NBA, New Orleans Pelicans

Der Drang zu Überflügeln

Warten können Andere. Die New Orleans Pelicans können... die Playoffs erreichen?

Geduld ist bekanntlich eine Tugend. Fragt mal Sam Hinkie. In New Orleans will man aus Tradition nicht warten. Seitdem die Stadt nahe der Bayous nach dem Wegzug der Jazz wieder mit einem professionelles Basketballteam beschenkt wurde, waren die Ansprüche hoch und Deadlines kurz. Projekte wurden sturr durchgezogen, auch gegen die Meinung und Wertung der Öffentlichkeit. Der Trade Nerlens Noels und eines Lotterypicks für ein solides, aber nicht überragendes Talent in Jrue Holiday schockierte viele Beobachter ebenso wie die erste Ausgeburt von Maskottchen Pierre, der das Rebranding in „Pelicans“ kurze Zeit begleitete, bevor er aus ästhetischen Gründen „entschärft“ wurde. Die polarisierende Kaderplanung dieser unüblichen Franchise verfolgt ein Ziel: Man will möglichst früh in Anthony Davis Karriere die Playoffs erreichen. Wie sieht die Grundlage dafür aus?

Lokale Katastrophen & erste sportliche Erfolge

Die bisherige, kurze Geschichte der früheren Hornets in New Orleans war gezeichnet von vielversprechenden Ups und niederschmetternden Downs. Das Versprechen auf ein baldiges Up schien bisher zumindest immer garantiert. Nach Playoffauftritten in den ersten beiden Jahren in der neuen Heimat gewannen die Hornets, nun im Westen, nach einem verletzungsgeplagten 3. Jahr gerade einmal 17 Spiele. Im Draft 2005 fiel ihnen Chris Paul in den Schoß, der seine Verheißung als elitärer Spielgestalter sofort aufblitzen ließ, alle Rookie des Monats-Trophäen des Westens sowie die Wahl zum Rookie des Jahres gewann.

Und da haben wir es auch schon wieder mit dem Warten. Aufgrund der verheerenden humanitären und strukturellen Folgen des Hurricanes Katrina präsentierte sich Chris Paul zunächst nicht den heimischen Fans in New Orleans, sondern hauptsächlich vor Publikum in Oklahoma City, wohin die Franchise kurzzeitig auswich. Das Warten auf den neuen Erlöser sollte sich auszahlen. New Orleans bekam für 2008 nicht nur die Austragung des All-Star Weekends zugesprochen. In diesem Jahr, dem Debutjahr Pauls vor heimischen Fans in New Orleans, führte der Guard die Hornets an der Seite von Tyson Chandler, David West und Peja Stojakovic zur Divisionsmeisterschaft und auf Platz zwei der Western Conference. Paul wurde erstmalig zum All-Star gewählt und bekam die zweitmeisten Stimmen bei der Wahl zum Most Valuable Player.

Dem kurzen sportlichen Hoch folgten drei enttäuschende Jahre mit zwei frühen Playoff-Exits. Der erste Publikumsmagnet, den New Orleans seit Pete Maravich anfeuerte, verließ den Bayou nach nur sechs Jahren und wurde für ein Paket um Eric Gordon, Chris Kaman und Al-Farouq Aminu nach Los Angeles geschickt. Ein mittelmäßiges Paket um einen teuren, dauerverletzten Eckpfeiler aus zweiter Reihe, von dem sich New Orleans nur langsam erholen sollte. So schien es. Denn kaum war der erste Franchisespieler wag, musste New Orleans nicht lange auf den nächsten warten. Die Hornets gewannen die Lottery um Anthony Davis und auch mit der „Unibraue“ als Eckpfeiler war es nicht weit her mit der Geduld. Das Rebranding in “Pelicans” sollte direkt mit erfolgreichem Basketball assoziiert werden. Trades für junge, nicht gerade günstige Talente wie Holiday und Tyreke Evans, die in erster Linie aufgrund praller Boxscores auffielen, sollten dafür sorgen. Im tiefen Westen klappte das nicht auf Anhieb. Wie lange müssen die Pelicans wohl noch warten?

2013-14: The Good – Drives als Antrieb

Trotz des Rufs der Ineffizienz, der Guards und Flügelspielern der Pelicans anhaftet, machten sie letztes Jahr offensiv einiges überraschend gut. Bei dem Trio Holiday, Gordon und Evans ist es nicht verwunderlich, dass die Dribble Penetration ein Hauptbestandteil der Teamoffensive war. Dabei erzielten sie sehr vielversprechende Ergebnisse.

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Statistiken zur Häufigkeit und Effizienz von Drives auf dem Team-Level. Zum Vergrößern anklicken.

Keine Mannschaft ging pro Ballbesitz öfter in den Drive als die New Orleans Pelicans. Es erzielte auch keine Mannschaft eine höhere Rate an Punkten nach Drives gemessen an den gesamten Punkten. Dieses war für die Pellies nicht nur ein voluminöses Mittel, um irgendwie Punkte zu generieren. Anders als beispielsweise den Philadelphia 76ers, deren Punkteausbeute ähnlich stark von Drives abhing, war dieses Mittel für die Pelicans auch ein effizientes. Während die Sixers pro Drive die viertwenigsten Punkte erzielten und generell pro Possession die meisten Turnover fabrizierten, warum die Pelicans im Drive hocheffizient. Mit 1,86 Punkten pro Drive wurden sie in der reinen Punkteausbeute pro Drive nur von Oklahoma City und Indiana übertrumpft, wobei die Pelicans pro Touch deutlich öfter in den Drive gingen. Auch die Turnoverrate ist „überdurchschnittlich niedrig“, was verblüffend ist, wenn man bedenkt, wie oft die Pelicans den Drive nutzten.

Festzuhalten ist, dass der Drive für die Pelicans also ein voluminöses und sehr effizientes Mittel war, ohne im Allgemeinen besonders anfällig für Ballverluste zu sein. In der Drive-Rate, dem Anteil der Drive-Punkte an den gesamten Punkten, der Drive-Effizienz und der TOV% war New Orleans Spitzenreiter oder deutlich überdurchschnittlich. Bedenkt man, dass der Backcourt der Pelicans 2013 das erste Jahr zusammenspielte, Ryan Anderson als wichtiger Spieler lange Zeit ausfiel und Anthony Davis verspricht, sich schnell zu einem Top-Spieler zu entwickeln, ist dieses oberflächlich enttäusche Resultat der Lottery für die Zukunft dieses bisherigen Kerns ein vielversprechendes.

2013-14: The Bad – Spacing

Drives sind ein gutes Mittel, um freie Würfe von Außen zu ermöglichen. Den Pelicans gelang das nicht wirklich. Nur die Memphis Grizzlies kamen auf eine kleinere Rate an Dreipunktewürfen. Der Ausfall von Ryan Anderson wog hier schwer. In den knapp 800 Minuten, die er spielte, nahm er pro Spiel so viele Spot-Up Dreier wie Jrue Holiday, Eric Gordon, Tyreke Evans, Brian Roberts und Austin Rivers zusammen. Als wirklich starker Shooter blieb auf dem Flügel nur Anthony Morrow übrig, dessen Spielzeit eher begrenzt war.

Unter den sieben meistgenutzten Lineups der Pelicans, die insgesamt 80+ Minuten logten, finden sich zwei mit Ryan Anderson. Kleine Trends sind erkennbar:  

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Lineups der New Orleans Pelicans, die mehr als 90 Minuten logten.

  • Die meistgenutzten Lineups ohne Ryan Anderson wiesen fast ausschließlich schlechte ORTG-Werte auf, vor allem die Top 3.
  • Bei ordentlicher Stichprobengröße hatten die Pelicans mit Ryan Anderson eine hervorragende Offensive, auch wenn die Defensive litt – was nicht unbedingt Anderson anzulasten ist. Gerade die angedachte erste Lineup um Jrue Holiday, Eric Gordon, Tyreke Evans, Ryan Anderson und Anthony Davis war ein Feuerwerk (und leider auch grobkörniges Sieb) und nahm fast 40% ihrer Würfe oberhalb der Dreierlinie.
  • Je mehr Minuten eine Lineup ohne Anderson hatte, desto kleiner war ihre Rate an Dreipunktewürfen. Dies mag mehr Zufall als Trend sein, zeigt vermutlich aber auch deren Schwierigkeit, zum einen für Spacing zu sorgen und gleichzeitig Spieler auf dem Feld zu halten, die der Defensive helfen. Und damit kommen wir zum eigentlichen Manko der 2013er Pelicans.

2013-14: The Ugly – Defense

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Defensiver Impact an nahen Korbversuchen von Frontcourtspielern laut SportsVU und Anteil der beeinflußten nahen Korbversuchen auf dem Teamlevel pro 48 Minuten.* (Zum Vergrößern: Rechtsklick, in neuem Fenster öffnen)

Die Ambition Playoffs wurde hauptsächlich aufgrund der Verteidigung nicht realisiert. Laut Defensivem Rating gehörte die Defense der Pelicans zu den fünf schlechtesten der Liga. Das Begehen der meisten Fouls pro gegnerischem Feldwurfversuch in der Liga und das Zulassen einer sehr hohen gegnerischen Trefferquote in effizienten Spots waren insbesondere Probleme, auf die New Orleans keine Antworten fand.  Direkt am Korb ließ New Orleans eine gegnerische Trefferquote von 61,3 % zu – ebenfalls einer der fünf schlechtesten Werte. Das wäre nicht ganz so katastrophal, hätten die Pelicans zumindest die Versuche dort limitiert. Doch auch hier gehörten sie zu den Teams mit den schlechtesten Werten. 31% der gegnerischen Wurfversuche kamen direkt am Ring.

Dies mag viele überraschen, denn Anthony Davis gilt mit seinen physischen Anlagen und der Fähigkeit, Würfe zu blocken als Spieler mit hohem defensivem Potential. Dieses scheint nur noch nicht realisiert. Dazu war die Rolle des Rim Protectors eine vakante, die auch Davis nicht ausfüllte bzw. ausfüllen sollte. Laut SportVU beeinflusst er pro Spiel 6,6 gegnerische Würfe am Korb  und ließ dabei eine FG% von 48,9% zu, was auf den ersten Blick nicht schlecht erscheint. Joakim Noah und Omer Asik zum Beispiel weisen ähnliche Werte auf, lassen bei einem gegnerischen Versuch mehr/weniger pro Spiel am Korb zwischen 47% und 48% zu. Versucht man nachzuvollziehen, wie viele der tatsächlichen gegnerischen Würfe am Korb sie zu beeinflussen versuchen, merkt man, dass sie jedoch eine andere Rolle als Davis spielen.

In der rechten Grafik sind zunächst die bei SportVU einsehbaren gegnerischen Wurversuche, die ein Spieler pro Spiel beeinflusst, auf 48 Minuten hochgerechnet. Mit der Anzahl an gegnerischen Wurfversuchen, die ein Team pro Spiel am Korb abwehren muss, wird ermittelt, welchen Anteil der gegnerischen Wurfversuche ein Spieler über 48 Minuten beeinflussen würde. Letztendlich kann der Wert natürlich nicht genau sein, da sie hochgerechnet sind, die Verteilung gegnerischer Wurfversuche über Zeiträume fluktuieren können und Spieler einige Spiele aussetzen können. Aber die Werte sollten dennoch ein Indikator für die Frage sein, ob ein Frontcourt-Spieler defensiv eher am Korb bleibt oder vom Perimeter weg verteidigt. Es ist zum Beispiel nicht überraschend, dass weit zurückfallende Bigs wie Roy Hibbert, Ian Mahinmi, Tim Duncan oder Andrew Bogut so weit oben stehen, während mobilere Bigs wie Serge Ibaka, Joakim Noah, Taj Gibson oder Chris Bosh niedrigere Prozentzahlen aufweisen, da sie in der Defensive auch mal weiter auf den Perimeter ziehen.

Davis findet sich am Ende des Feldes wieder, was darauf hindeutet, dass er gefragt war, eher weiter im Feld zu verteidigen. Dazu können die Frontcourtpartner neben ihm die Rolle des Rim Protectors entweder nicht gut genug bis gar nicht ausfüllen (Ryan Anderson, Jason Smith, Alexis Ajinca?), oder waren in anderen Bereichen so limitiert, dass ihre Einsatzzeit begrenzt war und sie oft ausgetauscht wurden (Greg Stiemsma, Jeff Withey?, Alexis Ajinca?).

2014-15: We talkin’ bout… Playoffs?!

Haben die Pelicans also nun eine Chance auf die Playoffs? Zunächst muss die Frage, ob sie die bisherige Offseason genutzt haben um an ihren Schwächen und Stärken zu arbeiten, mit einem Jein beantwortet werden.

Omer Asik ist als zurückfallender Center, der einen hohen Anteil der gegnerischen Würfe am Korb beeinflusst (siehe Grafik oben), defensiv ein sehr guter Fit für ein Team, dass am Perimeter einige Löcher und auch innen niemanden hatte, der neben Davis die Rolle des Rim Protectors ausfüllen konnte. Davis sollte sich in einer klarer definierten Rolle als Frontcourtverteidiger im Feld, der nicht “halbtags” den Rim Protector geben muss, sein defensives Potential stärker andeuten können. Mit Al-Farouq Aminus Abgang nach Dallas fällt ein seltener Plusverteidiger am Perimeter weg, wobei die Präsenz Asiks dies übertrumpfen sollte.

Dem Spacing sollte Aminus Weggang eher gut tun. Mit Anthony Morrow und Brian Roberts haben jedoch zwei der wenigen verlässlichen Schützen auf dem Flügel ebenfalls woanders angeheuert. Bisher getätigte Aktionen des General Managers Dell Demps für eine Aufbesserung der Flügelposition kommen eher als suboptimale Notlösungen daher. Jimmer Fredette, John Salmons und auch der ältere Rookie Russ Smith sind als Shooter bekannt, werfen jedoch Fragen über Spielbarkeit im Hinblick auf die Defense auf. Luke Babbitt und Darius Miller scheinen ebenfalls in nur einem der Aspekte “Shooting” und “Perimeterverteidigung” Stärken zu zeigen, in der anderen zu schwächeln.

Ein Glücksfall der Pelicans ist, dass sie Asik im Zuge Houstons unglückseligem Buhlen um Chris Bosh bekamen, ohne Ryan Anderson abgeben zu müssen. Der Stretch-Vierer sollte die Offensive der Pelicans als Rückkehrer befeuern, wie er es auch in der letzten Saison tat. Ob dies reicht, um die besondere Stärke ihrer multiplen Slasher bestmöglichst zu nutzen, ist fraglich. Die Chancen, dass einem Down-Jahr mit der Verpflichtung Asiks und dem Halten Andersons erstmal wieder ein kurzzeitiger Lichtblick folgt, stehen dennoch gut. New Orleans wäre nicht New Orleans, wäre dieser potentielle Lichtblick nicht Teil einer riskanten Wette. Hinter der anderen Tür verbirgt sich kurzfristig teure Mittelmässigkeit, arm an langfristigen Assetts, die Anthony Davis eigene Geduld auf die Probe stellen könnte.

 


* (Frontcourt-)Spieler mit einer Anteilrate von mind. 25%.

Beitragsbild: Matthew D. Britt

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