Houston Rockets

Die Rockets in den Playoffs

Wie weit kommt Houston mit Harden als einziger verlässlicher Offensivoption?

Durch eine nicht optimalen Offseason und die Verletzungsprobleme von Dwight Howard sind die Houston Rockets derzeit ganz eindeutig James Hardens Team – mit allen Vor- und Nachteilen. Wir stellen uns mit Sebastian Seidel die Frage: Wie weit können die Rockets in den Playoffs kommen?

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Sebastian Seidel (Coast-to-Coast): Die Rockets sind in der Offensive extrem abhängig von James Harden. Steht Harden auf dem Feld können die Rockets ein exzellentes Offensivrating von 107.2 aufweisen, sobald er auf der Bank Platz nimmt, sinkt dieses auf katastrophale 92.4.
Mit seinem starken Drive kommt Harden nicht nur immer wieder an die Freiwurflinie, sondern schafft es auch immer einen zweiten Verteidiger zu ziehen und so Möglichkeiten für seine Mitspieler zu kreieren.
Patrick Beverley ist ein solider Werfer und ist defensiv mit seiner Bulldogen-Mentalität der perfekte Fit neben Harden, aber seine Fähigkeiten als Playmaker sind äußerst begrenzt. Ähnliches gilt für Small Forward Trevor Ariza, der ebenfalls einen Großteil seiner Punkte aus dem Catch-and-Shoot und in der Transition macht.
Dwight Howard erinnerte, wenn er in dieser Saison mal gesund war und gespielt hat, nicht einmal ansatzweise an den auch offensiv dominanten Center aus Orlando-Zeiten. Seine Post-Ups (0.72PPP) sind für keine NBA-Defensive eine ernsthafte Gefahr. Von 52 NBA-Spielern, die in dieser Saison 100 oder mehr Abschlüssen aus dem Post genommen haben weisen lediglich Kenneth Faried, Andre Drummond und Nerlens Noel noch schlechtere Effizienzwerte auf.
Donatas Motiejunas hat sich in dieser Saison enorm entwickelt und agiert im Post-up deutlich effizienter (1.00 PPP) als Howard. Doch ist er schon in der Lage in den Playoffs eine tragende Rolle für die Rockets zu spielen? Würde Howard es ohne Ärger zu machen akzeptieren, wenn die Rockets einen anderen Spieler als ihn selber im Post füttern, während er auf dem Court steht? Wohl eher nicht. Auch die Spieler von der Bank können nur ganz selten einmal für eine echte Entlastung der Starter sorgen.
So müssen die Rockets in der Offensive weiterhin nahezu komplett auf Harden setzen und seine Fähigkeit aus dem Pick`n Roll für sich und andere zu kreieren.
Das macht sie trotz Hardens unbestrittener Qualitäten natürlich vergleichsweise leicht ausrechenbar.
In den letzten beiden Jahren konnte Harden seine guten Leistungen aus der regulären Saison, in den Playoffs nur bedingt bestätigen. Er warf in beiden Jahren unter 40% aus dem Feld, sein True Shooting sank in beiden Jahren um 6 Prozentpunkte und sein Offensivrating sank ebenfalls deutlich.
Ein Grund für die einbrechenden Leistungen in den Playoffs könnte die hohe Minutenbelastung sein. In dieser Saison steht Harden das dritte Jahr in Folge über 36 Minuten pro Spiel auf dem Feld. Kann er seine MVP-würdigen Leistungen diese Saison in die Playoffs übertragen oder wird sein Körper der hohen Belastung nicht standhalten?
Die Rockets werden in der ersten Runde selbst mit Heimvorteil gegen Teams wie Dallas, Los Angeles oder San Antonio nur mit einem James Harden in absoluter Top-Form eine Chance auf die zweite Runde haben. Von einem richtigen Contender-Status sind sie trotz der beeindruckenden Bilanz meiner Meinung nach weit entfernt.

 

Julian Lage: Die Frage nach den notwendigen Stars in einem Championship-Team wird immer wieder gestellt: Funktioniert ein Team ohne Stars, oder waren die 2004er-Pistons nur die Ausnahme von der Regel? Braucht man nicht gleich mehrere Spitzenspieler – oder umgekehrt: passen die eigenen Stars zusammen? Im Fall der Rockets liegt der Fall etwas anders. Die Kernfrage ist, wie stark die Abhängigkeit von James Harden zum Problem werden könnte. Da sich Dwight Howard dauerhaft mit Verletzungsproblemen auseinandersetzen muss, trägt Harden einen Großteil der Verantwortung für ein ansonsten lückenhaftes und teilweise sehr unerfahrenes Team.

Prozent Scoring

Wie groß diese Abhängigkeit ist, lässt sich allein an den erzielten Punkten ablesen: Hardens Anteil an den Teampunkten ist deutlich höher als bei allen anderen Spielern von Playoffteams (OKC durch die Verletzungen außen vor). Seine derzeit 27,1 PPG von 103,3 der Rockets entsprechen gut 26 Prozent. Der einzig andere Spieler in dieser Größenordnung ist LeBron James, dessen Fähigkeiten zum Tragen eines Playoffteams wohl unbestritten sind. Harden scort dabei aber nicht nur am Meisten, sondern auch am Effizientesten – seine derzeit 60,8 % TS sind ein einsamer Spitzenwert, der verletzte Dwight Howard und Rollenspieler Jason Terry folgen mit mehr als 2 bzw. 3 Punkten Abstand.

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Angesichts von Hardens Shotchart erscheint dieser Wert immer wieder überraschend. Wie Dennis Spillmann ausgeführt hat, kann Harden seine Quoten vor allem durch die extrem hohe Zahl an getroffenen Freiwürfen hoch halten. In der laufenden Saison sind 9,5 Freiwurf-Versuche pro Spiel Spitzenwert, und auch im Verhältnis zu den übrigen Wurfversuchen steht James hinter seinem Teamkollegen Howard auf Platz zwei: Die beiden Rockets sind unter den besseren Scorern der Liga (>15 PPG) die einzigen mit klar über 50% FTr.

Auch wenn die Bedeutung von Freiwürfen in Hardens Spiel schon bei den Thunder nicht zu vernachlässigen war, werden sie mittlerweile unter dem Schlagwort ‚Moreyball‘ als Houston-typisch wahrgenommen. Die Effizienz der auf Dreipunktwürfe, Punkte in der Zone und von der Freiwurfline ausgelegten Spielweise beeinflusst die Liga bereits seit einigen Jahren stark. Und auch für das Problem der Abhängigkeit der Rockets von Harden könnte sie ein Rezept sein. Freiwürfe gelten zu Recht als das am wenigsten von Formschwankungen oder anderen äußeren Faktoren beeinflussbare Element im Spiel. Das heißt: Selbst bei ansonsten schlechten Quoten kann Harden sein Spiel durch gezogene Fouls oft aufrechterhalten.

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Diese Überlegung hat allerdings einen Schönheitsfehler: Statistisch gesehen lässt sich nicht unbedingt unterfüttern. Wie oben zu sehen, hatte Harden diese Saison deutlich mehr Ausreißer weit unter die 50% TS als der von der offensiven Rolle vergleichbare Stephen Curry, der sich ansonsten aber mehr auf sein Shooting verlässt. Auch bei anderen Stars wie LeBron James liegen die schlechtesten Spiele der Saison bei etwa 40% TS statt bei unter 30 wie bei Harden. Wenig überraschend haben die Rockets von Hardens schlechtesten Spielen nicht die Hälfte gewonnen. Die Abhängigkeit von ihrem MVP-Kandidaten lässt sich also direkt auf die Ergebnisse spiegeln – was für die Playoffs keine rosigen Aussichten sind. Mit etwas Glück reicht es für eine Serie, mehr wäre im starken Westen eine echte Überraschung.

(Statistiken via basketball-reference.com – Stand 1.3.2015)

 

Marc Petri: Wie schwer es ist, eine Play-Off-Runde im seit Jahren starken Westen zu gewinnen, wenn man nur eine verlässliche Offensiv-Option auf Spitzenniveau hat, weiß man wohlmöglich nirgends besser als in Houston. Durch Verletzungen geplagt schied man wiederholte Male in der ersten Runde aus, so schaffte es Tracy McGrady 2008 in Abwesenheit von Yao Ming trotz einer starken individuellen Leistung nicht, die Serie gegen die Utah Jazz zu gewinnen. Nach vier knappen Spielen und einem Blow-out-Sieg fehlte in Spiel 6 merklich die Kraft und man verlor mit 22 Punkten. Erneut war für Houston in der ersten Runde Endstation.

Die Situation der Rockets war durchaus mit der Aktuellen zu vergleichen. Nachdem Yao Ming nach 55 Spielen die Saison verletzungsbedingt beenden musste, übernahm McGrady Verantwortung und die Rockets blieben trotz dem Ausfall des Star-Centers 22 Spiele am Stück ungeschlagen. 10 dieser Siege wurden hierbei ohne Ming eingefahren. Obwohl McGrady seine Ausbeute in den folgenden Play-Offs auf 27,0 Punkten, 8,2 Rebounds und 6,8 Assists pro Spiel steigern konnte (Regular Season: 21,6 Pts., 5,1 Reb. u. 5,9 Ass.) zeigte sich, dass ein Star nicht ausreichte, um eine erfolgreiche Post-Season zu liefern.

Ähnlich wie McGrady damals ist James Harden aktuell die einzig verlässliche Offensiv-Option im Kader der Rockets. Er legt bei seinen 36,6 im Schnitt gespielten Minuten 27,1 Punkte, 5,8 Rebounds und 6,9 Assists auf und das mit einer Effektivität, die man schlicht als „MVP-würdig“ bezeichnen kann. Zwar befinden sich an seiner Seite erstklassige Rollenspieler, diese können ihn in dieser Spielzeit aber nur defensiv entlasten, wenn er mal nicht auf dem Court steht. Offensiv sind die Rockets in diesen Phasen jedoch, wie bereits von Sebastian Seidel erwähnt, eines der schlechtesten Teams der Liga, ein Offensivrating von 92,4 ist ein indiskutabler Wert.

Der erste Schlüssel zu einer erfolgreichen Post-Season bleibt trotzdem Harden selbst, denn im Gegensatz zu letzten Saison muss er in diesem Jahr zeigen, dass er in der Lage ist zu liefern, wenn es drauf ankommt. Wichtig ist, dass er seine Effektivität auch bei erhöhter Spielzeit auf vergleichbaren Niveau bringen kann. Schafft er es bei Spielzeiten von über 42 Minuten seinen Ruf gerecht zu werden, wird es für jedes Team schwer die Rockets zu schlagen. Defensiv muss er hierbei von seinen Teamkollegen entlastet werden, ein besonderer Fokus liegt hier auf die Spezialisten – Patrick Beverley und Trevor Ariza. Zwar hat James Harden zu Beginn der Saison zur Überraschung vieler Experten angedeutet, dass er durchaus auf hohem Niveau verteidigen kann, aber es ist davon auszugehen, dass er in der Offensive derart viel Erwartung übernehmen muss, dass man seine Rolle in der Defensive auf das Minimum herabsetzen muss. Hier muss Kevin McHale die richtige Balance finden.

Die Rockets sollten also in der Lage sein eine Play-Off Runde zu gewinnen, ob man jedoch ein Wörtchen im Kampf um den Titel mitreden kann, hängt von der Genesung und der Form von Dwight Howard ab. Wird der aktuell verletzte Center rechtzeitig fit und bringt er eine ähnliche Leistung, wie in der letzten Post-Season, ist für Houston in diesem Jahr annähernd alles möglich. Spielt er jedoch wie zu Beginn dieser Spielzeit (in fast jeder Hinsicht die statistisch schlechteste Saison seit seiner Rookie-Saison) ist der Gewinn einer Serie zwar durchaus wahrscheinlich, ein tiefer Run allerdings nicht.

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