Awards, New York Knicks

Die Story, die keine ist

„Tyson Chandler gewann gestern den Defensive Player of the Year Award, als erster New York Knickerbocker der NBA-Geschichte. Er verwies Serge Ibaka, Dwight Howard und LeBron James auf die Plätze und offenbarte einmal mehr, dass es der Association mittlerweile um mehr geht als nüchterne Statistiken auf dem Box Score Bogen. Es geht um die Story hinter dem Award.“

So beginnt Sebastian Dumitru, Blogger auf nba.de und nbachef, die Einleitung zu seinem Blogeintrag über die Zusammenhänge von Medien, Awards und die Ungläubigkeit der Fans. Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass die Association selbst überhaupt keinen Einfluss auf das Wahlverhalten der Journalisten hat und somit mitnichten nicht mehr auf Statistiken schaut. Dies liegt einzig im Verantwortungsbereich des einzelnen Journalisten.

Die Story um Tyson Chandler und die New York Knicks

Der Defensive Player of the Year-Award soll laut Dumitru nun ein Story-Award sein, so wie der MVP-Award im Jahr zuvor für Derrick Rose. De facto ist dies auch so, denn Tyson Chandler war nicht der beste Defensivspieler der laufenden Saison, sondern der, der in einem großen Markt mehr Aufmerksamkeit bekam als in Dallas, Charlotte oder New Orleans. Dazu kommt scheinbar noch die Geschichte um Chandler in New York, um seinen enormen Einfluss und die neue Identität der Knickerbockers. Dumitru stellte dies so dar:

„Der 2,16m Hüne war der Hauptgrund für New Yorks historischen Umschwung in dieser Saison und dafür, dass man die Knicks wieder mit beinharter Defense assoziiert. Im vergangenen Jahr rangierte das Team bei der defensiven Effizienz noch auf Platz 22. In diesem Jahr war es ein fantastischer fünfter Platz.“

Das sind Fakten, die nicht von der Hand zu weisen sind. Doch dies ist keine Story, sondern eine arg verkürzte Zusammenfassung der Geschehnisse, die wichtige Passagen aus- und den Blick aufs Ganze vermissen lässt. Fernab davon, dass die beinharte Defense der Knicks mit Chandler den Miami Heat in der ersten Runde bisher ein Offensiv-Rating von 113,6 zugesteht (das ist der höchste Wert im Osten), wird hier ein Zusammenhang hergestellt, der gar keiner ist. Simpel gesprochen: Die Knicks von 2010/11 haben mit den Knicks von 2011/12 genau zwei Dinge gemeinsam: Amar’e Stoudemire und Landry Fields. Spätestens jetzt sollte auch dem Letzten dämmern, dass 2010/2011 etwas Einschneidendes bei den New York Knicks passiert war: Man tradete für Carmelo Anthony. In diesem Move wurde der Knicks-Kader ein erstes Mal komplett durcheinandergewürfelt. Es verließen Raymond Felton, Danilo Gallinari, Timofey Mozgov und Wilson Chandler die Knicks, dafür stießen Renaldo Balkman, Chauncey Billups, Anthony Carter, Shelden Williams und eben Carmelo Anthony dazu. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Knicks ein Defensiv-Rating von 108,9. Mit dem komplett neuen Team  spielte man 28 Spiele, gewann 14 und verlor 14. Das Defensivrating betrug in diesem Zeitraum 112,3. Vor dem Trade bewegte man sich um Rang 19 herum, danach hatte man Anschluss zum Schlusslicht der Liga.

Tyson Chandler – Retter der Knicks?

Dann kam Retter Chandler und katapultierte die Knicks eigenhändig auf Platz 5 – so die Story hinter dem Award. Die Realität sieht natürlich anders aus. Dies dürfte vor allem deswegen klar sein, wenn man sich die Rotationen des Teams ansieht:

10/11 Pre-Trade: Felton – Fields – Chandler – Gallinari – Stoudemire starteten 23 mal, Wilson Chandler wurde zudem 10 Mal gebenched und Timofey Mozgov startete als Center. Von der Bank kamen Douglas, Turiaf, Shawne Williams und Bill Walker.

10/11 Post-Trade: Billups – Fields – Anthony – Stoudemire – Turiaf war die angestrebte Starting 5, Turiaf wurde durch Jared Jeffries oder Shawne Williams ersetzt. Von der Bank kamen dazu weiter Douglas und Jeffries oder Williams, dazu Roger Mason und Anthony Carter.

11/12: Die Top 8 in Sachen Spielminuten waren: Tyson Chandler, Fields, Anthony, Rookie Iman Shumpert, Stoudemire, Steve Novak, J.R. Smith und Jeremy Lin. In der Playoffrotation stehen zudem Baron Davis und Mike Bibby, da Lin ausfällt.

Noch Fragen? Die Teams sind nun wirklich komplett ausgetauscht worden, und dies seit 201/11 gleich zwei Mal. Das Team, das die Saison 11/12 bestritt, hat wirklich nichts mehr mit dem Team zu tun, das 2010/11 für das katastrophale DRtg verantwortlich ist. Zum einen ist dies völlig klar: Wenn man einen Midseason-Blockbuster-Trade durchführt, kann das Team ja nicht beisammen bleiben. Aber auch in der Offseason baute man völlig um. Hatte Tyson Chandler darauf etwa auch Einfluss? Einfluss hatte vor allem ein Mann: Mike Woodson. Ja, Woodson coachte die Knicks doch nur 24 Spiele. Als Head Coach. Davor war Woodson im Coaching Staff der Knicks für die Defensive verantwortlich. Auch ihm ist es zuzuschreiben, dass die Teamdefense der Knicks über die Regular Season besser stand als frühere Knicks-Teams.

Unterm Strich steht hier einfach eine absolut falsche Aussage Dumitrus, der durch eine geschickte Verkürzung ein Argument kreieren wollte. Dies ist nicht gelungen. Wenn Tyson Chandler also gar nicht ein Team, das zum Bodensatz in Sachen Defensive gehörte,  verbessert hat, sondern lediglich als Koordinator der fünftbesten Defensive geehrt wurde, wieso ist dies eine Story? Es war ein völlig neues Team, es gab keinen Rotationskern, dem man nun Chandler zufügte. Es wurde um Stoudemire, Fields und Anthony komplett neu aufgebaut, was auch zur Folge hatte, dass Fields einen Rückgang seiner Spielminuten verzeichnen musste und lange nicht so effektiv für die Knicks war wie in seinem Rookie-Jahr.

Was letztlich übrig bleibt

Subtrahiert man also die Story von Chandlers DPoY-Kampagne, bleibt ein sehr guter Help-Defender und Defensiv-Koordinator übrig. Dies allein ist ja keine schlechte Wahl für einen DPoY, aber sie reicht bei Weitem nicht, um Chandler als den besten Verteidiger des Jahres auszurufen. Alles das, was Chandler für sein Team tut, macht Dwight Howard auch, nur meist noch eine Stufe besser. Auch er ist ein sehr guter Help-Defender, ist aber wahrscheinlich zudem noch der beste 1-on-1-Defender unter den Big Men, reboundet prozentual am defensiven Brett trotz einer enormen Minutenzahl am besten in der ganzen Liga und blockt prozentual gesehen weit mehr Würfe als Tyson Chandler. Zudem begeht er leicht weniger Fouls, was auch ein Grund dafür ist, dass Howard mehr Minuten sehen und gehen kann als Chandler. Denn, die Frage muss ja auch erlaubt sein: Wenn Tyson Chandler der beste Verteidiger der Liga ist, wieso bestreitet er nur 33 Minuten pro Spiel? Bei dem – wie in der Story dargestellten – kopflosen Haufen, der ohne Chandler zu keiner vernünftigen Defensive fähig ist? Bei einem Trainer wie D‘Antoni, der dafür bekannt ist, dass er seine Spieler in der Regular Season verheizt und nur 7-8-Mann-Rotationen spielen lässt. Weil die Knicks ihn nur 33 Minuten benötigen und die Spiele vorzeitig zu ihren Gunsten entscheiden? Mitnichten. Weil Chandler sich selbst schonen muss, da er mehr Minuten nicht abreißen kann? Vielleicht. Ist er dadurch wertvoller als Dwight Howard, der neben den vermehrten Minuten auch noch der Focalpoint der Offense ist? Sicherlich nicht.

Letztlich kann man den Sachverhalt drehen und wenden, wie man will: Die Wahl war eine Farce und Tyson Chandler war nicht der beste Verteidiger des Jahres. Auch nicht der wertvollste. Denn während die Knicks ohne Chandler auf dem Feld gerade mal 2 Punkte mehr pro 100 Possessions kassieren, sind es bei den Magic ohne Howard 4 Punkte. Auch deshalb muss Howard so viele Minuten gehen, um die Magic in den Playoffs platzieren zu können. Womit auch eindrucksvoll widerlegt wäre, was Sebastian Dumitru äußerte:

„Diejenigen, die nun laut aufschreien und sich echauffieren über die Wahl Chandlers, verstehen nach wie vor nicht, was die Auszeichnung eigentlich honoriert. […] Es geht um den wertvollsten Defensivspieler der abgelaufenen Saison.“

Selbst wenn man den DPoY zu einem MVDPoY machen würde: Chandler war nicht wertvoller als Howard. Er stand weniger Minuten als Howard auf dem Platz, er hatte erwiesenermaßen einen geringeren Einfluss und die Knicks zudem noch weniger Erfolg als die Magic, bei denen außer Howard niemand im Team auch nur durchschnittlich verteidigen kann. Dies alles kann man aber auch auf die einfache Frage verkürzen: Was kann Tyson Chandler besser als Dwight Howard? Die Antwort darauf sucht man vergeblich.

Fazit

Der Award wird von Journalisten vergeben und deshalb war von vornherein nicht damit zu rechnen, dass diese Wahl vorurteilsfrei ablaufen würde. Mit hinein spielten die Eskapaden Howards, seine Tradeforderungen, seine Liste mit Tradezielen, seine Unentschlossenheit, seine letztlich eingelöste Player Option, um ein weiteres Jahr Vertrag zu haben, seine angeblichen Entlassungsforderungen in Richtung Coach Stan van Gundy.
Menschlich ist es vielleicht nachzuvollziehen, dass die öffentlichen Auftritte Howards abseits des Feldes mit in die Bewertung einflossen. Aus Sicht der votenden Journalisten ist es beschämend, dass man entweder nicht zwischen sportlicher Leistung und Off-Court-Verhalten trennen kann oder alles dafür tut, um eine weitere Schlagzeile zu haben, damit ein vierter Award für Howard in Folge nicht langweilig wirkt. Man erinnere sich an die Vergabe des MVP-Awards an Karl Malone 1998, weil die Journalisten Michael Jordans überdrüssig waren. Michael Jordan mag dies egal sein, Dwight Howard auch. Zurück bleibt der sehr fade Bei- und Nachgeschmack, dass die Medien nicht nach Leistung, sondern Verhalten beurteilen. Dies ist erschreckend und traurig mit anzusehen. Die Vergabe der Auszeichnung kann man durch nichts verteidigen. Nicht durch die Story. Nicht durch angebliche Intangibles, die Chandler besitzt, Howard aber nicht. Nicht durch advanced stats. Nur durch die selbstgerechte Haltung der Medien, Howard für sein Off-Court-Verhalten zu bestrafen zu wollen. Und das ist kleinkariert und peinlich.

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