New York Knicks

Wie gut ist Jeremy Lin wirklich?

Das haben wohl nur die kühnsten Optimisten erwartet. Ursprünglich nur als Übergangslösung für die Position des dritten Point Guards geholt, zeigt Jeremy Lin in New York ein vollkommen unbekanntes Gesicht. In den vergangenen drei Partien erzielte der ehemalige Harvard-Student mehr als 20 Punkte (jeweils Career-Highs mit 25 und 28 Punkten). Zwei elektrisierende Auftritte in der berühmtesten Arena der Welt in zwei Spielen plus eine überzeugende Leistung gegen die Wizards, die Lust auf mehr machen.
Ich muss gestehen, dass ich trotz der großartigen ersten Performance doch sehr skeptisch war, nachdem die Knicks verkündet hatten, dass Lin als Starter gegen die Jazz auflaufen würde. Nach der zweiten “Career-Night” sind erste Zweifel bereinigt, aber zu verkünden, dass er die neue Point Guard-Hoffnung der Knickerbockers ist, halte ich dann doch für übertrieben. Zu inkonstant war seine Karriere bisher und zu wenig konnte er in Golden State überzeugen. Das soll jedoch auf keinen Fall heißen, dass Lin diese Rolle nie einnehmen wird. Auch im dritten Spiel gab es keine Anzeichen von einer Schwächephase. Ganz im Gegenteil, er verteilte noch einmal mehr Assists und zeigte, dass er auch auswärts bestehen kann, wobei die Wizards natürlich kein Maßstab für die Ansprüche der Knicks sind.

Das Spiel des Jeremy Lin

Gegen die Nets spielte der 23-Jährige gegen Deron Williams und hatte zumeist keine Probleme, zum Korb zu ziehen. Auch seine Passqualitäten kamen dabei zum Vorschein, von denen vor allem Tyson Chandler mehrmals profitierte. Beim Drive behielt Lin die Übersicht und scorte auch mit Kontakt. Auch defensiv machte er auf sich aufmerksam und hielt Williams ein Viertel bei null Punkten. Selbstbewusst übernahm der 1.91 Meter große Absolvent der Betriebswirtschaft Verantwortung in der Crunchtime und beeindruckte das Publikum. Das Spiel gegen die Utah Jazz verlief nicht anders, eher noch positiver. Dass Lin einmal das Team praktisch alleine zum Sieg führen würde, hielt doch wohl kaum einer für möglich. 

Schon zu Beginn des Jahres machte der US-Amerikaner taiwanesischer Herkunft in der NBDL auf sich aufmerksam, indem er ein Tripple Double für die Erie Bayhawks auflegte. Seitdem durfte er nur einmal über mehr als 7 Minuten für die Knicks auf das Parkett. Doch das änderte sich schlagartig gegen New Jersey, wo es dann gleich 36 waren (45 gegen Utah und 36 gegen Washington)). Seine durchschnittlichen Statistiken von 9 Punkten und 3.5 Assists sind zwar solide, aber zu selten durfte er auf das Parkett, um wirklich Einfluss nehmen zu können. Nun hat sich genau das geändert und mittlerweile weiß fast jeder, was in ihm steckt. 

Lin besticht mit einem sensationellen Drive zum Korb, welcher durch einen enorm schnellen ersten Schritt vereinfacht wird. Da er seinen direkten Gegenspieler zumeist relativ schnell hinter sich lässt, ergeben sich viele Chancen für Kick-Outs und Durchstecker oder Alley-Oops, die der Aufbau auch effektiv nutzt. Was ihm offensiv fehlt, ist ein solider Distanzschuss. Nur einer von zehn Würfen traf in den vergangenen drei Spielen sein Ziel. Lin ist allgemein ein Spieler, der es versteht, in die Zone zu gelangen und auch genau weiß, dass dies seine Stärke ist. Dort nahm er 23 Würfe (letzten drei Spiele) und verwertete 19 davon. Außerhalb dieses Bereiches nahm er insgesamt nur 25 Würfe und traf 10. Das zeigt, wie limitiert sein Offensivspiel doch eigentlich ist. Es ist damit zu rechnen, dass sich die gegnerischen Teams in den nächsten Wochen darauf einstellen. Dann müssen sich die Quoten aus der Distanz deutlich verbessern. In seiner letzten College-Saison netzte er immerhin 34 Prozent seiner Würfe von Downtown ein. Defensiv gab es gute und schlechte Phasen. Durch seine Größe werden ihm größere Point Guards weniger Probleme bereiten, trotzdem legte John Wall 29 Punkte auf, was nicht unbedingt für ihn spricht. 

Die Aussichten in New York

Die Point Guards der New York Knicks, eine Story voller Dilemmas. Nachdem Toney Douglas nicht überzeugen konnte, durfte Iman Shumpert starten. Der Rookie zeigte zwar keine schlechten Leistungen, seine Wurfauswahl und die Fähigkeiten als Floor General das Spiel zu leiten, ließen aber zu Wünschen übrig. Jetzt soll es Lin richten und bis jetzt waren die Leistungen beeindruckend. Doch was passiert, wenn die Knicks mal nicht mit einem fantastischen Publikum im Rücken spielen und die beiden Stars zurückkehren? Wie effektiv kann Lin sein, wenn er keine 19 Würfe nehmen kann und diese Freiheiten bekommt? Es werden auch wieder schwächere Partien kommen, es ist nur die Frage, ob und inwiefern er sein Spiel konstant auf ein solides Niveau heben kann. Wenn ihm dies gelingt, war die Verpflichtung ein absoluter Glücksgriff und beide Seiten werden davon profitieren. Wenn man aber mal ehrlich ist, erwartet man im Big Apple aber doch eher, dass er scheitert, wie all die anderen Point Guards vor ihm. Nun ist es an der Zeit, dass Jeremy Lin bestätigt, dass er keine Eintagsfliege ist.

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