Radosevic, der ihm den nötigen Raum verschaffen soll. Doch auch dies verteidigt Bonn gut und diese Possession endet ohne einen Wurf für Staiger.

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Doch es dauert nicht lange, bis Staiger wieder in Szene gesetzt wird. Hier ein weiteres Play für den Scharfschützen, in dem erneut zwei tiefe Blocks gesetzt werden. Diesmal startet Staiger aber nicht unter dem Korb, sondern auf einer Seite, sodass er hier auf dem Weg zur Weakside gleich zwei Screens nutzen kann. Doch sein Gegenspieler, Ryan Thompson, ist sich dessen natürlich bewusst und will dem Deutschen voraus sein. Deswegen geht Thompson hier sogar schon vor Staiger um den ersten Block herum.

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Genau diese Sekunde nutzt Staiger, um eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung zu machen und sofort nach oben an die Dreierlinie zu kommen. Thompson hängt noch hinter dem Block von Leon Kratzer und kann den Wurf deswegen nicht mehr verhindern. Splash.

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Als die Telekom Baskets es dann mal mit einer Zonenverteidigung gegen Ende des Viertels versuchten, reagierte der Meister ganz simpel. Zuerst wurde viel Zeit von der Uhr genommen und anschließend setzte Leon Radosevic auf der ballfernen Seite einfach einen Block gegen den einzigen Spieler dort, sodass Staiger ganz offen zum Abschluss kommen konnte.

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Immer gefährlich wird es auch, wenn der Schütze selbst als Blocksteller agiert. Dies hat nämlich zur Folge, dass die Verteidigung gut kommunizieren und eventuell switchen muss. In diesem SLOB-Play stellt Staiger zuerst einen Backscreen, ehe er dann an die Dreierlinie sprintet.

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Bei den Telekom Baskets scheinen die Absprachen etwas unklar, weshalb niemand Staiger auf dem Weg nach Außen verfolgt. Dieser bekommt in dem Spielzug sogar noch einen Screen von Radosevic, wodurch er dann letztlich komplett offen an der Dreierlinie steht. Swish.

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Doch auch wenn Lucca Staiger nicht direkt aus dem Spielzug gesucht wird, ist er natürlich brandgefährlich. Nahezu durchgehend ist der Deutsche während des Bamberger Ballbesitzes am Perimeter postiert und bereit abzudrücken. Sobald die Bonner sich dafür entscheiden von Staiger wegzuhelfen und ihm damit für eine kurze Zeit Raum zu geben, suchten seine Mitspieler ihn und er belohnte es (meistens) mit drei Punkten.

In der folgenden Situation aus Spiel Eins ist es Josh Mayo, der das Pick&Roll oben aufmerksam beobachtet und deshalb beim abrollenden Radosevic aushelfen will. Dies zieht ihn aber so weit in den bemalten Bereich, dass Bamberg sogar noch Zeit für einen Extrapass hat, um Staiger für einen leichten Dreipunktwurf aus der Ecke zu bedienen.

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Die Bamberger machen insgesamt einen guten Job darin “Überzahlsituationen” auszunutzen, wenn ein Gegenspieler überspielt wurde. Hier zieht Nikos Zisis zum Korb, was zur Folge hat, dass Ken Horton ihn aufnehmen will. Somit wird es die Aufgabe von Julian Gamble Kratzer zu übernehmen und Staiger wird an der 6,75m-Linie frei. Ein Pass nach Außen und der Scharfschütze kann abdrücken.

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Bis jetzt haben wir nur Situationen beleuchtet, in denen Lucca Staiger dann am Ende auch geworfen hat. Doch insbesondere hier kommt ja die sogenannte “Gravity” zum Ausdruck, die mittlerweile in den Basketball-Duden dieser Welt zu finden ist. Wenn im Basketball von Gravitation gesprochen wird, geht es nicht unbedingt um die Kräfte, die Sir Isaac Newton entdeckt hat. Es geht viel mehr darum, wie stark sich Verteidiger zu bestimmten Teilen des Feldes hingezogen fühlen. Dies hängt natürlich damit zusammen, welche Spieler sich dort befinden und wo es ist. So kann davon gesprochen werden, dass einzelne Spieler eine bestimmte “Gravity” ausstrahlen, was meist damit zusammenhängt, wie gut sie werfen können. Genauso hat aber auch der Ball eine Anziehungskraft, da es natürlich das primäre Ziel der Defense ist, eben diesen zu stoppen und nicht in den Korb zu lassen. Aber auch der Ring selbst hat eine “Gravity”, da direkt am Korb die leichtesten Punkte erzielt werden können und die Verteidigung deswegen näher an den Ring rückt, je näher auch der Ball dorthin kommt.

In der NBA ist Kyle Korver dafür ein gutes Beispiel. Es wurde sogar bereits durch neue Metriken gemessen, dass Korver ähnlich viel Aufmerksamkeit von den NBA-Defenses erhält wie Kevin Durant oder Carmelo Anthony, obwohl er ja eigentlich “nur” ein Schütze ist. Doch genau dies macht er so gut, dass gegnerische Verteidigungen nicht von ihm weghelfen und somit ganz eng an ihm dran bleiben wollten.

In der Basketball-Bundesliga gibt es solche Messungen (logischerweise) noch nicht. Trotzdem wäre ein regelmäßig spielender und gut aufgelegter Lucca Staiger wahrscheinlich ebenfalls ein Kandidat dafür, ganz oben in solchen Rankings zu landen. Denn wenn der 28-Jährige mal einige Dreier eingenetzt hat, passiert es schnell, dass die Verteidigung überreagiert und so einige Räume für seine Mitspieler offen lässt. Dies passierte dann auch in den Spiel Zwei und Drei gegen die Telekom Baskets.

Hier laufen die Bamberger ein simples Play für Staiger, der dabei zwei Downscreens eines kleinen und großen Spielers erhält, um am Perimeter an den Ball zu kommen. Wenn die Blöcke gut gesetzt sind, hat Staiger sogar die Möglichkeit sofort abzudrücken.

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Deswegen sind die Bonner hier in einer gewissen Zwickmühle. Sollten sie den Gegenspieler von Staiger sich um die Blöcke kämpfen lassen oder das Ganze möglicherweise sogar switchen, um wirklich nah dran am Schützen zu sein? Die Rheinländer entscheiden sich hier eher für die erste Methode, wobei aber dann der Gegenspieler des großen Blockstellers ebenfalls unterstützend nach oben kommt. Dadurch sind für einen kurzen Moment zwei Spieler bei Staiger, der dies sofort mit einem Pass auf den zum Korb startenden Big Man bestrafen kann. Da Julian Gamble sich von Staiger so weit nach oben hat locken lässt, ist der Weg für den Bonner Center zu weit, um Kratzer hier noch stoppen zu können. Dies hat zur Folge, dass Josh Mayo unter dem Korb foulen muss. 

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Im dritten Spiel der Viertelfinalserie, in dem Staiger dann sogar startete, kam es zu weiteren solcher Situationen. Direkt im ersten Angriff suchen die Bamberger Nicolo Melli im Low-Post und stellen dann abseits des Balls zwei Screens für ihren Scharfschützen. Die Bonner sind natürlich auf der Hut und wollen einen schnellen Dreier des Deutschen verhindern. Dabei sind die beiden verteidigenden Spieler, T.J. DiLeo und Ryan Thompson, aber so auf Staiger fokussiert, dass sie plötzlich Fabien Causeur ganz offen stehen lassen. Es ist unklar, ob die Bonner diese Situationen switchen wollten. Jedenfalls schien die Kommunikation nicht zu stimmen, sodass beide Akteure auf Staiger stürmten. Mit einem Dreier konnte Causeur die Aktion allerdings nicht bestrafen, da Melli gefoult wurde.

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Es waren immer wieder Situationen nach gestellten Blöcken, die die Bonner vor Probleme stellten. Hier wieder ein simpler Downscreen für Staiger, der den Ball an der Dreierlinie erhält. Dank seiner Gefahr aus der Distanz kommt auch wieder der Bonner Big Man so hoch, dass die Bamberger Nummer Acht den Ball einfach weiterpassen kann. Radosevic belohnt es mit zwei einfachen Punkten.

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Natürlich erreichten die Rheinländer so ein primäres Ziel und erlaubten Staiger kaum offene Würfe aus der Distanz. Viel eher zwangen sie ihn dazu den Ball regelmäßig weiter zu passen. Allerdings wäre es nötig gewesen anschließend mit mehr Help-Defense zu verteidigen, um dann auch die zwei einfachen Zähler für den abrollenden großen Spieler zu verhindern. In den Sequenzen zuvor gelang dies überhaupt nicht.

In der nächsten Szene ist das Bamberger Spacing nicht optimal, was zur Folge hat, dass Bonn aushelfen und Radosevic so nicht sofort abschließen kann.

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Um noch einmal den Zwiespalt zu zeigen, in dem die Bonner Verteidiger steckten, dient die folgende Szene. Wieder kommt Staiger nach einem Block nach oben und Florian Koch hat Probleme, sich um diesen herum zu kämpfen. Nun muss T.J. DiLeo entscheiden: Entweder nach oben kommen und den Wurf verhindern oder lieber beim Roll-Man bleiben, um das Anspiel nicht zu ermöglichen.

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DiLeo entscheidet sich für Zweiteres, was Staiger sofort mit einem Dreipunktwurf bestraft. Dabei hilft ihm vor allem sein sehr schneller Release und die gute Beinarbeit, die es ihm erlaubt sofort aus der Drehung zu werfen.

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Auch wenn Brose Bamberg in dieser Viertelfinalserie möglicherweise mehr Probleme hatte als erwartet, war es wohl ein guter Prüfstein vor dem Kracher gegen den FC Bayern Basketball im Halbfinale. Zudem hat es wieder mal gezeigt, auf welch tiefe Bank Andrea Trinchieri zurückgreifen kann. Denn als es nicht so überragend lief, kam eben ein Lucca Staiger um die Ecke und machte den Unterschied. Der Deutsche hat erneut bewiesen, dass er auch in einer kleinen Rolle einen großen Einfluss auf das Bamberger Offensivspiel haben kann.

Natürlich wird er in diesem Star-Ensemble keine 25-Minuten-Rolle einnehmen. Dies liegt natürlich auch daran, dass er defensiv für ein Team mit den Ambitionen von Bamberg für solch eine lange Zeit kaum tragbar ist. Hier muss Trinchieri natürlich abwägen, wann und wie lange es Sinn macht seinen Scharfschützen zu bringen. Doch wenn er es tut, wurde wieder mal deutlich, dass die Gegner großen Respekt vor Staigers Wurf haben und dadurch schnell Fehler machen. Brose Bamberg kann sich diese Eigenschaften somit immer mal zu Nutze machen, um dem Gegner offensiv etwas Neues anzubieten. Denn ganz egal wie viele DNPs Staiger in den kommenden Spielen noch bekommen wird, kann sich Trinchieri bei einer Sache sicher sein: Wenn er den Namen Staigers für die Einwechselung ruft, wird dieser es ihm mit mindestens einem Treffer von Downtown danken. Auch nachts um drei.

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