Los Angeles Lakers

Showtime in Los Angeles?

Es stellt sich also heraus, dass Phil Jackson nicht der neue Coach der Los Angeles Lakers wird. Kein geringerer als Mike D’Antoni, seines Zeichens ehemaliger Coach der Phoenix Suns und New York Knicks sowie Assistent des US-amerikanischen Nationalteams, erhält den Posten und geht damit als 25. Cheftrainer der Lakers in die Geschichte ein. Werden in jener Stadt Stimmen über die Enttäuschung über die Nichtverpflichtung Jacksons laut, so ist Mike D’Antoni keinesfalls eine schlechte (zweite) Wahl.

7 seconds or more?

D’Antoni war es, der 2004 in Arizona den Basketball revolutionierte. Schnelle Angriffe, viele Würfe am Perimeter, Pick&Roll – das berühmte „7 Seconds or less“-System um Amar’e Stoudemire, Shawn Marion und Steve Nash wurde geboren. Das Team und sein System begeisterte die Liga und nicht nur Fans des eigenen Teams, stellte sich dazu in der regulären Saison und anfänglich in den Playoffs als äußerst erfolgreich heraus. Der Schlüssel zu diesem System lag bei Steve Nash, der uneingeschränkte Kontrolle über die Offensive besaß und dafür sorgte, dass D‘Antoni selber kaum Spielzüge ansagen musste. Basketball IQ ist eine der zentralen Vorausetzungen für den Erfolg, da den Hauptakteueren gewissen Freiheiten zugestanden wurden. War es in Phoenix nur Steve Nash, so ist es durchaus möglich, dass nun auch Pau Gasol oder Kobe Bryant Verantwortung übernehmen. Solche Freiheiten kommen den Spielern zumeist entgegen, lobte doch Bryant Interimscoach Bernie Bickerstaff genau für jene Freiheiten und feuerte damit auch in Richtung Mike Brown und seine Princeton-Offfensive:

“He’s getting the f*** out of the way.”

Mike D’Antoni hat bereits angekündigt, gewisse Elemente dieses Systems wieder einzuführen, wobei man hierbei klar eine abgespeckte und zu Teilen abgeänderte Version seines Systems erwarten muss. Für „7 Seconds or less“ fehlen wichtige Teile im Kader der Lakers. Hierbei wird vor allem die Schnelligkeit der Spieler in den Vordergrund gerückt. Konnte D‘Antoni in Phoenix noch auf einen Amar’e Stoudemire (pre-microfracture) und Marathon-Mann Shawn Marion in seiner Blütezeit zurückgreifen, muss er nun einen Weg finden, ältere Spieler wie Pau Gasol, Ron Artest, Kobe Bryant und selbst Steve Nash in diese Rollen zu integrieren. Das ehemalige Run&Gun der Suns könnte sich somit mehr zu einer Halbfeld-Offensive entwickeln.

Die Halbfeld-Offensive D’Antonis lässt sich relativ leicht erklären: Pick&Roll zwischen Point Guard und Big Man, dazu drei Schützen am Perimeter. Hierbei liegt eine ganz klare Stärke der Lakers, denn mit Steve Nash als Aufbauspieler stellt die Offensive den vielleicht besten Pick&Roll Ballhandler aller Zeiten, Dwight Howard gilt, zumindest statistisch gesehen, als bester Verwerter aus dem Pick&Roll heraus. Man muss abwarten, ob man dieselbe Effektivität und Chemie zwischen Nash-Howard erreichen kann, die über die Jahre hinweg zwischen Nash und Amar’e Stoudemire bestanden hat, vor allem wenn man in Erwägung zieht, dass Stoudemire der eindeutig bessere Verwerter beim Zug zum Korb, beim Ziehen von Fouls und Verwandeln der entsprechenden Freiwürfe war. Kann sich ansatzweiße eine solche Chemie bilden, so wäre dies eine absolut tödliche Kombo für jeden Gegner, vor allem wenn man betrachtet, dass sich Nash zwischen dem Pick&Roll mit Howard, dem Pick&Pop mit Gasol oder einem weak-side Wurf von Bryant entscheiden kann.

Stellt sich die Frage, wie ein balldominanter Guard wie Kobe Bryant in diesem System existieren kann, so muss man sich nur anschauen, dass Mike D’Antoni unter anderem Carmelo Anthony in New York als Point Forward nutzte, um dieses Set zu laufen. Geht man weit zurück in die Historie der Suns, so wurde dort Joe Johnson als jener Spielmacher genutzt, wenn Steve Nash auf der Bank saß. Dies lässt also vermuten, dass man auch Kobe Bryant in dieser Rolle sehen wird, wenn Nash Pausen bekommt oder auch off-the-ball agiert. Sind diese Waffen nicht genug, so hat D’Antoni nun auch viele weitere Möglichkeiten, um die eigene Offensive um einige Aspekte zu erweitern. Noch nie hatte er einen Spieler zur Verfügung, der in einer Isolation punkten kann. Mit der Ausnahme von Shaquille O‘Neal hatte er keine dominante Post-Präsenz. Packt man diese Aspekte mit dem Pick&Roll in eine Kiste zusammen, so kann man tatsächlich unterhaltsamen Basketball in Los Angeles erwarten und dies ist schließlich etwas, was in den vergangenen Jahren abhanden gekommen ist.

Offense wins games but defense wins championships!

Dieses berühmte Zitat wurde in der vergangenen Zeit in Verbindung mit diesem Thema immer wieder aufgearbeitet, wie kann man das ganze auf Mike D’Antoni projizieren?
Unverständlicherweiße wird D’Antoni immer wieder mit mangelnder Verteidigung assoziiert, Phoenix habe deswegen schließlich letztendlich niemals einen Titel gewinnen können. Tatsächlich legte D’Antoni niemals im Training das Hauptaugenmerk auf diesen Teil des Spiels und er verließ Arizona, weil man seine eigene Philosophie mit Hilfe eines Defensivankers (Shaquille O’Neal) und eines Defensivcoaches (kein Geringerer als Tom Thibodeau) abändern wollte. Auch ist es wahr, dass D’Antonis Teams immer eine hohe Punktzahl in den Spielen zugelassen haben. In der Realität ist D’Antonis Verteidigung aber keinesfalls so schlecht, wie sie in der Liga verschrien ist. Man gab regelmäßig eine hohe Punktzahl an den Gegner ab, weil man selber ein hohes Tempo bevorzugte und somit auch mehr Ballbesitze für den Gegner kreiierte. Dank guter Verteidiger wie Kurt Thomas, Raja Bell oder auch Shawn Marion und Grant Hill konnten sich D’Antonis Suns regelmäßig im soliden Durchschnitt (Plätze 13.-21.) der Liga ansiedeln, wenn man die FG% des Gegners und damit die defensive Effizienz betrachtet. Verteidiger dieses Kalibers finden sich auch in Los Angeles wieder. Dwight Howard weiß, wie man den Korb effektiv beschützen kann, Pau Gasol bringt die nötige Länge und das Spielverständnis mit. Metta World Peace und Kobe Bryant haben zwar auf diesem Gebiet ihren Zenit überschritten, handeln aber von Zeit zu Zeit immer noch überdurchschnittlich. Steve Nash ist sich zumindest bewusst, wo er in der Verteidigung zu stehen hat. Schafft es Dwight Howard nach seinem Bandscheibenvorfall wieder an seine Leistung aus der Zeit bei den Orlando Magic anzuschließen, sollten es die Lakers schaffen, eine ordentliche Team-Verteidigung auf das Feld zu schicken. Er ist somit der Schlüssel für den Erfolg, denn er wird es sein, der viele Penetrationen der gegnerischen Guards ausbügeln muss. In den bisherigen Spielen zeigte Howard vieles, aber nicht, dass er dazu in der Lage ist, dies zu tun.

Das passende Spielmaterial für Mike D’Antoni?

Doch gibt es auch Dinge, bei denen die Lakers bei manchen Leuten Kopfschmerzen verursachen. Beinhaltet der Kader genügend Schützen, um eine D’Antoni-Offensive effektiv zu gestalten? Metta World Peace ist kein verlässlicher Schütze, Kobe Bryant ist catch-and-shoot bisher in seiner Karriere nicht gewohnt gewesen. Steve Nash ist wesentlich effektiver, wenn er für sich selber aus dem Dribbling kreiiert. Man kann also davon ausgehen, dass man mehr Zeit von Antawn Jamison (34,6% career 3p) und Jodie Meeks (36,8% career 3p) auf dem Spielfeld erleben darf, wobei Erstgenannter auch kein Spezialist auf diesem Gebiet ist. Es sollte nicht verwundern, wenn die Lakers in der kommenden Zeit mit einigen Dreipunkt-Spezialisten in Verbindung gebracht werden, denn diese fehlen dem Team momentan einfach – ein Problem, das nicht erst seit dieser Saison besteht. Mike D’Antoni ist des Weiteren dafür bekannt, keine tiefen Rotationen zu nutzen und sehr häufig auf seine fünf Starter zu setzen. Bei einem jungen Team wäre dies sicherlich kein Problem, doch wie kann es der Coach verantworten, einen 39-jährigen, verletzungsanfälligen Point Guard für 40 Minuten auf das Feld zu schicken? Hat Kobe Bryant „noch genug im Tank“, um diese Minuten in der regulären Saison und den Playoffs abzurufen? Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit beweisen eher das Gegenteil. D’Antoni selber verlieh diesem Argument auf seiner Einführungspressekonferenz noch einmal Zündstoff:

“Every time I want to win, they (Nash & Kobe) are going to play a lot.”

Ist das noch nicht genug, so bleibt eines der Probleme der Lakers immer noch erhalten: Die Bankspieler besitzen einfach nicht genug Qualität, um den Stars (bzw. Startern) genügend Pausen zu verschaffen, was unter Mike Brown mehrmals auffällig war. Es kann angezweifelt werden, ob Chris Duhon nun einen größeren Sprung machen kann, wenn er wieder in dem System spielt, welches ihm die beste Saisonleistung seiner Karriere eingebracht hat. Devin Ebanks zeigte bisher nichts, was vermuten lässt, dass er ein brauchbarer Spieler in der Rotation eines Titelanwärters sein könnte. Es fehlt ein richtiger Center unter dem Korb, sollte man weiterhin Jordan Hill auf der Vier und Antawn Jamison auf  der Drei einsetzen wollen. Letztendlich stellt sich auch die Frage, ob das System D’Antoni in den Playoffs Erfolg haben kann. In Phoenix wurden seine Teams vor große Probleme gestellt, wenn sie dauerhaft in die Halbfeld-Offensive gedrängt wurden. Die San Antonio Spurs, die mehrmals für ein Ausscheiden der Suns verantwortlich waren, schafften es immer wieder, das Spieltempo tief zu halten und fanden Mittel, die vorhersehbare Gangweise der Suns zu unterbinden.

Mike D’Antoni bekommt nun die Chance, die Liga und seine Kritiker davon zu überzeugen, dass sein System doch in der Lage ist, Siege in etwas Zählbares umzumünzen. Zwei Mal (wobei man in New York Abstriche machen muss) enttäuschte D’Antoni diese Erwartungen bereits und es wird spannend zu sehen sein, wie es jetzt im großen Rampenlicht in der Los Angeles ablaufen wird. Eines sollte sicher sein: Sein Team wird unterhaltsamen Basketball und letztendlich auch eine große Rolle im Kampf um den Einzug in die NBA Finals spielen. In einer mit hoher Erwartungshaltung ausgestatteten Community sollte aber klar sein, dass man nur von Erfolg sprechen kann, wenn am Ende der große Wurf gelingt.  
 

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