Denver Nuggets, Toronto Raptors

Ujiris nächster Versuch

Nuggets und Raptors oder: Rebuild ohne Stars? Teil 1

Nuggets und Raptors. Zwei eher unauffällige Teams auf der NBA-Landkarte der letzten Jahre. Keine hohen Picks, keine tiefen Playoff-Runs, kaum spektakuläre Verpflichtungen. Trotzdem haben die beiden Franchises auffällige Gemeinsamkeiten: Der Versuch, ohne echte Stars erfolgreich zu sein – und die Person, die jeweils am Anfang dieser Entwicklung stand: Masai Ujiri. Teil 1 heute: Die Nuggets.

Zum Glück gezwungen?

Eine weitere Gemeinsamkeit: In beiden Fällen war der Star-lose Ansatz keine freiwillige Entscheidung, sondern eine Folge der Umstände. In Denver übernahm Ujiri einen auf Carmelo Anthony zugeschnittenen Roster, dessen Mittelpunkt aber wenig Interesse auf einen langfristigen Verbleib bei den Nuggets verspürte. In Toronto musste er sich mit dem von Bryan Colangelo geerbten Team auseinandersetzen, vor allem mit Andrea Bargnani und Rudy Gay. Wenn man den Worten Colangelos über seinen ehemaligen Nummer-1-Pick folgt, gab Ujiri also jeweils als erste größere Transaktion den Franchise Player ab – auch wenn Bargnani diesem Ruf nur in den Jahren 2010 und 2011 annähernd gerecht wurde.

Mit dem Playoffs-Einzug der Raptors dieses Jahr und der anschließenden Offseason ohne große Veränderungen sind die beiden Franchises ein Beispiel für einen Rebuild ohne mehrere frühe Lottery-Picks. Vor allem durch den Erfolg der Thunder scheint dieses Retool-statt-Rebuild-Modell vom Aussterben bedroht. In vielen Fällen – etwa den Kings, den Colangelo-Raptors oder den Bucks bis vor einem Jahr – gilt das Mittelmaß stattdessen als Synonym für planloses Management. Es sind eher Teams wie die 76ers und Magic, die dank hoher Lottery Picks und daher vielversprechender Rookies für positives Aufsehen sorgen. Entsprechend weisen auch meist die GMs dieser Teams, etwa Sam Hinkie und Rob Hennigan, einen Ruf als vielversprechende junge Manager auf.

Der Weg nach Toronto

Ujiri ist nicht nur in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Aus Nigeria stammend, gelang ihm über eine kurze Laufbahn als High School- und College-Spieler in den USA sowie als Profi in Belgien und Großbritannien der Einstieg in die Basketballwelt. Die Qualifikation für eine Management-Position in der NBA konnte er jedoch erst über Scouting-Jobs und organisatorische Tätigkeiten, unter anderem in seinem Geburtsland, nachweisen. Zwischen 2004 und 2010 war er bereits in mehreren Funktionen für die beiden Teams tätig, bei denen er anschließend den gesamten sportlichen Bereich verantworten sollte.

Insgesamt wechselte er also drei Mal zwischen Denver und Toronto oder zurück. Das erste Mal, als unbekannter Mitarbeiter im Front Office der Nuggets, löste er wenig überraschend noch kein größeres Medienecho aus. Von einer Position als Assistant-GM der Raptors lockte ihn Nuggets-Besitzer Stan Kroenke dann zurück nach Denver, wo er sich ab dem Sommer 2010 mit dem Titel Executive Vice President of Basketball Operations schmücken durfte. Der Wechsel mit der größten Wirkung war der zurück nach Toronto: Ujiri wurde nach Auslaufen seines Vertrags in Denver in der Offseason 2013 mit einem stark aufgebesserten Gehalt nach Kanada gelockt, obwohl sein bisheriges Team ein deutliches Interesse an einer Vertragsverlängerung signalisiert hatte. Offensichtlich waren also mindestens zwei NBA-Teams davon überzeugt, dass er in seinen Jahren bei den Nuggets überzeugende Arbeit geleistet hatte – also bieten sich seine Teams als Beispiele für einen erfolgreichen Umbau ohne Lottery an.

Die Post-Melo-Nuggets

carmeloanthonyUjiris erster Schritt in Denver war oben schon angedeutet: Der unausweichliche Melo-Trade. Die monatelange Hängepartie endete erst kurz vor der Trade Deadline, dafür umso erfolgreicher für die Nuggets. Mit Danilo Gallinari, Wilson Chandler, Raymond Felton, Timofey Mozgov und Kosta Koufos (sowie zusätzlichen Draftpicks) erhielten sie praktisch das Gerüst für die folgenden Jahre. Neben Anthony gaben die Nuggets nur noch Chauncey Billups und einige Spieler vom Ende der Rotation ab, so dass der Trade lange als eines der wenigen Beispiele galt, in denen ein Team einen Star für akzeptablen Gegenwert abgeben konnte. Da die Nuggets ohnehin schon einen Großteil der Saison mit Playoffambitionen absolviert hatten, war es nur konsequent, diesen Weg auch ohne Anthony weiterzuverfolgen. Wie in fast jedem der letzten zehn Jahre gelang der Playoffeinzug, jedoch wie fast genauso oft ohne Einzug in die zweite Runde.

Die Frage nach dem weiteren Weg der Franchise stellte sich also erst in der folgenden Offseason wirklich. Vermutlich nahm die sich durch Trade- und Vorgänger-Entscheidungen ergebende Roster-Zusammenstellung Ujiri die Entscheidung ab. Den Kern des Teams bildeten etwa 10 Spieler Mitte 20, also jenseits des typischen Rebuild-via-Draft-Alters. Neben den ehemaligen Knicks fielen beispielsweise noch Ty Lawson, Nene und Arron Afflalo in diese Kategorie. Die Summe an spielerischer Qualität war somit eindeutig zu hoch für wirklich gute Lottery-Picks, die Zahl der guten Spieler zu groß für eine schnelle Demontage des Teams, zumal man wohl keinen entsprechenden Gegenwert erhalten hätte. Auch Coach George Karl äußerte sich erst kürzlich wieder positiv über diese Linie, als Vertreter der alten Schule ist ihm der Tank-Rebuild wohl nicht unbedingt geheuer. Das weitere Vorgehen der Nuggets stand also grundsätzlich fest, an der praktischen Umsetzung musste sich Ujiri messen lassen.

Die Schlüsselphase

Eine der wichtigsten Phasen in jedem Rebuild ist die, in der die Spieler auf Rookie-Verträgen mit Verlängerungen ausgestattet oder auf andere Weise sinnvoll genutzt werden müssen. Für klare Maximum-Kandidaten wie Kevin Durant oder bald Anthony Davis ist das eine der einfachsten Aufgaben für Manager (zumindest, wenn man nicht gerade zu erfolgreich gedraftet hat – siehe James Harden). Bei Spielern im frei zu verhandelnden Bereich ist es aber oft extrem schwer, die Balance zwischen derzeitiger Leistung, Potential und Gehalt zu finden. Gleichzeitig müssen auch die übrigen Ressourcen noch sinnvoll eingesetzt werden.

tylawsonDas Teamgefüge der Nuggets bedeutete also eine erhebliche Herausforderung für Ujiri. Zusätzlich erschwert wurde der Übergang durch zwei Faktoren: Fast alle Verhandlungen standen innerhalb von etwas mehr als einem Jahr an – und zwar direkt im Anschluss an den Lockout. Die Gallinari-Verlängerung machte im Januar 2012 den Anfang und war wohl noch einer der einfacheren Entschlüsse, 42 Millionen über 4 Jahre wurde von Anfang an als überzeugender Preis angesehen. Wilson Chandler und J.R. Smith hatten während des Lockouts für eine ganze Saison in China unterschrieben, so dass sie erst gegen Ende der NBA-Saison wieder in die USA kamen. Chandler erhielt tatsächlich im März 2012 seinen Post-Rookie-Vertrag, der etwas ältere J.R. Smith kehrte dagegen nicht nach Denver zurück. Nach der Lockout-Saison erhielt auch Ty Lawson eine Vertragsverlängerung, ähnlich dotiert (48 Mio über 4 Jahre) und bewertet wie die Gallinaris: Der Point Guard konnte sich zwar nie ganz groß in Szene setzen, liefert aber seit Jahren solide Zahlen für ein vergleichsweise geringes Gehalt.

Keep trading

Eine weitere Verjüngung des Teams war bereits zuvor durch einen Trade erfolgt: Nene wurde für JaVale McGee nach Washington geschickt. Dass Nene nur wenige Monate nach seiner Verlängerung bei den Nuggets doch abgegeben wurde, ermöglicht Einblicke die Arbeitsweise Ujris: Der Free Agent sollte nicht ersatzlos verloren werden, kam aber auch in den langfristigen Planungen des Teams nicht vor. 65 Millionen Dollar über 5 Jahre war im Vergleich zum Rest des Teams relativ teuer, gleichzeitig war Nene fast 30, es bot sich also an, ihn an die nach Stabilität suchenden Wizards abzugeben.

Ob der Tausch eines verletzungsanfälligen, von der Persönlichkeit umstrittenen Bigs gegen einen – nach seiner Verlängerung im darauffolgenden Sommer – sehr ähnlich bezahlten mit diesen Eigenschaften ein Erfolg war, ist auch im Rückblick schwer einzuschätzen. Es zeigt allerdings eine für diese Form des Rebuilds nötige Vorgehensweise: Manchmal müssen auch gute Spieler in teilweise riskanten Trades abgegeben werden, um Chancen auf eine echte Verbesserung zu haben. Aus diesem Grund ist ein Rebuild im Mittelfeld der Liga vergleichsweise deutlich schwieriger: Wer den Weg über die Lottery geht, gibt oft wie derzeit die 76ers alle älteren Spieler für Draftrechte ab. Der eigentliche Wert der Spieler spielt dabei eine untergeordnete Rolle, und schlechte Entscheidungen können nicht innerhalb einer Saison auf dem Feld sichtbar werden.

Das was-wäre-gewesen-wenn – Jahr…

Es ist schlicht eine Notwendigkeit, ein Team wie die Nuggets der Jahre 2011 und 2012 auch mit Trades weiterzuentwickeln. Der Nene-McGee-Swap war die erste größere Transaktion in dieser Richtung, wegweisender war allerdings der Trade für Andre Iguodala. Als Teil des Dwight Howard-Trades gaben die Nuggets im Sommer 2012 Arron Afflalo, Al Harrington und einen Pick ab und hofften, so ihr offensiv starkes Team auf der anderen Seite des Feldes zu verstärken. An diesem Vorgehen ist ersichtlich, dass Ujiri echtes Potential im Roster sah –er war bereit, für im schlechtesten Fall nur ein Jahr Iguodala Assets abzugeben. Damit ergab sich automatisch eine gewisse Weichenstellung für die weitere Zukunft: Eine komplette Demontage wurde unattraktiver, der Trade für einen Star komplizierter. Der Iguodala-Trade war also eine Festlegung auf das bestehende, ausgeglichene Team.

Wer in den letzten Jahren auf diesen Ansatz setzte, hatte ein klares Vorbild vor Augen: Die Pistons von 2004, die ohne echten Franchise Player die Meisterschaft gewannen. Mehr noch als für jedes klassisch gebaute Team gilt hier, dass alle Faktoren optimal zusammen fallen müssen, um einen überraschenden Erfolg zu erzielen. Die Saison 2012/13 konnte lang diesen Eindruck erwecken: Die Nuggets verbesserten sich defensiv, machten etwa in gegnerischen Punkten Pro Angriff einen Sprung um 8 Plätze (19 auf 11). Der schnelle Stil von Head Coach George Karl blieb bestehen, das Team erzielte erneut die meisten Fastbreak-Punkte der Liga und blieb auch in der offensiven Effizienz in den Top 5. Besonders beeindruckend war die Heimbilanz in der Mile High City: Mit 38 – 3 führten die Nuggets in dieser Hinsicht die Liga an, und auch in der allgemeinen Tabelle stand ein mehr als respektabler Rang vier zu Buche. Dabei standen 9 Spieler mindestens 18 Minuten pro Partie auf dem Parkett, und auch das Scoring verteilte sich extrem gleichmäßig: Die neun Rotationsspieler blieben zwischen 8,0 und 16,7 Punkten.

…und die Realität

Das Traumszenario erlitt allerdings schon kurz vor Ende der Regular Season durch Danilo Gallinaris Kreuzbandriss einen schweren Schlag. Wie fragil das Gebilde war, konnten dann die jungen Golden State Warriors um Stephen Curry demonstrieren: Die Nuggets verloren – schon wieder – die erste Playoffrunde. Ob nur der Ausfall eines der wichtigsten Scorer verantwortlich war oder der Teamzuschnitt oder Karls Spielstil nicht Playoff-tauglich, sorgte im Anschluss für eine ausführlichere Diskussion. Letzteres schien die Einschätzung des Nuggets-Managements um Ujiri zu sein, denn der amtierende Coach of the Year verlor kurz nach dem Playoffaus seinen Job.

rudygayandreiguodalaNur wenige Monate später, noch vor Beginn der Free Agency-Phase im Juli, verließ Ujiri die Nuggets. Ob das Angebot der Raptors vor allem finanziell überzeugte oder auch das enttäuschende Ende der Saison für die Entscheidung sorgte, lässt sich von außen nicht feststellen. Zusätzlich verließ im Anschluss auch noch Andre Iguodala nach nur einem Jahr Denver wieder in Richtung Oakland – hier dürfte das magere Abschneiden des Teams ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Bezieht man noch die enttäuschenden übrigen Entscheidungen des Interimsmanagements – etwa den Trade Kosta Koufos‘ für Darrell Arthur– mit ein, verlief die Zeit von Gallinaris Kreuzbandriss bis in die Offseason wohl so desaströs wie nur möglich.

Für Ujiri selbst dürfte das Fazit gemischt ausgefallen sein. Einerseits konnte er sich durch seine Zeit in Denver in der NBA etablieren und hat auf dem Weg dorthin zumindest interessante und überwiegend auch gute Trades durchgeführt. Andererseits hielten sich die Erfolge der Nuggets doch stark in Grenzen. Bei einem Team mit jahrelanger Playoff-Tradition ist die Regular Season nicht unbedingt der Maßstab, und für mehr als die erste Runde hat es während Ujiris Zeit in Denver nicht gereicht. Für den Neuanfang in Toronto dürfte er weiter gehende Ziele ins Auge genommen haben…

Diese werden in einem zweiten Teil morgen vorgestellt.

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