NCAA Previews 11/12

College Preview: North Carolina Tar Heels

North Carolina Tar Heels, ACC

2010-11: 29-8; NCAA Tournament: Elite Eight.

Die Saison abhaken. Mit großen Erwartungen in die Saison gestartet, schwächelte zunächst der Vorzeige-Jungstar Harrison Barnes sowie das gesamte Team und konnte die Saison nach einem Zwischenspurt nicht weiter als bis zur Elite Eight bringen. Nach dem Titel 08/09 folgte ein Absturz ins NIT Tournament und nun eine weitere enttäuschende Saison. Großer Ärger also in Chapel Hill? Nein, denn das Ende der Saison war für die Tar Heels nicht das Ausscheiden im Tournament, sondern die darauffolgende Offseason. Die wichtigsten Spieler konnten der Verlockung der NBA widerstehen und bleiben für ein weiteres Jahr und neuverpflichtete Jungstars ergänzen den Kader, der vom Klang der Namen an North Carolinas Meistermannschaften von 2004/05 und 2008/09 erinnert. Führt die kommende Saison UNC wieder zum National Title?

Wer ging?

Der einzige nennenswerte Abgang war der von Larry Drew II und dieser fand schon im Februar statt. Der Junior war noch in seiner Recruiting Class 2008 sehr umworben und galt nach Brandon Jennings und Kemba Walker (sowie Tyreke Evans und Jrue Holiday, die als Shooting Guards gesehen wurden) als dritttalentiertester Point Guard des Jahrgangs. Für viele war er schon in der Katastrophensaison der Tar Heels 2009/10 der Sündenbock, in diesem Jahr stand der recht balldominante Drew auch noch im Kontrast zum Publikumsliebling Kendall Marshall, der mit seiner uneigennützigen Spielweise deutlich teamorientierter agierte. Letztlich kann man den Verlust des Aufbauspielers eindeutig als „Addition by subtraction“ einordnen, da die schnelle Spielart, die Roy Williams spielen lässt, einen Ballführer braucht, der die richtigen Entscheidungen in der Early Offense treffen kann, etwas, was Larry Drew II nicht hinbekam. So beendeten die Tar Heels die Saison nach dessen Versetzung auf die Bank (und späteren Abgangs) mit 17 Siegen und drei Niederlagen, während man mit ihm als Starter nur zwölf Siege und fünf Niederlagen einfuhr.

Wer kam?

Mit James McAdoo kommt der Neffe des ehemaligen NBA-MVPs Bob McAdoo, ein hochtalentierter Big Man, der den ohnehin schon starken North Carolina-Frontcourt noch verstärken wird. Aufgrund seines reifen Spiels und seiner technischen Voraussetzungen kann er neben Zeller oder Henson spielen und wird von der Bank spielend bereits in seiner Freshman-Saison positiven Einfluss auf das Spiel haben. Dazu kommt eine gute Athletik, was einem zeitweise gar nicht auffallen wird, da McAdoo noch nicht wirklich explosiv spielt und deshalb noch einige Möglichkeiten verpasst, auch mit Körperkontakt des Verteidigers zu punkten. Da er körperlich für sein Alter recht weit ist und breite Schultern besitzt, wird er sowohl in der Verteidigung als auch beim Kampf um die Rebounds eine Hilfe für die Tar Heels darstellen.

Damit McAdoo und die zwei weiteren Innenspieler auch genug Platz zum Agieren haben, wurde PJ Hairston rekrutiert, der ein exzellenter Spotup-Shooter mit unbegrenzter Range ist. Sein Körper war schon auf der High School bereit für das College und seine Stärke lässt ihn auch in Korbnähe zu einem gefährlichen Punktesammler werden. Am Ballhandling sowie dem Midrange Game muss noch gefeilt werden, jedoch wird Hairston als Backup von Barnes für einige Punkte sorgen können.

Um den Abgang von Henson in die NBA im nächsten Jahr schon mal vorzubeugen hat man noch Desmond Hubert verpflichtet, der einen ähnlichen Spielertypen darstellt, wenn auch weniger talentiert. Wie Henson ist Hubert 6’10 groß, athletisch, blockt gerne Würfe und läuft gerne den Break. Doch auch wenn der Big Man nicht untalentiert ist, wird es wohl in dieser Saison dennoch nur für Garbage-Minuten reichen.

Wer blieb?

Interessanterweise ist der Hoffnungsträger der Saison keiner der wohl sicheren 1st Round Picks des nächsten Drafts (Barnes, McAdoo, Henson, Zeller), sondern ein Sophomore Point Guard, der sich bisher in gerade einmal 20 College-Spielen als Starter beweisen durfte.
Kendall Marshall ist sicher nicht der talentierteste Spieler dieses Kaders, aber einer, der in Roy Williams’ Running-Philosophie eine wichtige Rolle einnimmt. In einer Basketballwelt, in der jeder junge Aufbauspieler spielen will wie Derrick Rose oder Russell Westbrook, kommt Marshalls Spiel ungewöhnlich alt rüber. Er besitzt keine herausragende Athletik und ist kein guter Scorer, dafür versteht der Sophomore es wirklich gut, andere in Szene zu setzen. Dabei kreiert er durch exzellentes Stellungsspiel Passmöglichkeiten für seine Mitspieler, sodass diese entweder direkt abschließen können oder den Ball, aus der Bewegung kommend, erhalten und somit dem Verteidiger einen Schritt voraus sind. In dieser Hinsicht gleicht seinem Passspiel ein wenig dem von Mark Jackson, wobei er auch zeitweise mit kreativen Anspielversuchen an Steve Nash erinnert. Hiermit soll auf keinen Fall die spielerische Qualität der genannten Spieler miteinander verglichen werden, hier geht es ausschließlich um seine Fokussierung auf das Offensivspiel. Natürlich unterlaufen ihm auch Fehler, die aber überwiegend mit der Unerfahrenheit erklärt werden können, sodass die 6.1 Assists, die er auf seine 2.5 Ballverluste spielt, durchaus auf guter Entscheidungsfähigkeit schließen lassen. Davon profitieren vor allem die Mannschaftskameraden, wie z.B. Harrison Barnes, dessen Leistungssteigerung sicher nicht zufällig in der zweiten Saisonhälfte kam, als Marshall startete. Um noch gefährlicher zu werden, sollte der Point Guard allerdings noch an seiner Korbgefahr arbeiten, vor allem ein verbesserter Distanzwurf dürfte für einiges an Bewegungsfreiheit und damit für bessere Möglichkeiten für ihn und seine Mitspieler sorgen.

Der talentierteste von jenen Mitspielern ist mit Sicherheit Harrison Barnes. Während er unter Larry Drews Führung kaum Rhythmus fand und sein hervorragendes Mitteldistanz-Spiel kaum Früchte trug (37% aus dem Feld), schoss er unter dem neuen Point Guard 46% aus dem Feld und 37% Dreier. Mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen zeigte er auch, dass er in kritischen Spielsituationen übernehmen konnte und half seinem Team unter anderem mit Clutch Plays gegen Clemson zum Sieg. Trotz der enttäuschenden ersten Spielhälfte, die vor allem an Barnes’ athletischen Fähigkeiten zweifeln ließ, gilt er weiterhin als Top 5-Pick. Der Small Forward war schon als High Schooler reifer als so mancher Profi, hat eine vorbildliche Arbeitseinstellung, ist smart und damit ein perfekter Mitspieler für jedes Team. Dazu kommt sein spielerisches Talent, das aus einem guten Wurf- und Midrange-Spiel besteht und ein nahezu völlig komplettes Grundlagenspiel aufweist. Barnes will sich beweisen und dabei nicht nur als zukünftiger NBA Spieler vorspielen, sondern vor allem als Führungsspieler – eine perfekte Situation für das Team von der Universität aus North Carolina.

Die perfekte Situation liegt auch im Frontcourt vor. Obwohl Tyler Zeller und John Henson in der letzten Saison überzeugen konnten und vermutlich beide gedraftet worden wären, entschieden sich beide, ein weiteres Jahr auf dem College zu spielen. Henson kommt in sein drittes Jahr und ist ein dürres, athletisches Blockmonster, das von den körperlichen Voraussetzungen perfekt in die NBA passen würde. Sein Offensivspiel ist noch roh und lebt größtenteils von den Anspielen seiner Teamkameraden bzw. deren Fehlwürfen. Mit seinen langen Armen kommt er koordinativ in keinen sauberen Wurfablauf, sodass ein konstanter Jumper weit entfernt scheint. Selbst bei den Freiwürfen schafft er es nicht einmal, jeden zweiten zu versenken. Somit ist ein eigenes Offensivspiel mit Ball nicht vorhanden und muss durch Übung im Off-Ball Verhalten aufgefangen werden, was in der NBA keine Schwierigkeit sein muss. Beim Kampf um den Rebound ist ihm seine Länge sowie Athletik von Nutzen, jedoch arbeitet er noch etwas besser am offensiven Brett und vernachlässigt in der Verteidigung häufig seinen Körper zum Ausblocken zu benutzen.

Sein Partner Tyler Zeller spielt neben ihm als Center und spielt so etwas wie seinen Gegenpart. Er ist wegen seiner durchschnittlichen Athletik und körperlichen Voraussetzungen nicht ganz so interessant für NBA-Teams, dafür aber im College Basketball der bessere Basketballer. Im letzten Jahr entwickelte er einen Jumper aus der Mitteldistanz, der auch in der Early Offense eine Waffe für die Tar Heels darstellte. Sein Spiel rund um den Korb ist, im Gegensatz zu dem Hensons, von Technik und Beinarbeit geprägt. Bei eins gegen eins Situationen agiert er am liebsten mit dem Rücken zum Korb, verschafft sich gute Inside-Position und schließt mit Hookshots mit links sowie rechts ab. Als Senior und im Zusammenspiel mit Henson ist Zeller erfahren und wird auch von der guten Reboundarbeit von James McAdoo profitieren.

Als Ergänzungsspieler auf den Flügelpositionen stehen Dexter Strickland, Reggie Bullock, Justin Watts und Leslie McDonald parat. Der Sophomore Reggie Bullock hat sich dieses Jahr vorgenommen, durch eine verbesserte Verteidigungsarbeit seinen Weg zu Spielzeit zu verdienen. Vom College kam er als Scorer und Shooter, sollte er dort auch wieder hinfinden, hätte er ein weiteres Argument für Spielminuten.
Strickland passt gut in den Fastbreak-Stil der Tar Heels, wird in diesem Jahr aber vermehrt als Backup Point Guard aushelfen müssen. Der Junior McDonald und der Senior Watts bringen Erfahrung und weitere Tiefe in der Rotation, sodass Roy Williams bedenkenlos rennen lassen darf.

Stärken/Schwächen

Die Tar Heels spielen ein klares Konzept, den Up-Tempo Basketball. Dazu haben sie passende Spieler, den passenden Coach und sind bereits zum großen Teil aufeinander eingespielt. Mit Kendall Marshall läuft die Early Offense sehr flüssig und neben den ersten Abschlussoptionen die Trailer McAdoo, Zeller und Henson, sowie Barnes, der aus dem entstandenen Platz selbst kreieren kann. Wenn die Angriffswelle gestoppt wurde, hat man genügend Optionen im Set Play. Ob Zeller am Brett, Barnes aus der Bewegung oder Marshall im Pick and Roll, keines der genannten Plays wird dem Gegner Freude bereiten.

Des Weiteren ist der Frontcourt eine Macht. Auch wenn das Zusammenspiel offensiv nicht das harmonischste sein wird, verteidigt und reboundet eine Zweierkombination aus Zeller/Henson/McAdoo hart. So kann die Mannschaft aus North Carolina auch ins Spiel finden, wenn die Offensive noch nicht flüssig läuft.

Eine Schwäche in einer der am stärksten besetzten Mannschaften der letzten College Jahre zu finden, ist schwer. Vermutlich wird ein Problem die Abhängigkeit von Marshall, da kein Backup vorhanden ist. Bei einer Verletzung oder einem totalen Off-Game liegt die Offensive brach und muss sich im Set Play Chancen erzwingen. Auch muss abgewartet werden, ob Marshall die Leistung aus dem Vorjahr bestätigen kann, da die bisherige Bewertungsgrundlage sich nur auf 20 Spiele als Starter bezieht.

Bleibt die Frage, ob einige der Talente nicht schon für die NBA vorspielen wollen und dadurch Ball und Ego nicht teilen wollen. In einer solch traditionsreichen Universität, mit einem erfahrenen Trainer sollte das nicht passieren, besonders weil sich die Spieler selbst dazu entschieden haben, ein Jahr am College dranzuhängen, allerdings ist das im Leben eines jungen Mannes schnelllebig, wodurch Eifersucht und Missgunst schnell entstehen können.

Ausblick

Nominell ist UNC die beste Mannschaft in der Saison 2011/12. Die talentiertesten Spieler treffen auf einen fähigen Coach, Erfahrung ist vorhanden und Head Cases liegen auch keine vor. Natürlich ist eine Mannschaft in einem einzigen K.O. Spiel immer zu schlagen, aber die Tar Heels sind dieses Mal die Mannschaft, die das ihren Gegnern am schwersten machen wird. Die Spiele dürften für jeden Basketball Fan ein echtes Highlight werden, da zumindest auf Seiten von North Carolina wahrscheinlich fünf Spieler auf dem Parkett sein werden, die man in der Zukunft in der besten Basketballliga der Welt verfolgen kann.

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