Denver Nuggets, NBA, Toronto Raptors

Ujiris nächster Versuch

Nuggets und Raptors oder: Rebuild ohne Stars? Teil 2

Nuggets und Raptors. Zwei eher unauffällige Teams auf der NBA-Landkarte der letzten Jahre. Keine hohen Picks, keine tiefen Playoff-Runs, kaum spektakuläre Verpflichtungen. Trotzdem haben die beiden Franchises auffällige Gemeinsamkeiten: Der Versuch, ohne echte Stars erfolgreich zu sein – und die Person, die jeweils am Anfang dieser Entwicklung stand: Masai Ujiri. Teil 2: Die Raptors.

Teil 1 findet ihr hier: Ujiris nächster Versuch – Teil 1.

Runde 2: Toronto

Ujiri konnte diese Situation hinter sich lassen – nur, um sich in Toronto einer wohl noch weniger erstrebenswerten auszusetzen. Nachdem die Raptors Chris Bosh verloren hatten, durfte sich Bryan Colangelo an dem Spagat zwischen Restrukturierung und Playoffambitionen versuchen. Im Ergebnis standen bei Colangelos Entmachtung einerseits Win-Now-Spieler wie Rudy Gay, Andrea Bargnani und der für einen Lottery-Pick ertradete Kyle Lowry im Kader, andererseits aber auch hoch gepickte Talente wie Jonas Valanciunas und Terrence Ross. Ujiris erstes Ziel musste es also sein, eine Richtung zu bestimmen – wie zuvor mit dem Anthony-Trade.

Ebenfalls wie zuvor hielt sich der tatsächliche Spielraum aber in Grenzen. Die Teamzusammenstellung hatte nie wirklich überzeugt, Bargnani war bei den Fans fast so unbeliebt wie der abgesägte Colangelo. Entsprechend naheliegend war die Entscheidung, zuerst Bargnani und anschließend Gay abzugeben. Angesichts der teuren Verträge konnte man hier mit einigen Hindernissen rechnen, doch Ujiri fand in den Knicks und Kings Abnehmer, die sogar noch Assets für die Trades ausgaben.

Bye, Bye Bargnani

Kurz nach Ujiris Amtsantritt machte der Trade des ehemaligen Nummer 1-Pick von 2006 nach sieben Jahren im Raptors-Dress den Anfang. Zu Beginn seiner Karriere in Kanada war Bargnani als italienischer Nowitzki angepriesen worden – fand aber aufgrund seiner defensiven Schwächen, seiner unklaren Position und wiederholter Verletzungen nie in die Rolle hinein, die das Team ihm zugedacht hatte. Sowohl neben Chris Bosh als auch in der bereits angesprochenen Rolle als vermeintlicher Franchise Player konnte er zwar immer wieder Ausrufezeichen setzen, die dann jedoch genauso oft durch Formschwankungen oder Ausfallzeiten ins Gegenteil verkehrt wurden. Die Knicks schienen jedoch in erster Linie den Sevenfooter mit Dreipunkt-Reichweite zu sehen, so dass sie bereit waren, die verbleibenden zwei Vertragsjahre mit knapp 25 Millionen Dollar an Salär aufzunehmen (siehe auch hier und hier). Dafür mussten die Raptors die innerhalb kürzester Zeit entlassenen Marcus Camby und Quentin Richardson sowie den erst im Sommer zuvor mit einem Vierjahresvertrag ausgestatteten Steve Novak aufnehmen und bekamen als Entschädigung zwei Zweitrundenpicks sowie den Erstrundenpick der Knicks für 2016.

Nach einem kaum überzeugenden 6-12 Saisonbeginn 2013/14 musste schließlich auch der zweite Pseudo-Star Toronto verlassen. Den vormaligen Grizzly Rudy Gay hatte Colangelo in seiner letzten größeren Aktion nur knapp ein Jahr zuvor, im Januar 2013, ins Team geholt. Mit dem auslaufenden Vertrag von Jose Calderon (nach Detroit umgeleitet) sowie Ed Davis und einem Zweitrundenpick hielt sich der Preis für den Trade zwar in Grenzen, die beiden letzten Jahre in Gays Vertrag hätten die Raptors allerdings knapp 40 Millionen Dollar gekostet. Entsprechend wenig attraktiv wirkte auch der von Ujiri erzielte Gegenwert: Die neben Gay abgegebenen Aaron Gray und Quincy Acy waren zwar kein allzu großer Verlust, aber in Chuck Hayes und John Salmons mussten die Raptors zwei klar überbezahlte Spieler aufnehmen, insgesamt gut 13 Millionen Dollar in der ersten Saison. Als Lichtblick konnten allenfalls Greivis Vasquez und Patrick Patterson gelten, die im letzten Jahr ihres Rookie-Vertrags weder kurz- noch langfristig höhere Kosten verursachen würden und aufgrund ihres Alters mit etwas gutem Willen als Assets durchgingen. Dass beide trotz mitunter ansprechender Leistungen von ihren Franchises mehr oder weniger nach Sacramento abgeschoben worden waren, stellte diese Einschätzung jedoch etwas in Frage.

Mid-Season-Turnaround

Die Aufräumarbeiten aus der Ära Colangelo waren mit diesen Trades weitgehend abgeschlossen. Im Raptors-Kader befanden sich in Hayes, Salmons und Novak sowie Landry Fields und einigen weniger teuren Posten zwar diverse Spieler, deren Leistungen in keinem Verhältnis zum Gehalt standen. Für das Einsammeln hoher Lottery-Picks wäre das jedoch kein Hindernis gewesen, und genau dieser Plan stand ganz oben auf Ujiris Tagesordnung. Die Trades von Bargnani und Gay waren die ersten Schritte in diese Richtung gewesen, und die jüngeren Spieler wie Sophomore Terrence Ross, Jonas Valanciunas und wohl auch DeMar DeRozan hätten dem nicht unbedingt im Weg gestanden. Der wie Gay erst gut ein Jahr zuvor von Colangelo für einen Lottery-Pick aus Houston ertradete Kyle Lowry hätte auf diesem Weg jedoch kaum weitergeholfen – mit 27 und in seinem letzten Vertragsjahr war er ein klarer Win-Now-Spieler. Entsprechend versuchte Ujiri, ihn für Rebuild-fähige Assets zu vertraden und fand in den Knicks wieder einen Abnehmer. Der Trade war auf Management-Ebene wohl abgemachte Sache, als ein Veto von Knicks-Besitzer James Dolan ihn zum Platzen brachte. Statt einem Pick 2018 zu erhalten, blieben die Raptors also auf Lowry sitzen.

Hier zeigt sich, wieso Ujiri zum Lowry DeRozanzweiten Mal unfreiwillig zum Jongleur eines starlosen Rebuilds wurde. Während die Verhandlungen um Lowry im Anschluss an den Gay-Trade noch liefen, spielte das Team von Dwane Casey relativ überraschend deutlich besser: Ohne die ineffizienten Wurf- beziehungsweise Isolationsspezialisten Bargnani und Gay konnte der zuvor stark kritisierte Coach einen deutlich besser funktionierenden Teambasketball installieren. Lowry und DeRozan profitierten am meisten von der ‚Addition by Subtraction‘, Letzterer wurde sogar Allstar. Das Team machte sowohl offensiv als auch defensiv einen Schritt nach vorne, über die Saison sprang ein Sprung von fünf beziehungsweise 13 Plätzen in offensiver und defensiver Effizienz heraus, konkret jeweils Platz 9. In einer nicht gerade starken Eastern Conference reichte das für den Sieg in der Atlantic Division und Heimvorteil in den Playoffs, die überhaupt das erste Mal seit dem Abschied Chris Boshs wieder erreicht werden konnten.

Déjà-vu?

Die Ähnlichkeiten zu den Nuggets in diesem Team sind auffällig: Wiederum erhielten praktisch alle Playoff-Minuten Spieler Anfang bis Mitte Zwanzig, insgesamt sieben mit über 20 Minuten. John Salmons, Chuck Hayes und der Rest des Teams stellten nur Ergänzungen ohne größere Rolle dar. Allerdings war die Bedeutung von DeRozan und Lowry zumindest offensiv deutlich größer als bei vergleichbaren Nuggets-Teams: Die beiden Guards spielten jeweils knapp 40 Minuten und erzielten im Schnitt über 10 Punkte mehr als der drittbeste Scorer Amir Johnson. Damit vergrößerte sich der Abstand aus der Regular Season nochmal, obwohl beide keine allzu guten Quoten aus dem Feld aufweisen konnten, nur die hohe Zahl an Freiwürfen rettete die Effizienzstatistiken: DeRozan konnte dank 10,1 getroffener Freiwürfe pro Partie seine magere Field Goal-Percentage von nur 38,5 auf immerhin 55% True Shooting hieven. Entsprechend konnten die hohen Spielanteile den Eindruck erzeugen, dass hier zwei 20-Punkte-Scorer das Team in der Serie halten würden. Allerdings stellten Valanciunas und Johnson nicht nur defensiv das Rückgrat des Teams, sondern trafen auch beide etwa 65% (!) ihrer Würfe.

Das im Vergleich zur Regular Season gestiegene Ungleichgewicht zu Gunsten der beiden Guards half den Raptors also eher nicht. Mehr Possessions für die beiden Bigs wären vermutlich die bessere Idee gewesen, und Veränderungen auf eine gewisse Weise auch nötig: Die Raptors hatten zwar bis zum letzten Angriff Chancen auf ein Weiterkommen, verloren die Serie aber letztendlich mit 3:4 gegen nicht gerade beeindruckende Nets. Für Ujiri dürfte das ein gewisses Déjà-vu-Erlebnis bedeutet haben – zum vierten Mal in Folge scheiterte das von ihm gemanagte Team in der ersten Playoffrunde.

In dieser Serie traten einige auffällige Defizite zu Tage, in erster Linie an Joe Johnson festzumachen: Der 32-Jährige startete in die besten Playoffs seiner Karriere, weil die Raptors ihn zu keinem Zeitpunkt unter Kontrolle bekamen. Die Gegenspieler waren entweder zu klein und schmächtig (DeRozan und Ross) oder sorgten am anderen Ende des Parketts für auf Dauer nicht zu vertretende Probleme (Salmons und Landry Fields), ohne Johnson wirklich besser in den Griff zu bekommen. Dazu fehlte echter Backup-Center, Ross konnte allgemein die Erwartungen nicht erfüllen, und auch die oben angesprochene Scoring-Asymmetrie kann nicht für Begeisterung gesorgt haben.

Die Offseason: Alles bleibt besser?

Trotzdem hat Ujiri das Team in der darauffolgenden Offseason praktisch nicht verändert, obwohl mit Lowry, Patterson und Vasquez drei wichtige Spieler Free Agents wurden. Alle drei blieben mit brauchbaren Verträgen in Toronto, Lowry erhielt 48 Millionen für vier Jahre, Vasquez und Patterson werden in den kommenden zwei beziehungsweise drei Jahren je etwa 6 Millionen Dollar verdienen. Die Verstärkungen beschränkten sich jedoch auf den von Atlanta abgeschobenen Lou Williams, Free Agent James Johnson und die beiden brasilianischen Rookies Lucas Nogueira und Bruno Caboclo. Der 2014er-Draftpick hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er als sprichwörtlich roh gilt, Nogueira wurde von den Hawks mit Williams für den nur teilweise garantierten Vertrag von Salmons Richtung Norden geschickt. James Johnson kann mit etwas Optimismus immerhin als Verteidiger für größere Flügel gelten, hat aber in seinen bisherigen fünf NBA-Jahren nirgendwo wirklich Fuß fassen können, einen ersten Versuch in Toronto hat er schon hinter sich.

Entsprechend ergibt sich ein zwiespältiges Bild: Die Verlängerungen mit Patterson und Vasquez, die ihr Gehalt mehr als verdoppeln konnten, und vor allem Lowry deuten klar auf einen Win-Now-Kurs hin. Perspektivspieler, ein eigentlich überzähliger zusätzlicher Guard und ein Lückenfüller sprechen allerdings eine andere Sprache. Ujiri hat nur die Hälfte der MLE genutzt, eben für Johnson, und fast komplett auf Tradeaktivität verzichtet. Der Hawks-Deal um Salmons ist die einzige Ausnahme, dürfte aber vor allem durch Atlantas Interesse an zusätzlichem Capspace zustande gekommen sein. Auch wenn der letztjährige 16. Pick ein dafür mehr als angemessener Preis ist und Lou Williams dem Team durchaus noch weiterhelfen kann – schlechte Verträge für Assets aufzunehmen ist meist eine Verfahrensweise von Lotteryteams.

Nur eine Durchgangsstation?

Aus diesen Punkten sind zwei sinnvolle Schlüsse möglich: Zum einen könnte Ujiri auch in Toronto mittelfristig einen ähnlichen Trade wie den für Iguodala planen und möchte dafür Assets sammeln. Nachdem dessen Zeit in Denver nicht allzu erfolgreich war, muss das Vorgehen an einem Punkt angepasst werden. Ein besseres Paket könnte es ermöglichen, entweder einen stärkeren Spieler oder eine bessere Vertragssituation ins Visier zu nehmen – das wäre eine logische Verbesserung gegenüber dem Vorgehen beim Iguodala-Transfer.

Daneben ist aber auch ein anderer Schluss möglich: Ujiri hält Torontos derzeitigen Kader für nicht so stark, dass darauf sinnvoll aufzubauen ist – und der Komplettrebuild folgt innerhalb der nächsten Jahre. Der von Dolan gestoppte Lowry-Trade spricht klar für eine entsprechende ursprüngliche Einschätzung, die Aktionen dieser Offseason deuten darauf hin, dass Ujiri seine Meinung nicht grundlegend geändert hat. Die Verlängerung mit Lowry entspräche dann dem Vorgehen mit Nene, nur mit der Absicht, bei einem möglichen Trade Picks statt sofort brauchbarer Spieler zu erhalten. Für ihn, DeRozan und mit Abstrichen Amir Johnson könnten die Raptors derzeit mit einem überzeugenden Gegenwert rechnen, die übrigen Spieler würden in den Rebuild passen oder ihn zumindest nicht behindern.

Das setzt natürlich voraus, dass Ujiri keinen seiner beiden ‚Star‘-Guards als echten Franchise-Spieler ansieht. Die Medien-Darstellung in der letzten Saison steht dem etwas entgegen, aber ein Vergleich mit den Nuggets spricht für diese Einschätzung.

Stats Lawson Gallinari Lowry DeRozan

Die Daten zeigen: Lowry und DeRozan erzielen mehr Punkte, wobei der Unterschied ohne die 36-Minuten-Angleichung noch größer ist. Lawson und Gallinari hatten bei den Nuggets eine vergleichbare Rolle, spielten aber etwas weniger und nahmen weniger Würfe. DeRozan fällt in der Effizienz etwas ab, während Lowry durch sein hohes Dreipunkt-Volumen an der Spitze steht. Der Nachteil daran ist, dass er nicht in dem Ausmaß wie Lawson über Drive-and-Kick-Spielzüge seine Mitspieler in Szene setzen konnte, was sich in den Assists bestätigt. Dafür spricht auch die hier nicht aufgeführte Statistik, dass Lawson deutlich öfter in direkter Korbnähe abschließt. DeRozan übernimmt im Vergleich mit Gallinari mehr zusätzliche Spielmacheraufgaben, was allerdings nicht überrascht, da 2012/13 noch Iguodala als zweiter Playmaker für die Nuggets zur Verfügung stand. Ein Großteil der besseren rohen Zahlen für die beiden Raptors lässt sich also auf die höheren Spielanteile zurückführen.

Fazit

Masai Ujiri hat in den letzten Jahren gezeigt, dass gutes Management nicht zwingend an den Komplettabriss des bisherigen Teams gekoppelt ist. Gleichzeitig kann er aber auch nicht zwingend als überzeugter Vertreter des Retools gelten, weil in beiden Fällen äußere Umstände die Entwicklung begünstigten oder sogar bestimmten. Interessanterweise waren beide Male die Knicks beteiligt, und insbesondere der gestoppte Lowry-Trade hätte vermutlich eine komplett andere Dynamik für die Raptors bedeutet. Derzeit scheint sich Ujiri in Toronto alle Optionen offenzuhalten – bei Misserfolg oder Verletzungen könnte sehr schnell der Umbruch folgen. Denn die letzten Jahre haben Ujiri gezeigt: Auch mehrere gute Trades können nicht immer verhindern, dass ein starloses Team in der ersten Playoffrunde stecken bleibt.

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