Gedanken, NBA

The need to reread

Was wird aus Joel Embiid?

Joel Embiid und dessen Krankenakte sind im Vorfeld dieser Draft wohl das Thema, das den meisten General Managern den Schlaf raubt. Unter der Saison als nächster Hakeem Olajuwon und potentieller #1 Pick gefeiert, ließ der Kameruner im März Fragezeichen aufkommen. Die letzten sechs Spiele seiner Kansas Jayhawks verpasste er aufgrund von Rückenproblemen. Mit überzeugenden Workouts Anfang Juni schien im Anschluss an ein paar Wochen Genesungszeit der Status des besten Draftees genau zum richtigen Zeitpunkt aber wieder zurückerobert, ehe nur wenige Tage vor der Draft bekannt wurde, dass sich der Center eine Stressfraktur im Kahnbein (Fußwurzel) zugezogen hat. Eine Verletzung, die für Embiid vier bis sechs Monate Pause bedeuten wird und seine komplette Zukunft als Basketballer beeinträchtigen könnte. Dies wirbelt derzeit viele Draftboards durcheinander und lässt eine Menge Experten seinen Wert in Frage stellen. Zwischen welchen Extrema der Big Man im Moment im Kopf der NBA-Entscheider schwebt, soll im Folgenden gezeigt werden.

Worst Case: Finger weg von Embiid!

gregodenzivilJoel Embiid riecht stark nach Sam Bowie oder Greg Oden. Der Freshman könnte ein ähnlicher Injury-Prone werden, für den sicher kein hoher Draftpick verschwendet werden darf. Rückenprobleme und jetzt auch noch eine Stressfraktur im Fuß – das ist die gleiche Verletzung, die Brook Lopez derzeit übel mitspielt und die Herren Yao Ming und Bill Walton damals zum Karriereende zwang. Wie soll sich der Afrikaner jemals davon erholen? Als Spieler, der am College vor allem von seiner herausragenden Beweglichkeit lebte und es in seinen jungen Jahren noch nicht geschafft hat, sich funktionierende Moves anzutrainieren, könnte ihn diese Fraktur nachhaltig schädigen und eventuell niemals wieder zu dem Spieler werden lassen, der er einmal war. Sobald er seine Mobilität verliert, ist sein gesamtes Game kaputt. Embiid hat nahezu keine Bewegungen in petto, mit denen er seine neuen physischen Limitationen ausgleichen kann.

Über eine 82 Spiele-Saison wird auf einen jetzt schon dermaßen verletzungsgebeutelten Bigman nie Verlass sein. Der Körper des Kansas-Alumnis hielt es noch nicht einmal aus 23 MpG in der deutlich weniger belastenden NCAA zu spielen. Eventuell ist die Statur des Freshman doch nicht für diesen Sport gemacht. Nach nur 4 Jahren im Leistungsbasketball schon zwei ernstere Verletzungen gesammelt zu haben, die struktureller Herkunft sein könnten, bietet leider einige Indizien für diese These. Hinzu kommen Gerüchte zu weiteren, tieferliegenden, gesundheitlichen Problemen (abnormale Ergebnisse in verschiedenen Bluttests). Ein solcher Spieler ist trotz seines offensichtlichen Talents nicht in der Lottery draftbar, wenn man als General Manager nicht absolute Jobsicherheit besitzt. Zu viele andere höchstwahrscheinlich produktivere Spieler sind zu haben. Zu schlecht sehen die Aussichten für Spieler mit dieser Verletzung aus, wenn man auf die vergangenen 15 Jahre schaut: Durchschnittlich absolvieren Athleten mit einer Stressfraktur im Fuß danach nur noch 5 Spielzeiten und verpassen dabei über 30% ihrer Spiele. Für Big Men sind diese Zahlen sogar noch ein wenig besorgniserregender. Das Risiko sich noch einmal diesen Bruch zuzuziehen, liegt laut der Daten bei rund 15%. Es gibt rosigere Aussichten.

Best Case: Embiid ist noch immer ein Top 3-Talent!

Eine Fraktur im Fuß ist zwar etwas sehr Unangenehmes, aber auch kein Beinbruch. In den vergangenen Jahren gab es Rookie-Big Men, die wegen ernsthafterer Verletzungen ihre erste Saison aussetzen mussten und danach überzeugen konnten. Das Sixers-Camp lobt Nerlens Noel, der 2013/14 einen Kreuzbandriss auskurierte, in den höchsten Tönen und könnte mit ihm, trotz der Verletzung, retrospektiv betrachtet den besten Spieler der 2013er Draft bekommen haben. All Star Blake Griffin setzte seine eigentlichen Rookiesaison 09/10 wegen einer Stressfraktur der Kniescheibe aus, um dann eine Spielzeit später den RotY-Titel einzuheimsen. Das Warten auf talentierte Spieler mit Verletzungen kann sich also durchaus lohnen.

Dabei muss auch der spezielle Bruch der Fußwurzel nicht unbedingt etwas Schlimmes bedeuten. Derek Fisher erlitt diese Fraktur jeweils in den Spielzeiten 00/01 und 01/02. Danach spielte er noch fast 1,5 Jahrzehnte und absolvierte über diesen Zeitraum rund 90% der möglichen Partien. Kevin McHale spielte berühmterweise 1987 die gesamten Playoffs mit dieser Verletzung und sorgte für eine Finals-Teilnahme seiner Celtics. In den Folgejahren heimste der Big Man, der zu diesem Zeitpunkt gerade die 30 Jahre überschritt, vier All-Star-Nominierungen ein. Paul Pierce gewann nur ein Jahr nach seiner Fraktur 06/07 als Finals-MVP den NBA-Titel. Zydrunas Ilgauskas erlitt 96/97 die Embiid-Verletzung und saß seine Rookie-Saison aus. Nach einer erneuten Fraktur zwei Jahre später schien seine Karriere vorbei. Doch entgegen aller Erwartungen schaffte es der zweimalige All Star Ilgauskas eine sehr erfolgreiche, 11jährige NBA-Karriere hinzulegen, während der er in der Folge 83% aller möglichen Spiele bestritt. Sein Jersey hängt nun unter der Hallendecke von Cleveland.

Im Gegensatz zu schlimmen Knieverletzungen (mehrfache Bänderrisse, Knorpelschäden, Mikrofrakturen), die Spielern sehr oft zu ganz anderen Athleten machen (Shaun Livingston, Brandon Roy, Grant Hill, Amare Stoudemire), besteht nach der Stressfraktur im Fuß mit Blick auf die Historie eine gute Chance, dass der Basketballer noch immer „er selbst ist“. Embiid könnte bei der Überwindung der Verletzung und der Sicherstellung genau dieses Umstandes sein außergewöhnliches Bewegungstalent und sein Körperbau helfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Big Men, die einen Frame besaßen, der wohl etwas zu schwer für die Belastung der eigenen Gelenke war (Greg Oden, Yao Ming), verfügt Embiid eher über eine Art Leichtbau-Bodytype –vielleicht bildet dieser Fakt eine Hilfe im Genesungsprozess und verringert ein potentielles Wiederverletzungsrisiko.

Während manche medizinischen Abteilungen von strukturellen Problemen als Auslöser für Embiids Stressfraktur und Rückenprobleme sprechen, haben andere seinen eventuell schlecht überwachten Wachstumsprozess und für einen Profisportler wahrscheinlich unzureichende medizinische Betreuung im Heimatland Kamerun als Gründe für seine Verletzungen ausgemacht. Sollte dies zutreffen, wäre ein Dasein als Injury-Prone nahezu auszuschließen. Seine volle Körpergröße ist erreicht. Eine bessere medizinische Beobachtung und Versorgung als bei einer NBA-Franchise wird der Big Man wohl kaum bekommen können.

Treffen all diese Punkte zu, wäre es nicht verwerflich, Embiid sogar noch immer an #1 zu ziehen. Sein Ceiling wäre noch immer das Höchste dieses Rookiepools und es sicherlich wert eine Saison auf ihn zu warten. Ihn unter diesen Umständen aus der Top 3 fallen zu lassen, wäre grob fahrlässig.

Probable Case:

Wie immer liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo in der Mitte. Embiids Verletzungen, ihre Umstände und ihre potentiellen Folgen sind besorgniserregend. Ihn aber sofort als zweiten Greg Oden abzustempeln, ist auch nicht zielführend. Ohne genaue Einsicht in seine Krankenakte vermag niemand ein genaues Urteil zu treffen. Dabei ist es nicht förderlich, dass das Embiid-Management medizinische Details nur gezielt an ausgewählte Franchises verteilt. Der Kameruner ist nach den neusten Entwicklungen wohl der ultimative Risk/Reward-Spieler. Steht in seiner Krankenakte allerdings nicht Schwarz auf Weiß, dass seine Basketballkarriere im Grundsatz gefährdet ist, wird sich ein Team in der Top 10 den Center ins Boot holen. Welche Draftentscheidung im Bezug auf ihn die richtige gewesen wäre, wird erst in drei, vier Jahren zu bewerten sein.

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