EuroLeague, Europa

Euroleague: Real Madrid vs Darüşşafaka Dogus Istanbul

Der Guide zur Playoff-Serie zwischen Madrid und Istanbul

Die reguläre Saison hat den 16 Teams der Euroleague alles abverlangt. Ganze 30 Mal mussten sie unter der Woche aufs Parkett, um die acht besten Mannschaften Europas auszuspielen, die sich nun in den Euroleague-Playoffs gegenüberstehen. Aus den Erstrundenserien werden dann wiederum vier Teams hervorgehen, welche im “Final Four” um den Titel kämpfen. Einen besonderen Blick werfen wir dabei auf die Viertelfinalserie zwischen Real Madrid und Darüssafaka Dogus Istanbul. Auch wenn es zunächst nach einer eindeutigen Angelegenheit klingt, wenn der Tabellenerste auf den Achten trifft, hat diese Serie doch einige interessante Aspekte parat.

1. Real Madrid (23-7, 14-1) – 8. Darüssafaka Dogus (16-14, 11-4)

„Hier könnte ihr Name stehen.”

Ein Spruch, den heutzutage fast jeder kennt, der es so ein wenig mit gängigen Phrasen hat und diese im Alltag verwendet. Während der Slogan eigentlich dafür konzipiert wurde, Werbung für Werbung zu machen, lässt sich auch im Euroleague-Kontext wunderbar mit diesem Spruch arbeiten. Suchen wir etwa nach einem geeigneten Vergleichspunkt, so richtet sich die Aufmerksamkeit als allererstes auf einen Mann, dessen Stern noch heller am Madrider Abendhimmel erstrahlt als im Jahr zuvor. Aufgrund einer Vielzahl an spektakulären Aktionen, die sinnbildlich für die erfolgsverwöhnte Real-Truppe stehen, kann in diesem Fall natürlich nur von einem Spieler die Rede sein: Luka Don… Nein. Nicht Luka Doncic, auch wenn mir jetzt einige Leser liebend gerne das letzte Highlight-Tape des mittlerweile volljährigen Slowenen an den Kopf schmeißen würden; per no-look-Pass versteht sich.

Vielmehr ist immer noch Sergio Llull der, dessen Name an eigentlich jeden Real-Textanfang gehört. Ganz oben, in die erste Zeile. Denn der spanische Magier, dessen Dreipunktewürfe mittlerweile auch von der gegenüberliegenden Tribüne den Weg in den Korb zu finden scheinen, ist zweifelsohne der Kopf des Pablo Laso-Teams; gewissermaßen der Wolf im Schafspelz. Blöd nur, dass sich de facto selbst bis in die hintersten Ecken des Basketballuniversums herumgesprochen hat, dass dieser Wolf ziemlich gefährlich ist. Noch ärgerlicher, und wir reden hierbei von den direkten Konkurrenten im Kampf um Europas Thron, ist es dann, wenn dieses Ungeheuer trotzdem nicht gestoppt werden kann. So ergeht es in dieser Saison nämlich so manchem Gegner, der sich in selbigem Basketballgefilde herumtreibt wie der Spanier. Fragen Sie ruhig mal in Bamberg nach, bei Nikos Zisis. Der hatte sich auch still und heimlich gedacht, dass sein Konterpart sich doch bitte etwas Besseres einfallen lassen solle, als den nächsten Neun-Meter-Wurf zum Sieg einzunetzen. Das Problem dabei: All das nützt wenig, wenn der hoch angesetzte Floater am Ende der regulären Spielzeit trotzdem den Weg durch die Reuse findet, mitten ins Herz der Oberfranken. Oder fragen Sie mal bei Daryl Morey nach, wie gerne er den schnellen Guard an der Seite von James Harden sehen würde. Ich garantiere, und dafür brauche ich wahrlich kein großer Prophet sein, dass der Rockets-GM den einen oder anderen Dollar lockermachen würde für die Dienste des 29-jährigen Spaniers.

Qualität als auch Quantität

Bei all dem Lob auf den (wahrscheinlich) neuen Euroleague-MVP sollte jedoch auch klar sein, dass Sergio Llull eben nicht der Einzige ist, der Anteil am diesjährigen Erfolg der Madrilenen hat. 23 Siege, gerade im neuen Format, setzen vor allem eines voraus – enorme Kadertiefe. Nehmen wir als kleines Beispiel das vor kurzem ausgetragene letzte Hauptrundenspiel gegen Anadolu Efes zum Anlass, um uns diese Kadertiefe noch genauer vor Augen zu führen.
Wir, die virtuellen Zuschauer dieses Spiels, sind mittlerweile im entscheidenden vierten Viertel angekommen. Efes, trotz bereits gesichertem Playoffplatzes mit voller Kapelle angereist, versucht alles, um mit einem Sieg und vor allem einer gehörigen Portion Selbstvertrauen in die nahenden Playoffs zu gehen. Auf Seiten von Madrid sitzen dagegen neben dem bereits erwähnten Sergio Llull mit Anthony Randolph, Gustavo Ayon und Jonas Maciulis gleich mehrere „Key-Player“ am Spielfeldrand und schauen sich das Spektakel aus einigen Metern Entfernung an. Was sich bis dato nach dem üblichen Schongang vor den wirklich wichtigen Spielen anfühlt, wird dann jedoch schlagartig ziemlich interessant. Plötzlich stellt Reals Scharfschütze Jaycee Carroll den patentierten Feuerwerfer-Schalter auf volle Kraft und treibt seine Mannen zu einem 21:6 Run gegen aufopferungsvoll kämpfende Istanbuler. Die Crux an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Run in weniger als vier Minuten vonstatten geht. 21 Punkte, weniger als vier Minuten – keine ganz schlechte Ausbeute. Und wie gesagt, von den eigentlichen Bankspielern, nicht von der personifizierten Gefahr eines Sergio Llulls beispielsweise. Dass Jungspund Luka Doncic am Ende noch den schwierigen Dreier ins Gesicht seines Gegenübers einstreut, passt perfekt ins Bild. Ins Bild einer Truppe, die nicht unbedingt mit dem Feuer spielt, aber doch zu jedem Zeitpunkt Feuer fangen kann.

Viel Geld, hohe Ziele

Dass man auch in Istanbul die Evolution nicht verschlafen hat und auf dem Basketballfeld heißlaufen kann, ist wahrlich kein Geheimnis mehr. Neu ist allerdings, dass neben den üblichen Verdächtigen aus Türkeis Millionenmetropole seit einiger Zeit ein weiterer Verein mit größter Mühe versucht, das klubeigene Wappen auf die internationale Basketballkarte einzugravieren. Mit Darüssafaka Dogus Istanbul hat es in diesem Jahr ein Newcomer unter die letzten Acht der Euroleague geschafft, welcher sich auch dank tatkräftiger Unterstützung des Hauptsponsors langfristige Ziele gesetzt hat. Eine „Legacy“ will man dort aufbauen, für 20 Jahre hat die Dogus Holding bereits ihr Geld zugesichert. Dass es trotz hohem Etat erst am allerletzten Spieltag für den Einzug in die Playoffs reichen sollte, überraschte viele Beobachter. Ganz gleich jedoch, wie die Erwartungshaltung vor der Saison aussah, die Freude im schwarz-grünen Lager über den Last-Minute-Einzug war riesengroß. So etwa bei Headcoach David Blatt, der nach dem letzten Heimspiel zu Protokoll gab, dass seine Mannschaft es absolut verdient habe, in den Playoffs zu stehen. Möglicher Kritik, etwa an zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen im Spiel zuvor, schob er damit einen klaren Riegel vor.
Während das Statement im Wust der oftmals redundanten Post-Game-Antworten auf den ersten Blick ganz alltäglich erscheint, lässt die Aussage zumindest auf den zweiten Blick Fragezeichen zurück. Zwar sind Standardsprüche á la „Wir müssen dem Gegner Respekt zollen. Das war heute ein unglaublicher Kampf“ nicht immer innovativ, aber sie zeigen dennoch, dass dort jemand sportlich (fair) denkt und die Leistung des Kontrahenten anerkennt. Klar mag der eine oder andere erwidern, dass solche Plattitüden zu 90% nur leere Worte sind, aber oftmals gehört es wohl einfach dazu.

Dass David Blatt mit seiner Aussage und der damit verbundenen Intention, das Erreichte irgendwie zu legitimieren, nicht ganz alleine dasteht, ist auf der anderen Seite ebenfalls klar. Ist man ehrlich, hat sich doch jeder schon einmal dabei ertappt, mehr oder weniger aggressiv seine jeweilige Situation gegen mögliche Kritik zu rechtfertigen. Für Blatt steht nun mal die bessere, die verdientere Mannschaft unter den letzten Acht und nicht das Team aus Belgrad, welches bis zuletzt aufopferungsvoll und angetrieben vom serbischen Fanlager um den großen Traum „Playoffs“ kämpfte. Und wer will es ihm dauerhaft verdenken? Siege und Niederlagen sind am Ende immer noch die besten Indikatoren, um sportliche Kräfteverhältnisse darzustellen. Nehmen wir das Beispiel Bamberg: Ab wann sind knappe und wiederkehrende Niederlagen nicht immer nur noch Pech und Abweichungen von der Norm, sondern ab wann werden sie verdient, ab wann gewissermaßen erwartbar? Ohne sagen zu wollen, dass Andrea Trinchieri aufhören sollte, den Ball am Ende des Spiels in den aus seiner Sicht besten Einzelspieler zu legen, gäbe es zumindest die Option, andere, kreativere Dinge auszuprobieren.


Und damit zurück zum eigentlichen Thema: Ich bin weit entfernt davon und noch viel weniger in der Lage dazu, abschließend darüber zu urteilen, wer in „unserer“ Sportart, in der Kleinigkeiten über Siege oder Niederlage entscheiden, am Ende die jeweilige Endposition eher verdient hat. Der Eindruck, dass sich Blatt gegenüber dem Basketball-Portal „Eurohoops“ dennoch etwas diplomatischer hätte ausdrücken können, bleibt. Dabei dürften die Mannen des Star-Trainers doch ohne jeglichen Groll nach vorne schauen, haben sie am Ende trotz reichlicher Kritik am offensiven Spielstil effizient genug agiert, um die Top Acht zu erreichen. Auch den Oklahoma City Thunder unter Headcoach Scott Brooks wurde jahrelang vorgeworfen, offensiv viel zu einfallslos zu agieren und den Ball nur in die Hände der besten Einzelspieler zu legen. Am Ende des Jahres waren sie trotzdessen stetig unter den besten Offensiven zu finden. Und das ist schließlich immer noch das, was zählt.

Was nun allerdings in der Gegenwart zählt, auf welche Spieler und welche Taktiken es ankommt, soll der nun folgende Screenshot-Breakdown zeigen.

On the Court / Direkte Duelle

1. Spiel: Darüssafaka 81 : 68 Real Madrid
2. Spiel: Real Madrid 101 : 83 Darüssafaka

Im ersten Aufeinandertreffen der beiden Playoffkonkurrenten konnte sich Darüssafaka relativ deutlich mit 81:68 gegen Real Madrid durchsetzen. Dabei spielte den Istanbulern ohne Zweifel in die Karten, dass mit Sergio Llull, Anthony Randolph und Trey Thompkins gleich mehrere Säulen auf Seiten der Gäste aussetzen mussten. Für den verletzten Llull rückte bei Madrid Luka Doncic in die Starting Five, bei den Gastgebern übernahm der gegenwärtig nicht mehr beim Team weilende Semih Erden den Job als Starting Center. Auch aufgrund der dünnen Personaldecke gelang es den Gästen aus dem Herzen Spaniens damals nicht, die anfängliche Führung gegen die zuvor vier Spiele in Folge sieglosen Hausherren über die Zeit zu retten und das Blatt-Team noch tiefer in die Krise zu stürzen. Während für das Madrider Starensemble im Hinspiel gerade von außen wenig ging, zeigte man im Rückspiel eindrucksvoll, wie hochtourig der Motor laufen kann, wenn alle Bauteile am richtigen Platz sind. Angetrieben von Sergio Llull, der den Gästen alleine im ersten Viertel stolze 19 Punkte einschenkte, setzte man nicht nur ein deutliches Zeichen an die Konkurrenz, sondern zementierte damit auch den Platz ganz oben in der Tabelle.

Die Entwicklung stimmt

Auch wenn die direkten Duelle einen anderen Trend suggerieren mögen, so ist doch zumindest bei Darüssafaka ein klarer Aufwärtstrend im Laufe der Saison zu erkennen gewesen. Einerseits, weil viele der hinlänglich bekannten Leistungsträger pünktlich zur heißen Saisonphase auf dem Höhepunkt ihres Schaffens weilen, andererseits weil mit der Verpflichtung von Center Ante Zizic eine große Problemstelle unter dem Korb adressiert wurde. Zwar liebt David Blatt weiterhin seine berühmt berüchtigten Small-Ball Lineups und kann diese für gewöhnlich auch in Istanbul für längere Spielabschnitte aufs Feld schicken. Doch letztendlich wird es gegen Madrid gerade auf den jungen Kroaten Zizic ankommen, um die reboundstarke Big Men Riege des Gegners vom Brett fern zu halten. Im Gegensatz zu vorherigen Spielen, in denen Darüssafaka auch ohne die Dienste von Zizic in der Lage war, die Spiele für sich zu entscheiden, haben die direkten Duelle bereits gezeigt, dass Blatt nur in Ausnahmefällen dazu bereit ist, mit Adrien Moerman auf der Fünf und Will Clyburn oder James Anderson auf der Vier zu agieren. Daher werden neben traditionellen Aufstellungen mit Zizic als Starter auch gerade Hybrid-Lineups mit Moerman und Luke Harangody (manchmal Furkan Aldemir) gefordert sein, um offensiv maximales Spacing/Shooting zu garantieren und defensiv die nötige Länge aufzuweisen.

Dass es dafür unter anderem einer exzellenten Defensivleistung der angeführten Frontcourtspieler bedarf, ist im Kontext der ungemein starken Real-Offensive selbsterklärend. Gerade Luke Harangody hat jedoch in den letzten Spielen gezeigt, dass er dazu in der Lage sein kann und mehr auf dem Kasten hat als sein Ruf und sein äußeres Erscheinungsbild vermuten lässt. Als Beispiel dienen hier ein paar Spielausschnitte, in denen die Erfahrung des Amerikaners deutlich zum Vorschein kommt.

Im Spiel gegen Roter Stern Belgrad ist Harangody aufgrund eines Crossmatches dazu gezwungen, den normalerweise deutlich agileren Marko Guduric zu verteidigen. Im Gegensatz zu anderen Verteidigern weiß der Forward jedoch, dass sein Gegenüber seine starke linke Hand präferiert und nur allzu gerne über links abschließen würde. So positioniert sich Harangody bereits zu Beginn des Aufeinandertreffens so, dass Guduric im Grunde dazu gezwungen ist, die vermeintliche Lücke über rechts zu attackieren. Dank der hervorragenden Fußstellung ist Harangody dann jedoch in der Lage, Guduric effektiv am Ring zu stören und einen Fehlwurf zu forcieren.

Auch im Spiel gegen Brose Bamberg ist es am Ende der Amerikaner, der in den defensiven Fokus gerät. Kurz vor Spielende switcht er nach einem Screen der Oberfranken auf Darius Miller und muss dessen potenziellen Gamewinner erschweren. Dass der Midrange-Jumper von Miller schlussendlich nur an den Ring klatscht, ist auch Harangodys guter Verteidigungsarbeit anzurechnen.

Ein weiteres und für die anstehende Serie noch am ehesten repräsentatives Beispiel kommt aus dem direkten Aufeinandertreffen der beiden Rivalen. Auch hier ist Harangody nach einem Switch in der Lage, seinen Gegenüber Jaycee Carroll vor sich zu halten und einen schweren Dreipunktewurf zu forcieren. Wenig überraschend findet der Ball auch hier nicht den Weg in den Korb.

Neben Glue-Guy Harangody und dessen defensiver Leistung, gerade in solchen Hybrid-Lineups, wird es jedoch vor allem auf zwei weitere Akteure ankommen, die den deutschen Fans bestens bekannt sein sollten. Brad Wanamaker, Ex-Brose Bamberg-Playmaker, und Will Clyburn, ehemaliger Forward von ratiopharm Ulm, bilden in dieser Spielzeit die Korsettstangen der Millionentruppe aus Istanbul. Beide gelten jedoch nicht als unumstritten, sind sie neben Spielern wie James Anderson doch dafür bekannt, offensiv gerne einmal das 1-gegen-1 zu forcieren und das Teamplay zu untergraben. Gerade zu Beginn der Saison war die Kritik laut, als Wanamaker wiederholt gegen Ende des Spiels unzählige Ballbesitze in langen Jumpshots enden ließ und oftmals im Kampf mit dem Ring zweiter Sieger bleib. Auch Clyburn wurde trotz individueller Glanzleistungen wie im ersten Euroleague-Spiel in Belgrad nicht immer außen vor gelassen, wenn es um mögliche Ansatzpunkte der Kritik ging. Dabei war den negativen Kommentaren immer wieder eines zu vernehmen: David Blatt lasse augenscheinlich zu viel Isolations-Basketball spielen und schiebe dem in Europa so geliebten Teambasketball samt Ballmovement einen Riegel vor.

Grundlegende oder grundlegend falsche Kritik?

Wo wir auch schon bei sogenannten Halbwahrheiten angekommen wären. Ja, es stimmt, dass immer noch viele Darüssafaka-Ballbesitze in Isolationen enden, bevor sie überhaupt erst so richtig an Fahrt aufgenommen haben. Was jedoch auch nicht unter den Tisch gekehrt werden darf, ist die Tatsache, dass bei ablaufender Shotclock nun mal ein Spieler gefordert ist, der noch halbwegs effizient zu einer guten Lösung findet und den Spalding im Korb unterbringt. Darüber hinaus ist es in der Regel so, dass Ballmovement dafür sorgen soll, dass am Ende der Nahrungskette ein Akteur einen möglichst hochprozentigen und freien Wurf Richtung Korbanlage fliegen lässt oder dass ein Missmatch herbeigeführt wird, welches wiederum vom besten Einzelspieler ausgenutzt werden soll. Und hier kommt man unausweichlich auf besagten Brad Wanamaker zu sprechen. Darüssafaka war gerade im ersten Saisondrittel für Plays bekannt, bei denen der Ball durch möglichst viele Hände von Seite zu Seite bewegt wurde. Bei neu zusammengestellten Mannschaften ist es dabei nicht unüblich, dass perfekt getimte Cuts oder bestens ausgenutzte Blöcke abseits des Balles noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind. Das wiederum führt automatisch dazu, dass am Ende ein simples Pick and Roll oder eben eine Isolation für einen vertretbaren Wurf herhalten muss.

Auch die San Antonio Spurs waren bekannt dafür, als Setplay-Einstieg den Ball vom Guard auf der einen Seite über die Anspielstation Tim Duncan zur anderen Seite wandern zu lassen. Dass es dort aber in der Folge nach gutem Teamplay aussah und diese Ballwechsel eben nicht zu einer Handoff-und Pass-Aufwärmaktion ausarteten, lag in vielen Fällen einfach daran, dass etwa durch Tony Parker irgendwann die Penetration ins Herz der Verteidigung erfolgte und das berühmte Drive and Kick-Game initiiert wurde. Nicht umsonst betont Sportdirektor Mithat Demirel regelmäßig, dass die jetzige Mannschaft auf langfristiger Basis zusammengestellt wurde und Zeit hat zu wachsen. Gerade ausschweifendes Ballmovement entwickelt sich nicht von heute auf morgen, so sehr sich das manche auch wünschen mögen.

Bertans als Nutznießer

Ein Spieler, für den klassische Side-to-Side/Weave-Plays jedoch wie gemacht sind, ist Dairis Bertans. Der Mann, der im Sommer aus Bilbao den Weg in die Türkei fand, kennt den Umgang mit Tempowechseln und Blöcken abseits des Balles aus seiner Zeit unter Coach Sito Alonso bereits bestens. Unter David Blatt startet Bertans meist in einer der beiden Ecken und bekommt einen Block vom Mitspieler gestellt, wie auf dem folgenden Bild unschwer zu erkennen ist:

Da viele Teams diese Offball-Aktion jedoch switchen, ist der lettische Guard seinem neuen Gegenspielern in Sachen Tempo meistens schon einen Schritt voraus. So etwa hier, als Charles Jenkins im weiß-roten Jersey die Verteidigungsarbeit von Bertans übernimmt und im ersten und entscheidenden Moment noch „stationär“ wirkt.

Während Bertans den Ball in vollem Lauf fängt und bereits dabei ist, Richtung Zizic (Nr. 41) zu laufen, muss Jenkins überhaupt erst einmal anfangen, seitwärts zu starten. Dieser Tempounterschied führt folgerichtig dazu, dass der Belgrader Verteidigungsspezialist bereits nach kurzer Zeit einen Schritt zurück ist. Warum gerade der Euroleague-Rookie aus Lettland jedoch in solchen Sequenzen so wertvoll ist, zeigt der Blick auf seine Wurfquoten und sein stringentes Spiel. Auf der einen Seite kann der begnadete Dreierschütze bei entsprechender Gelegenheit direkt vom Perimeter abdrücken, andererseits ist Bertans dafür bekannt, dass er um den Block herumkommend wenig Geschwindigkeit verliert und den herauseilenden Center beim Zug zum Korb schlagen kann. Gleich zwei Mal gelang ihm dieses Kunststück gegen Belgrad.

Während solche Spielabschnitte zwar oftmals recht effektiv sind, bilden sie in der Regel aber doch die Ausnahme. Weitaus häufiger sind in der Dacka-Offensive Szenen zu finden, die die Fertigkeiten des bereits erwähnten Brad Wanamaker zur Schau stellen. Dazu lohnt ein Blick auf die Statistiktabelle der letzten drei Spiele: 24.6 Punkte, 4.6 Rebounds und 4 Assists stehen einer exzellenten Trefferquote von 50 % aus dem Feld und 47,3 % von der Dreierlinie gegenüber. Würde man den Euroleague-MVP nach den Leistungen der letzten Wochen küren, wäre der bullige Amerikaner plötzlich ganz weit oben im Ranking zu finden. Dabei ist gerade die Art und Weise, wie der 27-jährige zu seinen Punkten kommt, bemerkenswert. Während andere Spieler seines Kalibers die Defensive des Gegners vorher genauestens sezieren, um dann den schwächsten Punkt zu attackieren, verfolgt Wanamaker oft eine primitivere, dafür aber nicht weniger effektive Variante. Betrachtet man folgende Beispiele, fällt schnell auf, was gemeint ist.

Wo andere zögern, lässt der Amerikaner den Spalding bereits fliegen. Ein Block reicht dabei meistens schon aus, um den Verteidiger auf dem falschen Fuß zu erwischen und den nötigen Raum für einen guten Wurf zu schaffen. in die Karten dürfte Wanamaker in solchen Situationen spielen, dass er das (fast) uneingeschränkte Vertrauen seines Trainers genießt und keine Tiraden fürchten muss, sollte ein frühzeitig abgefeuerter Pull-up-Jumper mal das Ziel verfehlen.

Hilfe statt Hilflosigkeit

Doch auch gegnerische Defensiven haben mittlerweile verstanden, dass man den Euroleague-Star unter keinen Umständen aus den Augen lassen darf. Real Madrid dürfte es zugute kommen, dass mit Anthony Randolph ein Spieler im Kader steht, der quasi dazu prädestiniert ist, nach einem eventuellen Switchen den Darüssafaka-Bulldozer mit guter Wurfhand vor sich zu halten. Während Gustavo Ayon oder Felipe Reyes eher ungerne den Weg raus an den Perimeter suchen, hat der ehemalige NBA-Spieler im Dress von Real Madrid bereits seit einiger Zeit einen klaren Aktionsbereich verlassen. Ob spektakuläre Defensivsequenzen in der Transition oder Weakside-Blöcke aus dem vermeintlichen Nichts, Randolph ist mit seiner Athletik immer für ein Highlight zu haben. Auch Othello Hunter oder Trey Thompkins sind in der Lage dazu, defensiv ihren Mann zu stehen. Um die Kreise eines Brad Wanamakers einzuengen, werden vor allem solche Mismatches über den Ausgang der Serie entscheiden. Für Madrid spricht, dass man sich leisten kann, potenziell notwendige Hilfen zu schicken oder gleich den Weg zum Ring so zu versperren, dass am Ende nur der Pass zum Mitspieler bleibt.

Hier forciert Trey Thompkins beispielsweise klar den Drive, welchen Wanamaker jedoch abrupt abbrechen muss, da Tompkins einerseits lateral Schritt halten kann, andererseits weil Doncic unter dem Korb nur auf den Ex-Bamberger wartet. Auch im zweiten Ausschnitt bietet sich dasselbe Bild:

Thompkins tritt vergleichsweise weit heraus, um keinen einfachen Dreier abzugeben. Da hinter ihm die Hilfe wartet, kann er Wanamaker schlussendlich zu einem ineffizienten und vor allem verteidigten Midrange-Jumper zwingen. Schafft es Madrid über mehrere Spiele hinweg dauerhaft, frühe Würfe Wanamakers zu unterbinden und den Gefahrenherd durch aggressive Verteidigung aus seiner Komfortzone zu locken, sprechen viele Faktoren für den Favoriten.

Fällt der Wurf?

Wäre da nicht noch ein weiterer Spieler im grün-weiß-schwarzen Dress, dessen positive wie negative Unberechenbarkeit seit jeher in seiner DNA verankert ist: Will Clyburn. Der Forward, der es in dieser Serie defensiv über weite Strecken mit seinem (besseren) Klon Anthony Randolph zu tun bekommt, ist offensiv so etwas wie der X-Faktor des Blatt-Teams. Viele Gegner wurden in dieser Saison bereits von den Fähigkeiten des Amerikaners überrascht, zur Enttäuschung der Istanbuler Fans gehörte Real Madrid jedoch nicht dazu. In Jonas Maciulis wissen die Madrilenen nämlich einen zwar athletisch limitierten, dafür aber extrem intelligenten Spieler ihr Eigen, welcher Clyburn in den direkten Duellen bereits mehrfach in den Wahnsinn trieb. Durch geschicktes Absinken zwang er Clyburn quasi dazu, den unsicheren Wurf aus dem Dreierland zu nehmen.

Doch nicht nur Maciulis war es anzumerken, dass die markante Shooting-Schwäche Clyburns ein großer Faktor in der Verteidigung des Darüssafaka Forwards ist. Auch Rudy Fernandez oder Jeffery Taylor ließen in den vergangenen Duellen viel Raum zwischen sich und ihrem Gegenüber.

Will Will Clyburn in der Serie gegen Madrid ein wichtiger Faktor sein, so muss er zuerst zeigen, dass er von außen respektabel abschließen kann. Pickt die Defensive ihn dann bereits am Perimeter auf, dürften gerade die eigentlich herausragenden Facetten seines Spiels wie der Drive Richtung Korb zum Vorschein kommen. Bleiben Kennzahlen wie zwei von dreizehn getroffene Dreier aus den letzten sechs Spielen jedoch repräsentativ für die wahre Shooting-Stärke, respektive Schwäche, dann dürfte die Scoringgefahr des Forwards in dieser Serie stark verpuffen. Nur auf Möglichkeiten in der Transition zu hoffen gegen ein Team, das sich vergleichsweise wenig Turnover leistet, wäre der Anfang vom Ende.

Königlicher Basketballzauber

Im Gegensatz zu den zahlreichen Variablen auf Seiten der Istanbuler kann sich Real Madrid dieses Jahr auf die Konstanz der Leistungsträger verlassen. Sergio Llull hat den Abgang von Namensvetter Sergio Rodriguez längst vergessen gemacht, die neu dazugewonnene Tiefe im Frontcourt lässt zudem nun auch Fenerbahce-Fans unruhig schlafen. Gerade offensiv, wo die Spanier dieses Jahr das beste Team der Euroleague stellen, sind wenige Schwachstellen auszumachen. Egal ob in schnellem Transition-Game oder im geordnetem Halbfeldbasketball, Real wird auch gegen Darüssafaka regelmäßig den Ball im Korb unterbringen. Dabei ist es bemerkenswert, wie sehr sich das bereits erwähnte Ballmovement Madrids von dem Darüssafakas an manchen Abenden unterscheidet. Während bei der Dogus-Truppe aus Istanbul nach einigen Handoffs und Screens meistens ein relativ simples Pick and Roll das Endstück der Ballbewegung darstellt, sieht man bei den Madrilenen viel öfter das berüchtigte Drive and Kick-Game. Dabei bleibt der Spalding eben nicht beim Ballhandler stecken, sondern findet in schöner Regelmäßigkeit den präzisen Weg zum Schützen in der Ecke, welcher entweder direkt den Wurf nimmt oder den Closeout attackiert.

Interessant bei der Analyse der Ausgangssituation ist zudem, wie unterschiedlich alleine teamintern das „Ziehen“ einer Hilfe provoziert werden kann. Während Sergio Llull etwa durch seinen Speed in das Herz der Defensive gelangen kann, bindet Luka Doncic dank klugen Dribblings regelmäßig seinen Gegenspielern auf den Rücken und kann dann in der Folge aufgrund seiner Größe den freien Mitspieler bedienen. Wie weit der 18-jährige bereits jetzt in seiner Entwicklung ist, zeigen die folgenden Spielausschnitte.

Die Magie des Luka Doncic

In der ersten Situation pflückt sich der Slowenen trotz Furkan Aldemirs Beisein den schwierigen Rebound vom Brett und ist bereits dabei, den Ball in der Transition nach vorne zu treiben.

In der gegnerischen Hälfte angekommen, analysiert Doncic in Sekundenbruchteilen die sich bietenden Optionen und identifiziert Othello Hunter als Anspielstation. Die Kommunikation und die Genauigkeit des Anspiels sind dabei verblüffend.

Doch nicht nur die athletische Frontcourtriege darf sich regelmäßig über perfekt getimte Anspiele freuen, auch das Zusammenspiel mit Veteranen wie Jonas Maciulis funktioniert prächtig. Man achte zuerst nur auf die Gestik des Litauers.

Bevor der abrollende Center überhaupt den Weg Richtung Korb antreten kann, zeigt Maciulis bereits an, dass er gleich frei sein wird und den Ball empfangen möchte. Auch Doncic, der sich in dem Moment nach möglichen Anspieloptionen umschaut, sieht das Handzeichen seines Mitspielers. Anstatt nun jedoch verfrüht den Ball Richtung Ecke zu passen, wartet Reals Ballhandler noch einige Augenblicke und zieht erst ein paar Meter in die Zone, bevor er dann Maciulis bedient.

Während die Defensive noch dabei ist, zu recovern, hat der Ball die Hand des Scharfschützen längst verlassen. Dass Maciulis in diesem Jahr über die Häfte seiner Würfe von Downtown trifft, ist im Hinblick auf die perfekte Kommunikation der beiden nur eine schöne Randnotiz.

Pick and Roll / Flex-Action

Doch auch komplexere Spielsysteme als das vergleichsweise einfache Finden des Weakside-Shooters dürfen bei einem „First-Seed“ nicht fehlen. Gerade gegen kleine Lineups von Darussafaka hat Headcoach Pablo Laso ein raffiniertes Pick and Roll-Set mit Flex-Action auf Lager, welches in beiden Spielen mehrmals und vor allem effektiv gelaufen wurde. Dabei startet nach dem Überkreuzen der Mittellinie alles mit einem scheinbar einfachen Blocken und Abrollen:

Bereits hier ist jedoch zu erkennen, dass unter dem Korb schon ein zweiter Block für den jeweiligen Vierer gestellt wird. Dieser bringt sich anschließend direkt unter dem Korb in Position, um vom Point Guard den Ball zu erhalten. Der Blocksteller wiederum bekommt vom Center einen Screen gesetzt, damit als zweite mögliche Option der Ball zum freien Dreierschützen bewegt werden kann. Simpel, aber sehr effektiv.

Während in dieser Sequenz Felipe Reyes den Ball in Brettnähe erhält, lief es zuvor auf einen freien Distanzwurf von Veteran Andres Nocioni hinaus.

Im Rückrundenspiel durfte sich dann Anthony Randolph über merkwürdig viel Platz unter dem Korb freuen und zwei einfache Zähler erzielen:

Darüssafaka bleibt bei intensivem Scouting am Ende wohl nur das Switchen übrig, um nicht am laufenden Band einfache Zähler zu kassieren. Der Fakt, dass Real so schnell in das gezeigte Set kommt und genügend Zeit auf der Uhr bleibt, um ein nachfolgendes Missmatch zu attackieren, spiegelt nur das Level wieder, auf dem sich die Madrilenen in diesem Jahr bewegen.

Sucht man nach potenziellen Schwachpunkten im Real-Konzept, dann wird man auf nur wenig Zählbares stoßen. Die Hoffnung der türkischen Fans muss im Endeffekt wohl darauf liegen, dass offensiv viele der eigenen Schlüsselspieler einen „Sahnetag“ erwischen und die Banklineup Reals mit Doncic und Carroll/Fernandez zu sehr auf Pin-Downs für die Schützen lauert und ihr Tempospiel einstampft. Gerade Scottie Wilbekin auf Seiten des Achtplatzierten bewies in der Vergangenheit, dass er als Kettenhund auch um die härtesten Blöcke herumkommt.

Nicht wie im Lehrbuch

Und sollte auch eine solche Ausgangslage nicht für einen Upset genügen, dann soll zumindest am Ende des Artikels noch die Leistung eines Mannes gewürdigt werden, dessen Name zumindest bei der Auswahl des schönsten Wurf-Floaters ganz oben auf dem Zettel stehen könnte, ja wenn nicht sogar müsste. We proudly present Luke Harangody.

 

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1 comment

  1. Simon

    Wow, ganz starker Artikel! Danke :tup:

    Ich verfolge die Euroleague nicht wirklich, aber jetzt muss ich mir wohl doch das eine oder andere Spiel dieser Serie angucken. Aus NBA-Sicht interessieren mich natürlich vor allem Doncic und Zizic, aber auch Llull. Ich würde ihn wirklich gerne in der NBA sehen, am liebsten tatsächlich bei den Rockets. In die Rolle des sechsten oder siebten Mannes in Houston würde er passen wie die Faust auf’s Auge!


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