Chicago Bulls, Gedanken, Oklahoma City Thunder

Zwei Points Guard, ein Problem

In den derzeit laufenden Conference-Finals geschieht etwas Bemerkenswertes: Die beiden Teams der neuen Garde an jungen, athletischen Point Guards, repräsentiert durch Russell Westbrook (Oklahoma City Thunder) und Derrick Rose (Chicago Bulls), drohen zu scheitern; sowohl die Chicago Bulls als auch die Oklahoma City Thunder stehen vor dem Aus in den Playoffs.

Wie unser Redakteur Fabian Thewes in seiner ausführlichen Analyse über das Spiel des Russell Westbrook und – weiter gefasst – der Oklahoma City Thunder schrieb, trägt der junge Point Guard keineswegs die ihm von zahlreichen Fans und Medien auferlegte Alleinschuld am derzeitigen Versagen der Oklahoma City Thunder. Es ist mehr ein multikausales Zusammenkommen: fehlende Adjustments von Scott Brooks, mangelnde Effektivität von Spielern wie Kendrick Perkins oder Thabo Sefolosha, aber sicherlich auch fehlende Abgebrühtheit und Erfahrung des jungen Teams vom North Canadian River. Versagen ist hierbei also nur als zeitnahe Umschreibung der Playoff-Serie und nicht im Gesamtkontext der Saison zu sehen.

Seine Kritik sollte man also in der Tat etwas zügeln. Nichtsdestotrotz – und hier möchte ich mit meinem Gedanken einhaken – ist es interessant zu beobachten, wie derzeit tatsächlich ersichtlich wird, dass Westbrook und Rose die Effektivität und Dominanz aus der Regular Season nicht aufrechterhalten können. Es scheint, als hätten sich NBA-Teams auf ihr Skillset eingestellt.

Dies wiederum möchte ich elaborieren: Die Vorzüge des Spielertyps, den beide repräsentieren, sind ersichtlich: Mit schier unfassbarer Athletik gesegnet, sind Westbrook und Rose die idealen Point Guards für ein Spiel im „open floor“. Ihr erster Schritt ist nicht zu halten, ihr Arsenal an Bewegungen in Korbnähe facettenreich, die Lücken, die sie in gegnerische Verteidigungen reißen (konnten) groß, und zu alldem kommt die Fähigkeit per Pull-Up-Jumper aus der Mitteldistanz abzuschließen, sodass die Verteidigung in Form des Abstandlassens mögliche Penetrationen gar schlecht antizipieren kann.

Beobachtet man die aktuellen Halbfinals der Endrunde, kommt man jedoch zu dem Schluss, dass sowohl Erik Spoelstra von Seiten der Miami Heat, als auch Rick Carlisle bei den Dallas Mavericks einen Gameplan gefunden haben, der die Vorzüge der Spielgestalter stark limitieren kann. Zum einen wäre hier die Spielgeschwindigkeit zu nennen: In den Eastern Conference Finals reduzierten die Miami Heat ihre „Pace“ von 90.6 (Regular Season-Wert) auf 84.15 – also um knapp sechs Ballbesitze pro Spiel. Mehr Halbfeld-Basketball, weniger „open floor“, wo Derrick Rose seine Dynamik und Schnelligkeit ausspielen könnte. Im Halbfeld kommt ein zusätzliches Element hinzu: die Defense, wohlwissend dass Rose der Dreh- und Angelpunkt der Bulls ist, zieht sich zusammen, macht die Zone dicht und verteidigt die Rezipienten von möglichen Kickouts. Man schafft lieber 1-gg.-1-Situationen gegen Carlos Boozer, Joakim Noah oder Luol Deng, nimmt Rose aber im Gegenzug den Raum zum Manövrieren. In Folge dessen hat der Playmaker Schwierigkeiten beim Zug zum Korb und Abschluss; dem Motor der Bullsoffense werden die Pferdestärken genommen.

Ähnlich verhält es sich bei Russell Westbrook. Oft wurde er aus einer zusammengezogenen Verteidigung dazu forciert, Würfe zu nehmen und Abschlüsse zu schaffen, die nicht komfortabel waren. Die zu statische Offense hat Probleme, ein flüssiges Angriffsspiel zu kreieren. Die Mavericks wollen lieber einen erschwerten Abschluss Westbrooks forcieren oder gegen andere Spieler am Ball verteidigen. Und es gelingt ihnen.

Westbrooks Effizienz leidet enorm unter der neuen Situation, der er entgegentreten muss. Die WinShares auf 48 Minuten, also sein Anteil an Siegen, sind um die Hälfte gesunken, im Offensive Rating kreiert Westbrook auf 100 Ballbesitze fast acht Punkte weniger als noch in der regulären Saison, das True Shooting ist um knapp 5% schlechter, das PER ebenso deutlich gesunken. Die Zahlen von Derrick Rose lesen sich ebenso. Auffällig: beide haben trotz ihrer erkenntlich schlechteren Zahlen eine höhere Usage-Rate verglichen mit der Regular Season. Trotz evident schlechterer Leistung nutzen die Offensiven der beiden Teams ihre Spielgestalter also nicht minder oft. Ein Geschenk, das die Mavericks, aber auch Heat derzeit mit Kusshand entgegennehmen.

Indem man Westbrook und Rose also ihre Stärken nimmt, provoziert man ein schlechteres Offensivspiel der ganzen Offensive. Aus der Problematik ergeben sich drei Lösungsmöglichkeiten:

Do not force. Das Forcieren des eigenen Abschlusses und Würfe, die dem Spieler nicht liegen, spielen der gegnerischen Defense in die Karten. Genau das wollten Spoelstra beziehungsweise Carlisle erreichen; sobald der Motor der Mannschaft sich in seiner Wurfauswahl nicht komfortabel fühlt, sinkt logischerweise auch seine Effizienz.

Space the floor, pass the Ball. Um das Zusammenziehen der Defense und Verengen der Räume zu erschweren, müssen Rose und Westbrook von potenten Mitspielern umgeben sein. Rezipienten von Pässen an der Dreierlinie wie auch Inside-Option und Slasher müssen die Last von den Point Guards nehmen. Wenn die Defense mit einer breiten aufgestellten Offensive und vielen aktiven Unruheherden konfrontiert ist, droht sie zu kollabieren. Die Aufmerksamkeit muss auf einem Gefüge liegen – und nicht einem einzelnen Spieler. Weite Räume erschweren das Doppeln, lange Wege zwischen den einzelnen Spielern machen das Aushelfen schwierig und stellen die Defensivformation vor die Gefahr, bestraft zu werden. Dass Dallas weitaus mehr Probleme hat, wenn James Harden auf dem Feld stand, ist kein Zufall. Auch Westbrook und Rose profitieren davon, wenn vorübergehend andere in die Bresche springen und der Fokus der Defensive, woanders liegt.

Push the ball. Wer die erste Halbzeit des vierten Spiels der Western Conference Finals gesehen hat, weiß wo der Schlüssel zum Erfolg der Thunder (aber auch der Bulls) liegt: Stops schaffen, Fastbreak spielen, Überzahlsituationen kreieren. Hier kommen die Vorteile von athletischen Aufbauspielern zum Zuge.

Wie schon zu Beginn meines Gedankens geschrieben: Der derzeitige Stand der Serien ist nicht allein auf das schlechte Spiel von Rose und Westbrook zurückzuführen. Dennoch sie sind maßgeblich daran beteiligt. Es liegt an ihnen (und an den Coaches), die richtigen Adjustments zu treffen, um die neuen Hindernisse zu überwinden.

Am Ende der regulären Saison erlebten wir einen Hype um Westbrook und Rose, welcher in der Auszeichnung des Zweiteren als MVP kulminierte. Rose wurde in das All-NBA First Team berufen, Westbrook ins All-NBA Second. Es ist ironisch, dass der Typus des athletischen Point Guards nun vor solchen Problemen steht, während der abgeschriebene Chris Paul ohne diese Athletik zwei Spiele im Alleingang gegen die Lakers gewann. Es ist auch ironisch, dass der Vorjahres-MVP LeBron James – für einige der eigentliche MVP der letzten Saison – derzeit nicht zu stoppen ist, und von den Bulls nicht limitiert werden kann. Nicht dass ich die Qualitäten von Westbrook und Rose anzweifeln oder schlechtreden möchte, aber: Die Aufmerksamkeit, die beiden mittlerweile zweifelsohne zugestanden wird, fordert auch eine Erwartungshaltung seitens des Fans, die gestillt werden möchte. Die Zweifler und Skeptiker sind im Falle eines Versagens lauter denn eh und je.

Wir werden sehen, wie die beiden Point Guards – übrigens beide 1988 geboren, 2008 gedraftet, mit dem gleichen Skillset und der Shoot first-Mentalität ausgestattet – die Situation in Zukunft meistern werden, jetzt aber, seien wir mal bitte realistisch und versuchen das Unmögliche – nämliche die Serie(n) zu drehen.

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