And One, Oklahoma City Thunder

Erreichen die Thunder noch die Playoffs?

And One Ausgabe #1

Nachdem Kevin Durant schon kurz vor der Saison ausfiel, ist die Handverletzung Russell Westbrooks ein weiterer Rückschlag für die Oklahoma City Thunder. In der ersten Ausgabe von And One diskutieren die Redakteure von Go-to-Guys sowie ein externer Experte demzufolge über die Frage:

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Torben Adelhardt (Sidelinewatch.com): Eine Frage, die auf den ersten Blick ketzerisch wirkt und für die viele Leute wohl nur ein müdes Lächeln übrig gehabt haben. Die NBA-Playoffs 2015 ohne Westbrook, Kevin Durant und Serge Ibaka? Eigentlich kaum vorstellbar, doch diese Horrorvorstellung aus Fan-Sicht könnte im nächsten Kalendarjahr bittere Realität werden.

Die Thunder sind im Moment so arg vom Verletzungspech gebeutelt, dass selbst Brandon Roy und Greg Oden ihre Beileidsbekundungen zum Ausdruck bringen könnten. Westbrook wird aller Voraussicht nach noch mindestens vier Wochen ausfallen und auch Durant dürfte frühestens in den letzten Novembertagen sein Comeback feiern. Als wären diese Ausfälle nicht schon schlimm genug, so haben auch Jungs wie Anthony Morrow, Mitch McGary, Jeremy Lamb und Grant Jerret mit Verletzungssorgen zu kämpfen. Nach der Niederlage gegen die Toronto Raptors in der vergangenen Dienstagnacht stehen die Thunder bei einer Bilanz von 1-4 und einer Rotation von sieben gesunden Spielern. Der Tiefpunkt ist erreicht. Oder?

In den nächsten elf Partien werden die Thunder sieben Spiele in der heimischen Chesapeake Energy Arena austragen – ein kleiner Vorteil zumindest. Gegen die Milwaukee Bucks, Boston Celtics, Detroit Pistons, New York Knicks und Utah Jazz (2x) sind auch mit einer Rumpftruppe Siege möglich. In der Zeitspanne, wo OKC die Ausfälle seiner beiden Superstars kompensieren muss, steht nicht einmal der Name eines Contenders auf dem Spielplan (mit viel Fantasie könnte man die Warriors hier noch nennen). Dies kann als ein Vorteil ausgelegt werden, auch wenn somit am Ende der regulären Spielzeit die schwereren Brocken auf die Thunder zukommen werden. Die Hypothek eines nahezu komplett sieglosen Saisonstarts wäre im Verlauf der Saison schwer aufzuholen gewesen, da auch die Rekonvaleszenten erst wieder an die Wettkampfhärte herangeführt werden müssen und sich fast 60 Spiele lang so gut wie keine Ausrutscher mehr erlauben dürften.

Verletzungen sind weder einplanbar noch großartig zu verhindern. Und doch wird man dieses Gefühl nicht los, dass das Management in Oklahoma nicht gänzlich von jeder Schuld an der momentanen Misere frei zu sprechen ist. Der Sparkurs von Besitzer Clayton Bennett, der die Luxussteuer fürchtet wie der Teufel das geweihte Wasser, schränkt General Manager Sam Presti in seinen Handlungsmöglichkeiten stark ein. Und so muss in diesen Tagen ein Sebastian Telfair knapp 30 Minuten pro Partie abreißen. Vor zehn Jahren wäre das noch ein spannendes Experiment gewesen, aber heutzutage viel eher ein Trauerspiel. Anstatt das Team in der Breite qualitativ zu verstärken, wurde auch in diesem Sommer wieder der preisgünstigere Weg gewählt. Wenn Anthony Morrow der namhafteste Neuzugang in der Free Agency-Phase ist, dann ist klar, dass das Hauptaugenmerk auf das Wachstum von innen heraus gelegt wird. Die Jungspunde Perry Jones III, Andre Roberson, Steven Adams, Reggie Jackson, Jeremy Lamb und Lance Thomas können die Abwesenheit von Durant und Westbrook nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen und in kurzer Zeit einen großen Entwicklungsschritt zu nehmen.

Also, werden die Thunder die Playoffs verpassen? Nein. Die jungen Talente dürfen sich jetzt in der Durant- und Westbrooklosen Zeit austoben und könnten so im Stande sein, während des Playoff-Rennens noch wichtige Beiträge zu leisten. Der Spielplan kommt den Thunder ebenfalls entgegen, da in den nächsten Wochen eine handvoll Siege möglich sind und hinten raus einige Mannschaften (z.B. Spurs am 7. April) damit anfangen werden ihre Starspieler zu schonen.

Fabian Thewes: Zugegeben, es sieht düster aus in Oklahoma City. Nach der vierten Niederlage im fünften Spiel stehen die Thunder im Tabellenkeller und nur die Los Angeles Lakers haben im Westen eine noch schlechtere Bilanz. Tragischerweise gesellen sich nun zu den zahlreichen Verletzten auch noch die Flügelspieler Perry Jones und Andre Roberson. Es ist fraglich, ob sie am Freitag gegen Memphis wieder auflaufen können. Superstar Russell Westbrook wird frühestens Anfang Dezember zurückerwartet, während Kevin Durants Comeback eher Mitte bis Ende Dezember stattfinden wird. Bis dahin gilt es, so viele (dreckige) Siege wie möglich einzufahren, damit die Thunder mit ihren beiden Franchiseplayern die Aufholjagd starten können. Für das Gelingen dieses Projekts sprechen drei Dinge:

Erstens: Damit die Saison doch noch ein Erfolg wird, gibt es in der regulären Saison möglicherweise nur einen echten Konkurrenten: die Portland Trailblazers. Der Grund dafür findet sich im Playoffsystem der NBA. So ist der Sieger einer jeden Division nicht nur automatisch für die Playoffs qualifiziert, sondern wird mindestens auf Platz 4 gesetzt. Nun sind die Blazers mit 2:2 in die Saison gestartet und womöglich bekommt die Franchise aus Oregon im weiteren Saisonverlauf mehr Probleme als ihr lieb ist. Insofern liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass der Abstand zu den Blazers kürzer sein wird als zur #8.

Zweitens: Der Spielplan ist bis Dezember Thunder-freundlich. Von den restlichen 12 Gegnern im November haben sieben keine positive Bilanz. Darüber hinaus sind es acht Heimspiele. Eine 6:11 oder 7:10 Bilanz sollte daher durchaus möglich sein. Mit etwas Glück steht danach wieder Russell Westbrook zur Verfügung.

Und schließlich: Selbst wenn die Blazers nicht eingeholt werden können, reichten in den letzten Jahren für den Playoffeinzug immer mindestens 49 Siege. Unter der Annahme, dass Kevin Durant am ersten Weihnachtsfeiertag zurückkehrt und die Thunder zu diesem Zeitpunkt eine 11:18 Bilanz hätten, bräuchten sie für die restliche reguläre Saison mit Russell Westbrook und Kevin Durant eine 38:15 Bilanz, was einer Siegquote von knapp 72% entsprechen würde. Letztes Jahr schafften die Thunder trotz 40 verpasster Spiele von Westbrook ziemlich genau denselben Wert. Wieso nicht auch dieses Jahr?

Jonathan Walker: Ja, der Spielplan der dezimierten Thunder könnte schlimmer sein. Wenigstens hier hat es der Basketball-Gott recht gut mit dem ansonsten stark auf die Probe gestellten Team aus Oklahoma City gemeint. Man tritt in erster Linie gegen den Bodensatz der Liga an, zumindest wenn man nach den Namen geht. Erst am 11. Dezember trifft man mit den Cavs auf einen echten Contender. Zu diesem Zeitpunkt könnten Westbrook und Durant, oder zumindest einer von beiden, schon wieder mit von der Partie sein.

Problem Nummer 1: Die Thunder gehören momentan selbst dem Bodensatz der Liga an, was jedes einzelne Spiel zu einer echten Herausforderung macht. Auch eine baldige Rückkehr von Spielern wie Reggie Jackson, Jeremy Lamb oder Perry Jones ändern daran nicht viel, auch wenn vor allem ersterer freilich ein starkes Upgrade gegenüber Sebastian Telfair oder Neuzugang Ish Smith auf der Eins ist. Favorit gegen Teams wie die Sixers, Celtics und Pistons sind die Thunder aber erst wieder automatisch, wenn einer der beiden Superstars wieder fit ist.

Problem Nummer 2: Man spielt zwar während der zu erwartenden Ausfallzeit der Stars nicht gegen die ganz dicken Brocken der Liga, aber die Kings, Rockets und Warriors haben zu diesem Zeitpunkt eine kombinierte Bilanz von 13-1. Auch Teams wie die Nets, Pelicans, Bucks und Knicks (nein – das ist kein Tippfehler), haben respektable Starts hingelegt, Playoffambitionen und müssen erst einmal geschlagen werden. Es wird voraussichtlich schwer für OKC, bis Anfang Dezember, wenn Westbrook und Durant frühestens (!) zurückkehren werden, überhaupt ein paar Siege einzufahren.

Problem Nummer 3: Auch wenn es paradox klingen mag, aber das leichte Anfangsprogramm der Thunder könnte die Playoffteilnahme gefährden. Die Thunder haben bisher gegen die Raptors, Blazers (ja, eben gegen den größten Konkurrenten in der eigenen Division!) und Nets verloren. Wäre dies mit Durant und Westbrook nicht passiert? Dies ist zumindest wahrscheinlich. Wäre es nicht besser, wenn man mit der Rumpftruppe gegen klare Contender verloren hätte? Wenn die Niederlagen gegen die Spurs, Bulls oder Cavaliers passiert wären, sodass man gegen die Nets, Blazers und Raptors erst später gespielt hätte? Im weiteren Verlauf des Novembers wären Niederlagen gegen Milwaukee, Boston, Detroit und Utah sehr viel schlimmer als gegen einen harten Schedule.

Selbst wenn Westbrook und Durant bereits Anfang Dezember zurückkehren, was der Best Case wäre, könnten die Thunder also schon im Tabellenkeller der Western Conference festsitzen. Kehrt einer oder gar beide erst später zurück, wird die Ausgangsposition für eine mögliche Aufholjagd auf die Playoffs natürlich nicht besser, vor allem da im Dezember hauptsächlich Spiele gegen Playoffanwärter anstehen.

Etwas Einspielzeit muss man sowohl Durant als auch Westbrook auch zugestehen. Wir erinnern uns: Letzte Saison unterlag letzterer die erste Zeit nach seiner Rückkehr einer strengen Minutenbegrenzung. Nach den jeweiligen Brüchen, die die Stars erlitten, könnte das wieder so sein. Vor allem Durants Fuß wird sich erst wieder an die extreme Belastung der NBA-Spiele gewöhnen müssen.

Ich traue einem Team mit Durant, Westbrook und den anderen an der Aufgabe gewachsenen Spielern weiterhin alles zu. Auch einen erfolgreichen Run auf 50 oder mehr Siege und die unteren Playoffränge. Doch für wahrscheinlich halte ich es zu diesem Zeitpunkt, angesichts der Stärke der Western Conference und des noch auf Wochen hin extrem dezimierten Kaders der Thunder, nicht mehr. 

Unter Umständen entscheidet sich Oklahoma City gezwungenermaßen auch, den Weg der Spurs 1996-97 zu gehen und Kevin Durant erst voll ausheilen zu lassen und dann zu “schonen”, um den Platz am Ende der Conference zu halten und im kommenden Draft dem Kader ein weiteres Talent hinzuzufügen. 

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1 comment

  1. Sebastian Hansen

    Kurz was dazu.
    Ihr habt finde ich alle Argumente gut und begründet dargestellt. Ich glaub man kann jetzt auch nicht sagen, dass OKC in jedem Fall rein kommt, dafür hängt das an viel zu vielen Faktoren. Ich denke, entscheidend wird sein, wie a. die Bilanz aussieht, wenn Russ und KD wieder fit werden und wie b. der Gesundheitszustand der beiden ist, wenn sie wieder zurück kommen. Sollten z.B. die beiden Stars erst Ende Dezember zurück kehren und die Thunder dann vielleicht erst 5 Siege haben und beide Stars auch noch nicht so wirklich “rund” laufen bzw. sich sogar Folgeverletzungen einhandeln, kann ich mir gut vorstellen, dass man auf Spurs 97 geht, da ich mir sicher bin, dass man einen 10ten oder 11ten Platz unbedingt vermeiden möchte. Andererseits spricht die Professionalität von Russ und KD dagegen. Aber falls es wirklich so kommen sollte, dass beide erst im Januar oder gar noch später wieder richtig fit sind und die POs völlig außer Reichweite, werden sies schon einsehen. Hätte auch seinen Reiz, man hätte danach noch mehr Talent im Kader und könnte gleichzeitig Lamb, Jones usw. entwickeln, aber natürlich deutlich schlechter als ne PO-Teilnahme.
    Andererseits, wenn beide schon Mitte Dezember völlig fit auf der Platte stehen und man bis dahin 10 Siege hat, wird man bestimmt auf Playoffs gehen. Ich halte von den Blazers ehrlich gesagt eher wenig und hatte sie vor der Saison höchstens auf Platz 8 gesetzt, eher sogar draußen, das heißt, man könnte mit blianztechnisch Platz 9 in die Playoffs kommen. Das sähe dann z.B. so aus:
    Plätze 1-8: Spurs, Clippers, GS, Dallas, Houston, Grizzlies, Suns, Pelicans, Kings. Platz 9 OKC, Platz 10 Blazers. Ich weiß, Platz 10 für die Blazers ist nicht so extrem realistisch, aber eine Verletzung von Lillard, Batum oder LMA und die sind hinüber. Haben ja auch letztes Jahr nur von ihrem guten Start gezehrt.
    In jedem Fall: Der Fakt, dass der Divisonsieger Platz 4 bekommt, macht OKCs Einzug etwas wahrscheinlicher. Und noch mal weiter gedacht, es ist ja auch deutlich angenehmer als 4ter gegen meinetwegen die Mavs zu spielen als als 8ter gegen die Spurs…


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