Advanced Stats, NBA, Playoffs 2014

Die „wahren“ Playoffs

real standings 2013/14

Die Playoffs 2014 kommen mit Riesenschritten auf uns zu und wir erwarten tolle Serien mit spannenden, bis zur letzten Sekunde offenen Spielen. Wir selbst machen uns Gedanken, welche Faktoren den Ausschlag für den Ausgang der Serien verantwortlich sein können, doch finden diese Serie überhaupt berechtigterweise statt? Die real standings werfen ein anderes Licht auf die Konstellation in der NBA.

 Was sind die real standings?

Bereits Anfang des Jahres wurde für die vorherige Saison die „wahre Tabelle“ berechnet. Deshalb soll zur Absicht und Wirkungsweise der real standings nur schnell zusammengefasst gesagt werden, was der Sinn hinter der Tabellenanpassung ist: Wir stellen uns die NBA als Liga vor, wo die Tabelle das Stärkeverhältnis widerspiegelt. Dies ist aber nicht der Fall, wenn ein Team gegen ein anderes vier Mal spielt, gegen wieder andere aber nur zwei oder drei Mal. Die real standings nehmen an, dass es 58 Spiele in der Saison gab und jedes Team gegen jedes andere Team zwei Mal gespielt hat. So kann man die tatsächliche Stärke etwas besser ablesen.

Ohne große Umschweife schauen wir auf die wirkliche Tabelle der Regular Season 2013/14:

realstandings2014PO

Die erste – beruhigende – Diagnose lautet: Es sind alle sechzehn Playoffteams auch nach den real standings in den Playoffs. Während in beiden Conferences zum Ende hin nur ein Sieg oder eine Niederlage den Einzug in die Playoffs entschied, ist es bei den real standings jedoch noch dramatischer. Atlanta und New York sowie Dallas und Phoenix trennen 0,1%, nicht 1,2%, wie in der normalen Tabelle angegeben.

Kampf an der Spitze

Die Indiana Pacers bleiben mit 0,2% besserer Siegquote die Nummer eins im Osten. Wenn man jedoch die Zahlen in den Kontext setzt, wie die Niederlagen der Heat gegen die Wizards und Sixers zustande kamen, lässt sich wohl nicht zu unrecht behaupten, dass eigentlich die Miami Heat Heimrecht im Osten haben sollten. Die Heat bräuchten für die Spitzenposition im Osten bei den real standings lediglich einen Sieg mehr. Da diese aber für die tatsächliche Positionierung unerheblich sind, entschieden sich die Heat sowohl LeBron James als auch Chris Bosh zu schonen, da aufgrund der Tiebreaker-Regelung die Pacers bevorteilt wurden. Diese Regelung ist deshalb noch einen genaueren Blick wert, weil die Pacers dafür belohnt wurden, dass sie mehr Spiele in der eigenen Conference gewannen als die Heat. Die Heat konnten mehr Erfolge gegen den starken Westen vorweisen. Inwiefern diese Tiebreaker-Regelung sinnvoll ist, müsste an anderer Stelle nochmals diskutiert werden.

realstandingsabweichung

Im Westen hingegen gab es keinen Kampf um Platz 1. Die San Antonio Spurs zogen einsam ihre Kreise – und dies trotz massiver Benachteiligung durch den Spielplan. Wie der Grafik zu entnehmen ist, sind die Spurs eigentlich nochmals 5 Prozentpunkte besser als eh schon. Eine unheimliche Vorstellung. Die 80%, die die Spurs erreichten, konnte im letzten Jahr nur ein Team überbieten: die Miami Heat. Wie deren Postseason verlief, ist allen wohlbekannt.

Playoffbild nach den real standings

Noch interessanter ist jedoch das Seeding der Playoffteams. Durch die Anpassung der Wertigkeit für die Tabelle ergeben sich massive Umstrukturierungen. Faktisch bleiben gerade ein mal zwei von acht Paarungen bestehen: beide 1 vs. 8 Paarungen bilden auch bei den real standings diese Paarungen. Alle anderen Paarungen haben sich verändert. Das Playoffbild im Osten würde wie folgt aussehen:

Indiana Pacers (1) vs. Atlanta Hawks (8)
Miami Heat (2) vs. Washington Wizards (7)
Toronto Raptors (3) vs. Charlotte Bobcats (6)
Chicago Bulls (4) vs. Brooklyn Nets (5)

Beeinflusst wurden diese Verschiebungen vor allem durch ein Team, das gegenüber dem Westen seine Playofftauglichkeit nicht nachweisen konnte: die Washington Wizards. Das Team um John Wall verlor 2/3 seiner Spiele gegen den Westen und büßte damit gleich zwei Plätze im Ost-Seeding ein. Gänzlich ohne Schaden gingen zudem die Chicago Bulls aus der Neuerrechnung vor, da diese zwar über 4 Prozentpunkte verloren, aber der Abstand zu Platz 5 groß genug war, um sich auf das Seeding auszuwirken.

Bedacht werden sollte zudem, dass dieses Seeding die Brooklyn Nets nicht als stärker ausweist, sondern nur als nicht so schwach wie die Konkurrenz. Auch die Nets haben knapp einen Prozentpunkt verloren; durch die Verluste der Wizards kamen die Nets dennoch zu einer besseren Positionierung.

Im Westen ist es erwartungsgemäß andersherum: der Großteil der Conference hat bei den real standings zugelegt. Insgesamt ist die gesamte Conference um durchschnittlich zwei Prozentpunkte stärker als in der normalen Tabelle. So ist es nicht verwunderlich, dass sich durch die Normierung etliche Verschiebungen ergeben, die gerade für das Seeding von enormer Bedeutung sind.

San Antonio Spurs (1) vs. Dallas Mavericks (8)
Los Angeles Clippers (2) vs. Portland Trail Blazers (7)
Oklahoma City Thunder (3) vs. Houston Rockets (6)
Memphis Grizzlies (4) vs. Golden State Warriors (5)

Zunächst zum Offensichtlichen: Die Memphis Grizzlies sind das klar unterbewertetste Team der NBA. Das liegt daran, dass sie den Osten mit 26-4 so auseinandernahmen, wie es sonst nur die Spurs konnten (29-1!). Durch die Anpassung springt Memphis von Platz 7 auf Heimrecht in Runde 1. Wenn man nun noch hinzunimmt, dass die Oklahoma City Thunder ihren zweiten Platz einbüßten, weil sie „nur“ 20 der 30 Spiele gegen den Osten gewannen, dürfte sich gerade dieses Matchup in den realen Playoffs nicht als typische #2 vs. #7-Serie entpuppen. In den real standings trennen Grizzlies und Thunder gerade ein mal zwei Spiele.
Profitiert vom Verlust der Thunder haben die Los Angeles Clippers. Dies ist vor allem im Hinblick auf die echten Playoffs bedauerlich, weil das Heimrecht in einer potentiellen #2 vs. #3-Serie in der zweiten Runde eigentlich hätte wechseln sollen. So kann es sein, dass Blake Griffin und Chris Paul in einem entscheidenden siebten Spiel sich plötzlich in der „falschen“ Halle wiederfinden.

Interessant ist zudem der Abfall der Portland Trail Blazers, die nach dem fulminanten Saisonstart gefühlt einbrachen. In den real standings ist diese Dimension nochmals verschlimmert: Portland ist bei der Normierung nur ein halbes Spiel besser als die Dallas Mavericks. Als Glück im Unglück kann man höchstens noch festhalten, dass die Rockets – der Erstrundengegner – ebenfalls eher schlechter abschnitten, auch wenn dies nicht so katastrophal war wie die Bilanz der Blazers.

Fazit

Trotz aller Bedenken, dass dieses mathematische Umrechnen nur graue Theorie sei, ergab ein Blick auf das letzte Jahr einige Auffälligkeiten, die erklären konnten, wieso die Playoffs so verliefen, wie sie es taten. Der Finaleinzug der Spurs und die Erstrundenniederlage der Nuggets konnten damit erklärt werden.
Ob die Playoffs in diesem Jahr durch ein anderes Seeding völlig anders verlaufen würden, lässt sich natürlich mit Sicherheit nicht sagen. Vielleicht lassen sich jedoch einige Fingerzeige finden, durch die man mögliche Upsets anhand der echten Stärke der Conferences erkennen könnte. Doch darüber soll an einem anderen Tag entschieden werden. Zunächst wollen wir erstmal die Playoffs genießen – ob das Seeding nun nach tatsächlicher Stärke geordnet wurde oder nicht.

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