Sacramento Kings

Need more balls?

Anfang des Jahrtausends galten die Kings als eine der offensiv spektakulärsten Mannschaften der NBA. Spieler wie Jason Williams, Mike Bibby, Vlade Divac, Peja Stojakovic und Chris Webber standen für schön anzuschauenden Teambasketball. Und erfolgreich war man damit auch, trotz immer wieder angemahnter Defensivschwächen: In der Saison 2001/2002 war Sacramento vielleicht nur einen Robert-Horry-Dreier von der Meisterschaft entfernt. 

Rund zehn Jahre später sind die Kings eine Lottery-Franchise, deren letzte Playoff-Teilnahme nun auch schon sechs Jahre zurückliegt. Und die Tage des uneigennützigen Teambasketballs scheinen ebenfalls vorüber, wenn man sich einige beliebige Spiele vom Beginn der aktuellen Saison in Erinnerung ruft. Es gibt durchaus eine Reihe von talentierten Spielern in Sacramento, doch das richtige Rezept, das Potenzial in Erfolg umzuwandeln, ist offensichtlich noch nicht gefunden. In diesem Artikel wird nun ein Blick darauf geworfen, wie es um den Backcourt, also die Guard-Situation der Kings, bestellt ist und warum der letzte Pick im Draft 2011 dabei eine so große Rolle spielt.

Egogezocke zu Saisonbeginn

Zunächst einmal zurück zum bereits erwähnten Saisonbeginn: Das Spiel der Kings war gekennzeichnet von sehr viel Eins-gegen-Eins-Basketball, von viel “Egogezocke”, wenn man es kritisch formulieren möchte. Ob nun Marcus Thornton, Tyreke Evans oder DeMarcus Cousins – wenn sie den Ball einmal in Händen hielten, gaben sie ihn oft nicht mehr her und suchten selbst den Abschluss. Es war ein Spielstil, der zu wenigen Assists, dafür aber zu umso mehr Ballverlusten führte: In den ersten 20 Saisonspielen beendeten die Kings ihre Partien achtmal mit mehr Turnovers als Assists. Tyreke Evans, der als Point Guard in der Starting Five auflief, tat und tut sich schwer, wenn es darum geht, das Angriffsspiel seiner Mannschaft zu initiieren. Er ist kein “klassischer” PG und wird dies auch nie werden. Seine Stärke ist es, seinen exzellenten Zug zum Korb auszuspielen, wodurch er durchaus auch Räume und offene Würfe für seine Mitspieler kreieren kann.

Evans ist primär ein Scorer, kein Spielmacher, und das gilt erst recht für Marcus Thornton, der seit gut einem Jahr der Shooting Guard in der Startformation der Kings ist. Thornton hat den deutlich besseren Wurf und auch den verlässlicheren Dreier (über einen “quick release” verfügt er außerdem) gegenüber Evans. Freilich bereitet gerade der Distanzwurf Thornton diese Saison Probleme: Seine Dreierquote ist mit 34,9 % so schlecht wie noch nie in seiner Karriere, gleichzeitig nimmt er mehr Dreier (normiert auf 36 Minuten sind es 6,2 pro Spiel) als je zuvor. Generell ist der Shooting Guard in der Offensive in dieser Spielzeit schwächer als letztes Jahr. Seine PER-, TS- und eFG-Zahlen fallen alle etwas ab gegenüber 2010/2011. Freilich muss man dabei auch bedenken, dass Thorntons Usage-Rate geringer ist als letzte Saison (23,3 gegenüber 24,4), und dass er auch etwas weniger Würfe nimmt (normiert auf 36 Minuten: 16,1 gegenüber 16,5).

Was aber ist insgesamt über die Backcourt-Paarung Evans-Thornton zu sagen? Auch wenn sie sich nicht gerade ständig auf den Füßen stehen (Thornton nimmt deutlich mehr Mitteldistanzwürfe und Dreier, während Evans weitaus häufiger in Korbnähe abschließt), so sind sich in ihrer Ausrichtung als Scorer, die den Ball in ihren Händen brauchen, um effektiv zu sein, zu ähnlich, um sich wirklich gut zu ergänzen.

College Hero – NBA Zero?

Eine mögliche Alternative holte sich Geoff Petrie, der General Manager der Sacramento Kings, im Draft 2011: Jimmer Fredette, ein 1,88 m großer und knapp 90 kg schwerer Guard, der in seinem letzten Collegejahr landesweit Furore machte und reihenweise individuelle Preise (u.a. als National Player of the Year) abräumte. Allerdings trat Fredette an der BYU in Utah vor allem als Scorer in Erscheinung, nicht als Spielmacher. Rein marketingtechnisch kann man die Draft-Entscheidung für Fredette durchaus als clever bezeichnen, denn die “Jimmermania” ist bis heute nicht abgeklungen. Fredette ist jemand, der die Massen begeistern kann und mit seiner Persönlichkeit fast überall gut anzukommen scheint. Aber auf dem NBA-Parkett macht er ganz banale Probleme durch, mit denen sich viele Rookies auseinandersetzen müssen. Und gerade gute Schützen im College tun sich oft schwer, ihre Wurffähigkeiten reibungslos an das NBA-Spiel anzupassen. Fredettes Quoten jedenfalls sind bislang alles andere als beeindruckend für einen Shooter: 38,5 % aus dem Feld, 36,7 % von jenseits der Dreierlinie. In seinen ersten gut 50 NBA-Spielen kommt Fredette im Schnitt auf 18,5 Minuten Einsatzzeit und durfte erst sieben Mal als Starter auflaufen.

Natürlich wäre es voreilig, den 23-Jährigen nach nicht einmal einer Saison als “Bust” abzustempeln. Es steht zu erwarten, dass er seine Fähigkeiten als Scharfschütze nach und nach auch auf NBA-Niveau besser entfalten kann. Doch wenn es darum geht, ob Fredette mittelfristig zum PG der Kings mutieren kann, ist Skepsis angebracht. Denn eine Mutation wäre wohl tatsächlich beinahe vonnöten, um aus ihm einen Spielmacher werden zu lassen, der in der NBA bestehen kann. Bislang jedenfalls deutet kaum etwas darauf hin, dass Fredette die Übersicht, die Passfähigkeiten und das Ballhandling hat, über die ein Point Guard auf diesem Niveau verfügen muss. Oftmals übernahmen selbst dann, wenn Fredette nominell der Point Guard auf dem Parkett war, andere Akteure den Spielaufbau. Immerhin aber glaubt sein Coach Keith Smart an ihn:

“Jimmer is a point guard. He sees things, he sees the floor, and we need that. We’re asking him to be more aggressive, and when he has open shots, to take the open shots. But he will help us – there is no doubt in my mind.”

Bis auf Weiteres bleibt Jimmer Fredette ein “work in progress”, und es wird sich zeigen, ob in ihm mehr steckt als ein SG im Körper eines PG.

Hilfe von unerwarteter Seite

An allerletzter Stelle im Draft 2011 wurde Isaiah Thomas gewählt, (heute) 23 Jahre alt und mit 1,75 m nicht gerade über NBA-Gardemaß verfügend. Doch dieser (nach Basketballmaßstäben) kleine junge Mann hat sich innerhalb weniger Monate ins Rampenlicht gespielt – was nicht nur in Sacramento, sondern auch ligaweit Beachtung fand. Am 17. Februar 2012 durfte Thomas zum ersten Mal als Starter das Parkett betreten, passenderweise gegen die Detroit Pistons, denn nach deren früherem Star Isiah Thomas ist er benannt. In den zwei Monaten seitdem hat sich Thomas in die Startformation der Kings und die Herzen der Fans gespielt. Auch die nackten Zahlen können sich sehen lassen: Als Starter kommt Isaiah Thomas auf 15,2 Punkte und 5,1 Assists bei 48,2 % aus dem Feld (39,6 % Dreier); von der Bank kommend traf er nur 38,3 % bzw. 32,9 % (Dreier) seiner Würfe. In den Monaten Februar und März wurde der aus Tacoma, Washington, stammende Spieler als “Rookie of the Month” ausgezeichnet – nicht schlecht für den 60. Draftpick.

Thomas ist zudem ein “natürlicher” Point Guard, der sein Spiel im Gegensatz zu Evans oder Fredette nicht erst umstellen muss, um auf dieser Position zurecht zu kommen. Generell passt er gut zum Fastbreak- und Transition-Basketball, den Trainer Keith Smart vermehrt spielen lässt. Dieser Spielstil kommt auch Spielern wie Evans und Thornton durchaus entgegen; etwas weniger glücklich darüber dürfte hingegen Center DeMarcus Cousins sein, der als klassischer Low-Post-Spieler eher auf Halfcourt-Sets angewiesen ist. Bei aller Begeisterung über Isaiah Thomas darf man freilich nicht vergessen, dass er aufgrund seiner vergleichsweise geringen Körpergröße in der Defensive ein Mismatch gegen die meisten gegnerischen Point Guards darstellt. Und man wird auch sehen müssen, ob er sein Niveau der letzten beiden Monate halten kann bzw. was passiert, wenn er vermehrt auf Scouting Reports anderer Teams auftaucht (man denke in diesem Zusammenhang an Jeremy Lin).

Fazit und Ausblick

Für den Augenblick scheint also eine Lösung für die Backcourt-Zusammenstellung bei den Sacramento Kings gefunden: Isaiah Thomas als Point Guard, Marcus Thornton als Shooting Guard. Das bedeutet nicht nur, dass John Salmons zukünftig von der Bank kommen wird, sondern vor allem auch, dass Tyreke Evans sich auf der Position des Small Forward versuchen muss. Dafür muss er weiterhin an seinem Wurf arbeiten und sich idealerweise einen zumindest halbwegs verlässlichen Dreier antrainieren. Zudem muss man abwarten, wie effektiv Evans sein kann, wenn er den Ball deutlich weniger als bisher in seiner Karriere in Händen haben wird.

Insgesamt gesehen lässt sich für die Kings Licht am Horizont erkennen: Die Tage des allzu oft planlos wirkenden Individual-Basketballs vom Beginn der Saison scheinen vorbei, seit man versucht, sich offensiv vor allem ans Transition-Team zu definieren. Und seit Isaiah Thomas zum Starter befördert wurde. Mit ihm auf der Eins kann man hoffen, dass die Angriffe mit mehr Übersicht eingeleitet werden – und dass ein Ball auch in Sacramento genug sein wird.

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4 comments

  1. Dennis Spillmann

    Schöner Artikel, Sebastian.

    Was ich mich nur frage: Ist Thomas wirklich eine Lösung für dieses Team? Er ist zweifellos ein besserer fit als alle anderen Scoring-Guards im Team, aber als guten fit sehe ich auch ihn nicht. Ich sehe eher einen JJ Barea in ihm, der durch seine Schnelligkeit und Wurfstärke Räume öffnet, dazu auch den Blick für den Nebenmann hat, aber eigentlich zunächst Instant Offense bietet. Ein Starting Point Guard eines Playoff-Teams sieht anders aus.

    Deswegen würde ich auch schauen, ob es nicht sinnvoller ist, doch noch mal einen Pass-First-PG zu bekommen. Kendall Marshall wäre natürlich sehr interessant, aber da die Kings spätestens an #7 draften, ein unglaublicher Reach. Deshalb muss man aus meiner Sicht traden – und da ist es auch fast egal, wen es erwischt. Meinetwegen auch Evans. Thornton hat man mit Geld zugeschüttet, den nimmt niemand ab. Salmons hat nach dieser Saison keinen sportlichen Wert mehr und einen unglaublich schlimmen Vertrag. Es bleibt im Prinzip nur Evans als Tradeasset übrig.

    Pass-First-PG/Thomas
    Thornton/Salmons
    Salmons/Garcia

    sieht auf den kleinen Positionen auch nicht gerade berauschend aus, aber dürfte bei ordentlichem Gegenwert (sagen wir nur mal, dass es Jose Calderon würde) einfach besser zusammenpassen. Dazu käme noch ein hoher Draftpick, der am besten in Anthony Davis (das absolut beste Komplement zu DeMarcus Cousins), Thomas Robinson (der harte Arbeiter neben Cousins), Michael Kidd-Gilchrist (Leader und Motor auf der dann verwaisten SF-Stelle) oder – wenn es schlecht läuft und es keinen Top 3 Pick gibt – Harrison Barnes (Starter auf SF) investiert werden sollte.
    Ich sehe Evans auch sportlich nicht als Verlust an, wenn man einen Spielgestalter erhalten kann.

  2. Jonathan Walker

    Pass-First-PG/Thomas
    Thornton/Salmons
    Salmons/Garcia

    Siehst du keine Chance, dass Terrence Williams gehalten wird?

  3. twinpeaks

    |Author

    @Dennis:

    Mir ging es ja hauptsächlich um die Gegenwart, und da muss man wohl oder übel Thomas schon als deutlichen Fortschritt zu den anderen PG-Versuchen in dieser Saison sehen.
    Wenn man weiter nach vorne blickt, so hast du sicher recht: Thomas ist im Normalfall kein Starter eines wirklichen Playoffteams. Und er ist auch nicht der ideale Fit, gerade dann nicht, wenn man das Offensivspiel auf Cousins zuschneiden will (was ja zweifelsohne auch sinnvoll wäre). Idealerweise hätte man dann in der nahen Zukunft einen ordentlichen Pass-First-PG, und Thomas käme von der Bank.
    Ich denke auch, dass mittelfristig entweder Thornton oder Evans getradet werden. Dein Punkt mit Thorntons Gehalt ist nicht von der Hand zu weisen – aber irgendwie hoffe ich noch, dass Evans bleibt, weil ich (mag etwas unrealistisch sein) immer noch ‘ne Menge Upside bei ihm sehe (auch defensiv z.B.).

  4. Dennis Spillmann

    Siehst du keine Chance, dass Terrence Williams gehalten wird?

    Doch, sehe ich, auch wenn ich nicht weiß, ob ich das gutheißen soll. Williams ist ein weiterer Headcase, der sich selbst bei zwei Lotteryteams nicht durchsetzen konnte. Wenn man schon die Last Cousins herumtragen muss, würde ich das Risiko nicht eingehen wollen.

    Ich denke auch, dass mittelfristig entweder Thornton oder Evans getradet werden. Dein Punkt mit Thorntons Gehalt ist nicht von der Hand zu weisen – aber irgendwie hoffe ich noch, dass Evans bleibt, weil ich (mag etwas unrealistisch sein) immer noch ‘ne Menge Upside bei ihm sehe (auch defensiv z.B.).

    Man hat ja auch noch Jimmer Fredette, der komplett nutzlos für dieses Team ist. Diesen könnte man ja ebenfalls abgeben. Für Fredette ist in diesem Team überhaupt kein Platz. Die Kaderzusammenstellung ist einfach unglaublich katastrophal, sodass jeder halbwegs vernünftige Trade dem Team sehr helfen kann.


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