Europa

Scouting Profil: Federico Mussini

24 Minuten pro Spiel, in einem Eurocup-Team, zehn Punkte und eine USG% von 17% in der heimischen Serie A, jeder zweite Dreier findet seinen Weg durch das Netz. Klingt nach einem gestandenen Profi, im Sommer seiner Karriere oder wenigstens im Frühling. Federico Mussini ist aber erst 18, genauer gesagt, am 12.3.1996 geboren und befindet sich in seiner Karriere – so denkt man die Metapher weiter – frühestens Ende Januar in seiner Entwicklung. Als „den nächsten NBA-Spieler“ bezeichnete ihn der Bonner Trainer Mathias Fischer nach dem Spiel seiner Mannschaft gegen die Südeuropäer.

Mussini spielt in seinem Heimatland für Grissin Bon Reggio Emilia (REG). Die Norditaliener rangieren im italienischen Oberhaus des Basketballs auf dem ersten Tabellenplatz, für den in den bisherigen Spielen unter anderem Mailand oder Rom geschlagen wurden und die Mannschaft von Massimiliano Menetti zu einer Bilanz von acht Siegen bei nur zwei Niederlage brachte.

Anders sah es im diesjährigen Eurocup aus: In der Gruppe A, in der auch die brose baskets und die Telekom Baskets Bonn vertreten waren, beendeten die Italiener ihre Gruppe auf dem letzten Tabellenplatz. Bis das Auswärtsspiel in Saragossa und den Abschluss der Gruppenphase im bedeutungslosen Duell gegen die Bonner, waren es meist knappe Spiele mit dem schlechteren Ende für die Italiener. Zusammen mit Mitspieler Amadeo Della Valle erarbeiteten sich die beiden den Spitzname der italienischen Splash-Brothers. Della Valle ging zwei Jahre für die Ohio State Buckeyes auf Punktejagd und kehrte nun mit einem fünf-Jahres-Vertrag ausgestattet zurück in seine Heimat. Er führte 2013 die U20 Squadra Azzurra zum Titelgewinn der Europameisterschaft und wurde anschließend als wertvollster Spieler des Turniers ausgezeichnet.

Die Karriere mit dem orangefarbenen Leder begann für Mussini im Alter von fünf Jahren. Sieben Jahre später folgte der Eintritt in die Jugendabteilung Grissin Bon Reggio Emilia. Quasi zeitgleich mit den deutschen Abiturienten, plant auch er die Schulzeit im kommenden Frühling zu beenden. Nun steht es an, sich entweder für den europäischen oder den Collegebasketball zu entscheiden. Angebote aus Virginia oder Gonzaga liegen ihm vor. Bleibt er in seiner Heimat, nimmt er vermutlich die Rolle des zweiten Spielmachers im System von Massimiliano Menetti.

Entscheiden für all die Aufmerksamkeit aus den Staaten ist sicherlich das vergangene Jahr, 2014, das seinen Namen auf alle Scouting Reports brachte. Aber chronologisch: Das renommierte Albert-Schweitzer Turnier (AST) gilt als Sprungbrett des talentierten Spielmachers, nachdem er sich bereits zwei Jahre zuvor bei der U16 EM einen Namen machte. 20,3 Punkte, 1,4 Vorlagen, 3,9 Rebounds und eine brandheiße Performance hinter der Drei-Punkte-Linie (52,5 % Dreier) krönte er mit seiner Mannschaft mit dem AST-Titel. In einem engen Finalspiel gegen die USA waren es besonders er und AST-MVP Ethan Happ auf Seiten der US-Boys, die ihre Teams mit jeweils 20 Punkten anführten. Aber eben jener Happ, der im Schlussviertel strauchelte und Daniel Donzelli per Dreier zum 76:69 1:40 Minuten vor Ende den vierten italienischen AST-Triumph herbei brachte. Mussini agierte hauptsächlich auf der Eins. Nun in Reggio Emilia rutscht er, auch wegen Andrea Cinciarini (11 ppg, 6 asg), mehrfach auf die Position des Shooting Guards. Von dort kreiert er meist nach dem Kick-out-Pass oder der wenn der Ball am Perimeter schnell zu ihm bewegt wird. Im blau-weißen Dress spielte er als primärer „Ballhandler“ und agierte hauptsächlich aus dem Pick&Roll heraus. Spätestens hier offenbarte er die Fähigkeiten, das Blocken und Abrollen schnell lesen und die richtigen Folgerungen ziehen zu können. Sein „Ballhandling“ als auch die Schnelligkeit reduzierten die Fehlerquote ungemein; 1,9 Turnover standen nach sieben AST-Spielen für ihn auf der Gesamtübersicht. Neben Mussini waren es besonders Diego Flaccadori (14 ppg) , er und Mussini verschmolzen zu „Mussidori“, und Luca Severini (4,9 ppg, 6 rpg) , die für ihr Heimatland beeindruckten.

Ende Juli folgte die zweite Möglichkeit, sich erneut unter gleichaltrigen zu messen und die noch uninformierten Scouts dazu zu bringen, den eigenen Namen so schnell nicht mehr zu vergessen. Mit der eigenen U18 Nationalmannschaft des Landes landeten Mussini und Co nach der finalen 68:65 Niederlage gegen Spanien auf dem sechsten Platz. Er selbst dominierte das Turnier fast nach Belieben: 22,6 Punkte pro Spiel, die meisten Treffer aus dem Feld und von „Downtown“ (bei den meisten FGA des Turniers) und der Platz im All-Tournament-Team demonstrierten die Stärken des 1,90 m großen Spielmachers. Folgt im kommenden Sommer der Sprung ans College, wird es für ihn besonders wichtig die hohen Quoten vom Parkplatz zu halten.

Im europäischen Männerbasketball fällt es ihm sehr schwer mit Kontakt am Ring abzuschließen. Kein Wunder, hat er erst vor zehn Monaten seine Volljährigkeit gefeiert und ist noch dementsprechend dünn. Seine Schnelligkeit und Ballhandling erlauben ihm zwar trotzdem flink des Gegner hinter sich zu lassen. Will er in den USA trotzdem eine Rolle jenseits des Spot-Up Shooters spielen, muss er sich auch mit Kontakt am Korb durchsetzen können.

Öfter als selbst abzuschließen, sucht und findet Mussini aber lieber den offenen Mitspieler. Mit 18 Jahren ließt er die Defensivrotationen des Gegners bereits gut und hält den Blick stets oben. Zeitweise versprüht er gar Lässigkeit, wenn er, wie in Bonn, den abrollenden Spieler mehrmals per „no-look pass“ bedient.        

Defensiv gilt Mussini als solider Verteidiger. Gute Fußarbeit und eine hohe Schnelligkeit erlauben ihm den Gegner vor sich zu halten. Auch in der Team-defensive behält er einen guten Überblick und befolgt die Rotationsregeln. Schwierigkeiten bleiben teils bei der Kommunikation in Pick&Roll-Situationen und seinen physischen Voraussetzungen.

Draftexpress führt den Point Guard im 96er Jahrgang auf Platz elf der aussichtsreichsten Talente. Die größte deutsche Hoffnung ist Jan Niklas Wimberg auf Platz 28. Vor Mussini liegen unter anderem mit Egemen Guven und Marc Garcia vielversprechende Spieler. Innerhalb der besten 20 Spieler lassen sich jedoch nur geringe Differenzen des Talents feststellen. Erst auf Platz 17 steht Ludde Hakanson, der für den Hauptanwärter auf die Euroleague-Trophäe, den FC Barcelona, bereits vier Spiele á vier Minuten absolviert hat. In einem solch jungen Alter ist es für Scouts unglaublich schwer, die Jugendlichen nach Talent zu ranken.

Die Zukunft eines 18-Jährigen vorherzusagen erweist sich auch für Federico Mussini als schwer. Vieles hängt von seiner Entscheidung im Sommer ab, College oder Europa. Für den Verbleib in der Heimat spricht eine fast garantierte Spielzeit als Back-up-Einser. Della Valle hat es ihm vorgemacht und einen fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben, ungewöhnlich für den europäischen Ligabetrieb. Immerhin gilt Massimiliano Menetti als ein sehr jugend-orientierter Trainer, der gerne und viel Einsatzzeiten an seine Hoffnungsträger vergibt.  

Statistiken auf dem Stand vom 12.12.2014

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