Advanced Stats, NBA

real standings

Die wahre Tabelle der Saison 2012/2013

Auch im neuen Jahr beschäftigt es die meisten Fans, wie sehr sich das Leistungsniveau zwischen dem Osten und Westen in dieser Saison unterscheidet. Fabian Thewes hatte in seinem Artikel schon einige Vorschläge unterbreitet, wie man das Missverhältnis auflösen könnte. Einer seiner Vorschläge besagte Folgendes:

Diese sehr radikale Reform würde bedeuten, dass die reguläre Saison nicht mehr aus 82 Spielen pro Franchise besteht, sondern “nur” noch aus 58. Das wäre auch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die seit geraumer Zeit beklagen, dass die Belastung der NBA-Spieler ein kritisches Niveau bereits überschritten habe.

Dabei stellt sich die Frage, wie die NBA denn in der letzten Saison mit genau diesen Bedingungen ausgesehen hätte? Wie sähe die wahre Tabelle aus? Was sagen uns die „real standings“?

Notwendigkeit des Modells?

Wer sich nun fragt, wozu dieses Modell überhaupt gebraucht wird, der sollte sich das momentane Szenario zur Umstrukturierung der NBA vor Augen halten. Nahezu alle Beobachter sind sich einig, dass die Auflösung der Conferences helfen würde, um wirklich die sechzehn besten Teams in den Playoffs sehen zu können. Dabei wäre es unwichtig, welche Conference mehr Teams stellen würde, da man den hochklassigsten Basketball in den Playoffs sehen wollen würde.

Ausgehend von diesem Gedankenkonstrukt wäre es hilfreich zu wissen, welche Teams denn die 16 Stärksten in der regulären Saison waren. Die einhellige Antwort wäre schnell gefunden: der Record soll entscheiden. Nur ist die Bilanz der Teams denn überhaupt die Darstellung der wahren Stärke? Durch die 82 Spiele, die alle Franchises bestreiten, spielen nicht alle Teams gleich oft gegeneinander. Für die Bereinigung der Records werden die real standings benötigt.

real standings – Aufbau des Modells

Der Aufbau der real standings ist relativ simpel. Man bereinigt die Tabelle, indem man die Spiele gegen jede Franchises auf zwei Duelle normiert. Das bedeutet, dass alle Spiele der Ost-Teams gegen den Westen bestehen bleiben, aber die Conference-internen Duelle so reduziert werden, dass Siege und Niederlagen auf insgesamt zwei  Duelle minimiert werden. Ein Beispiel: In der letzten Saison spielten die Miami Heat vier Mal gegen die Washington Wizards. Die Heat gewannen drei der vier Spiele. Diese vier Spiele werden nun so heruntergerechnet, als hätten die Heat und Wizards nur zwei Mal gegeneinander gespielt. Von diesen zwei Spielen hätten die Heat 1,5 Spiele gewonnen und 0,5 Spiele verloren.
Wie man sieht, ergeben sich bei den Normierungen Kommazahlen, die durch drei Duelle zwischen zwei Franchises auch runden lassen müssen. Beispielsweise haben die Oklahoma City Thunder zwei der drei Duelle gegen die Houston Rockets gewonnen. Das bedeutet normiert, dass  die Thunder 1,33 Spiele gewannen und 0,67 Spiele verloren.
Letztlich kommt jedes Team jedoch auf 30 Spiele gegen die andere und 28 Duelle gegen die eigene Conference, sodass insgesamt 58 Spiele zu Buche stehen, so wie in Fabian Thewes‘ Artikel vorgestellt.

Der Vorteil des Modells ist nun, dass man sieht, wie stark die Teams wirklich in der letzten Saison waren. Dadurch hätte man eine gute Basis, um zu sagen, welche 16 Teams nun in die Playoffs gehören.

Grenzen der real standings

Die real standings bilden theoretisch eine bessere Grundlage, um herauszufinden, welche Teams am besten performt haben. Dennoch hat das Modell Grenzen.

Die größte dürfte sein, dass in den Conference-internen Spielplänen bei drei Duellen es zwangsläufig dazu kommt, dass ein Team zwei Heimspiele und nur ein Auswärtsspiel hat. Theoretisch gleicht sich dies über eine Saison aus (jede Franchise hat nun mal 41 Heimspiele), aber es kann ein Vorteil sein, wenn man zwei Heimspiele gegen die Playoffteams hat und dementsprechend öfter auswärts bei den Lotteryteams antreten muss. Dies sind allerdings nur vier Duelle pro Saison, gegen alle anderen Teams wird zwei oder vier Mal gespielt. Eigentlich sollte dies vernachlässigbar sein.

Dazu kommt die Vorstellung, dass es bei nur 58 Spielen mehr Ruhephasen gäbe und Siege und Niederlagen bisher auch davon abhingen, ob man back-to-back spielte oder vier Spiele in fünf Nächten absolvierte. Würde der Spielplan wirklich nur 58 Spiele umfassen, hätten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Spieler so viel Pausen, dass die Ergebnisse  nicht so abhängig vom Fitnesszustand wären.

Trotz der beiden Hindernisse sollten die real standings verlässlichere Ergebnisse liefern als die momentane Tabelle. Schauen wir dann doch einfach auf die Veränderungen durch die Normierung.

real standings der Saison 2012/13

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Beobachtungen

Die real standings sind besonders im Hinblick auf drei Beobachtungen interessant: auf das Stärkeverhältnis zwischen West und Ost, auf die Veränderungen der Platzierung für das Seeding in den Playoffs und genau dasselbe in die andere Richtung: wie ändert sich die Verteilung der Draftchancen?

Der Osten ist noch schwächer als bisher angenommen

Einige Verteidiger des Ostens hätten in diesem Jahr angeführt, dass Brooklyn und New York bisher nicht gewinnen und das unerwartet ist und dass nur dieses Jahr ein Ausreißer ist. Diese Annahme kann man haben, wenn man davon ausgeht, dass die Bilanz auch wirklich die Stärkeverhältnisse zwischen den Conferences darstellen. In der letzten Saison gewannen Die Ostteams 47% aller Spiele, die sie absolvierten, die Westteams 53%. Das alleine ist schon ein signifikanter Abstand, schaut man nun aber auf die real standings, dann wächst der Abstand weiter: der Osten hat effektiv nur 45,8% der Spiele gewonnen, der Westen 54,2%. Die Differenz von 8,4% Prozentpunkten verdeutlicht, dass auch schon im letzten Jahr die Schere zwischen West und Ost weit aufgegangen ist.
Dadurch dass die Ost-Teams aber vor allem gegeneinander spielten und es dort einen Sieger geben musste, verschob sich die Bilanz zugunsten des Ostens.

Generell wurden die Ost-Teams im Schnitt um 1,25% überbewertet und stärker gemacht als sie wirklich waren. Das Gegenteil trifft dann natürlich auf den Westen zu.
Der Westen ist also auch in seiner Gesamtheit sehr viel stärker als der Osten, das schließt die Lottery-Teams mit ein. Gerade diese leiden meist an einer starken Spitze und müssen unverhältnismäßig oft gegen die starken West-Teams spielen. Bis auf Schlusslicht Phoenix verbessert sich jedes Lottery-Team in den real standings, was eindrucksvoll zeigt, dass der Spielplan für die Lottery-Teams im Westen schlicht noch schwieriger ist als für den Rest der Liga. Man hat ein schlechtes Team und muss dann noch überproportional oft gegen weit bessere Teams spielen. Bei der Normierung sticht vor allem Sacramento hervor. Die Kings hätten 37% statt 34% ihrer Spiele gewonnen, wenn sie nur zwei Mal gegen jedes Team gespielt hätten.

Veränderungen in den Playoffs

Zuerst zur Beruhigung: auch bei den real standings hätten dieselben 16 Teams die Playoffs erreicht, die auch tatsächlich in die Postseason gingen. Allerdings sind einige Veränderungen augenfällig.

Zunächst ist festzustellen, dass die Finalsbegegnung zwischen den Miami Heat und den San Antonio Spurs gar nicht so überraschend war wie angenommen, auch wenn man die Westbrook-Verletzung ausklammern würde. Denn die Heat waren das klar stärkste Team des Ostens – so weit nichts Neues. Allerdings ist bemerkenswert, dass die Heat als eines von nur vier Ost-Teams ihre Bilanz tatsächlich verbessern konnten. Das liegt daran, dass die Heat eine phänomenale Bilanz von 25-5 gegen den Westen vorweisen konnten. Dasselbe trifft auf die San Antonio Spurs zu, die den Osten dominierten und nach den real standings auf jeden Fall als #1 seed in die Playoffs hätten gehen müssten. Das Team aus Texas war auch schon in der regular season das stärkste Team.

Der Westen war im letzten Jahr so knapp, dass Verschiebungen  angenommen werden konnten, wenn man die Bilanz normiert. Hier tauschen aber gleich sechs von acht Teams die Plätze. Nach Stärke sortiert hätte die erste Runde wie folgt aussehen müssen:

San Antonio Spurs (1) – Los Angeles Lakers (8)
Oklahoma City Thunder (2) – Houston Rockets (7)
Memphis Grizzlies (3) – Golden State Warriors (6)
Los Angeles Clippers (4) – Denver  Nuggets (5)

Spurs vs. Lakers und Thunder vs. Rockets gab es tatsächlich, allerdings mit einem anderen Seeding. Dass die Serie zwischen den Thunder und den Rockets enger war als Spurs vs. Lakers mag mit den Verletzungen von Westbrook und Bryant zusammenhängen, aber auch in voller Besetzung dürfte dies so aussehen.
Ins Auge springt vor allem die Setzliste der Denver Nuggets. Statt Heimvorteil und Platz 3 steht hier nur Platz 5. Ein weiterer Fingerzeig, wieso die Golden State Warriors den Upset schaffen konnten und die Nuggets bereits in Runde 1 eliminiert wurden. Denver ist das Team im Westen, das – neben OKC und Phoenix – eine negative Differenz zwischen standings und real standings aufweist. Denver musste gleich 1,4 PCT einbüßen. Natürlich erklärt dies aber nicht ausreichend, dass ein 68%-Team gegen ein 58%-Team verliert.

Im Osten sind die Veränderungen kaum sichtbar. Brooklyn würde nicht auf Chicago sondern Atlanta treffen, Indiana bekäme die Bulls. Dabei sind gerade die Nets und Bulls die großen Gewinner, was die conference-internen Duelle angeht. Beide verlieren in den real standings massiv an Wert, sodass beispielsweise Chicago gerade mal ein 50%-Team ist.

Veränderungen bei der Draft

Bei den Draftchancen müssen die real standings genau entgegengesetzt genutzt werden. Hier werden Teams bevorteilt, die in einer starken Conference gespielt haben und dadurch öfter verloren haben, obwohl sie eigentlich stärker sind. Es ergeben sich folgende Seedings:

realstandingslottery1213

Insgesamt gab es gleich acht Verschiebungen bei den 14 Lottery-Teams. Auch hier ist es wieder signifikant, was der Spielplan anrichtet.

Auffällig ist direkt die Verschiebung auf dem ersten Platz. Die Charlotte Bobcats waren im letzten Jahr das schwächste Team und hätten die Chancen der Orlando Magic verdient, um zu hoffen, die Lottery zu gewinnen. Gerade im Hinblick auf die Lottery hätten die Bobcats an 2 ziehen dürfen und statt Cody Zeller, der bisher immer noch jeden Beweis für seine NBA-Tauglichkeit schuldig ist, Victor Oladipo draften dürfen.
Massiv gelitten haben vor allem die Detroit Pistons an den bisherigen standings. Detroit war in der letzten Saison das fünftschlechteste Team und spielte durch den Schedule 5,3% besser als sie eigentlich waren. Statt an #6 mussten die Pistons an #8 draften und verpassten damit die Chance auf Nerlens Noel oder Ben McLemore.

Bedingt durch den schwachen Draftjahrgang ist die Tragweite der Setzlistenveränderungen nicht unbedingt zu erkennen. Wenn man jedoch an das nächste Jahr denkt, kann es für ein Team wie Detroit fatal sein, statt an #6 erst an #8 wählen zu dürfen.

Fazit

Die real standings rücken die Tabelle der NBA ins rechte Licht. Dabei gibt es natürlich keine weltbewegenden Veränderungen in den standings, aber insgesamt haben sich 8 von 16 Playoff-Seeds und 8 von 14 Lottery-Seeds verändert. Damit geben die normalen Bilanzen zur Hälfte die falsche Stärke eines Teams wieder. Dies ist signifikant und hat im Falle der Draft definitiv Einfluss auf den Fortgang der NBA.

In den Playoffs-Seedings dürften die Los Angeles Clippers am meisten unter der normalen Tabelle gelitten haben. Statt den unangenehmen Memphis Grizzlies hätte man den Heimvorteil gegen die Denver Nuggets gehabt, die eine negative Auswärtsbilanz hatten.

Elementar ist bei den real standings aber, dass sie den wahren Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen aufdecken. Wer jetzt noch immer damit argumentieren will, dass die Unterschiede gar nicht so schlimm wären und der jetzige Zustand eine Ausnahmeerscheinung wäre, der sollte nochmals auf die 8,4 Prozentpunkte Unterschied zwischen West und Ost aus dem letzten Jahr schauen. Die real standings sind ein weiterer Hinweis darauf, dass die NBA sich umstrukturieren muss, um die massive Benachteiligung und Bevorteilung einzelner Franchises einzudämmen.

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