Miami Heat, NBA

Auf der Suche nach Mehrdimensionalität

Die bisherigen Offseason-Moves der Miami Heat

Josh McRoberts. 23 Millionen Dollar. Für vier Jahre? Bei den Miami Heat? Wie kann man sich als Finalteilnehmer der letzten vier Jahre zu solch einem Deal durchringen, obwohl mit LeBron James, Chris Bosh und Dwyane Wade noch kein Baustein für das nächste Jahr einen Vertrag unterschrieben hat? Weil McRoberts ein fast perfekter Fit für das angedachte System in Miami ist.

Woran fehlt es den Heat?

Wir erinnern uns nur zu gut, wie die San Antonio Spurs die Miami Heat in den Finals klar dominierten. Miami sah alt aus – und war es in Form von Rashard Lewis, Ray Allen und Shane Battier auch. Battier ist bereits zurückgetreten und tritt seinen nächsten Job als NCAA-Experte an, Ray Allen überlegt, ob er die Sneaker an den Nagel hängen will, bei Rashard Lewis stellt sich die Frage ebenfalls.
Im Gegensatz dazu wirkten die Spieler der Spurs wie junge Mittzwanziger, obwohl Tim Duncan (37), Manu Ginobili (36), Tony Parker (31) und Boris Diaw (31) als vier von fünf Schlüsselspielern die magische Grenze von 30 ebenfalls durchbrochen haben. Wieso konnten die etwas älteren Herren im Gegensatz zum Heat-Emsemble jedoch ihre Leistung konstant abrufen? Fernab der individuellen Klasse (dass Duncan, Parker und Ginobili zum jetzigen Zeitpunkt bessere Basketballer sind als Lewis, Allen und Battier ist keiner Diskussion wert) ist es vor allem eine Fähigkeit, die bei den Spurs durchgehend in der Rotation zu finden ist: Mehrdimensionalität. 

Was zunächst nur wie das neuste Schlagwort nach small ball, stretch-four oder positionsloses Spiel klingt, enthält zumindest zu einem großen Teil den Unterschied zwischen dem Roster der Spurs und der Heat. Wer erinnert sich nicht an Spiel 4, wo Boris Diaw mit drei getroffenen Würfen im gesamten Spiel dennoch einen riesigen Impact auf das Spiel hatte? Es liegt daran, dass Diaw nicht nur einen elitären Skill besitzt, sondern auf mehreren Wegen ein Spiel beeinflussen kann.
Diaw kann passen, kann Power Forwards verteidigen, kann den Dreier treffen. Diese drei Attribute zusammen genommen helfen nicht gerade Diaws Statsbogen, aber sie unterstützen ungemein sein Team. Fällt Diaws Wurf im Spiel nicht, hilft er seinem Team dennoch auf gleich zwei Wegen: alleine durch die Tatsache, dass er den Dreier treffen kann, können die Gegner ihn nicht völlig offen stehen lassen. Tun sie es doch, nimmt Diaw den Wurf oder kann durch sein überdurchschnittliches Handling auch per Dribbling die Defensive attackieren. Auch wenn er nicht scort, hilft er der Offensive der Spurs.

Bei allen anderen Rotationsspielern im Kader findet man diese Mehrdimensionalität mehr oder weniger ausgeprägt. Finals-MVP Kahwi Leonard ist ein außergewöhnlicher Verteidiger, muss aber offensiv auch nicht versteckt werden, sondern kann die Spielzüge des Teams lesen und auch ohne Playcalls die richtigen Plays fürs Team machen. Dass Duncan sowohl als Anker als auch als Low- und High Post-Offense nutzbar ist, wissen wir seit viel zu vielen Jahren. Parker und Ginobili können per Dribbling den Korb attackieren oder den Midrange- bzw. Drei-Punkte-Wurf treffen. Alle Spurs sind zudem selbstlose und gute Passer, die das richtige Play machen wollen und nichts erzwingen.

Im Unterschied dazu hat man mit Allen, Lewis und – spätestens auch seit diesem Jahr – Battier defensiv zumindest fragwürdige Verteidiger, die nur einen elitären Skill besitzen: ihren Wurf. Sicherlich ist Ray Allens Bewegung abseits des Balls nochmals besser als bei Battier oder Lewis, aber um sich viele Minuten in der Rotation zu erkämpfen, müssen alle drei eines tun: den Dreier treffen. Fällt dieser nicht, sind sie recht nutzlos, wenn man gegen wirklich hochklassige Teams spielt. Alle drei sind keine überdurchschnittlichen Passer bzw. werden als diese nicht genutzt. Vor allem sollten sie aber nicht mehr ins Dribbling gehen, auch wenn von Ray Allen dies noch in Ansätzen verlangt wurde (2,5 Drives pro Spiel in den Playoffs, fünftmeiste der Heat; Lewis 0,7, Battier 0,2; Leonard 3,8, Diaw 3,0). Dadurch, dass die Heat die Verteidigung nur von James und Wade (und von einem ineffizienten Mario Chalmers, der das eigentlich auch nicht spielen sollte)  durch Penetration unter Druck setzen können, sind die Rollenspieler auf dem Flügel dazu verdammt, ihre Würfe zu treffen. Fallen diese nicht, ergeben sich direkt Rotationsprobleme für die Heat. Coach Spoelstra konnte kaum eine funktionierende Lineup finden.
Potenziert werden diese Probleme dadurch, dass die Rollenspieler der Heat keine Passer sind. 

Einzigartiges Skillset für ein positionsloses System

Was hat dies nun mit der Verpflichtung von Josh McRoberts zu tun? Dieser kam auch nur auf 3,0 Drives mit den Charlotte Bobcats – jetzt: Hornets – gegen die Miami Heat. Dennoch ergibt die Verpflichtung aus vielen Gesichtspunkten Sinn.

Zunächst muss man konstatieren, dass McRoberts aus einem dysfunktionalem Offensivsystem bei den Bobcats kommt. Charlotte hat in der letzten Saison die siebtschlechteste Offense der Liga gespielt.  Schlechter als die Lakers, Cavaliers oder Pistons. Wenn wir also Wurfquoten betrachten, muss in den Kontext einfließen, dass man bis auf Al Jeffersons durchschnittliche Offense (ORtg 105) keinen Spieler vorfinden konnte, der offensiv dominieren konnte.

Vielleicht ist die Shotchart von Josh McRoberts auch gerade deswegen beeindruckend. McRoberts hat in diesem Team sehr viele gute Würfe ausgewählt (ORtg 115!). Bereits bei den Bobcats hat er im letzten Jahr bewiesen, dass er effizient scoren kann. Etwas, was die Heat schätzen werden. Wichtiger noch sind aber die die Spots, von den McRoberts scorte: Er nahm vor allem die schwierigen above-the-break-Dreier, die weiter entfernt sind als die Eckendreier. Beeindruckend ist dies vor allem, weil er fast ausschließlich von dort die Dreier nahm und diese mit fast 37% traf. Die Liga traf von allen Dreierpositionen nur 36,1%; überm Bogen sind es nur 35,2%. McRoberts hat also bereits ein sehr interessantes Skillset für einen Big, da er für viel Platz auf dem Court sorgt.
Wertvoll wird McRoberts aber vor allem aus der Kombination seiner Skills. Der Big fungierte für einen beträchtlichen Teil seiner Zeit bei den Bobcats als Ballhandler und initiierte Plays. Kombiniert man also einen überdurchschnittlichen above-the-break-Schützen mit Ballhandling-Skills hat man einen Big, der genau weiß, wie er am Perimeter passen muss. McRoberts hat dazu aber noch die Fähigkeit, als Pick ‘n’ Pop Roll Man mit guten Screens für sich oder den Ballhandler zu kreieren. Dazu ist er ein überdurchschnittlicher Spotup-Schütze.

So schlecht die Bobcats offensiv waren, so gut haben sie verteidigt. McRoberts kommt aus einem System, das sich über die Defensive eine Identität aufgebaut hat. Durch seine Athletik und das Verständnis fürs Spiel wird McRoberts auch defensiv Einfluss haben. Er braucht nicht die spektakulären Plays, sondern arbeitet – wie die Heat auch – effektiv in den Systemen und sorgt so für Fehlwürfe. In einer Defense, die ihren “Anker” in Al Jefferson hat, muss es ein gutes Defensivsystem geben, das auch McRoberts ausfüllen konnte.

Randnotiz: Danny Granger für die Bi-Annual-Exception

Bei Danny Granger sieht es eigentlich ähnlich aus, allerdings überschattet die Frage nach der Gesundheit alle sportlichen Einschätzungen. Wenn Granger zumindest so fit wird, dass er die 12-15 Minuten von Shane Battier pro Spiel übernehmen kann, ist auch er ein Spieler, der nicht auf den Wurf reduziert werden darf. Vor 2,5 Jahren war Granger noch ein 20-Punkte-Scorer in der Liga, wichtiger ist aber, dass er auch in dieser Saison bei den Pacers gezeigt hat, dass man defensiv auf ihn zählen kann. Er ist ein guter Systemverteidiger, rotiert clever und macht generell wenige Fehler.

Fraglich ist, wie man die Zusage Grangers deuten soll, dass er für vier Millionen in zwei Jahren unterschreibt. Die Zusage, dass er für die Aussicht auf einen Titel auf Geld verzichtet? Oder das Eingeständnis, dass er auch zu einem späteren Zeitpunkt der Free Agency kein finanziell besseres Angebot bekommen wird?

Die Heat gehen mit Granger kaum ein Risiko ein und können hoffen, dass Granger nach der ersten vollen Vorbereitung auf eine Saison mit Camp, Preseason und der Motivation, ein vitaler Teil des dann stärksten Teams im Osten  zu sein, ein mehrdimensionaler Rollenspieler für sie wird. Wichtig ist auch, dass Granger alleine schon bei den Heat effizienter sein könnte, weil die Kaderstruktur der Indiana Pacers es schlichtweg nicht zuließ, ihn auf der Vier einzusetzen.  Respektiert ihn der Gegner weiterhin, hilft er dem Team auch, wenn er nicht trifft.
Auch Granger ist es eher als Battier oder Lewis zuzutrauen, dass er mit Drives die Defense unter Druck setzen kann, weil auch er über ein ordentliches Dribbling verfügt(e).

Wird Granger fit, kann dies ein großer Coup für die Miami Heat in der Offseason gewesen sein. Kann er nicht an seine Leistungen anknüpfen, war das Risiko so klein, dass man es eingehen musste.

Fazit

Die Heat haben mit McRoberts einen mehrdimensionalen Spieler verpflichtet, der das Spiel breit macht, solide verteidigt, überdurchschnittlich passt und den Dreier trifft. Er wäre auch ein Prototyp für das System der San Antonio Spurs, das auf Spieler setzt, die mehrere Aspekte des Spiels beherrschen.

McRoberts ist ein signifikantes Upgrade zu den eindimensionalen Rollenspielern, die er ersetzen wird, zudem verjüngt er den Kader der Heat und ist in seinem letzten Vertragsjahr gerade 30 Jahre alt. Er ist uneigennützig und versteht das Spiel. Gerade Lewis und Battier wird er problemlos ersetzen können. Zudem wird er durch seine physische Art LeBron James defensiv unterstützen können, sodass dieser sich nicht im Low Post gegen Power Forwards aufreiben muss. Die Heat hatten – neben rim protection – vor allem ein Problem auf der Stretch-Four, das sie mit McRoberts für 23/4 bestens gelöst haben.

Josh McRoberts darf also als eine jüngere, athletischere Version von Boris Diaw gesehen werden, auch wenn McRoberts vielleicht die Erfahrung fehlt, die Diaw in den Finals ohne Zweifel half. Der Neuzugang der Heat bringt aber durch sein Spielverständnis, Ballhandling und seine Athletik Attribute mit, die außer James und Wade keiner im Kader vorweisen kann. Boris Diaw hat übrigens für 22/3 unterschrieben. Mit 31.

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