Atlanta Hawks, NBA

Kyle Korver: Rollenspieler oder Allstar?

Warum wir unsere Einordnung von NBA-Spielern neu definieren sollten

In der Regular Season 2014/15 konnten die Atlanta Hawks 60 von 82 Spielen gewinnen und sich mit großem Abstand Platz eins in der Eastern Conference sichern. Zudem schaffte man einmal das Kunststück, 19 Spiele in Serie zu gewinnen. Allen Orten wurde das Team für seinen teamdienlichen Basketball gefeiert, der Coach Mike Budenholzer gewann den Titel des Trainers des Jahres. Ein großer Anteil am Erfolg wurde Kyle Korver zugebilligt. Der Flügelspieler konnte sagenhafte 49,2% seiner Dreier verwandeln und wurde als Krönung seiner Saison für das All-Star-Game nominiert. Doch dann kamen die Playoffs und schlagartig war es mit Herrlichkeit vorbei. Natürlich, der erste Einzug ins Conference-Final seit Jahrzehnten war ein großer Erfolg für Franchise und Stadt. Doch auch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Siege in den ersten beiden Runden schon knapp und von Verletzungen der Gegner begünstigt waren. Das 0-4 gegen Cleveland glich gar einer Demütigung. Symptomatisch dabei: der sonst so famose Kyle Korver traf in den Playoffs nur noch 35,5 % seiner Dreier und auch bei anderen Spielern im Kader der Hawks gingen Effizienz und Effektivität spürbar zurück. Warum konnte zum Beispiel Korver seine gute Performance nicht halten? George Karl gibt die Antwort:

“In a playoff series, you can figure out shooting. You just cover Kyle Korver. All that cute stuff they ran for him all year long — they only get that once in a while now.”

– George Karl

Im Klartext heißt das: Korver ist abhängig von Systemen und seinen Mitspielern. Allein kann er sein Team nicht tragen. Doch kann so jemand All-Star sein? Um diese Frage zu klären, muss zunächst der All-Star-Begriff geklärt werden.

Was ist ein All-Star?

Landläufig werden mit dem Begriff „All-Star“ diejenigen Spieler assoziiert, die im jeweiligen Jahr wirklich am gleichnamigen Event teilnehmen durften. Hier offenbart sich jedoch sofort das erste Problem: Die Nominierungen sind stark von Sympathie (durch das Fan-Votum) und kurzfristigen bzw. stark beachteten Leistungen abhängig. Beispielsweise wurde Korver wegen des Hypes um seinen starken Dreipunktewurf nominiert, ohne dass seine Gesamtleistung besser als die der anderen Kandidaten gewesen wäre. Sein bestes Skill stach jedoch so stark heraus, dass er gewählt wurde. Es ist aus diesen Gründen sinnvoll, eine andere Definition für den Begriff All-Star zu etablieren. In der NBA ist es nun so, dass die wichtigsten, besten und begehrtesten Spieler diejenigen sind, die in der Lage sind, ihr Team anzuführen, selbst zu punkten und gleichzeitig ihre Mitspieler besser zu machen und am Ende des Tages die Spiele zu entscheiden. Diese Spieler können also ein Spiel in allen (offensiven) Facetten prägen und dabei sowohl im Teamverbund als auch autark das Beste für ihr Team herausholen. Die aufgezählten Eigenschaften eignen sich somit logischerweise am besten als Definition für das, was einen Spieler zum All-Star macht.

Natürlich gibt es – wie fast immer im Leben – einen Übergangsbereich, wenn Spieler auf dem Sprung sind oder gerade auf dem absteigenden Ast. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen, sondern um die Trennung der All-Stars vom Großteil des restlichen Spielerfeldes.

Hierbei muss angemerkt werden, dass die gerade eingeführte Definition sehr eng und offensivlastig ist. Das hat Gründe. Zum einen ist die Offensive der individuellere Teil des Spiels. Verteidigt wird meist im Teamverbund und der Impact eines einzelnen Spielers ist gerade im Vergleich mit Spielern in anderen Teams schwer mess- und erfassbar. Auf der anderen Seite des Feldes haben dagegen die Individuen durchaus sehr großen Einfluss auf das Spiel, obwohl stark vom Kollektiv geprägte Spielsysteme in den letzten Jahren auch zum Teil große Erfolge feierten. Zum anderen muss der Kreis der Spieler, die in diese Kategorie All-Star fallen, so eng sein, da es in der Liga in jedem Team schlicht und einfach nur ein bis drei extrem stark prägende Spieler gibt, die sich klar vom Rest absetzen. Diese in der Einordnung mit dem Rest gleichzusetzen wäre nicht zweckdienlich.

Nach diesem kurzen Einschub wären wir damit auch direkt wieder bei den anderen Spielern, die konsequenterweise eine eigene Kategorie bekommen: Sie sind die Rollenspieler der Liga. Die genaue Definition ist denkbar einfach. Die Rollenspieler haben einen oder auch mehrere Skills, in denen sie gut bis überragend sind. Dabei können sie in „ihren“ Bereichen durchaus besser sein als die All-Stars. Kaum ein All-Star kommt an Korvers Shooting oder das Shotblocking eines Serge Ibaka heran. Die Rollenspieler können jedoch im Umkehrschluss genau eines nicht: konstant für sich selbst und ihre Mitspieler kreieren. Rollenspieler sind für das Teamgefüge jedoch sehr wichtig, da sie all die kleinen, einzeln zwar unbedeutenden, in der Summe jedoch entscheidenden Aufgaben erledigen, die den All-Stars das Leben deutlich erleichtern.

Die Einordnung von Spielern in die beiden Kategorien

Die Kategorien sind abgesteckt. An welchen Faktoren kann jedoch erkannt werden, in welche Schublade ein Spieler gesteckt werden sollte? Zur Illustration nehmen wir zwei Spieler zur Hand, die beide Kategorien perfekt abdecken. Für die Rollenspieler den bereits genannten Kyle Korver, für die All-Stars Russell Westbrook von den Oklahoma City Thunder.

Korvers Stärken sind schnell beschrieben. Zu nennen ist an allererster Stelle sein exzellenter Wurf und zudem seine Fähigkeit im Teamverbund zu verteidigen. Das prädestiniert ihn für eine Verwendung als Floor-Spacer auf dem Flügel, der dem Team in der Defense nicht schadet. In dieser Rolle war Korver extrem effizient; sein Offensiv-Rating von 122 in der Regular-Season beweist das. Nachteilig ist jedoch, dass er rollen-, aber eben auch skillbedingt sehr abhängig von den Creation-Künsten seiner Mitspieler ist. Stolze 91,5 % seiner Würfe in der Regular Season waren assistiert. Die Creation für sich selbst war somit schon einmal nicht gegeben. Nun könnte man argumentieren, dass Korver zwar auch anders könnte, aber es systembedingt nicht macht. Den Gegenbeweis lieferten die Playoffs. Korver versuchte ein bisschen mehr auf eigene Faust (84 % assistierte Würfe), doch sein Offensivrating fiel um 20 Punkte.
Denselben Rollenspieler-Effekt von “Mehr Verantwortung gleich geringere Effizienz” konnte man auch bei Serge Ibaka betrachten. In den Monaten November und Januar, in denen er aufgrund von Verletzungen die erste oder zweite Option geben musste, agierte er deutlich ineffizienter als im Dezember und Februar, als die Thunder zumindest zeitweise Durant und Westbrook zur Verfügung hatten. Ihre Mitspieler machten Korver und auch Ibaka zwar durchaus besser, allerdings nur indirekt, z.B. durch ihr Spacing. Das ist besonders im Fall Korver eine enorme Leistung, weswegen er einer der besten Rollenspieler der Liga ist. Diese Leistung spielt sich jedoch streng innerhalb seiner Rolle ab.

Bei Russell Westbrook dagegen ist die Sache völlig anders gelagert. Korver konnte eine USG% von 14 % verbuchen, ein Zeichen, dass sein direkter Einfluss auf die Offense eher gering ist. Westbrook kann in diesem Bereich mit 38,3 % aufwarten. Der Unterschied zwischen den Werten beträgt Welten. Der Playmaker der Thunder leitete fast jeden Angriff seines Teams ein, hatte den Ball ständig in der Hand und scorte bei Bedarf selbst oder legte den Ball seinen Mitspielern mustergültig auf (47 % der Korberfolge seiner Mitspieler wurden von ihm assistiert, wenn er auf dem Feld stand). Kurzum: Westbrook beeinflusste das offensive Spiel seines Teams in jeder Hinsicht. Und exakt das ist es, was einen All-Star ausmacht und was Spieler wie Korver, Ibaka, Carroll oder Danny Green nicht im Repertoire haben, obgleich sie in ihren sehr starke und begehrte Spieler sind. Aber: der Einfluss von Spielern wie Westbrook ist so viel höher, dass Korver und Co. einfach keine Nominierung zum jährlichen Spektakel im Februar verdient haben, solange dort wirklich die rundum besten und einflussreichsten Spieler auflaufen sollen.

Warum sowohl All-Stars als auch Rollenspieler eine Würdigung verdienen

Das kann in den Ohren des Betrachters jetzt unter Umständen so klingen, als wären Rollenspieler in dieser Liga nichts wert. Das ist jedoch genau der falsche Schluss. Jedes Team lebt von den Spielern, die genau gefasste Rollen perfekt ausfüllen. Damit wird den All-Stars Arbeit abgenommen und das Teamspiel deutlich erleichtert. Deswegen bekommen Rollenspieler zum Teil sehr gute Gehälter und können auch in Sachen Titel sehr erfolgreich sein – man denke nur an Robert Horry und seine sieben Ringe. Die Liga ist jedoch eine Liga der All-Stars. Aufgrund ihrer umfassenden Fähigkeiten sind sie noch wichtiger für die Teams, vor allem für die, die in den Playoffs etwas gewinnen wollen. Die eingangs erwähnten Hawks wurden für ihr teamdienliches Spiel gefeiert. Doch das war vor allem aus der Not, keinen wirklichen All-Star zu haben, geboren. In den Playoffs rächte sich dieser Mangel dann bitter. Aber auch Teams mit einem sehr guten All-Star und schlechten Rollenspielern gewinnen wenig, was Teams wie die Magic und Cavs des vergangenen Jahrzehnts eindrucksvoll bewiesen haben. Ein wirklicher Contender braucht also eine gute Mischung aus Rollenspielern und All-Stars. Wichtig ist nur, jeden Spieler in seiner Eigenschaft zu würdigen. Und ihn nicht größer oder kleiner zu machen, als er ist.

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2 comments

  1. Martin Sobczyk

    Die Allstar Nominierungen werden generell überbewertet.
    Generell ist es natürlich nachvollziehbar, dass das Event im Februar stattfindet, aber dadurch wird auf Grundlage von einer halben Saison eine “Auszeichnung” vergeben, welcher ein viel zu hoher Wert zugerechnet wird. Man hört viel öfter in den Medien,dass ein Spieler x-facher Allstar gewesen ist, statt x-Mal im All-NBA Team.

    Man stelle sich mal vor in der Fussball-Bundesliga (sorry für den Vergleich Dennis :D ) würde man nach der Hinrunde schon irgendwelche Awards vergeben, man würde es für eine Absurdität halten. Gerade der Fall Korver zeigt auch wie sehr sich (in dem Fall der Commish, denn Korver wurde “nur” nachnominiert) an kurzfristigen Leistungen orientieren, denn im Januar/Februar erreichten die Hawks gerade frisch ihre Hochphase. Am Ende standen zwar trotzdem 60 Siege zu Buche, aber ich bezweifle, dass man dort noch mal 4 Hawks ins Allstar Team berufen hätte.


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