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You better not match!

Motiejunas, Kanter, Crabbe und die besonderen Verträge aus RFA-Offer Sheets

In diesen Tagen geht dank des Offer Sheets der Nets für Donatas Motiejunas die längste Free Agency-Hängepartie des Jahres zu Ende. Wie schon in den letzten Saisons Greg Monroe (der sich schließlich noch für das Pistons-Qualifying Offer entschied) und dann Tristan Thompson (der doch noch ein Angebot der Cavs erhielt) musste der junge Big Man auf diesen Vertrag länger warten: Bislang war kein Team außer den Rockets bereit, ihm einen Vertrag anzubieten. Auch das aktuelle Angebot ist nur zu einem kleinen Teil garantiert, was angesichts der Verletzungshistorie Motiejunas‘ – einschließlich des zurückgezogenen Trades zu den Pistons – keine große Überraschung ist. Trotzdem verstärkt es einen Eindruck, den man schon in den letzten Jahren gewinnen konnte: Es gibt praktisch keine ‚normalen‘ RFA-Offer Sheets mehr.

Blick zurück

Um diese nicht gerade nahe liegende Überlegung zu unterstreichen, ist ein Blick zurück nötig – was wäre eigentlich ein ‚normales‘ Offer Sheet? Die logische Antwort: Ein Vertragsangebot in üblicher Höhe in der normalen Free Agency-Phase im Juli. So, wie es vor einigen Jahren etwa noch Jeff Teague von den Bucks erhielt oder auch Wes Matthews, Nicolas Batum und Kyle Lowry – um nur einige Beispiele zu nennen, die mindestens bis 2015 liefen. Die Warriors nutzten 2011 sogar ihre Amnesty Clause, um DeAndre Jordan ein Vertragsangebot machen zu können, das die Clippers dann ohne langes Überlegen mitgingen. Keiner dieser Verträge bewegte sich außerhalb der üblichen Preisniveaus und alle genannten Spieler waren in ihren letzten Vertragsjahren sogar vergleichsweise unterbezahlt.

Solche Beispiele lassen sich in den letzten Jahren kaum noch finden. Praktisch alle Offer Sheets erfüllten eine oder gar beide der folgenden Kriterien: Die Summe lag zumindest nah am Maximum (oft mit zusätzlichen Trade Kickern) oder andere finanzielle Faktoren machten ein Mitgehen des bisherigen Teams deutlich unwahrscheinlicher. Letzteres traf im Sommer etwa auf Matthew Dellavedova und Boban Marjanovic zu, da die Cavs die Luxussteuer vermeiden und die Spurs ihren Cap Space behalten wollten – da Marjanovic nur ein Jahr bei den Spurs war, konnten sie nicht die teamfreundliche Early Bird-Variante wählen, sondern hätten Cap Space oder die MLE nutzen müssen. Es ist anzunehmen, dass Bucks und Pistons durch die Agenten der Spieler auf diese Umstände und die daraus resultierende Zurückhaltung der bisherigen Teams hingewiesen wurden.

Die Kombination aus besonderen finanziellen Bedingungen und hohem Gehalt findet sich bei den diversen Gilbert Arenas-RFAs der letzten Jahre: Pionier für diese Angebote war Rockets-GM Daryl Morey mit Jeremy Lin und Omer Asik, die zumindest das höchstmögliche Angebot über drei Jahre erhielten. Der neue Nets-GM Sean Marks bot Tyler Johnson gleich vier Jahre Maximum unter Arenas-Bedingungen – was die Heat aber trotzdem mitgingen. Für normale RFAs mit mehr als zwei Jahren NBA-Erfahrung finden sich weitere Beispiele, wo Spieler gezielt überbezahlt wurden, um das bisherige Team vom Matchen abzuhalten: Diese Saison ist Allen Crabbe – wiederum ein Nets-Angebot – wohl das beste Beispiel, in den letzten Jahren fallen zudem Enes Kanter und Chandler Parsons in die gleiche Kategorie. Als ältesten Fall könnte man Eric Gordon sehen, den die Suns aus New Orleans weglocken wollten. Allerdings war Gordon wohl näher an einem tatsächlichen Maximum-Spieler und wäre daher eher mit Gordon Hayward und Roy Hibbert zu vergleichen. Letzterer war zumindest in seinen ersten Vertragsjahren sein Gehalt wert, Hayward ist es immer noch – bei Gordon wäre mit weniger Verletzungsproblemen eine vergleichbare Situation denkbar gewesen. Aber selbst solche Beispiele, wo Teams ohne größeres Zögern Maximum-Verträge mitgehen, sind eher die Ausnahme.

Nichts mehr normal?

Diese Beispiele zeigen, dass in den letzten zwei bis drei Jahren praktisch nur noch überbezahlte oder auf andere Weise außergewöhnliche Angebote abgegeben wurden. Die nahe liegende Frage nach den Gründen lässt zuerst an den neuen TV-Deal denken, der zeitlich ziemlich genau passt. Ein Zusammenhang ist insofern kaum zu bezweifeln, als dass nur so Verträge in den für die Verhältnisse der letzten Jahre absurden Höhen eines Allen Crabbe abgeschlossen werden konnten. Auch die Bereitschaft, praktisch jedes Angebot zu matchen, ergibt sich aus dem gestiegenen Gesamtgehalt und der vergleichsweise überschaubaren Zahl an Free Agents dafür. Trotzdem kann der TV-Vertrag kaum erklären, wieso praktisch keine normalen Angebote im Gehalts-Mittelfeld mehr abgegeben wurden.

Mögliche Kandidaten, die sich nach einigem Zögern doch mit ihrem bisherigen Team einigten, waren neben Motiejunas beispielsweise die beiden Blazers Mo Harkless und Meyers Leonard. Bei anderen Spielern zog das bisherige Team sogar das Qualifying Offer zurück, etwa bei Dion Waiters, Langston Galloway, Seth Curry sowie (als Sonderfall) Harrison Barnes. Tyler Zeller entschied sich – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus Mangel an besseren Angeboten – für einen Vertrag mit einer Garantiesumme von nur 8 Millionen in der ersten Saison sowie einem zweiten, nicht garantierten Jahr. Mit Ausnahme Barnes‘ verloren diese Spieler vermutlich aufgrund der RFA-Situation an Gehalt, weil sich potentielle Interessenten zurückhielten.

Der Grund für diese Zurückhaltung dürfte in den Unsicherheiten liegen, die durch die Drei-Tages-Frist zum Gleichziehen entsteht. Besonders in der heißen Phase zu Beginn der Free Agency können Teams mit Ambitionen schwer das Risiko eingehen, völlig auf qualitativ hochwertige Verstärkungen verzichten zu müssen. Für ein Team wie die Nets ist es weniger problematisch, dass sie Crabbe und Johnson nicht bekamen – die Playoffchancen wären in keinem Fall besonders hoch gewesen. Hätten sich allerdings beispielsweise die Rockets statt Eric Gordon oder Ryan Anderson für einen RFA entschieden, müssten sie jetzt möglicherweise mit einem Rumpfkader operieren. Die Situation wäre vergleichbar mit der Lage der Mavs nach DeAndre Jordans Meinungsumschwung im Jahr zuvor. Entsprechend gewagt war auch Cubans Angebot für Chandler Parsons vor zwei Jahren – anders als die Nets konnte Dallas damals realistisch auf die Playoffs hoffen.

Viel Geld für wenige Spieler

Der Unterschied zwischen Parsons sowie Crabbe und Johnson dieses Jahr lässt sich wohl wieder auf den steigenden Salary Cap durch mehr TV-Geld zurückführen. Die bei Parsons interessantere Frage ist jedoch, wie die Entscheidungen der beiden Franchises im Rückblick zu beurteilen sind. Daryl Morey verzichtete auf den Forward, um mehr finanzielle Flexibilität zu behalten (und sie dann diese Saison für die angesprochenen Gordon und Anderson aufzugeben… ). Trotzdem verloren die Rockets einen Starter ohne irgendeinen Gegenwert. Aber auch die Mavericks waren rückblickend angesichts der gesundheitlichen Probleme Parsons‘ vermutlich nicht völlig zufrieden mit ihrer Entscheidung. Allerdings bleibt in diesem Fall alles in einer Grauzone – es gibt keinen klaren Verlierer und keinen klaren sportlichen Gewinner. Parsons profitierte finanziell zweifellos, hätte aber vermutlich unter anderen Bedingungen größere Erfolge feiern können.

Für die übrigen überbezahlten Restricted Free Agents sieht die Bilanz deutlich schlechter aus: Eric Gordons Zeit bei den Pelicans kann als einziges großes Missverständnis abgehakt werden. Schon bei Vertragsunterschrift hatte er deutlich gemacht, nach Phoenix wechseln zu wollen. Diese Aussage nahm er nie auch nur ansatzweise zurück, was angesichts der gesundheitlichen Probleme verständlich ist. Wenigstens etwas zufriedener dürften Omer Asik und Jeremy Lin sein, die zumindest ein erfolgreiches Jahr in Houston verzeichnen konnten. Ihre Formschwankungen und die Trades nach New Orleans beziehungsweise Los Angeles bedeuten jedoch ebenfalls einige Wermutstropfen. Bei den neueren Beispielen Kanter, Crabbe und Johnson ist es für eine Bilanz sicherlich noch zu früh, als eindeutige Erfolgsgeschichte kann jedoch keiner der Fälle gelten. Kanter spielt seit der Unterschrift weniger als im letzten Jahr seines Rookie-Vertrags (19 bzw. 21 statt 28,5 Minuten); Crabbe und Johnson sahen in den relativ wenigen absolvierten Spielen ihre Effizienzwerte trotz vergleichbarer Usage zurückgehen. Besonders verglichen mit den älteren ‚normalen‘ RFA-Offer Sheets wie bei DeAndre Jordan und Co. ist das Preis-/Leistungs-Verhältnis bisher ernüchternd.

Matchen als falsche Entscheidung?

Tendenziell dürften sich die Teams, die eigene Restricted Free Agents verloren oder matchten, weniger über die Ergebnisse freuen als die andere Seite der verschiedenen Transaktionen. Außer einigen Tagen haben die Franchises, die hohe Angebote abgaben, zumindest nichts verloren. Wer den umworbenen Free Agent erhielt, kann sich normalerweise noch weniger beklagen. Die bisherigen Teams sind allerdings in jeder Situation die Benachteiligten: Entweder sie verlieren ein Asset ohne Gegenwert, oder sie behalten einen klar überbezahlten Spieler. Mit Blick auf die genannten Spieler entsteht allerdings der Eindruck, als ist der Schaden der neuen Verträge meistens gravierender als der mögliche Verlust des Spielers.

Dieses Missverhältnis wird dadurch verstärkt, dass der Vertrag meistens für das anbietende Team weniger schädlich ist als für das bisherige. Schließlich handelt der jeweilige General Manager aus konkreten Bedingungen heraus, die selten zwischen den beiden Franchises übereinstimmen. Konkret können die Nets beispielsweise mit teuren, aber jungen Spielern tendenziell besser leben als die Blazers, die sich gefährlich der Tax-Grenze nähern. Aus diesem Grund scheint die Entscheidung der alten Teams, an ihren Restricted Free Agents festzuhalten, tendenziell als wenig ratsam.

Und in Zukunft?

Nächste Offseason könnten einige der angesprochenen Teams ein Deja-Vu erleben: Die Nets sind sicher weiterhin auf der Suche nach jungen Spielern. Umgekehrt haben sowohl die Blazers mit Mason Plumlee als auch die Thunder mit Andre Roberson wieder Spieler, die sie in eine vergleichbare Situation wie mit Crabbe und Kanter bringen könnten. Allerdings werden sich vermutlich einige Unterschiede einstellen, denn: Mit dem vermutlich in den nächsten Tagen abgeschlossenen neuen Collective Bargaining Agreement sollen sich einige Veränderungen für die Restricted Free Agency ergeben. Unter anderem wird wohl die Drei-Tages-Frist auf 48 Studen reduziert, zudem das Zurückziehen von Qualifying Offers unmöglich. Beides könnte zur Rückkehr ‚normaler‘ Angebote an RFAs beitragen – was aber die überhöhten Angebote nicht zwingend verdrängen muss.

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4 comments

  1. Simon

    Interessantes Thema und interessanter Artikel :tup: Ich habe leider nicht besonders viel Ahnung…

    Das klingt beides ziemlich sinnvoll. Auch, dass Offer-Sheets evtl. schon ab ersten Juli unterschrieben werden könnten, fände ich richtig.

    Eine andere mögliche Änderung, die der ESPN-Artikel erwähnt, spielt auch in das Thema RFA rein. Ich habe den Eindruck, dass die Zahl der vorzeitigen Extensions zugenommen hat. Ist das so oder nehme ich das falsch wahr, weil vor kurzem erst die Deadline dafür war?

    Teams scheint es (natürlich auch wegen der guten wirtschaftlichen Lage der Liga) immer wichtiger zu werden, ihre Assets langfristig zu kontrollieren, auch wenn es mal etwas teurer wird. Ich könnte mir vorstellen, dass GMs deswegen wissen, dass die Chance, RFAs anderer Teams mit “normalen” Angeboten zu bekommen, gegen Null geht. Niemand will Assets ohne Gegenwert verlieren, also hält man lieber auch solche Spieler, die kein optimaler Fit sind, und hofft auf spätere Trades.

    Und durch die geringen Erfolgsaussichten lohnt es sich dann nicht, 72 Stunden Wartezeit mit einem “normalen” Angebot zu verschwenden. Aber du sprichst ja schon an, dass das Ende des Cap-Anstiegs und eine verkürzte Frist das wieder normalisieren könnten.

    Waren Lin und Asik eigentlich damals reine Salary-Dumps oder haben die Rockets für Asik noch einen Erstrundenpick bekommen? Falls nicht, wären diese beiden Verträge ja mal richtig sinnlos gewesen für Houston…

  2. Sebastian Hansen

    Ich meine, dass man für Asik einen bekommen hat und für Lin einen abgeben musste. Insofern gehts null auf null raus.

  3. Julian Lage

    |Author

    Die Extensions finde ich schwer einzuschätzen, weil es natürlich auch jahrgangsabhängig ist. Ich habe auch nicht nachgezählt, würde deinen Eindruck aber grundsätzlich teilen. Teams sind durch den TV-Deal denke ich einfach optimistischer, dass jede Extension besser ist als das, was sie in der RFA zahlen müssten.

    Das zweite ist ja sozusagen mein Punkt: Der Vertrag ist dann das genaue Gegenteil von einem Asset. Aber dass es psychologisch schwierig ist, nen Spieler einfach gehen zu lassen – keine Frage.

    Wobei Asik praktisch auch ein Dump war, sie mussten ihn ja wegen Howard mehr oder weniger loswerden. Nur haben sich die Pelicans trotzdem nen Pick abschwatzen lassen, um Asik dann ein Jahr später konsequent überzubezahlen…

  4. kdurant35

    Fand den Vertrag von Asik und Lin nicht sinnlos. Gerade erster war im ersten Jahr auch ein Grund dafür dss Houston völlig überraschend 8ter wurde. Nur deshalb hatte man ja die Chance Howard zu bekommen. Mit einem Tabellenplatz am Ende der Conference wäre das wohl kaum möglich gewesen. Auch wenn die Howard Verpflichtung am Ende nicht wie erhofft verlief war er damals der große Wurf.

    Bei den Extensions ist das halt immer Situationsabhänig. Spieler wie Leonard, Beal und Drummond wurden NUR wegen den geringen Capholds nicht vorzeitig verlängert.Bei Teams ohne nennenswerten Capspace ist das unrelevant.

    Grundsätzlich finde ich auch schwer zu beurteilen ob und wann man matcht. Parsons war da ein gutes Beispiel. Nachdem Boshs Verpflichtung für Houston angeblich schon fix war dachte jeder er bleibt. Erst durch die Absage wurde das offer sheet problematisch. Je nach Situation ist dad deshalb unterschiedlich zu bewerten.


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