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Scouting FIBA U18 EM

Welche Spieler beeindruckten in Samsun?

Obwohl die FIBA U18 EM im Sommer wegen der politischen Unruhen in der Türkei kurz vor die Weihnachtsfeiertage verlegt werden musste, entwickelte sich das Event zu einem spannenden Turnier, zu dem nahezu alle interessanten und relevanten europäischen Talente antraten. Frankreich gewann im Finale gegen Litauen den Titel. Wir haben uns die besten Prospects in Samsun näher angesehen.

Die alten Bekannten

Frank Ntilikina – Playmaker – Frankreich – Jahrgang ’98

Kein Spieler rückte bei der EM dermaßen in den Fokus der Scouting-Abteilungen der NBA-Franchises. Für seinen Club Straßburg spielte Ntilikina bisher zumeist als Flügelspieler mit sekundären Ballhandlung-Aufgaben, was es extrem schwierig macht, ihn als zukünftigen Vollzeit-Playmaker zu bewerten. Für das französische U18-Team bekam er alle Zügel in die Hand und durfte seine Mannschaft als erste Option mit dem Ball in der Hand anführen. Jeder Scout wollte im Zuge dieses Turniers sehen, wie der 18-Jährige mit der vermehrten spielerischen und führungstechnischen Verantwortung umgeht.

An den ersten Turniertagen konnte Ntilikina die hohen Erwartungen nur in der Verteidigung zur vollen Zufriedenheit erfüllen. Für Frankreich agierte er als Speerspitze bei Press-Verteidigungs-Varianten, wenn es darum ging, die Gegner unter Druck zu setzen. In diesen Situationen wusste er seine Geschwindigkeit, Länge und Agilität sehr gut einzubringen. Mit seiner Mobilität schaffte er die Balance, große Räume des Feldes abzudecken, ohne entscheidende Plays für den Gegner abzugeben. Besonders seine beeindruckenden Chasedown-Blocks, mit denen er im Alleingang gegnerische Fastbreaks zerstörte, dürften sich als Zeugnis seiner Spitzen-Athletik in die Gehirne der anwesenden Scouts eingebrannt haben.

Im Halbfeld lieferte er ebenfalls starke Verteidigungsarbeit ab. Er wandelte seine exzellenten Tools und seine guten defensiven Instinkte mit Leichtigkeit in Lockdown-Defense und Steals durch kluges Stören in den Passwegen um.

Offensiv enttäuschte er zunächst. In den Gruppenspielen resultierten die meisten seiner Zähler aus einfachen Fastbreak-Punkten. Wurde er in die Halbfeld-Offense gezwungen, beeinträchtigte dies seine Effektivität merklich. Es fiel ihm schwer, für sich oder seine Mitspieler zu kreieren. Dies änderte sich in der KO-Runde aber komplett. Während des Turniers wurde immer wieder berichtet, dass Ntilikina an einer Grippe laborierte. Eventuell gesundete er zur Endrunde des Events endlich wieder vollständig und spielte deshalb besser. Vielleicht realisierte Ntilikina aber auch zusätzlich, dass ein Spieler mit seiner Skill/Tools-Kombination dieses Spielerfeld dominieren kann, wenn er aggressiver spielt. Was es auch war, der junge Franzose schien nach dem Ruhetag in Samsun einen Schalter umgelegt zu haben.

Plötzlich dominierte er die Spiele seines Teams auch in der Offense. Er lief das Pick’n’Roll mit mehr Selbstvertrauen, traf bessere Entscheidungen und produzierte viel mehr Drives bis zum Korb. Teilweise war es furchteinflößend, wie viel Selbstvertrauen er plötzlich in seinen dadurch auch sehr gut fallenden Sprungwurf hatte – egal ob als selbst vorbereiteter Midrange-Pullup oder Dreier.

Sollte Ntilikina in den KO-Runden nicht einfach nur heißgelaufen sein, sondern sein wahres Gesicht gezeigt haben, wäre dies eine Kampfansage an die Draft-Konkurrenz. Er besäße so ein breiteres offensives Skillset als bisher angenommen. Entwickelt er diese Fähigkeiten in Straßburg bis zum Sommer weiter, könnte er als zweitbester Playmaker einer recht tiefen Point Guard-Klasse gezogen werden.

Isaiah Hartenstein – Big – Deutschland – Jahrgang ’98

Die EM stellte ein extrem wichtiges Turnier für den jungen, deutschen Bigman dar. Nachdem Hartenstein das Albert Schweitzer Turnier im eigenen Land verpasste (AST = renommiertes U18-Event in Mannheim mit Alumnis wie  Magic Johnson, Dirk Nowitzki, Tim Duncan, Tony Parker, Vince Carter, Arvydas Sabonis, Hidayet Türkoğlu, Mehmet Okur, Pau Gasol und Toni Kukoč) und bisher bei seinem Club Kaunas nur wenig bedeutungsvolle Spielzeit sieht, war das Event in der Türkei seine letzte Chance, sich im Jahr 2016 noch einmal auf größerer Ebene bei den NBA-Scouts zu empfehlen. Dass Deutschland nicht in das Finale einzog, ist wohl als unglückliches Upset zu werten. Aber auf einem individuellen Level kann das Turnier für ihn als Erfolg verbucht werden.

Wenn wir seine schwächere Performance im Halbfinale gegen Litauen (und selbst in diesem Spiel legte er 10/8/3 bei 4/9 FG auf) ausklammern, tat sich Hartenstein in jedem seiner Spiele als einer der zwei, drei talentiertesten Spieler auf dem Parkett hervor, der die Partien in vielen Facetten zu beeinflussen wusste. In der Verteidigung stellte er für viele Lineups einen wichtigen Schlüsselspieler dar. In kleineren Aufstellungen bewies Hartenstein einige spannende Fähigkeiten als shotblockender Rimprotector und Helpside-Defender. Bei größeren Lineups im Zusammenspiel mit mehreren langen, athletischen Flügelspielern überzeugte er mit einer guten Switchability, die extrem flexible, defensive Rotationen erlaubte. Hartenstein gab in der Pick’n’Roll-Defense und der Verteidigung am Perimeter allgemein zumeist eine gute Figur ab. Sein Rebounding stellte einen sehr wichtigen Faktor für das deutsche Team dar.

In der Offensive zeigte er ein sehr breites Skillset. Sein Handling, seine Courtvision und Passfähigkeiten sind für einen Spieler seiner Größe weit überdurchschnittlich. Das lässt ihn an vielen Stellen des Parketts zu einer Triple Threat werden. Nach eigenem Rebound kann er den Ball selbst bringen und in einigen Fällen sogar selbst das Pick’n’Roll als Ballhandler laufen. Seine punktgenauen Outlet-Pass-Bomben sind eine Augenweide.

Hartenstein war in der Türkei besonders als Cutter und Faceup-Driver effektiv. Aber auch sein Postup-Spiel wirkte solide. Kontaktaufnahme in der Zone initiierte er gern selbst und erarbeitete sich auf diesem Weg eine Vielzahl von Freiwürfen. Um sich in der Zukunft zu verbessern, muss er an seinem Offhand-Driving arbeiten. Aktuell ist sein Zug zum Korb und sein Spiel mit dem Rücken zum Korb sehr linksastig und damit ausrechenbar. Zudem muss er an seinem Sprungwurf arbeiten. Talent ist vorhanden. Hartenstein zeigte in Korbnähe und von der Freiwurflinie bereits eine Menge Touch. Allerdings erstreckt sich seine Range aktuell noch nicht bis hinter die Dreierlinie. Sichere Distanztreffer wechselten sich mit bösen Airballs immer wieder ab, wenn er aus dem Dreipunkteland abdrückte.

Anmerkung: Hartenstein hatte lange den Ruf, ein charakterlich herausfordernder Spieler zu sein, der oft mit Teamkollegen und Trainern nicht so gut auskommt. Bei diesem Turnier waren auf dieser Ebene keine Schwierigkeiten festzustellen. Er wirkte zu jeder Zeit sehr fokussiert, integrierte sich in die deutsche Teamkultur sehr gut und nutze seine überschüssige Energie zur Motivation und nicht zur Schiedsrichter-Kritik. Dies stellt einen wichtigen Schritt für ihn und seine Wahrnehmung als Prospect dar.

Kostja Mushidi – Wing/Playmaker – Deutschland – Jahrgang ’98

Der junge Guard hatte ein tolles AST-Turnier in Mannheim und scheint mit dem Wechsel zu Mega Leks eine gute Entscheidung getroffen zu haben, da er viele, wichtige Minuten in der ABA erhält. In der Türkei hatte Mushidi keineswegs ein schlechtes Turnier. Allerdings lieferte er auch nur eine solide Performance ab und nahm sich dadurch die Chance, seine Wahrnehmung im Hinblick auf die Draft zu verbessern.

Wie bei Hartenstein fühlte sich auch sein Paket aus Fähigkeiten und physischen Werkzeugen immer elitär an, wenn er auch dem Parkett war. Das Problem: Er nutzte sein dadurch resultierendes Potential zu wenig und tendierte zu ineffizientem Basketball. Mushidi besitzt beispielsweise die Physis, Geschwindigkeit und die Instinkte, um auf hohem Level verteidigen zu können, reizte seine Möglichkeiten aber nur in wenigen Situationen voll aus.

In der Offensive war sein Spiel in Samsun noch frustrierender. Der 18-Jährige könnte seine Gegner vor enorme Probleme stellen, wenn er sich darauf konzentrieren würde, das Pick’n’Roll zu laufen, mit seinem soliden Handling und seinem guten ersten Schritt konsequent den Korb zu attackieren, Fouls zu ziehen oder in der Zone über ihm kollabierende Verteidigungen mit seiner guten Vision und tollen Passfähigkeiten zu bestrafen.

Seine Masse gepaart mit gut ausgebildeten Postup-Skills gibt ihm sogar die Chance, Mismatch-Möglichkeiten gegen kleinere Verteidiger auszunutzen. Er könnte ein wahrer Albtraum für Verteidigungen sein.

Allerdings trifft Mushidi oft falsche Entscheidungen, indem er beispielsweise faules Chucking von hinter der Dreierlinie, was bei seiner Quote aus dieser Distanz eine besonders schlechte Idee ist, einem starken Drive vorzieht. Zusätzlich versucht der junge Guard als Passer zu oft Homerun-Plays mit großem Risiko-Faktor, die entweder in einem Highlight-Assist oder einem ärgerlichen Ballverlust enden. In manchen Situationen wäre aber mehr Geduld und Sicherheit gefragt. Neben seinem Sprungwurf, den der Deutsche als neuen, sicheren Skill hinzufügen würde, wird Mushidi deshalb vor allem an seinem Decisionmaking arbeiten müssen, um alle Fähigkeiten maximieren zu können, die er jetzt schon besitzt.

Andere interessante Spieler


Borisa Simanic – Big – Serbien – Jahrgang ’98

Simanic ist ein sehr talentierter Bigman, der im Sommer seinen ersten Profivertrag bei Roter Stern Belgrad unterschrieb, nachdem er NBA-Scouts beim AST beeindruckt hatte. Die FIBA U18-EM in der Türkei war nicht das beste Turnier für den 18-Jährigen, den Draftexpress in der zweiten Runde für die kommende Draft handelt. Er war zwar in der Lage, wieder seine einzigartige Kombination aus Mobilität, Agilität und Wurftalent in vielen Sequenzen zu zeigen, konnte dem Turnier aber nicht in dem Maße seinen Stempel aufdrücken, wie er es bei dem Event in Deutschland zu Beginn des jahres 2016 tun konnte. Zusätzlich endete die EM für ihn vorzeitig, nachdem er sich im vierten Spiel seiner Serben schwerer verletzte. Simanic konnte leider noch immer keine Antworten auf die Fragen liefern, die sich um seinen eher passiven, wenig physischen Spielstil ranken. Dennoch lieferte er einige Szenen, die Scouts im Gedächtnis behalten werden. Wieviele Bigmen können auf diese Art und Weise am Perimeter verteidigen?


Aleksa Radanov – Wing – Serbien – Jahrgang ’98

Der Serbe ist wohl eher kein offensichtliches NBA-Talent, hat aber die Chance zu einem sehr starken, europäischen Profi zu reifen. Radanov ist ein spannender 6‘7‘‘-Flügel, der einzigartige Playmaking-Skills besitzt. Als sehr leidenschaftlicher Anführer war er wie beim AST das Herz seiner Mannschaft. Bereinigt er seinen Sprungwurf und verbessert mit Erfahrung sein Decisionmaking ein wenig, bietet er als großer, physischer Ballhandler mit tollen Intangibles eine Menge Potential.


Tadas Sedekerskis – Wing – Litauen – Jahrgang ’98

Im Alter von 15 Jahren verließ Sedekerskis sein kleines litauisches Dorf mit rund 2000 Einwohnern, um auf sich allein gestellt in Spanien bei Baskonia anzuheuern. Er wollte sein Spiel auf das nächste Level hieven. Drei Jahre später spielt der junge Mann aus dem Baltikum bereits einige Minuten in der Euroleague. In Samsun deutete er an, warum. Sederkerskis präsentierte sich als einer der Spieler mit dem breitesten Skillset im Turnier. Gleichzeitig weist der Modell-Athlet aber auch ein beeindruckendes physisches Profil auf. Als sehr kompakter, aber auch mobiler 6‘8‘‘-Flügel kann er mit dem Ball in der Hand umgehen, Postups laufen, zum Korb ziehen und auf hohem Level verteidigen. Sedekerskis spielte für seine Mannschaft die Positionen Drei bis Fünf mit großer Leichtigkeit. Verbessert er seinen Distanzwurf, wird er schnell zu einem interessanten Projekt für NBA-Teams.


Sekou Doumbouya – Wing – Frankreich – Jahrgang ’00

Er war der Shooting Star dieses Turniers. Der extrem athletische 6‘8‘‘-Combo Forward dominierte teilweise ganze Spiele im Alleingang, obwohl er zwei Jahre jünger als der Großteil seiner Konkurrenten in Samsun war. Doumbouya attackierte ohne Unterlass den Korb und zog so beeindruckende 40 Freiwürfe in nur sechs Spielen. Mit seiner Geschwindigkeit und seiner Explosivität kreierte das junge Talent immer wieder starke Drives, die zu einer sehr effizienten Offense führten. Er half seinem Team außerdem auch defensiv durch seine Länge und gute Switchability. Verbessert er seinen Wurf und arbeitet er an seinem Passing, kann er zu einem NBA-Talent reifen.


Davide Moretti – Playmaker – Italien – Jahrgang ’98

Moretti tanzte in diesem Jahr sehr erfolgreich auf vielen Hochzeiten. Er vertrat Italien beim AST, bei der U20-EM im Sommer und jetzt in der Türkei. In der Offensive hat er wenige Löcher in seinem Spiel. Mit seinen großartigen Dribble-Fähigkeiten kommt er mit Leichtigkeit an jede Stelle des Courts und kann für sich selbst oder Teamkollegen zu jeder Zeit Raum kreieren. Derzeit sticht vor allem sein Scoring hervor, sein Passing/Playmaking ist aber ebenfalls mehr als solide. In der Defense fehlt es ihm oft etwas an Muskelmasse. Es ranken sich ein paar College-Gerüchte um ihn. Der Gang an eine amerikanische Uni könnte durchaus einen sinnvollen Schritt für ihn darstellen.


Oscar Da Silva – Wing/Big – Deutschland – Jahrgang ’98

Er kristallisierte sich als drittbestes Talent im deutschen Kader heraus. Der große Forward besitzt ein gut ausgebildetes Spiel und exzellente Tools. Seinen größten Impact lieferte er in der Defensive. Durch seine Länge, Mobilität und Switchability konnte er vier Positionen verteidigen auf hohe Niveau. In der Offense ordnete er sich oft neben Hartenstein und Mushidi ein und punktete zumeist per Cut oder Putback. Allerdings deutete er in einigen Sequenzen an, dass er Drives für sich selbst kreieren kann. Da Silva ist ein überdurchschnittlicher Passer mit hohem Basketball-IQ. Verbessert er seinen Wurf ein wenig, könnte er für sein College Standford im kommenden Jahr schon als Freshman zu einem Impactplayer werden.


Arnoldas Kulboka – Wing – Litauen – Jahrgang ’98

Der 6’9”-Flügel präsentierte sich als einer der besten puren Shooter des Turniers. In der Kombination mit seiner Größe könnte ihn sein Sprungwurf mittelfristig zu einem sehr spannenden NBA-Talent werden lassen. Allerdings muss er dafür noch etwas an Masse zulegen. Er befindet sich bei Bamberg in einer sehr guten Situation, da er für das Farmteam Baunach schon viele Minuten gegen echte Profis abreißen darf. Diese so sehr früh gesammelten Erfahrungen werden ihm bei seiner Entwicklung sehr helfen.


Dzanan Musa – Wing – Bosnien und Herzegowina – Jahrgang ’98

Der 17jährige Bosnier, der sich erst zur Draft 2018 anmelden kann, ist wohl der talentierteste, pure Scorer unter der europäischen Prospects. Er dominierte im Sommer die U17-WM und wurde danach sogar in die Herren-Nationalmannschaft berufen, für die er bei der EuroBasket-Quali sehr viele Minuten abriss – eine große Ehre für ein solches junges Talent. In der Türkei scorte Musa auch wieder sehr viel. Es fiel ihm leicht zum Korb und an die Linie zu kommen. Zusätzlich nutze er seine Gravity, um für Teamkollegen zu kreieren. Allerdings litt seine Effizienz unter seinem nicht fallen wollenden Dreier und vielen unnötigen Ballverlusten. NBA-Teams werden seinen weiteren Weg genau beobachten. Seine Club-Situation sollte ihm viele Entwicklungs-Möglichkeiten geben.

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1 comment

  1. sidney95

    Wann kann man mit nem Doncic Scouting rechnen ? Leider fehlte er ja beim Turnier, aber in der Euroleague bekommt man ihn ja oft zu sehen.


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