Draft, NBA

Don’t change a running system

Die Gründe für die Wirksamkeit der Lottery

In den unendlichen Weiten der Hinweise für Windows-Nutzer hat sich es sich bewährt, dass man am laufenden System nichts ändern sollte, wenn dies intakt ist. In den unendlichen Weiten der digitalen NBA-Plattformen breitet sich momentan jedoch die Vorstellung aus, dass das Draft- und Lottery-System nicht mehr intakt ist und einer Überarbeitung bedarf. Doch ist das System tatsächlich gescheitert?

Hassan Mohamed hatte bereits ein alternatives Modell vorgeschlagen, wie die besten Prospects eines Jahrgangs in der NBA verteilt werden könnten. Hierbei wurde vorgeschlagen, ein verdecktes Bieterverfahren zu organisieren, um den Anreiz des Tankens zu vermindern.
Fraglich wären hierbei zum einen, ob sich Franchises nicht dazu entscheiden, ihr gesamtes Roster zur neuen Saison zu entleeren, um möglichst viel Capspace für die Rookies bieten zu können –  zum anderen, welchen Anreiz schlecht geführte Franchises noch hätten, an der NBA teilzunehmen. Schließlich kann man nicht nur sportlich ein schlechtes Team aufbieten, sondern auch finanziell hoffnungslos überbezahlte Spieler im Kader haben, sodass man auf Jahre keine Qualität mehr in den Kader bekommt, da der Cap bereits besetzt ist.

Wie Sebastian Hansen in seinem Artikel zur Tanking-Debatte schon herausgearbeitet hatte, wurden seit 1980 zumeist Teams Meister, die als besten Spieler einen Top 3 Pick in ihren Reihen hatte. Während der Fokus im Teambuilding-Artikel darauf lag, darauf hinzuweisen, wie entscheidend der eigene Draftpick ist, soll dieser Artikel einen anderen Fokus haben: Er betrachtet nochmals das bisherige Draftystem, das in der Kritik steht. Bevor also ein neues Lottery- oder Draftsystem eingeführt werden, sollte überprüft werden, ob das alte System überhaupt gescheitert ist.

Zunächst ist zu sagen, dass das Gefühl vorherrscht, dass das System gescheitert ist, weil Teams absichtlich verlieren bzw. (genauer) das Front Office das Team so zusammenstellt, dass die Teams nicht um die Playoffs mitspielen können. Diese Auswüchse sind bedauerlich und dem Draft-System geschuldet, dies kann man auch nicht in Abrede stellen. Gewitzte General Managers werden immer Wege suchen, um sich den vorherrschenden Gegebenheiten anzupassen und diese für sich zu nutzen. So entstand die Poison Pill und so musste wegen Gilbert Arenas‘ Vertrag für die Washington Wizards das Vertragsrecht angepasst werden.

Tanking – Nur ein Symptom

Was wir momentan betrachten, sind sicherlich nur die Symptome und nicht das “Grundproblem”, was vorliegt: Die NBA als System will gewährleisten, dass alle NBA-Teams die Möglichkeit besitzen, sich sportlich zu verbessern.  Dieser Ansatz ist grundsätzlich richtig und darf keinesfalls ignoriert werden. Lässt man diesen Grundsatz außer Acht, blendet man die Gruppe innerhalb der NBA aus, die dafür sorgt, dass es dieses Ligensystem überhaupt gibt: die Besitzer.
Bleiben wir mal bei einem aktuellen Beispiel: Welchen Anreiz hätte der Besitzer der Milwaukee Bucks, Herb Kohl, seine Franchise weiterhin zu behalten, wenn es das Draftsystem nicht gäbe? Die Bucks haben sich bisher mit Larry Sanders, OJ Mayo und Ersan Ilyasova verspekuliert, nachdem sie ihre vorherigen Fehler Brandon Jennings und Monta Ellis nicht mehr gehalten haben. Im nächsten Sommer hätte die Franchise wieder Cap Space, aber wer würde denn zu dieser Franchise wechseln? Wahrscheinlich wieder Spieler wie OJ Mayo, die vor allem durch finanzielle Anreize angelockt würden. Wenn das Lottery- und Draftsystem durch ein komplett anderes System ersetzt würde, hätten die Bucks auf Jahre gesehen keine besonders rosige Zukunft. Kein Rookie würde freiwillig nach Milwaukee wechseln, weil der Standort zu unattraktiv ist.

Generell ist das Draftsystem ein Hilfsmittel, um die Standortnachteile auszugleichen. Nun könnte sicherlich angeführt werden, dass Milwaukee nur ein Beispiel wäre, es aber durchaus Interesse von Spielern gäbe, die in einen kleinen Markt wechseln würden, wenn der sportliche Erfolg dort beheimatet wäre. Die besten Beispiele liegen auf der Hand: Oklahoma City und San Antonio. Small Market Teams also, die um eigene Top-Picks aufgebaut wurden. Der Kreis schließt sich also auch hier.

Es gilt also festzuhalten, dass das Draftsystem eine ganz entscheidende Komponente ist, warum die NBA ein CBA ausarbeiten kann, das von allen 30 Besitzern unterstützt wird: Sie kann es auch benachteiligten Standorten ermöglichen, erfolgreich zu sein. Wäre dies nicht der Fall, hätten wir möglicherweise nur big market teams, die konkurrenzfähig wären, weil man in kleineren Märkten trotz guten Managements niemals längerfristig gute Spieler binden könnte.

Eine zweite Funktion des Draftsystems ist eine soziale, ja fast kommunistische: die NBA möchte sicherstellen, dass die schlechtesten Teams die besten jungen Talente erhalten, damit jeder Teambesitzer die Möglichkeit hat, sich von Fehlern zu erholen. Herb Kohl und die Bucks können also trotz – jahrelanger – Fehler die Franchise neu aufbauen, wenn sie beginnen, ab der Draftnacht gute Entscheidungen zu treffen. Gäbe es diesen sozialen Zusammenhalt nicht, wäre das Franchise-System in der NBA nicht möglich, da kein Besitzer in einen small market investieren würde.

Ist das System tatsächlich gescheitert?

Schaut man sich die Historie an, fällt auf, dass die NBA an dem Problem des Draftens bereits gearbeitet hatte. So gab es bis 1984 gar nur einen Münzwurf zwischen dem schlechtesten und zweitschlechtesten Team nach der Saison, um zu entscheiden, wer den ersten Pick erhält. Schon damals erkannte das Front Office gleich mehrerer Franchises, dass das Verlieren von Spielen zu sehr guten Spielern führen könne. Im schlechtesten Fall konnte man sicherstellen, dass man als schlechtestes Team den zweiten Pick in der Draft bekam. Für den ersten Pick gab es eine Wahrscheinlichkeit von 50%. Die NBA reagierte darauf, indem sie die Lottery einführte. Dadurch sanken die Wahrscheinlichkeiten für die Franchises, den ersten Pick in der Draft zu erhalten. Das schlechteste Team konnte hier also gar auf Draftplatz vier zurückfallen. Insgesamt wurden die Chancen auf einen Top 3-Pick deutlich gemildert.

top3pickwahrscheinlichkeit

Wie der Grafik zu entnehmen ist, besteht auch für das schlechteste Team der NBA eine Wahrscheinlichkeit von über einem Drittel, dass es auf Platz 4 landet und erst dort ziehen darf. Ab dem drittschlechtesten Team ist es wahrscheinlicher, dass dieses Team nicht in den Top 3 pickt. Das Lottery-System schützt also recht effektiv davor, dass man durch systematisches Verlieren oder ein willentlich schwach zusammengestelltes Team automatisch den besten Spieler erhält. Doch schützt es auch gut genug?

draftfinalsmvps1980

Wie Sebastian Hansen schon herausstellte, drafteten die Teams in der Regel so gut, dass die tatsächlich besten Spieler in der Regel in den Top 3 gezogen wurden. Etwas verkürzt, ergibt sich die simple Formel: Wenn man Meister werden will, benötigt man ein Top 3-Talent. Wirft man nun einen Blick zurück, was die NBA zur Saison 1984/85 entschied, sieht man, dass die Auswahl – wenn auch willkürlich – richtig getroffen wurde: Die begehrtesten Spieler eines Jahrgangs erhält man, wenn man einen der ersten drei Picks innehat. Diese sind aber durch die Lottery geschützt und man benötigt eine Menge Glück, um diese zu erhalten.

Davon ab muss man sich jedoch versinnbildlichen, dass ein Top 3-Pick nicht zugleich bedeutet, dass man nun Erfolg haben wird. Zum einen macht das Front Office bei der Auswahl des Rookies unter Umständen Fehler, zum anderen gibt es nicht in jedem Jahrgang mindestens drei Franchise Player. Wichtig ist es also, dass man zwei Aussagen trennen muss: zum einen ist es bisher erwiesen worden, dass man (mindestens) ein Top-Talent im Team benötigt, um in der NBA den Titel zu gewinnen; zum anderen bedeutet dies aber nicht, dass man automatisch erfolgreich wird, nur weil man verliert und die Chance darauf erhöht, einen Franchise Player in der Draft zu ziehen. Von diesem Gedanken sollte man sich lösen.
Der einzig legitime Schluss liegt nur darin, dass man ruhigen Gewissens behaupten kann, dass man ohne Top-Draftpick kaum ein Team aufbauen kann, dass eine Meisterschaft gewinnt.

Fazit

Das System der NBA versucht, so weit wie möglich für die Ausgeglichenheit der Franchises zu sorgen, um theoretisch jedem Teambesitzer zu ermöglichen, dass man sowohl finanziell als auch spielerisch erfolgreich sein kann. Dass dies nicht alle Franchises bisher nutzen konnten, liegt zuvorderst nicht am System, sondern an den Entscheidungen der Verantwortlichen.

Findige General Managers versuchen immer wieder Lücken im System zu finden, um dies für ihre Franchise auszunutzen. Dies kann sich auch so ausprägen, dass sie kalkulieren, das Roster der Franchise bewusst zu schwächen, um langfristig sehr viel besser zu sein. Kein General Manager entscheidet sich dafür, bewusst das Team zu schwächen, um dann jahrelang erfolglos zu sein. Die Vision ist, dass man aufgrund der Empirie erkannt hat, dass man dieses einzigartige Talent zwingend benötigt, um Erfolg zu haben.

Die NBA hat als Franchisegeber die richtigen Schlüsse daraus gezogen, dass die Belohnung für absichtliches Schwächen des Teams nicht automatisch das beste Talent des nächsten Jahrgangs sein darf. Die Lottery beschützt die besten Talente des Draftjahrgangs und verteilt sie zufallsbedingt unter den schlechtesten Teams der Liga.

Ein systematisches Tanking einer Franchise wird erst belohnt, wenn zur schlechtesten Bilanz noch das nötige Glück kommt, in der Lottery gezogen zu werden. General Managers können sich dafür entscheiden, ihr Team so schlecht wie möglich aufzustellen, eine Garantie zu einem einzigartigen Talent gibt es nicht. In vielen Draftjahrgängen gibt es nur ein Franchise Talent, maximal zwei. Selbst als schlechtestes Team ist die Wahrscheinlichkeit leicht höher, dass man keinen Top 2-Pick erhält.
Das System funktioniert. Auf einen glücklichen General Manager, der sich bewusst für wenige Siege entscheiden hat und das Glück in der Lottery hatte, kommen in jedem Jahr sicherlich fünf bis sechs Teams, für die das gesamte Jahr ein verlorenes war, weil man nicht den Hauptgewinn bekam. Kein General Manager kann erzwingen, dass er das Top-Talent des Jahrgangs bekommt. Genau dies war die Absicht der Lottery: sie erfüllt also ihren Zweck.

In der NBA gewinnt man ohne Top3-Talent keine Meisterschaften, aber ob man dieses Talent wirklich erhält, entscheidet die Lottery. Das System hat sich bewährt. Don’t change a running system.

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4 comments

  1. Foo83

    Starker Artikel. Genauso sehe ich das auch. Man könnte höchstens an den Wahrscheinlichkeiten ändern, aber das System an sich finde ich ist in Ordnung.

  2. Avatar

    SLB

    Wenn das System funktioniert, wie erklärst du dir denn diesen Satz
    “Auf einen glücklichen General Manager, der sich bewusst für wenige Siege entscheiden hat und das Glück in der Lottery hatte, kommen in jedem Jahr sicherlich fünf bis sechs Teams, für die das gesamte Jahr ein verlorenes war, weil man nicht den Hauptgewinn bekam.”

  3. Dennis Spillmann

    |Author

    Ich meine damit, dass das Lottery-System funktioniert, nicht das Tanking.

    Wie ich im Artikel erklärt habe, muss man zwei Aussagen trennen:
    a) ohne Top 3 Pick kein Titel.
    b) Tanking bedeutet nicht gleich Top 3 Pick und Titel.

    Es ist also richtig, dass man tankt (73% der Finals-MVP wurden in den Top 3 gezogen (80%, wenn man Duncan/Thomas über Parker/Dumars sieht)), aber das Lotterysystem ist intakt, das heißt, dass man sich durch Verlieren nicht automatisch diesen Franchise Player abholen kann. Dazu benötigt man Glück. Von daher funktioniert das Konstrukt Draft/Lottery.

  4. Hassan Mohamed

    Die Frage, die mir zuerst in den Kopf schoss: Muss ein System erst scheitern, bevor man es verbessert? Ein perfektes System wird es nicht geben, aber es gibt – zumindest in meinen Augen – Optimierungspotential, ohne dass ich das System jetzt unbedingt als gescheitert bezeichnen würde.

    Aus guten, bereits von dir geschilderten Gründen (Small Market, etc.) muss das Ganze reguliert werden. Aber wenn es eine Möglichkeit gäbe, bei dem man den Glücksfaktor und den Anreiz zu verlieren verringern könnte, wäre ich für eine Überarbeitung. Einfach um gutes Management zu belohnen – unabhängig (soweit überhaupt möglich) von Standortvorteilen.

    Eine Mannschaft wie Phoenix wird dafür bestraft, dass es ihnen gelungen ist, jede Nacht zu kämpfen, Siege zu holen und gleichzeitig aus Management-Sicht gut aufgestellt zu sein (Cap-Management, etc.). Und Fans und Analysten werden weiterhin rumnörgeln, wenn GMs sich entscheiden, ein solides Team (welches aber keine Chancen auf die Championship hat) auf die Beine zu stellen statt Niederlage zu sammeln, um mehr Chancen bei der Glücksfee zu haben.

  5. Dennis Spillmann

    |Author

    Ich sehe das System ja nicht nur nicht als gescheitert an, sondern es funktioniert für mich so gut wie möglich, weshalb es keiner Änderung bedarf.
    Ja, Teams versuchen sich absichtlich in die Position zu bringen, Spiele zu verlieren. Nein, sie können damit nicht automatisch erfolgreich sein. Wer also das strategische Risiko eingehen möchte, dass er gestandene NBA-Spieler gegen Picks oder auslaufende Verträge traden will, der muss sich über die Konsequenzen im Klaren sein.

    Bei allen anderen Modellen wird mir zu sehr unterstellt, dass am besten alle Teams verlieren wollen. Das stimmt aber schlichtweg nicht. Es wird immer ein Team geben, das die schlechteste Bilanz vorweisen kann. Orlando ist wegen Howards Eskapaden dort unten drin, unverschuldet. Die Bucks wollten gewinnen, hatten aber sehr großes Verletzungspech. Das sind zwei von drei Franchises, die nun die besten Chancen auf den Lotterygewinn haben. Klar, Philly hat Jrue Holiday getradet. Wie viele Siege mehr hätte der denn in Philly eingespielt? Selbst wenn es 5 gewesen wären, wären die Sixers eines der drei schlechtesten Teams gewesen.

    Ich finde, dass systematisches Tanking weiterhin die Ausnahme ist, selbst in diesem Jahr: New York, Cleveland, Milwaukee und Detroit wollten im Osten in die Playoffs, Orlando konnte aufgrund des Spielermaterials nicht mehr. Getankt haben die Celtics und Sixers. Im Westen wollten Minnesota, Denver und auch die Pelicans sowie die Lakers in die Playoffs. Sacramento hat innerhalb der Saison Trades getätigt, um sich zu verbessern. Phoenix und Utah haben sich absichtlich in “schlechtere” Positionen gebracht. Für 4 Franchises nun eine radikale Regeländerung herbeizuführen, wo es eben wahrscheinlicher ist, dass keine der 4 Teams den ersten Pick bekommt (Die Teams haben zusammen eine Chance von 40%), finde ich einfach nicht sinnvoll.
    Natürlich gibt es immer einen Glücklichen. Aber es ist der Glücklichste, nicht der absichtlich Schlechteste.


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