Cleveland Cavaliers, Golden State Warriors, Playoffs 2016

NBA Finals 2016: Game 7

Von Rotationen, Switches und Eindimensionalität

It was against all odds. Die Cavaliers kamen mit dem schlechteren Record in diese Finals, gegen das historisch beste Team der NBA. Sie lagen 0-2 zurück, dann 1-3. Kein Team hatte dies jemals in einen Seriensieg umdrehen können. Kein Team hatte die Golden State Warriors in zwei Jahren in einer Serie schlagen können. Cleveland tat es. Wir schauen uns an, wie die Cavaliers NBA-Champion werden konnten.

The Narrative: Making History…

Die Geschichte der Cavaliers sieht retrospektiv aus wie ein Drama, das vorbestimmt für diesen Ausgang war. Der Sohn aus Akron – geplagt von Titelträumen, die ihm Dan Gilbert und die Organisation nicht erfüllen konnten – verlässt Ohio, um Meister in Miami zu werden. Doch auf dem Höhepunkt seines Erfolges erinnert er sich an seine Wurzeln, kehrt zurück  und gewinnt – das erste Mal  für Cleveland in der Franchise-Geschichte – eine Championship mit seinem Heimatteam – als Underdog.

Vergessen sind der Comic Sans-Brief von Besitzer Dan Gilbert, die „not 1, not 2 not 3 …“-Versprechungen an die Miami-Fans und die verbrannten James-Trikots nach seinem Abgang aus Cleveland. Verdrängt ist bereits der Coaching-Wechsel von David Blatt zu Tyronn Lue, der für viel Gesprächsstoff gesorgt hatte und es noch würde, wenn Cleveland nicht Champion geworden wäre. Die Geschichte könnte hier enden und für alle mit einem Happy End ausgehen.

Doch das hier ist Sport und kein Schnulzenroman. Die Medien werden diese Geschichte erzählen. Wir wollen lieber auf die Fakten schauen, die uns dieses Spiel geboten hat: Faktisch hat LeBron James aus dem schlechtesten Team der NBA einen Titelträger gemacht. Faktisch hat man ein synergetisch besseres Team geschlagen, weil man zumindest den besten Spieler der Finals stellte – über die Stellung Kyrie Irvings in den Finals müsste man abwägen, kann aber gerne dahingehend argumentieren, dass Cleveland zwei der drei besten Spieler stellte – und mit Sicherheit die zwei besten Isolation-Spieler, die auch eine statischere Offense durch ihre individuelle Klasse ausgleichen konnten. Dies lag auch daran, dass Tyronn Lue schwierige Entscheidungen treffen musste, die sich auszahlten:

Clevelands Rotationsadjustments

Lue sah sich der Herausforderung gegenüber, dass er – gerade zur hinteren Bank hin – ein weniger talentiertes Team besaß. Man war offensiv mit James, Irving und Love sehr talentiert aufgestellt, aber es fehlten die Rotationsspieler 8, 9 und 10. Lue probierte deswegen in den vergangenen Monaten viele Lineups aus, nutzte auch in den Playoffs noch Frye oder Dellavedova, nur um dann eine Entscheidung zu treffen, die retrospektiv für sinnvoll gehalten werden wird: Er kürzte die Rotation auf ein Minimum zusammen. Cleveland bestritt Spiel 7 eigentlich nur mit sieben Spielern und fünf Entlastungsminuten für Kyrie Irving, die Mo Williams übernahm.

Lue entschied sich dafür, seine individuelle Klasse zu maximieren – etwas, was den Warriors – bei all ihrer Homogenität – nicht gelingen kann, wenn man in der vordersten Spitze nicht so talentiert ist wie Cleveland. James spielte fast durch, Irving sah 43 Minuten, um Spielphasen zu überbrücken, wo sonst eigentlich ein Rollenspieler für die Stars die Minuten übernehmen müsste.

Dass die Entscheidung sich als richtig erwies, heißt nicht, dass sie es auch zum Zeitpunkt der Umsetzung war. James wirkte in Spiel sechs schon im letzten Viertel ausgelaugt, in Spiel sieben ging man eine extrem langsame Pace, spielte die Uhr fast immer komplett herunter, weil die Kraft fehlte. Es war keine einfache oder selbstverständliche Entscheidung, die Lue traf, weil seine Stars in den entscheidenden Minuten lange nicht so fit waren, wie sie hätten sein können. Trotzdem waren sie es, die alle Punkte im vierten Viertel erzielten – 16 von 18 durch Irving und James, während Love zwei Punkte hinzusteuerte. Man scorte – trotz der Minutenbelastung – die Warriors aus.

Diese verließen sich auf ihre Bank, die ihr – in Gestalt von Festus Ezeli – die Championship kostete.

Switch everything mit Ezeli und Curry

Die Warriors zeichneten sich die gesamte Saison dadurch aus, dass sie an sich selbst glaubten (wie Kerr vor dem vierten Viertel auch betonte: „Trust each other“) und die Last auf mehreren Schultern verteilten (ihr Motto „strength in numbers“ deutet ebenfalls darauf hin).

Im Fazit zu Spiel sechs wurde bereits gesagt, dass man Tristan Thompson kontern muss, um die Serie zu gewinnen, da der Center der Cavaliers durch den Ausfall Andrew Boguts keine physische Gegenwehr mehr erfuhr. Kerr entschied sich dafür, mit Festus Ezeli zu starten, um Thompson einzuschränken, gab damit aber in dieser Zeit das größte Mantra der Warriors auf: switch everything. Die Death-Lineup mit Draymond Green als Center war auch deswegen so erfolgreich, weil jedes Pick’n’Roll des Gegners geswitcht werden konnte, sodass nie ein Nachteil entstand, weil die Warriors auf dem Flügel so groß waren.

Dass Kerr mit dem Vertrauen in seine Bank letztlich die Serie verlor, erkennt man symptomatisch an den letzten Minuten des vierten Viertels, wo er Harrison Barnes benchte und mit Festus Ezeli etwas mehr Rim Protection brachte.

Ezeli betritt bei noch 6:16 Minuten das Feld, als die Warriors mit zwei Punkten führen. In der Folge bekommen die Cavaliers in den letzten Minuten immer den Switch, den sie haben wollen:

EzeliPnR101Bei 5:30 auf der Uhr stellt Tristan Thompson den Pick für LeBron James, um den Switch zu erzwingen.

EzeliPnR102

Green übergibt James an Ezeli, der am Perimeter nun 1-on-1 gegen James verteidigen muss. James täuscht einen Wurf an, Ezeli fällt darauf hinein, woraufhin James den Kontakt sucht und drei Freiwürfe erhält, die er alle trifft.

30 Sekunden später sehen wir exakt denselben Spielzug, um wieder Ezeli auf James zu bekommen:

EzeliPnR201

Thompson stellt wieder den Block, Green kämpft sich aber hindurch und bleibt vor James.

EzeliPnR202

Thompson kommt abermals zum Pick und dieses Mal orientiert sich Green wieder mit Thompson von James weg – und James trifft den Dreier gegen einen verunsicherten Festus Ezeli.

EzeliPnR203

Auch der nächste Angriff sieht exakt so aus wie die beiden davor: James entscheidet sich jedoch für einen schlechten 22-Footer, der zu kurz ist. Im Angriff danach kann Irving ein Doppeln von Ezeli und Curry erzwingen. Der Pass heraus zu James verleitet Curry dazu, James zu verteidigen. Dieser postet Curry auf, trifft den Jumper jedoch ebenfalls nicht.
Ezeli verlässt daraufhin wieder das Spielfeld, weil er eine viel zu große Schwachstelle in der Defensive darstellt, solange die Warriors an ihrem Switchen festhalten. Harrison Barnes kommt wieder zurück ins Spiel.

Cleveland attackiert aber weiterhin den schwächsten Verteidiger der Warriors. Dies ist jetzt Steph Curry.

 

Nach dem Inbound bekommt Irving den Ball. Klay Thompson hat vorsorglich mit Curry schon die Plätze getauscht und verteidigt nun Irving. J.R. Smith hat Curry als Verteidiger – und stellt den Screen, um den Switch zu erzwingen:CurryIrvingISO1

 

Thompson übernimmt Smith, während Irving 1-on-1 gegen Curry in der Isolation agieren kann. Er verschafft sich etwas Raum und nimmt den entscheidenden Dreier zum Sieg:CurryIrvingISO2

Die Warriors können mit Curry und Ezeli auf dem Feld nicht so verteidigen wie mit Green oder Livingston. Dass in der entscheidenden Phase die Kräfte fehlen, um sich durch Screens zu kämpfen und nochmals mehr zu laufen, um den Switch zu verhindern, ist verständlich, aber Curry und Thompson standen zu diesem Zeitpunkt nicht so lange auf dem Feld wie James oder Irving.
Letztlich ist das Problem aber das Coaching Kerrs, der mehr Spielern vertrauen will als er vertrauen kann.

Die offensive Eindimensionalität der Splash Brothers

Wir hatten bereits in der Serie gegen Oklahoma City bemängelt, dass Steph Currys Spiel nach der Verletzung nicht mehr variabel genug sei. In Spiel sieben schloss sich Klay Thompson der verhältnismäßigen Eindimensionalität Currys an: Beide nahmen nur vier Würfe direkt am Ring, obwohl sie in der regulären Saison gerade dadurch glänzten, dass Curry aus dem Pick’n’Roll und Thompson nach Cuts oder einem overhelpenden Verteidiger zum Korb gingen und dort abschlossen. Genau diese Variabilität verschaffte ihnen entweder zusätzlichen Platz für den Wurf oder bescherte einfache Punkte am Ring.

Katastrophal ist ebenfalls, dass beide zusammen genau einen Freiwurf erzwingen konnten – gegen Verteidiger wie Kyrie Irving oder J. R. Smith ist das nicht tragbar. Curry konnte nur ein Mal gut in der Zone finishen und Irving ein Foul anhängen:

CurryDrive1

Curry initiiert hier ein Pick’n’Roll mit Barnes, passt dann zu Green, der den Ball für Curry per Hand-off wieder bereitstellt.

CurryDrive2

Curry zieht dann zum Korb und generiert damit so viel Aufmerksamkeit, dass Irving – vollkommen unnötig – von seinem Mann noch weghilft, das Foul angehängt bekommt und Curry an die Linie schickt.

Im gesamten weiteren Spiel kommen sowohl Thompson als auch Curry nicht mehr an die Linie. Dass beide sich auf ihren Distanzwurf berufen und diesen häufig nehmen, ist vollkommen richtig, aber er sollte nicht ihre einzige Waffe sein. Dadurch, dass beide sich nur auf ihren Wurf verlassen, wirken sie nicht variabel genug und können an einem off-day kein entscheidender Faktor mehr sein.

LeBron James – der ein sehr gutes, aber bei Weitem kein überragendes Spiel sieben aufs Parkett brachte – ging öfter an die Linie als die gesamte Starting Five der Warriors. Das ist aus Sicht der Warriors in einem Spiel sieben nicht hinnehmbar.

Gerade Curry spielt – für seine Verhältnisse – miserable Finals und konnte dem Team nicht die Hilfe angedeihen, die es nötig hat, um das historisch beste Team der NBA zu sein. Durch die Verweigerung, konsequent das Pick’n’Roll (am besten mit Green) zu laufen, nahmen sich die Warriors die Chance, ein eigentlich defensiv schwächeres Cleveland konsequenter zu attackieren, um Overhelping zu forcieren und offene Würfe zu kreieren.

Fazit

Die Cleveland Cavaliers werden Champion, weil sie es schafften, die wenigen defensiven Bruchstellen der Warriors – in Form von Ezeli und Curry – so zielgenau anzugreifen, um über die gesamte Serie vier Punkte mehr zu erzielen als die Warriors.

Golden State hätte diese Serie spätestens nach fünf Spielen beenden müssen, scheiterte aber vor allem daran, dass man offensiv bei Weitem nicht so dominant auftrat wie in der regulären Saison – und weil kleinere Verletzungssorgen bei Bogut, Iguodala und Curry (sowie die Sperre von Green in Spiel 5) die Warriors aus dem Rhythmus brachten. Dies soll aber keinesfalls als Entschuldigung dafür herhalten, dass man die Serie nicht beendete, als man die Chance dazu hatte oder dass man nicht aggressiv genug den Korb attackierte.

Die Warriors waren vom Personal variabler aufgestellt und konnten auf mehrere Bankspieler zurückgreifen, um die Starter zu entlasten, hatten aber das Problem, dass Coach Kerr einfach nicht die Adjustments fand, die das Team brauchte, um das letzte Heimspiel der Saison zu gewinnen. Das liegt auch darin begründet, dass Kerr von einem Regular Season-Game Plan nicht abwich, weiterhin eine größere Rotation spielte und seine wichtigsten Spieler nicht bis auf die letzte Minute ausreizte, sondern auf Rollenspieler zurückgriff, um den Stars Pausen zu verschaffen. Darüber hinaus zeigte man sich ein wenig zu festgefahren in den defensiven Rotationen, auch wenn man nicht das Personal auf dem Feld hat, um konsequent alles zu switchen.

Das NBA-Jahr schließt mit einem packenden Finalspiel, einem überraschenden Sieger und einer historischen Performance der Cleveland Cavaliers, die sich – entgegen aller Wahrscheinlichkeit – gegen das beste Westteam aller Zeiten behaupten konnten, trotz mehrfachen Rückstands, sowohl in der Serie als auch in Spiel sieben. Ein würdiges Finale endet mit der Krönung des Königs, der bewies, dass er abermals der beste Spieler in den Finals war – so wie auch im Vorjahr.

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5 comments

  1. Coach K

    Glückwunsch an die Cavs.

    Gute Zusammenfassung. Am Ende fande ich auch das es die Cavs mehr wollten als die Warriors.
    Das hat man Ihnen auch angesehen, die Körpersprache war für mich einfach anders.

    Ich denke nach dieser Vorstellung wird man in der Bay Area so manches Hinterfragen müssen und sich neu fokussieren. Ich bin gespannt wie das Team nächste Saison aussieht. (ich glaube es gibt ein oder zwei Veränderungen)

  2. Dennis Spillmann

    |Author

    Glückwunsch an die Cavs.

    Gute Zusammenfassung. Am Ende fande ich auch das es die Cavs mehr wollten als die Warriors.
    Das hat man Ihnen auch angesehen, die Körpersprache war für mich einfach anders.

    Danke :tup:
    Ich denke, dass man das über die Freiwürfe und Abschlüsse am Ring ganz gut abdecken kann. Deswegen habe ich das bei Thompson und Curry auch kritisiert. Der Wurf kann fallen oder auch nciht, aber wenn man zum Ring durchkommt, kann man entweder eine guten Abschluss finden oder gefoult werden. Die Drives der Guards fehlten im Spiel der Warriors völlig.

  3. Coach K

    Glückwunsch an die Cavs.

    Gute Zusammenfassung. Am Ende fande ich auch das es die Cavs mehr wollten als die Warriors.
    Das hat man Ihnen auch angesehen, die Körpersprache war für mich einfach anders.

    Danke :tup:
    Ich denke, dass man das über die Freiwürfe und Abschlüsse am Ring ganz gut abdecken kann. Deswegen habe ich das bei Thompson und Curry auch kritisiert. Der Wurf kann fallen oder auch nciht, aber wenn man zum Ring durchkommt, kann man entweder eine guten Abschluss finden oder gefoult werden. Die Drives der Guards fehlten im Spiel der Warriors völlig.

    Wenn mein Wurf nicht fällt dann gehe ich zum Korb, besonders wenn ich das eine ganze Saison davor richtig gut gemacht habe. Das ist vollkommen richtig. Beide hatten sich am Ende zu sehr auf ihren Wurf verlassen der zweifellos sehr gut ist. Aber jeder hat mal Pech und trifft nicht. Das Lebron mehr Freiwürfe gezogen hat als die Komplette S5 der Warriors ist schon ein Wort. Gerade Green hat ja auch einen Körper um am Korb zu finishen. Vielleicht hat den Warriors doch Bogut mehr gefehlt als man es wahr haben wollte.

  4. Sebastian Hansen

    Lue entschied sich dafür, seine individuelle Klasse zu maximieren – etwas, was den Warriors – bei all ihrer Homogenität – nicht gelingen kann, wenn man in der vordersten Spitze nicht so talentiert ist wie Cleveland. James spielte fast durch, Irving sah 43 Minuten, um Spielphasen zu überbrücken, wo sonst eigentlich ein Rollenspieler für die Stars die Minuten übernehmen müsste.

    So hätte OKC ja auch fast die Serie gegen Golden State gewonnen. Da haben Curry und Thompson dann halt ihre Dreier getroffen, jetzt nicht mehr…


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