Draft

Huskies ohne Biss

Vor der Saison waren die Huskies ein sicherer Tipp für das Final Four. So ziemlich jede relevante Collegewebseite sah den Meister des Vorjahres auch in dieser Spielzeit unter den besten vier Teams für den März 2012. Auch wir hatten Connecticut in unserer NCAA Saisonpreview eine potentielle Rückkehr in ein Tournamenthalbfinale zugetraut und sogar den Repeat im Bereich des Möglichen gesehen. Diese Einschätzung änderte sich auch im ersten Saisonverlauf kaum. Auch in unserem Podcast zur NCAA Spielzeit war UConn klar als eines der besten acht Teams der Collegewelt anzusehen. Dies hat sich nun drastisch geändert. Die Mannschaft spielt seit dem Jahreswechsel ziemlich bescheiden und fiel nun vor einigen Wochen sogar aus der Top 25. Selbst die Teilnahme am „Big Dance“ scheint nicht mehr sicher zu sein. Wie konnte es dazu kommen?

Von Papier…

Eine Titelverteidigung – diese hat es in den letzten 20 Jahren am College nur zweimal gegeben. Nur die 1992er Mannschaft der Duke Blue Devils um Christian Laettner und Grant Hill und das Team der Florida Gators von 2007 mit Joakim Noah und Al Horford vollbrachten in diesem Zeitraum dieses Kunststück. Den Huskies der Spielzeit 2011/12 räumte man zumindest berechtigte Chancen ein. Aus der Luft gegriffen erschien diese Einschätzung auf keinen Fall. Man verlor mit dem Guard Kemba Walker nur einen Leistungsträger an die NBA und hatte sogar für mehr als adäquaten Ersatz gesorgt.

Auf dem Papier hat man eine klasse Mannschaft zusammen. Flügelspieler Jeremy Lamb feierte im letztjährigen Tournament und auch im Sommer bei der U21 Nationalmannschaft gleich mehrere Breakoutparties. Die Mockdraftseiten liebten fortan den etwas schlaksig daherkommenden Scorer und sahen den neuen Go-to-Guy der Huskies als sicheren Lotterypick an. Chancen auf die Top 5 wurden ihm bei einem guten Sophmorejahr eingeräumt.
Zusätzlich fügte UConn in einer recht überraschenden Nacht- und Nebelaktion das wohl interessanteste Centerprojekt seit Greg Oden hinzu. Andre Drummond, vor der Saison als recht sicherer #1 Pick der Draft 2012 gehandelt, entschied sich in letzter Minute dazu die Huskies in der diesjährigen Saison zu verstärken. UConns Fans freuten sich über diese unglaublich talentierte Naturgewalt, die nun für sie auf der Fünf auflaufen und die verlässliche Lowpost Option bilden sollte, die man im Meisterjahr nicht hatte.

Den Verlust von Kemba Walker würde man mit dem Duo Napier/Boatright ausgleichen können. Sophmoreaufbau Shabazz Napier zeigte schon im letzten Jahr, dass er sich auch einmal Hoffnung auf eine Anstellung in der NBA machen kann. Hinter Walker lieferte er mit klugem Aufbauspiel einen wichtigen Beitrag zur Championship. Nun war seine Zeit als Starter gekommen, eine Chance sich zu beweisen und sich einen Namen zu machen. Freshman Boatright passte perfekt dazu. Der pfeilschnelle Comboguard war dafür eingeplant, mit seinem Talent zu punkten und den für andere Mitspieler kreiieren zu können, von der Bank kommend als Sixth Man beide kleinen Positionen zu beackern. Instant Offense sollte er verkörpern und in manchen Saisonsequenzen sogar als Teilzeitstarter fungieren.

Auch den wichtigsten Big Man des letztjährigen Wunderlaufes hielt man, Alex Oriakhi. Endlich nicht mehr auf sich allein gestellt, würde der Brettspieler weiterhin unter den Körben aufräumen und den Löwenanteil der anfallenden Drecksarbeit der Huskies schultern. Komplettiert von guten Rollenspielern, wie Tyler Olander und Roscoe Smith, hatte Erfolgscoach Jim Calhoun (NCAA Champ ’99, ’04, ’11) wieder eine Truppe zusammen, die einen tiefen Tournamentritt versprach.

…und Praxis

Zunächst startete man standesgemäß und seinem Talent entsprechend. In der ersten Saisonhälfte spielte man extrem erfolgreich und wurde zwischenzeitlich an #4 in den verschiedensten Collegerankings und – polls geführt. Eine Bilanz von 12 Siegen bei nur einer Niederlage stand zu Jahreswechsel zu buche. Seitdem konnte man nur fünf weitere Erfolge feiern und musste sich satte elfmal geschlagen geben. Die Mannschaft agiert verunsichert und gehemmt. Wie konnte es zu einem solchen Leistungsumschwung kommen? Welche Faktoren spielen hier mit herein?

Ein Erklärungsversuch: Zunächst muss man die seither bespielte Konkurrenz anführen, die stärker als die Gegner vom Saisonbeginn sind. Mit dem 28. Dezember begann für Connecticut die sogenannte Conferenceseason. Man musste sich von da an mit Teams aus der eigenen Liga, der Big East, auseinandersetzen. Diese ist eine der renommiertesten NCAA-Verbände und beherbergt Traditionsprogramme wie Syracuse, Georgetown, Louisville und Marquette. Bis zu diesem Punkt hatte man in Florida State nur einen ernstzunehmenden Gegner vor der Brust. Im Big East Play darf man sich bei der hohen Leistungsdichte keine Auszeiten erlauben. Ein Schrumpfen der bisherigen Siegquote war also definitiv wegen dem härter werdenden Schedule einzuplanen.

Ein solcher gravierender Einbruch, wie ihn die Huskies aber in dieser Saison erlitten haben, hat aber noch andere Gründe. Es gibt klare Probleme auf dem Feld, aber auch abseits des Feldes.

Schaut man sich die Spiele und auch die dazugehörigen Statistiken Connecticuts an, fallen einige Punkte auf. Während des Runs zu Saisonbeginn agierte man sehr souverän. Die Defensive war klasse und offensiv spielte man effektiv. Fast 75 Punkte erzielte man im Schnitt gegen die schwachen Out of Conference Teams. Gegen Mannschaften aus der Big East sind es durchschnittlich nur noch 63 Zähler pro Spiel, weil offensiv innerhalb einer Liga besser gescoutet und Ausrechenbarkeit sowie Schwächen durch mehr Filmstudium auf der Gegenseite eher bestraft werden. Die Huskies schaffen es seither nicht mehr konstant Punkte auf die Anzeigentafel zu bekommen, obwohl man talentierte Scorer im Kader hat.

Zum einen ist dies auf Fehler im System zurückzuführen. Zu Saisonbeginn waren diese noch teilweise verständlich. Center Drummond wurde extrem spät zur Mannschaft hinzugefügt und musste so erst noch eingebunden werden. Und auch Guard Boatright ist verspätet zum Team gestoßen, da er wegen gewissen „illegal erhaltenen Zuwendungen“ zur High School Zeit zunächst sechs Spiele gesperrt war. Aber nach den ersten Spielen sind dann einige Punkte nicht mehr mit solchen Ausreden abzutun.

Man verfügt mit Oriakhi und vor allem Drummond über zwei potente Optionen unter dem Brett, die – konstant eingesetzt – für einige leichte Punkte und frustrierte gegnerische Frontcourts sorgen sollten. Diese beiden überdurchschnittlich talentierten Big Men werden von den Guards aber viel zu wenig eingesetzt. Zusammen erhalten beide pro Spiel nur rund 15 Wurfversuche. So oft feuert Flügel Jeremy Lamb fast allein auf den Korb. Ein Fehler, da sowohl Drummond (54%FG) als auch mit Abstrichen Oriakhi (49%FG) hochprozentig abschließen. Nur Drummonds unentschuldbare Freiwurfquote von 31% kann hier als Teilentschuldigung angeführt werden. Das Spiel der Huskies ist also klar zu perimeterlastig.
Das Trio Napier/Lamb/Boatright versucht im Schnitt rund 14 Würfe von jenseits der Dreierlinie, und das obwohl nur Boatright mehr als ein Drittel seiner Versuche aus dieser Distanz trifft. Connecticut macht sich extrem abhängig vom eigenen Sprungwurf und musste dafür bezahlten. Im Januar verlor man regelmäßig wegen schlechten Shootingperformances. Gegen schwache Gegner wie Rutgers und Tennessee verlor man aufgrund unterirdischer Wurfquoten von 36 bzw 37FG%. Shooting Slumps und schlechte Wurfauswahlen des vormals schon beschriebenen Trios Napier/Lamb/Boatright maximierten sich. Diese Entwicklung gipfelte im Spiel gegen Georgetown am 1. Februar. Die „Ballermänner“ trafen kombiniert sagenhafte 4 von 31 Würfen aus dem Feld. Drummond und Oriakhi brachten am selben Tag 9 von ihren 13 Versuchen um Korb unter. 44 Punkte erzielte man in 40 Minuten Spielzeit…

Ein Anführer, der für sinnige Entscheidungen sorgt und das Spiel lenkt, fehlt an allen Ecken und Enden. Jeremy Lamb, dem diese Rolle zugedacht war, übernimmt zwar gern die Scoringhauptlast des Teams, aber fühlt sich mit seinem eher ruhigen Wesen im zweiten Glied wohler. Auch kein anderer Spieler scheint sich dazu genötigt zu fühlen, vorzutreten und diese Leaderposition für sich zu beanspruchen.

Diese Thematik wurde auch schon abseits des Feldes zu einem aufkommenden Problem. Coach Calhouns Kommentar zur teaminternen „Leadership“, welches er im Januar abgab, ist schon mit Argwohn zu betrachten:

“There’s not a lack of it,” he responded, curtly. “There’s none.”

Shabazz Napiers Antwort auf eine ähnliche Fragestellung offenbarte dann aber, dass in der Mannschaft wirklich etwas nicht funktioniert:

“I try to tell the guys, I feel as if I’m their best leader. Sometimes they give me a chance, sometimes they don’t,” Napier continued. “That’s just how it is. It’s just basketball, I guess. Losing like this, I’m not here to … be the captain because it gives you an ego boost. I’m here to win games. I hate losing games as much as anybody in the world. I try my best to be a leader, even though guys don’t give me a chance to be that person. “

Kemba Walker – nun in der NBA bei den Charlotte Bobcats unter Vertrag – fehlt Connecticut mehr als es sie es wohl zugeben möchten. Sportlich fehlt seine ordnende Hand und seine Clutchfähigkeit, um enge Spiele nach Hause zu bringen. Aber das Loch, welches der Verlust seiner Persönlichkeit und Führungsqualitäten bedeutet, ist noch gravierender als die Summe seiner Punkte, Rebounds und Assists. Seine Person hätte diesen Hick-Hack und Konflikte, wie zu Saisonbeginn, verhindert, als Oriakhi Unzufriedenheit hinsichtlich der Drummondaddition äußerte. Er beschwerte sich über seine sinkenden Spielminuten und seine zwischenzeitliche Verbannung auf die Bank, kleine Fehde via Twitter inklusive. Diese beiden Fauxpas zweier Schlüsselspieler lassen einen klaren Schluss auf das Mannschaftsklima zu.

Jetzt stellt man sich abschließend die Frage warum ein Topübungsleiter, wie Jim Calhoun es ist, einem solchen Prozess nicht entgegenwirken konnten? Die Antwort ist einfach. In diesem Jahr hatte Coach Calhoun kaum eine Chance sein Team ordentlich zu betreuen und wirklich Einfluss zu nehmen. Die NCAA ließ ihn zwischen dem 28.12 und 3.1 drei Spiele Sperre absitzen, die noch aus Recruitingverstößen aus der Vergangenheit stammte. Seit dem 4. Februar fehlte Calhoun aufgrund von gesundheitlichen Problemen dann komplett, übergab seinen Posten an Assistent George Blaney und musste sich den Zusammenbruch seiner Truppe teilweise von Krankenhaus aus ansehen. Eine Rückkehr vor dem Tournament scheint wohl im Bereich des Möglichen, aber ist keinesfalls sicher.

Ausblick

Eine total verkorkste Saison des amtierenden Meisters neigt sich dem Ende zu. Vom Titelfavoriten wurde man zu einem Team, welches um eine Teilnahme am „Big Dance“ ernsthaft bangen muss, sofern man die nächsten beiden Spiele nicht souverän gewinnt. Erreicht man aber das Tournament doch und rauft sich zusammen, kann man zu einem Team werden, das keiner spielen möchte.

Im Juni sollten sich dann aber, Tournamentteilnahme hin oder her, zwei Huskiespieler zur Draft anmelden und in der Lottery gezogen werden. Andre Drummond wird seinen Status als Top 3 Pick nicht durch ein weiteres Jahr am College gefährden. Jeremy Lamb sollte auch versuchen, in das Profilager zu wechseln. Sein Draftstock ist kaum noch zu verbessern. Connecticut droht in der nächsten Saison ein Ausschluss vom NCAA Tournament wegen der schlechten APR (acadamic progress rate), also des geringen Anteils der Sportstipendieninhaber, die auch wirklich ihren Abschluss schaffen. Eine Rückkehr von Drummond sowie Lamb könnte für beide fatale Folgen haben.

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3 comments

  1. Smido83

    Und gerade wurde UConn im Viertelfinale des Big East Turniers von Syracuse geschlagen! 58:55 für die Orange in einem… nennen wir es einfach mal von Taktik und Defence dominierten Spiel! 😉

    UConn steht somit bei 20:13 diese Saison! Solch ein talentiertes Team, welches solch eine schlechte Bilanz aufweist, sollte wirklich nicht zum Turnier eingeladen werden! Welch ein Zeichen sendet das sonst an all die “schwächeren” Teams, welche jedoch insgesamt und in ihren Conferences besser abgeschlossen haben? Ihr könnt alles geben, eine riesen
    Saison spielen, aber wir laden trozdem die großen Namen ein… egal wie schlecht deren Saison auch gewesen ist!

    Klar, sie haben eine der härtesten Schedules gespielt, aber als Top 4 gehandeltes Team und klarer Anwärter auf den 1. Platz in der Conference, sollte man besser als auf Platz 10 der selbigen und einer Niederlage im Viertelfinale des Turniers abschneiden!

    Auf der anderen Seite hat Syracuse heute eines bewiesen. Sie sind ein wahrer Titelanwärter, welcher auch wenn offensiv nicht viel zusammenläuft, jedes Spiel dank seiner Defence gewinnen kann! Beeindruckend ist vor allemeines, die Tiefe der Rotation. Da haben die “Stars” des Teams mal einen schlechten Tag (Joseph 1/7, Jardine 0/6 Fair 0/4), dann übernehmen eben die anderen wichtigen Rollenspieler (Waiters 8/11 für 18 Punkte) bzw. die Bankspieler (Southerland 3/6 für 10 Punkte) das Kommando!

  2. Tobias Berger

    |Author

    1. UConn wurde vor der Saison von den Medien als Top 4 Team eingeschätzt und an diesen Erwartungen gemessen. Was können sie dafür wenn sie aus medialer Sicht “schlechter spielen als sie es könnten/müssten” etc? Den Huskies wegen dem Verfehlen dieser an sie gestellten Erwartungshaltung das Tournament zu verwehren, wäre aus meiner Sicht falsch. Man sucht es sich nicht selbst aus Favorit zu sein. Das Selection Committee wird sich UConns Leistungen ansehen und diese halbweg fair bewerten.

    2. Diese Frage Big Conference vs Mid Major gibt es schon lang und in diesem Jahr könnte eine Entwicklung hin zu den starken Teams aus schwächeren Conferences geben, gerade weil Mid Major Teams in den letzten Jahren auftrumpfen konnten. Butler und VCU stechen hier heraus. Hinzu kommt das extrem schlechte Abschneiden der Big East im letzten Jahr. Ultimativ muss man aber mal den Sonntag abwarten. Wir werdens erst da sehen, ob man lieber die Seton Halls oder doch die Ionas dieser Welt ins Tunierfeld bewegt.

    3. Dass große Namen und Conferences allein zu Tournamentbid führen ist Quatsch. Aktuellste Entwicklung hierzu ist das laufende Pac 12 Tournament. Washington (Regular Season Champ) verlor heute an #1 gesetzt gegen Außenseiter Oregon State, die als #9 ins Tunier gingen. Vorher sah man Washington als recht sicheres Team fürs Tournament. Mit der Niederlage ist man zu einem Bubbleteam geworden. Die grausige Pac 12 könnte im diesen Jahr als Major Conference eventuell ein Team per Automatic Bid ins Feld schicken.

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