Cleveland Cavaliers, Miami Heat, NBA, New York Knicks

Home, Sweet Home

Die neuen Vertrage von James, Anthony und Bosh

Von den drei größten Namen der diesjährigen Free Agency zeigte keiner größere Experimentierfreude – Lebron James kehrte nach Cleveland zurück, Carmelo Anthony und Chris Bosh blieben bei ihren jeweiligen Teams in New York und Miami. Diese Entscheidungen betreffen nicht nur die jeweiligen Teams, sondern dürften auch die Zukunft der Liga beeinflussen.

Back to the Roots

Den Superstar aus Akron, Ohio zieht es nach vier Jahren Südflorida zurück in die Heimat. Nach mehreren Tagen voller Gerüchte konnte diese Entscheidung kaum mehr überraschen, obwohl vor einigen Monaten noch kaum etwas in diese Richtung gedeutet hätte. Die Verlängerung in Miami schien nur eine Formsache zu sein, die Cavaliers befanden sich mit diversen wenig überzeugenden Picks in einer wenig beneidenswerten Position. Zusätzlich stand auch noch der wenig schmeichelhafte offene Brief im Raum, den Cavs-Owner Dan Gilbert nach James‘ Wechsel zu den Heat veröffentlicht hatte. Den Wendepunkt markierte wohl die Lottery – ohne die Chance auf eines der Toptalente im viel gepriesenen Draft dieses Jahres wären James‘ heimatliche Gefühle vermutlich deutlich schwächer ausgefallen. Breit diskutiert wurde zudem die fehlende Unterstützung, die er nach dem verlorenen Finale gegen die Spurs ausgemacht hatte und die damit gegen einen Verbleib sprach.

Ob Cleveland in dieser Hinsicht so viel mehr anzubieten hat, darf noch bezweifelt werden.  Junge und talentierte, aber weder auf ihrem Zenit angekommene noch auf James abgestimmte Spieler könnten genauso einen Schritt zurück bedeuten. Auch wenn das Tradepotenzial der Cavs hier noch kein endgültiges Urteil zulässt, ist ein Aspekt von James‘ Vertrag besonders auffällig: Wieso nur zwei Jahre; wieso erhält das Team nicht die nötige Zeit zur Entwicklung?

Einmal ist keinmal?

Durch den ohne Bird-Rechte niedriger dotierten Vertrag – pro Jahr nur 4,5% statt 7,5% Gehaltssteigerung – bei nur zwei statt bis zu fünf Jahren garantierten Gehalts riskiert LeBron zudem theoretisch bis zu 80 Millionen Dollar. Die Entscheidung für Cleveland erscheint also gleich mehrfach fragwürdig, wenn man dem Protagonisten der ‚Decision‘ nicht tatsächlich überwältigendes Heimweh abnimmt. Trotzdem ist das Vorgehen wohl die richtige Entscheidung – und unter Umständen von wegweisender Bedeutung.

James Titel

Das Wichtigste zuerst: James wird in einem oder zwei Jahren – je nachdem, ob er seine Spieleroption in der kommenden Offseason wahrnimmt – ebenfalls einen Maximal-Vertrag zu jeder gewünschten Laufzeit erhalten. Anders als bei vielen anderen Stars jenseits der 30, wie eben Bosh und Anthony, würde nur ein massiver, wohl verletzungsbedingter Leistungseinbruch dies verhindern. Die Stars der Liga sind im Vergleich zur zweiten und dritten Reihe ohnehin unterbezahlt, für die absoluten Spitzenleute gilt das erst recht. Tendenziell könnte es sogar sinnvoller sein, mit Mitte 30 einen langfristigen Vertrag zu unterschreiben – nach 5 Jahren könnten die Summen auch für James sinken. Der Verzicht auf weitere garantierte Jahre weist folglich kaum ein Risiko auf.

For a better Tomorrow

Tatsächlich dürfte die Chance auf einen deutlich höheren Gehaltzettel zu dieser Entscheidung geführt haben. Gleich mehrere Faktoren deuten in diese Richtung: Die von den Regularien der NBA her einfachste sind die Early Bird-Rechte. Free Agents, die bereits die letzten beiden Jahre bei ihrem derzeitigen Team verbracht haben, können ebenfalls mit einem Vertrag mit 7,5% jährlicher Steigerungsrate ausgestattet werden. Ab Jahr Drei könnte James also, wenn er in Cleveland bleibt, von diesem Bonus profitieren. Bei einem langfristigen Vertrag ohne Bird Rights muss sich der Spieler über die komplette Dauer mit der niedrigeren Rate von 4,5% zufrieden geben.

Wesentlich wichtiger ist allerdings eine anderer Faktor: Die 2016 neu zu verhandelnden TV-Rechte für die Liga. Schon in den letzten Jahren stieg das Basketball Related Income (BRI) an, das als Grundlage für die Bedingungen auch von Maximalverträgen dient. Das allgemein erwartete weitere Wachstum dieses Betrages in den kommenden Jahren könnte die Spielergehälter massiv erhöhen – bestehende Verträge würden jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht angetastet. Ein neu abgeschlossener Vertrag könnte dagegen deutlich höher einsteigen, bei einem nicht komplett unrealistischen Salary Cap von 80 Millionen Dollar etwa bei 28 Millionen (Die Rechnung könnte etwas komplizierter sein – vergleiche hier).

Zudem stehen für das darauffolgende Jahr 2017 vermutlich neue Verhandlungen über das Collective Bargaining Agreement (CBA) an. Beide Seiten können den Vertrag dann auflösen, und vermutlich wird sich die Spielergewerkschaft zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit dem Anteil abfinden, der von den Teambesitzern mit der Behauptung größerer Verluste erkämpft wurde. Im vorhergehenden Jahr sollte sich bereits eine klare Perspektive abzeichnen, ob ein weiterer Kurzzeitvertrag weitere Erhöhungen ermöglichen könnte oder angesichts des drohenden Lockouts finanzielle Absicherung die richtige Wahl ist.

On Top

In einer weiteren Währung wird James zudem durch die Vertragsgestaltung erhebliche Gewinne erzielen: Aufmerksamkeit. Wie an der diesjährigen Offseason genauso wie an der Decision 2010 zu erkennen, dominiert die Frage nach LeBrons Entscheidung die US-Medienlandschaft. Man muss James keinen erhöhten Drang nach eben dieser Aufmerksamkeit unterstellen, ein solcher Hype ist rein objektiv in seinem Sinn. Die Marke ‚LeBron James‘ gewinnt durch jeden Artikel an Bedeutung, was sich konkret in höhere Sponsorenerlöse umsetzen lassen sollte. Wenn ein Spieler dieses Kalibers jede Offseason eine vergleichbare Medienwirkung erzielen kann, sollten sich die Risiken der kürzeren Verträge auch indirekt auszahlen.

Diese Risiken werden allerdings nur extrem wenige Spieler eingehen. Nur wer die Gefahr eines markanten Qualitätsverlusts relativ sicher ausschließen kann, wird die riskantere Variante in Betracht ziehen. Schon unter den besten Spielern die Liga finden sich daher Kandidaten, die kaum dazu bereit wären – Chris Paul oder Dwight Howard sind im Zweifel nur eine kleinere ihrer üblichen Verletzungen von erheblichen finanziellen Verlusten entfernt. Es bleibt daher keine Handvoll Kandidaten für diese Vorgehensweise. Kevin Durant liegt einerseits nahe, könnte sich andererseits aber an zu viel Wirbel um seine Person stören. Jüngere Spieler wie Anthony Davis müssen noch länger auf ihre Free Agency warten, andere sind ohnehin schon alt.

Trotzdem bleibt: Wer das Risiko als überschaubar einschätzt und die entsprechende Qualität aufweist, kann praktisch mit der gesamten Liga spielen. Wie hier dargelegt, lähmte James‘ Unentschlossenheit auch den Rest der NBA weitgehend, knapp ein Drittel der Teams bemühte sich zudem mehr oder weniger ernsthaft direkt um seine Dienste. Die ständige Drohung, zur nächsten Spielzeit aus dem Vertrag auszusteigen, räumt den Stars zudem weiteren Einfluss auf das Management ein. Entsprechend dürften die Franchises diese Entwicklung mit wenig Begeisterung wahrnehmen.

Auf dem absteigenden Ast?

Chris Bosh und Carmelo Anthony stellen die andere Seite dieser Medaille dar. Während James immer noch als bester Spieler der Liga wahrgenommen wird, müssen die anderen Stars der Draftclass bereits deutlichere Fragezeichen verdauen. Der zwei Jahre ältere Dwyane Wade hat in letzter Zeit so abgebaut, dass er nicht mehr ganz in die Auflistung passt – zudem war bei ihm ein Abschied aus Miami von Anfang an als unwahrscheinlich wahrgenommen worden. Für Bosh und Anthony sind die Vorzeichen etwas andere, beide dürften in den nächsten Jahren noch zu den besten Spielern der Liga zählen.

Der Ex-Raptor hat jedoch in seiner Zeit bei den Heat eine andere Rolle als die der ersten Scoring-Option eingenommen. Bosh wanderte immer mehr auf den Flügel, spielte zuletzt in erster Linie als Stretch-Center und äußerte öffentlich, sich in der Zone lieber zurückzuhalten. Diese Spielweise ist zwar kraftschonender und beruht weniger auf Athletik, so dass sie als Anpassung an das steigende Alter durchaus positiv wahrzunehmen ist – eine Entwicklung, die Wade etwa verpasst hat. Trotzdem bleibt die Frage, ob Bosh die Rückkehr in den Fokus der Defense tatsächlich begrüßen sollte.

Für Carmelo Anthony brachten die letzten Jahre nicht nur Negatives mit sich. Aus einem optimistischen Blickwinkel lassen sich ein Scoring-Titel, Verbesserungen in Defense und Ballbewegung sowie eine effizienzsteigernde Verschiebung hin zum Korb diagnostizieren. Individuell ist Kritik also vergleichsweise schwer anzubringen – das Problem liegt im Teamerfolg. Anthony konnte mit den Knicks wie schon zuvor mit den Nuggets keinen dauerhaften Erfolg in den Playoffs sichern. Insgesamt drei gewonnene Runden können für einen Spieler seines Kalibers kein Maßstab sein. Entsprechend wird bezweifelt, ob Anthony tatsächlich die erste offensive Option bei einem Contender sein kann.

Safety First

Beide Spieler hätten jetzt die Möglichkeit gehabt, für einen relativ geringen Gehaltsverzicht bei Teams mit einem bestehenden Gerüst anzuheuern. Vor allem die Rockets und Bulls hätten ihren Teams gerne einen dritten Star hinzugefügt und sich so in die erste Reihe der Meisterschaftsfavoriten gebracht. Trotz erheblicher Cap-Akrobatik durch die Bieter verzichteten Bosh und Anthony jedoch und blieben bei ihren bisherigen Teams.

Sportlich gesehen kann diese Entscheidung chrisboshsadkaum überzeugen. Zwar können sich beide so weiter als wichtigste Spieler ihres Teams beweisen, größere Playofferfolge sind jedoch vorerst nicht zu erwarten. Miami gelang es immerhin, Bosh und Wade brauchbare Rollenspieler zur Seite zu stellen, der Verlust des besten Spielers wird aber trotzdem zu schwer wiegen. Auch in New York ist die absurd hohe Luxury Tax-Rechnung für ein Lottery-Team eine sportliche Bankrotterklärung, woran vermutlich auch die sinnvollen Akquisitionen dieser Offseason wenig ändern können. Der Silberstreif am Horizont ist allerdings, dass die hohen Verträge von Amar’e Stoudemire und Andrea Bagniani nur noch ein Jahr lang laufen. Dann steht wieder Capspace zur Verfügung, der jedoch von Anthonys Vertrag bereits erheblich belastet ist.

Money, Money, Money?

Diese Argumente dürften Anthony und Bosh also kaum zum Bleiben bewegt haben. Das beste Argument war, wie so oft, wohl der Gehaltszettel. Wie oben bereits erläutert, kann das eigene Team die höchsten Wachstumsraten bei dem längsten garantierten Vertrag bieten. Die beiden Stars erhalten somit etwa 120 statt unter 100 Millionen Dollar, wobei insbesondere das mit etwa 30 Millionen Dollar dotierte letztes Vertragsjahr der dann Enddreißiger überzeugt haben dürfte. Keiner der beide kann sich darauf verlassen, dass ihm ähnliche Summen auch in den nächsten Jahren noch geboten werden.

Gleichzeitig spricht der Verbleib aber auch für die jeweiligen Standorte. Anthony nahm wohl Rücksicht auf seine Familie, Bosh hatte bereits mehrfach Gefallen an Miami geäußert. Auch wenn Miami keiner der ganz großen Werbemärkte ist, gehören die beiden Städte eindeutig zu den beliebtesten Zielen von Free Agents. Chicago und Houston müssen sich in dieser Hinsicht zwar nicht ganz hinten anstellen, aber zumindest in diesem Fall hinter New York und Miami.

Was bleibt?

Für den Rest der Liga lässt sich damit je eine erfreuliche und eine weniger positive Nachricht festhalten. Negativ ist, dass die Strahlkraft einiger Metropolen immer noch ein wichtiges Argument für Spieler ist, das hier auch etwa Chicago ausstach. Für Milwaukee, Detroit und Minnesota lässt das wenig gutes erahnen. Der finanzielle Aspekt dürfte dagegen die kleineren Franchises tendenziell freuen, die Bildung von Superteams war immer das unangenehmste Szenario. Entsprechend dürften beispielsweise Grizzlies und Blazers etwas entspannter in die Verhandlungen mit Marc Gasol und LaMarcus Aldridge gehen. Für die Thunder könnte 2016 dagegen die Frage anstehen, für welchen der beiden Wege sich Kevin Durant entscheidet…

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2 comments

  1. Jonathan Walker

    In einer weiteren Währung wird James zudem durch die Vertragsgestaltung erhebliche Gewinne erzielen: Aufmerksamkeit. Wie an der diesjährigen Offseason genauso wie an der Decision 2010 zu erkennen, dominiert die Frage nach LeBrons Entscheidung die US-Medienlandschaft. Man muss James keinen erhöhten Drang nach eben dieser Aufmerksamkeit unterstellen, ein solcher Hype ist rein objektiv in seinem Sinn. Die Marke ‚LeBron James‘ gewinnt durch jeden Artikel an Bedeutung, was sich konkret in höhere Sponsorenerlöse umsetzen lassen sollte. Wenn ein Spieler dieses Kalibers jede Offseason eine vergleichbare Medienwirkung erzielen kann, sollten sich die Risiken der kürzeren Verträge auch indirekt auszahlen.

    Das ist ein sehr interessanter Punkt und eigentlich auch die einzige Erklärung für die Spieleroption 2015. Er kann unmöglich 2015 aussteigen und dann gehen, dann würde er schlicht sein Gesicht verlieren. Das wissen auch alle beteiligten. So hält sich der Druck, denn er so auf die Franchise ausüben kann, auch in Grenzen.

    Der einzige andere Grund, der mir einfällt, wäre eine freiwillige Gehaltskürzung. Wenn James merkt, dass mit dem Team so nichts zu holen ist, auf dem FA-Markt aber hilfreiche Spieler landen (Love, Aldridge, M. Gasol, D. Jordan?), könnte James theoretisch einen kleinere Vertrag unterschreiben und so einen Star-Big Man ins Team locken. Ja, nicht gerade wahrscheinlich, aber so immerhin möglich.

  2. Julian Lage

    |Author

    Er kann unmöglich 2015 aussteigen und dann gehen, dann würde er schlicht sein Gesicht verlieren. Das wissen auch alle beteiligten. So hält sich der Druck, denn er so auf die Franchise ausüben kann, auch in Grenzen.

    Vermutlich ließe sich ein Szenario konstruieren, das die Verantwortung auf andere abschiebt. Die Fans haben ihn immer noch abgelehnt, Gilbert war zu negativ, Blatt zu unerfahren, Irving und Waiters haben sich daneben benommen oder so…
    Aber an sich hast du Recht, es wird schwer zu erklären sein, falls er noch mal wechselt. Das gilt eigentlich in 2 Jahren genauso, da hat er sich eventuell mit dem offenen Brief selbst einiges verbaut. Wenn man aus sportlichen Überlegungen wechselt (wie er es ja bei den Heat offen gesagt hat), lässt das Raum, sich umzuentscheiden. Aber diese Überdosis Nostalgie, die ihm jetzt zumindest in Ohio gute Presse verschafft, ist kaum als Überwunden zu erklären.


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