Minnesota Timberwolves

Die Minnesota Timberwolves ohne Zach LaVine

Wie hat die Franchise die Zeit ohne ihren Shooting Guard genutzt?

Verletzungen gehören jedes Jahr zu den unschönen Momenten der NBA-Saison, gerade wenn Teams deswegen ihre sportlichen Ambitionen hinten anstellen müssen. Fast kein Team kann den Ausfall eines oder sogar mehrerer Schlüsselspieler einfach so ersetzen – Verletzungen haben meist direkten Einfluss auf die Siegquote eines Teams. In seltenen Fällen haben Verletzungen jedoch auch eine befreiende Wirkung: Wenig genutzte Bankspieler bekommen ihre Chance, neue Synergien entwickeln sich auf dem Feld, das Team rückt enger zusammen und kitzelt die berühmten Extra-Prozente aus sich heraus. Welches der beiden Szenarien trifft auf die Minnesota Timberwolves zu?  Nach einem enttäuschenden Saisonstart mit nur 19 Siegen aus 50 Partien, riss sich auch noch Zach LaVine das Kreuzband – Saisonaus! Der vielversprechende Kern um Karl-Anthony Towns, Andrew Wiggins und eben LaVine war plötzlich dezimiert. Wie haben die Timberwolves den Ausfall verkraftet?

Auf den ersten Blick hat sich wenig getan: Die Bilanzen mit (19-31) und ohne LaVine (12-19) gleichen sich auf den ersten Blick. Ins Playoff-Rennen konnte das Team sowieso nicht mehr eingreifen. Ein zweiter Blick offenbart allerdings doch einige tiefgreifende Veränderungen, die das Team in den letzten drei Saison-Monaten durchgemacht hat.
Denn: Nach LaVines Ausfall spielte Minnesota plötzlich den besten Basketball der Saison und holte 9 Siege aus den ersten 16 Partien; aus den letzten 14 Saisonspielen gab es jedoch nur noch 3 Siege. Was steckt dahinter? War der starke Lauf ein statistischer Ausreißer aufgrund geringer Sample Size? Eine kurzfristige Trotzreaktion des Teams? Oder tanken die Timberwolves einfach nur, um sich einen hohen Pick zu sichern? Und vielleicht die wichtigste Frage: Was bedeutet das alles für die Zukunft der Timberwolves?

Next man up

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, wie die Timberwolves Zach LaVine personell ersetzt haben. Seinen Platz in der Starting Five und ein Großteil seiner Minuten gingen an Brandon Rush. Der X-jährige Veteran ist aber in jeder Hinsicht ein marginaler Spieler: In 26 Minuten/Spiel nach LaVines Verletzung nimmt er 4,6 Würfe (35,5% FG) und hat eine USG% von 9,4%. Immerhin kennt er seine Rolle, wie auch die geringe USG-Rate beweist; Rush kreiert quasi nie aus dem Dribbling und beschränkt sich offensiv auf das Warten auf offene Würfe – 80% seiner Zweier und 97% seiner Dreier geht ein Assist voraus. LaVines Produktion muss also von anderen Spielern aufgefangen worden sein. Und hier kommt Ricky Rubio ins Spiel.

Der Spanier hatte zu Beginn der Saison einen schlechten Ruf in der NBA-Gemeinde – auch wir sahen ihn aufgrund fehlender Wurfqualitäten zunächst kritisch. Der Höhepunkt der Kritik war dann das absurd anmutende Tradegerücht um Rubio und Derrick Rose. Doch die Kritiker haben sich zu früh gefreut: Seit LaVines Ausfall spielt Rubio wieder wie ein überdurchschnittlicher NBA-Point-Guard! Seine Stats in diesem Zeitraum: 14,8 PPG, 10,4 APG, 41,3% FG, 33,0% 3FG – Franchise-Rekorde für Assists gab es obendrauf als Beigabe. Sein Net-Rtg steigerte er von -2,9 vor LaVines Verletzung auf +1,6 danach. Aber um Rubios Wiedergeburt zu beobachten, muss man nicht auf Zahlen verweisen: Wer ein Spiel der Timberwolves sieht, bemerkt, dass Rubio sein Selbstvertrauen (besonders beim Jumper!) und seinen Spielwitz wiedergefunden hat. Mit seiner Übersicht, Erfahrung und Pass-First Mentalität sorgt er dafür, dass die Timberwolves-Offensive auf hohem Niveau performt und dabei um einiges weniger hektisch und chaotisch daher kommt. Davon wiederum profitieren die kommenden Stars in Minnesota – in erster Linie Karl-Anthony Towns.

Die Zukunft der Liga?

Relativ unbeobachtet hat Towns sein sowieso schon enorm starkes Spiel auf ein neues Level gehoben. Ohne LaVine legt der Sophomore monströse 28,4 PPG und 12,6 RPG auf, und garniert das mit Wurfquoten von 58,9% aus dem Feld und 39,6% von Downtown. Mit nur 21 Jahren ist er bereits der beste Big Man der Welt, der nicht in New Orleans spielt! Ihm kommt zugute, dass die Rollen in Minnesotas Offensive jetzt klar verteilt sind: Rubio ist der primäre Ballhandler auf dem Flügel, Towns die erste Abschlussoption am Brett – für Andrew Wiggins bleibt die Rolle als High-Volume Scorer. Bei ihm fallen die Fortschritte kleiner aus, sind aber dennoch vorhanden. In Sachen Ballhandling und Kreieren für Mitspieler geht immer noch nicht viel (2,1 APG), dafür verbessert er sich stetig in seiner Parade-Disziplin, dem Scoring. Seit der LaVine-Verletzung legt er 26,1 PPG bei 45,4% FG und 37,8% 3FG auf; bei höherem Volumen konnte er seine Effizienz halten und hat in diesem Zeitraum das beste Off-Rtg des Teams.

Insgesamt wirkt die Wolves-Offensive mittlerweile deutlich flüssiger. Mit Rubio, LaVine und Wiggins standen zu Saisonbeginn drei Spieler auf dem Feld, die den Ball in den Händen brauchten; gerade Rubio aber war abseits des Balles quasi gar nicht zu gebrauchen. Dass die Stars und das Team insgesamt von der kontrollierteren Spielweise profitieren, hat auch Tom Thibodeau erkannt. Nimmt Rubio auf der Bank Platz, schickt er meist ein Lineup mit zwei Point Guards (Kris Dunn und Tyus Jones) auf den Platz. Auch ohne innovative Offensiv-Sets bleibt Minnesota daher offensiv auf Kurs. Es ist die individuelle Klasse von Rubio, Wiggins und vor allem Towns, die die Offensive auf Top-10 Niveau performen lässt.

Dabei entwickeln diese drei mittlerweile auch endlich so etwas wie Synergie auf dem Feld. Hochgerechnet auf 100 Ballbesitze steht die Paarung Rubio-Wiggins seit dem LaVine-Ausfall bei + 1,9; zuvor stand dort ein mieser Wert von – 1,7 zu Buche! Bei Rubio-Towns (+1,6 statt -2,6) und Wiggins-Towns (+2,1 statt -0,6) sieht es ganz ähnlich aus.

Es fehlt an Tiefe

Die Stars der Timberwolves sind individuell also auf Kurs – warum schlägt sich das dann kaum im Teamerfolg nieder? Zumindest das Off-Rtg wurde in der Phase ohne LaVine besser: von 106,4 (Platz 13) auf 110,6 (Platz 6). Dafür verantwortlich sind jedoch beinahe alleine Rubio, Wiggins und Towns, denn es fehlen noch immer brauchbare Spieler neben den großen Drei. Kris Dunn ist auf der Backup-Position immer noch nicht wirklich in der NBA angekommen, Tyus Jones, Brandon Rush und Gorgui Deng sind höchstens durchschnittliche Rollenspieler; Shabazz Muhammad produziert zwar auf den ersten Blick ordentlich (10,9 Punkte bei 50% FG seit der LaVine-Verletzung), trifft aber den Dreier nicht (17,5%!) und hat ein grausiges Net-Rtg (-4,5). Einzig Nemanja Bjelica lieferte in diesem Zeitraum als Stretch-Vierer ab und zauberte das beste Net-Rtg des Teams (+9,5) aus dem Hut; seine Verletzung hat das Team empfindlich geschwächt. Die Lücken versuchte man schließlich mit Lance Stephenson (der sich nicht durchsetzen konnte) und Omri Casspi (der Zeit braucht) zu schließen, was verständlicherweise noch nicht wirklich funktioniert hat. Mit einigen brauchbaren Neu-Additionen sollten die Timberwolves um Towns und Wiggins nächstes Jahr eine der besseren Offensiven der Liga stellen können! Und aufgepasst: Dem Team fehlen vor allem Shooting und ein brauchbarer Playmaker von der Bank. Zach LaVine anyone?

Defensiv bleibt dagegen mehr im Unklaren. Schon das ganze Jahr über erwarteten die Beobachter eine deutliche Steigerung am defensiven Ende, schließlich steht mit Tom Thibodeau ein echter Fachmann an der Seitenlinie. Bis zu LaVines Verletzung betrug das Def-Rtg des Teams  107,8 (Platz 27), seitdem liegt es bei 110,7 (Platz 27). Während des starken 9-7 Runs unmittelbar nach dem Ausfall verteidigten die Timberwolves jedoch deutlich stärker (Def-Rtg: 105,1 / Platz 10). War das nun also eine kurzfristige Trotzreaktion? Oder ist jetzt zum Ende der Saison, abgeschlagen im Niemands-Land der Tabelle, einfach die Luft raus?

Hängen gelassen hat sich das Team nicht; besonders Karl Anthony Towns fightete nach wie vor um jeden Ballbesitz. Der Eye-Test besagt, dass das Team zumindest viele der einfachen Fehler und Breakdowns abstellen konnte; gerade Andrew Wiggins hat längst nicht mehr so viele peinliche Aussetzer wie zu Beginn der Saison. Warum es trotzdem nicht zu einer besseren Defensiv-Leistung reicht? Es fehlen nach wie vor starke Flügel-Verteidiger, die Stars müssen viele Minuten gehen, in denen sie zudem die Offensive tragen müssen – so könnten hinten die letzten Körner fehlen. Es bleibt aber interessant, welches Gesicht das Team in der nächsten Saison zeigen wird – vor allem da mit LaVine ein echter Minus-Verteidiger zurück kehrt.

Was bringt die Zukunft?

In der nächsten Saison sind in Minnesota ohne Zweifel deutliche Verbesserungen zu erwarten. Tom Thibodeau hat ein Jahr mehr Zeit, die Defensive zu festigen, Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins werden weitere Fortschritte machen, Zach LaVine kehrt zurück, dazu kann über die Draft oder die Free Agency neues Talent akquiriert werden. Eine Playoff-Teilnahme im nächsten Jahr liegt absolut im Bereich des Möglichen/Erwartbaren. Verstärkungen werden auf dem Flügel in Form eines 3-and-D-Spielers und eines Backup Big Man benötigt. Minnesotas Draftpick, der im späten Lottery-Bereich liegen sollte, könnte einen der beiden bringen. Nur was passiert mit Zach LaVine? Die letzten Saisonmonate haben – so hart das klingt – gezeigt, dass er in der Starting Five der Timberwolves eigentlich keine Zukunft hat. Im Angriff profitiert das Team von einer klaren Rollenverteilung, defensiv sollte man versuchen, einen starken Flügelverteidiger neben Andrew Wiggins und Ricky Rubio aufzubieten. Gesucht wird ein echter 3-and-D-Spieler.

Für Zach LaVine bliebe idealerweise die Rolle des Scorers von der Bank. In dieser wäre er extrem wertvoll und könnte eine konstante Offensiv-Produktion gewährleisten – um in der Crunchtime ein verheerendes Dreigestirn zu komplettieren. Gut möglich allerdings, dass eine solche Rolle LaVine nicht genügt; in diesem Fall könnte Minnesota gezwungen werden, der Unzufriedenheit vorzubeugen und einen ihrer Stars abzugeben, da es schlicht nicht genügend Spielanteile für alle gibt – Erinnerungen an James Harden und die Oklahoma City Thunder werden hierbei wach. Zwei Trade-Szenarien scheinen dabei plausibel: Entweder die Timberwolves schicken LaVine für einige brauchbare Rollenspieler weg oder packen ihn mit Picks und einigen Youngstern in ein Paket für einen Star (etwa Jimmy Butler). Weise wäre das wohl aber nicht: Minnesota hat keinerlei Eile jetzt schon in den Win-Now-Modus zu schalten. So oder so wird LaVine Zeit brauchen, nach seinem Kreuzbandriss zu alter Stärke zu finden. In dieser Zeit sollte man ihn in oben beschriebener Rolle testen und dann gemeinsam mit dem Spieler evaluieren. Aber in welchem Szenario: LaVine bleibt ein wichtiger Teil der Zukunft des aufregendsten jungen Teams der Liga.

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