Gedanken, Los Angeles Clippers, Memphis Grizzlies, Playoffs2012

Eindrücke aus Tennessee

„Beat L.A.“-Sprechchöre in den Playoffs … und es sind nicht die Lakers gemeint. Weiterhin ein unstimmiger Ton im Gehörgang eines langjährigen NBA-Fans. Für die Aufholjagd am letzten Wochenende muss man den Los Angeles Clippers dennoch Respekt zollen. Einen Sieg in den Playoffs zu erringen, obwohl man neun Minuten vor dem Abpfiff bereits mit 24 Punkten zurückliegt, ist eine außerordentliche Leistung. Reggie Evans, Nick Young und Co. haben bei diesem historischen Comeback (die Clippers haben den Playoff-Rekord für den größten Rückstand nach drei Vierteln, der noch in einen Sieg umgemünzt werden konnte, eingestellt) viel Charakter gezeigt. Reine Willenssache, würde Kollege Malte Arndt wohl jetzt sagen …

Nach der frustrierenden und nicht entschuldbaren Niederlage konnten die Grizzlies zumindest das zweite Heimspiel im FedEx Forum in Memphis, Tennessee mit 105-98 für sich entscheiden. Dem Zusammenbruch in Spiel 1 könnte man trotzdem noch nachtrauern, da es nun statt mit einer komfortablen 2-0-Führung nur mit einem Unentschieden und dem Verlust des Heimvorteils für zunächst zwei Spiele in die Stadt der Engel nach Los Angeles geht. Bevor die Serie ins dritte Spiel geht, könnten einige bisherigen Erkenntnisse und Eindrücke betrachtet werden:  

No Backing Down

Chris Paul. All-Star. Regelmäßiger MVP-Kandidat. Besitzer des legitimen Anspruchs auf den Titel als bester Point Guard der NBA. Seine nackten Zahlen in der Serie bisher: knappe 22 Punkte und neun Vorlagen – natürlich in gewohnt effizienter Art und Weise (True Shooting Percentage von 64,4 und ein Offensive Rating von 120). In diesem Abschnitt soll es aber weniger um das Herz und Seele – und alles andere, was notwendig ist, um den Clippers-Körper am Leben zu erhalten – gehen, sondern um seinen Gegenüber: Mike Conley Jr.
Dieser scheint wenig beeindruckt vom Superstar der Clippers – zumindest spielt er so. Auf beiden Seiten des Feldes steht er seinen Mann und weicht nicht vor dem großen Namen auf der anderen Seite zurück. Das Resultat: 18 Punkte, sieben Vorlagen und fantastische Effizienzwerte in den bisherigen beiden Spielen. Er findet seine Mitspieler und stellt mit seinem Wurf und seinen Zug zum Korb zugleich eine eigene Bedrohung dar. Lionel Hollins konnte sogar darüber nachdenken, seinen Aufbau anzuweisen, Paul sogar öfter und stärker zu attackieren. Auch verstärkt über das Pick ‘n’ Roll.
In der Verteidigung erledigt Conley bisher ebenfalls seine Hausaufgaben. Paul kann natürlich auch er nicht stoppen, aber Hollins hat bisher keinen Anlass, Conley von der Aufgabe zu entbinden, der Clippers-Dirigenten zu verteidigen. Die Erwartungshaltung sowohl meiner Kollegen im Podcast (Go-to-Guys Wired #9) als auch von mir war, dass der Kettenhund Tony Allen, der – als kurze Randnotiz – vom frisch gebackenen Defensive Player of the Year Tyson Chandler zum besten “On-Ball”-Verteidiger der NBA gekürt wurde, vermehrt auf Paul angesetzt wird. Dies war bis auf Einzelfälle bis dato nicht der Fall und spricht natürlich ebenfalls für Conley, wenn auf die Fähigkeiten eines solchen Verteidigers verzichtet werden kann.

Eine Frage, die sich daraus ergibt: Sollten mehr Minuten von Tony Allen (bisher gespielte Minuten: 50) auf OJ Mayo (52) und Gilbert Arenas (10) übertragen werden, da die Stärken von Allen gegen Spieler der Klasse von Randy Foye oder Maurice Williams nicht vollends zur Geltung kommen? Bei den beiden anderen Guards würde man stattdessen wesentlich stärker von deren Wurffertigkeiten profitieren, um das Feld auseinanderzuziehen und Räume für Marc Gasol/Zach Randolph im Lowpost als auch für Penetrationen von Rudy Gay oder Conley zu schaffen. Diese Anpassung der Spielminutenverteilung wäre definitiv nachvollziehbar und argumentativ vertretbar, dennoch würde ich mich dagegen aussprechen. Aus dem einfachen Grund, dass man die Energie, die Allen auf das Feld bringt, nicht zu gering schätzen sollte. Er hatte letztes Jahr einen großen Anteil daran, den Charakter dieser Grizzlies-Mannschaft als hartarbeitende und körperlich nicht zurückschreckende Einheit zu formen und eine Gewinnermentalität nach Memphis zu bringen.

Way To Go

17 respektive 22 Punkte bei jeweils 15 Würfen konnte Blake Griffin in den ersten beiden Duellen mit dem Frontcourt der Grizzlybären um Zach Randolph, Marreese Speights und Marc Gasol erzielen. 19,5 Punkte pro Spiel bei 53% aus dem Feld und für seine Verhältnisse starken 70% von der Freiwurflinie möchte man nicht von einer wirklich schlechten Leistung sprechen, aber bis auf die zweite Hälfte des zweiten Spiels (in dem Zeitraum erzielte Griffin 16 seiner 22 Punkte; zehn im dritten Spielabschnitt), in welcher Griffin durch seine Explosivität einige schnelle Punkte im 1-gegen-1 gelungen sind, wirkte der Modellathlet im Angriff doch sehr ungefährlich und konnte Paul in der Offensive nicht wirklich entlasten. Den Grizzlies ist es gelungen, das direkte Zusammenspiel des Duos extrem einzuschränken, sodass der Playoff-Rookie sein Glück oftmals im 1-gegen-1 versuchen musste, was zumeist sehr unglücklich aussah (unnötige Dribblings/Drehungen, unkontrollierte Würfe in der Zone). Das Fehlen eines verlässlichen Go-to-Moves oder eines konstanten Sprungwurfs wurde deutlich offenbart. Man muss ihm allerdings zu Gute halten, dass es ihm trotz der Limitierung gelingt, zu knapp 20 Punkten pro Partie zu kommen. Für den Ausstieg in die nächsthöhere Riege der NBA-Superstars ist aber viel Luft nach oben. Griffin ist gefordert, die enorme Abhängigkeit der Clippers von Paul zu vermindern.
Da sich diese spielerischen Fertigkeiten selbstredend nicht über Nacht antrainieren lassen, wird ihn Spiel 3 zumindest interessant zu beobachten sein, ob er aus der zweiten Hälfte der letzten Spiels gelernt und von Beginn an den Ring ohne große Umschweife (unzählige Dribblings, Spinmove-Versuche) attackiert – am besten mit maximal einem Dribbling.

At Gunpoint

Als wäre Vinny Del Negro mit seinem Amt als Cheftrainer nicht bereits überfordert, sorgt der Ausfall von Caron Butler durch die Handverletzung für weiteren Handlungsbedarf. An dessen Stelle durfte im zweiten Spiel Bobby Simmons in die Startaufstellung aufrücken, der in seinen 22 Minuten Spielzeit zumindest körperlich mit Rudy Gay mithalten konnte. Äußerst problematisch wurde es für die Clippers, wenn Nick Young gegen den größeren, kräftigeren und nicht weniger athletischen Flügel aus Memphis gestellt wurde. In diesen Spielabschnitten war der Ex-Wizards, der hin und wieder mit sehr wilden Würfen glänzt, dem Topscorer der Grizzlies komplett ausgeliefert und dieser konnte nach Belieben punkten (unterm Strich mit 21 Punkten aus 13 Würfen). Die defensiv bessere Option stellt – zumindest phasenweise – Kenyon Martin da. Diese Alternative müsste man sich allerdings mit Nachteilen im Angriff erkaufen, da ein Frontcourt mit DeAndre Jordan/Reggie Evans – Blake Griffin – Kenyon Martin nicht mit Synergien glänzt. Ganz im Gegenteil. Für welche Alternative sich Del Negro auch entscheidet – mehr Minuten für Martin oder weiter auf Young vertrauen  – es liegt an Gay, dieses Mismatch zu nutzen. Sei es auf körperlicher Ebene gegen Young oder auf spielerischer Ebene gegen Martin. Wünschenswert wäre es, wenn er den Körperkontakt nicht scheuen und auf die Weise mehr Fouls und Freiwürfe zugesprochen bekäme (sieben Freiwürfe in zwei Spielen ist für einen Topscorer kein rühmlicher Wert).

Coming Next …

Zum Abschluss des Gedankens: Die Grizzlies spielen bisher den besseren und schöneren Basketball. Sie haben die Vorteile auf ihrer Seite und die Schwachstellen sind weniger gravierend als auf der Gegenseite. Soweit die Theorie. Die gilt es aber konstant auf dem Parkett zu zeigen, ohne längere Schwächephasen.

Sehe ich sie also zwingend in der zweiten Runde? Das wäre viel zu voreilig. Die Clippers haben nun zwei Spiele vor heimischen Publikum und man muss sehen, wie sie sich von Euphorie getragen vor den eigenen Fans präsentieren. Und falls Chris Paul noch eine Schippe rauflegen kann …

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