Indiana Pacers, Miami Heat, Oklahoma City Thunder, San Antonio Spurs

Die Bank gewinnt

Zur Rolle der Ergänzungsspieler in den beiden Conference Finals

Je näher die Finals rücken, desto wichtiger scheint die Rolle der Stars. Persönliche Leistungen oder Meilensteine – etwa nach dem Schema ‘Duncans 5. Titel oder LeBrons Threepeat?’ – dominieren die Diskussionen. Spurs und Heat verdanken ihr Weiterkommen jedoch auch ihren deutlich stärkeren zweiten Reihen und den massiven Problemen, mit denen Pacers und Thunder in dieser Hinsicht kämpften. Was macht den Unterschied für die Ergänzungsspieler und welche Erwartungen ergeben sich damit für die Finals?

Was ist der ‚Kern‘?

Durch Wechsel in der Startformation, Bankspieler mit Starter-Minuten (Manu Ginobili) oder umgekehrt (Kendrick Perkins) sowie verletzungsbedingte Ausfälle und ähnliches ist es nicht ganz einfach, eine Trennung zwischen ‚Stars‘ oder ‚Startern‘ und dem Rest des Teams durchzuführen. Statistiken, vor allem für die Regular Season zum Vergleich, finden sich im Normalfall nur für die klassische Bank und sind selbst dann oft eher dürftig. Insbesondere den Namen nach laden die vergangenen Conference Finals auch eher dazu ein, die drei ‚Stars‘ jedes Teams zu vergleichen:

Während die Formkrise von Roy Hibbert und George Hill diese Trennung bei den Pacers recht überzeugend macht, verdrehen die Verletzungsprobleme von Serge Ibaka und Tony Parker die Werte etwas. Da er statistisch den größeren Einfluss hatte, ist deshalb hier Reggie Jackson als einer der drei besten Spieler in die Serie mit eingeflossen. Tony Parker bleibt bei Duncan und Ginobili, sorgt aber durch seine vergleichsweise geringen Minuten für noch bessere Ergänzungsspieler-Statistiken.

Was ist das Problem?

Aus den Zahlen lässt sich trotzdem die grundsätzliche Tendenz bestens ablesen: Thunder und Pacers hatten enorme Probleme mit ihren Spielern am Ende der Rotation. Obwohl die Heat klar auf James, Wade und Bosh ausgerichtet sind, erzielte der Rest des Teams mehr Punkte als ihr entsprechendes Gegenüber bei Indiana. Auffällig vor allem: Ray Allen, Chris Andersen und Co. waren dabei sogar effizienter als die Big Three. Die höhere Minutenzahl für die Pacers-Stars trübt dieses Bild nur minimal, vielmehr zeigt es, dass Paul George, David West und Lance Stephenson schlicht so viel spielen mussten, weil die Backups keine Leistung liefern konnten. Ähnlich das Bild bei der West-Serie: Die Tiefe der Spurs ist keine Überraschung mehr, aber die Abhängigkeit der Thunder von ihren besten Spielern ist erschreckend. Westbrook und Durant, in dieser Reihenfolge (!), scorten bereits mehr als die Hälfte der Punkte, mit Reggie Jackson sind es fast zwei Drittel. Die bessere Effizienz als beim Rest des Teams – und umgekehrt die schlechtere bei den Spurs – zeigt, wie abhängig OKC von den beiden Stars ist.

Auch in der Beobachtung lässt sich dieses Urteil bestätigen. Schon in den vorhergehenden Serien wirkten die Lineup-Wechsel von Scott Brooks und Frank Vogel eher wie der verzweifelte Versuch, überhaupt eine funktionierende Rotation aufzustellen. Vogel nahm zwar, auch aus Mangel an Alternativen, keine Veränderungen an der Starting Five vor, die Minuten von Luis Scola, Ian Mahinmi und vor allem Evan Turner veränderten sich aber von Spiel zu Spiel. Letzterer konnte nie die von Anfang an bestehende Skepsis widerlegen, wie er zu den Pacers passen soll. Scola wirkte oft defensiv verloren, während Mahinmi offensiv zu limitiert ist.
Bei OKC lassen sich die Probleme gut an Derek Fisher zeigen: Mit 39 Jahren und einem entsprechend limitierten Spiel erhielt er durchschnittlich 20,4 Minuten pro Partie – und war damit noch einer der effizienteren Thunder-Ersatzspieler der Serie. Jeremy Lamb durfte zwar nach diversen DNPs in den ersten Serien wieder eingreifen, blieb aber bei einer TS% von unter 50. Thabo Sefolosha und Nick Collison starteten je zwei Spiele, wurden dann aber praktisch gar nicht mehr eingesetzt. Diese Inkonstanz stellt das Hauptproblem für die beiden Teams dar – während die Heat und Spurs ihre Ergänzungsspieler als Chance begreifen können.

Was macht den Unterschied?

Über die Spurs-Bank wurde in den letzten Jahren schon genug geschrieben (z.B. aktuell hier), die Tiefe des Teams ist sicher einer der größten Verdienste von Coach Gregg Popovich. Die Stärken des Systems sind klar: Jeder Spieler kennt seine Rolle, wird nach seinen Fähigkeiten eingesetzt und erhält in der Regular Season die Möglichkeit, Spielpraxis zu sammeln. So funktioniert das Team auch mit vermeintlichen Nonames, wie eine fast schon absurde Statistik zeigt: In der Regular Season hat kein Spurs-Spieler durchschnittlich mehr als 30 Minuten pro Partie gespielt. Nicht nur die alternden Stars wie Duncan und Ginobili, sondern auch jüngere Spieler wie Leonard und Green werden verhalten eingesetzt, ohne dabei die beste Bilanz der Liga zu riskieren. Als Vorteil ergeben sich nicht nur ein ausgeruhtes Team, sondern auch eingespielte Ersatzleute.

Die Miami Heat haben in Erik Spoelstra einen Anhänger dieses Prinzip gefunden – was angesichts der Kaderzusammenstellung auf den ersten Blick überrascht. Die Big Three belegen knapp drei Viertel der Gehälter, ein Großteil der übrigen Spieler verdient kaum mehr als das Minimum. Aber schon in der Regular Season schonte Spoelstra insbesondere den Dauerpatienten Wade und nutzte dafür die gesamte Breite des Kaders: Sogar der in den Playoffs praktisch nicht eingesetzte Michael Beasley spielte 55 mal durchschnittlich 15 Minuten. Die wichtigsten Ergänzungsspieler Norris Cole, Ray Allen, Shane Battier und Chris Andersen standen um die 20 Minuten pro Partie auf dem Parkett und konnten so ihre Rollen finden – klar mehr als etwa CJ Watson, Luis Scola und Ian Mahinmi bei den Pacers. Noch überraschender ist jedoch, dass auch die in der Regular Season kaum eingesetzten James Jones und Rashard Lewis in den Playoffs spielen – und das auch noch gut. Beide haben verglichen mit den letztjährigen Playoffs ihre Gesamtminuten etwa vervierfacht. Aus dieser Zahl lässt sich vermutlich am besten die Weiterentwicklung Spoelstras ablesen, der die Möglichkeiten seines Rosters immer besser auszunutzen weiß.

Im Fall der Heat macht ein Aspekt das tiefe Team etwas weniger beeindruckend: Bei einem Contender in einer bei vielen Spielern beliebten Stadt sind viele Spieler bereit, für weniger Gehalt zu unterschreiben. Das trifft wohl tatsächlich auf die per Mini MLE verpflichteten Shane Battier und Ray Allen zu. Einige der Vet-Min-Spieler werden Miami weniger attraktiven Angeboten vorgezogen haben. Aber in Norris Cole wurde einer der wichtigsten Bankspieler, vor allem defensiv, vom Team gedraftet, Chris Andersen erhielt nach letztendlich geklärten rechtlichen Problemen und Amnesty eine neue Chance. Spieler wie Rashard Lewis, James Jones und Udonis Haslem wirkten während der Saison wenig hilfreich bis schlicht überbezahlt, Mike Miller und Joel Anthony wurden per Amnesty bzw. Trade abgegeben, um Gehalt zu sparen. Die Möglichkeiten der Heat sind also ähnlich begrenzt wie die der meisten anderen Teams – richtige Management- und Coachingentscheidungen machen den Unterschied, wie auch bei den Spurs. Wie oben erwähnt, ist die neue Tiefe der Heat zu einem erheblichen Teil ein Verdienst von Erik Spoelstra.

Was waren die Fehler?

Die Pacers und Thunder haben dagegen ihre Probleme durch bestimmte Entscheidungen vor und während der Saison selbst verursacht. Larry Bird und Co. setzten in der Offseason einen klaren Fokus auf die Verbesserung der Bank und nahmen dafür einige Kosten in Kauf. Neben Rekonvaleszent Danny Granger sollten die per MLE verpflichteten CJ Watson und Chris Copeland sowie schließlich der ertradete Luis Scola die Bank verstärken. Mit Ian Mahinmi hätte allein diese zweite Fünf gut 25 Mio. Dollar verdient, wobei der Großteil auf Granger entfiel. Allerdings konnte kaum einer der Spieler wirklich überzeugen: Watson lieferte im Rahmen der Erwartungen und auch Mahinmi verschlechterte sich nicht. Die Integration von Granger in ein weiterentwickeltes Team fiel aber schwerer als erwartet, Scola spielte die wohl schlechteste Saison seiner Karriere – und drängte trotzdem Copeland praktisch komplett aus der Rotation. Auch der zur Deadline ertradete Evan Turner schlug, wie schon erwähnt, nie ein. Waren also einfach die Trades und Verpflichtungen schlecht? Wie bereits beschrieben, wirkten viele der Transaktionen teuer, aber sinnvoll. Entsprechend ist ein anderer Aspekt zu betrachten: Das Coaching. Hier ist vor allem der Scola-Trade interessant, der Miles Plumlee, Gerald Green und den diesjährigen Pick nach Phoenix brachten. In einem ebenfalls an Siegen interessierten Team konnten die bei den Pacers zuvor nur sporadisch eingesetzten Spieler durchweg überzeugen – Plumlee startete in Arizona mehr Spiele als er in Indiana Minuten gespielt hatte. Es ist also naheliegend, den Fehler bei Frank Vogel zu suchen, also etwa im zu starken Fokus auf die Starting Five oder das zu geringe Vertrauen in die Ersatzspieler. Die genauen Hintergründe sind von außen kaum zu klären, aber ähnliche Probleme über mehrere Jahre unterstützen den Schluss klar.

In OKC liegen die Probleme etwas anders: Scott Brooks räumte den Bankspielern in der Regular Season die drittmeisten Minuten der Liga ein. Auch statistisch stellten die Thunder eine der besseren Ersatzreihen. Angesichts der jungen Spieler wie Jeremy Lamb, Steven Adams und Perry Jones wirkt das auf den ersten Blick vielversprechend und tatsächlich erhielten die Talente für einen Contender vergleichsweise viel Spielzeit. Insbesondere zum Ende der Saison hin, spätestens mit der Verpflichtung Caron Butlers, verschob sich der Fokus allerdings auf die älteren Ersatzspieler. So schwankten Lambs Spielzeiten extrem, von unter 2 Minuten in einem zu über 20 im nächsten Spiel – während der eine ähnliche Rolle einnehmende Derek Fisher konstant 15 bis 30 Minuten spielte. Ein solches Vorgehen ermöglicht den jüngeren Spielern kaum Routinen und Selbstvertrauen aufzubauen.

Mit diesem Widerspruch wird auf gewisse Weise das gesamte Teambuilding-Konzept der Thunder in Frage gestellt. Sam Presti gab Harden für mehrere Picks in den mittleren Regionen der ersten Runde ab, ohne diese weiterzuvertraden. Ähnlich wie bei Serge Ibaka und Reggie Jackson erhoffte sich das Team wohl, so günstige Spieler mit Potential ins Team einbauen zu können. Im Gegenzug verzichteten die Thunder, auch aus finanziellen Gründen, auf die Verpflichtung von teureren Ersatzspielern. Anders als Spurs, Heat und Pacers setzten sie die MLE nicht zu Anfang der Saison ein, sondern erst im Saisonverlauf für Butler. Damit verzichteten die Thunder allerdings auf starke Veteranen, die entweder per Free Agency oder von Lottery-Teams günstig ins Team zu holen wären. Stattdessen stehen dann Spieler auf dem Parkett, die trotzdem den jüngeren Spielern Minuten nehmen, ohne aber selbst deutlich mehr Qualität abzuliefern. Dieses Missverhältnis aus Coaching und Management wirkt derzeit wie eine Entscheidung für das Schlechteste aus beiden Welten.

Was bleibt für die Zukunft?

Für die nahe Zukunft, also die Finals, steht das Duell der Ergänzungsspieler der Heat und Spurs an. Auch wenn Duncan, James und Co. die Hauptrollen spielen werden: Die übrige Rotation und das dahinter stehende Coaching versprechen eine interessante Serie. Nutzt Spoelstra die neu oder wieder entdeckten Stärken von Spielern wie Norris Cole und Rashard Lewis, die vergangene Saison nur wenig spielten? In welcher ‚Größe’ werden die Finals ausgetragen – kann Tiago Splitter längere Zeit als zweiter echter Big auf dem Parkett bleiben? Wenn nicht – ist das dank Boris Diaws starker Leistungen überhaupt ein Nachteil? Dem Trend der bisherigen Heat-Playoffs zufolge könnte sogar Michael Beasley noch auf seine Chance hoffen.

Für Thunder und Pacers steht dagegen eine Evaluierung der diesjährigen Strategie – und insbesondere des Coachings – an. Sowohl Vogel als auch Brooks erhielten bereits eine Jobgarantie fürs kommende Jahr, nun ist aber eine Weiterentwicklung nötig. Für beide Teams besteht zusätzlich ein gewisser Zeitdruck: OKC muss bis 2016 Kevin Durant von einer Verlängerung überzeugen, während die Pacers sich ohne schnelle Erfolge von den hohen Teamkosten abschrecken lassen könnten. Für beide Teams dürfte eine erneute Niederlage in den Conference Finals im kommenden Jahr zu wenig sein.

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