Chicago Bulls, Miami Heat, Playoffs

Two-Way-Players vs. One-Way-Players

Das erste Spiel der Eastern Conference Finals in Miami ist absolviert. Wieder ist es bis ins vierte Viertel hinein eng (zwar kommen die Bulls nur bis auf drei Punkte zum Viertelanfang heran, anstatt – wie in Spiel 2 – auszugleichen, offen war das Spiel bei noch 9:03 Minuten jedoch), wieder entscheiden die Miami Heat das Spiel letztlich souverän für sich. Woran ist das festzumachen? Hat Coach Tom Thibodeau keine Adjustments vorgenommen?

Die Adjustments Thibodeaus

Doch, Coach Thibs hat noch Wegen gesucht, um die Schwachstellen der Late-Game Execution (Go-to-Guys berichtete) anzugehen. Die Offensive in Spiel 2 war zu eindimensional, da die Heat sich letztlich „nur“ darauf konzentrieren musste, dass man Derrick Rose seinen Drive nahm. Da in den letzten sechs Minuten mit Korver, Brewer, Deng, Gibson und Noah keine einzige weitere Scoring Option einbrachte, wurden die Bulls auf 10 Punkte im letzten Viertel limitiert. Das ist der niedrigste Wert in der Playoff-Geschichte Chicagos.

Was hat Thibodeau also geändert? Er hat sich daran erinnert, dass eine Zonen-Option auch in den entscheidenden Situationen nützlich sein kann. Folglich setzte er verstärkt Carlos Boozer ein, der zudem einen guten Tag erwischte und mit 26/17 sein bestes Playoff-Spiel machte. Die zweite Option tat Chicago gut, da Boozer zudem 12-mal an die Freiwurflinie ging und so mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Letztlich reichte dies für die Bulls zu einem Offensiv-Rating von 103 Punkten auf 100 Possessions. Nichts Überragendes, aber eine Verbesserung von 12 Punkten gegenüber Spiel 2. Boozer öfter zu suchen, hatte sich also gelohnt. Dieser sorgte persönlich für 125 Punkte hochgerechnet auf 100 Possessions, was der beste Wert der Bulls-Starting-Five war.

Das Offensive Rating von 103 entspricht übrigens auch dem Wert der Offensivleistung der Miami Heat in Spiel 2. Wieso hat diese Leistung nun nicht gereicht, um Miami noch mehr in Gefahr zu bringen? Die Antwort findet man in den Unterschieden der Fähigkeiten der Spieler.

Two-Way-Player – der Weg zum Erfolg?

Als sogenannten Two-Way-Player bezeichnet man Spieler, die auf beiden Seiten des Feldes Einfluss haben können. Sie verfügen über ein gewisses Arsenal an offensiven Waffen und verstehen es gleichzeitig, defensiv die Aufgaben zu verrichten, um das Spiel erfolgreich zu gestalten. Das heißt nicht, dass man zugleich ein Lockdown-Defender und eine primäre Scoring-Option ist – und damit ein All-Time-Great. Es ist der Typ Spieler, den man defensiv nicht verstecken muss und der offensiv für Entlastung sorgen kann. Es gibt verschieden starke Ausprägungen des Typs – eine klare Kategorisierung gibt es zudem nicht. Der Proto-Typ ist vielleicht seit dieser Saison Dwight Howard, der schon immer ein Ausnahmeverteidiger war, aber nun auch offensiv ein Team alleine schultern kann. Howard kann man immer einsetzen, ohne sich Gedanken zu machen, ob er offensiv impotent ist oder defensiv einen bestimmten Mitspieler fordert, der seine Schwächen kaschiert.

In den Eastern Conference Finals sollten sich eigentlich einiger dieser Spieler finden lassen. Bei Miami wird man auch relativ leicht fündig: Dwyane Wade und LeBron James sind sowohl herausragende Offensiv-Spieler als auch (sehr) gute Verteidiger, wo man auf dem Flügel auch gar keinen eindimensionalen Rollenspieler benötigt, der die Löcher stopft, die einer der beiden defensiv reißt. Dies erleichtert nicht nur die Teamzusammenstellung, es beeinflusst auch effektiv die Rotationen in jeder Situation.

Auf Seiten der Chicago Bulls muss man hier schon genauer hinschauen. Derrick Rose und Carlos Boozer sind One-Way-Player, die ihre Stärken offensiv haben, defensiv aber nicht als gute Verteidiger durchgehen, auch wenn sie in der Team-Defense der Chicago Bulls mitunter gut funktionieren. Joakim Noah ist offensiv nicht potent genug, um als Two-Way-Player angesehen zu werden. Letztlich bleibt mit Luol Deng genau ein Spieler, der offensiv und defensiv Impact hat. Genau hier beginnt die Problematik der Chicago Bulls.

Ein Fallbeispiel: Die letzten zwölf Minuten in Spiel 3

Betrachtet man nun die Rotationen der Bulls und der Heat im letzten Viertel, ist dies geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie es die Arbeit eines Trainerstabs erleichtert, wenn man Spieler hat, die an beiden Enden des Feldes funktionieren.

Abschnitt 1 (12:00-9:57)
Beim Stand von 68-65 für Miami geht man mit folgenden Lineups in das letzte Viertel: Watson – Brewer – Deng – Gibson – Noah für die Bulls; Chalmers – Miller – James – Bosh – Haslem für die Heat.

In den ersten zwei Minuten können die Heat durch James und Bosh die Führung von drei auf sechs Punkte ausbauen. Die Bulls kommen durch einen Steal von Brewer letztlich offensiv zu einem Foulpfiff für Taj Gibson, der einen von zwei Freiwürfen trifft. Die andere Possession führt jedoch zu einer Shot Clock Violation. Schaut man sich das Lineup der Bulls an, ist dies auch nicht verwunderlich: Man hat gar keine Scoring-Option auf dem Feld.

Abschnitt 2 (9:57-7:54)
Demzufolge nimmt Thibodeau eine Auszeit und ändert seine Aufstellung: Rose – Brewer – Deng – Gibson – Noah für die Bulls; Chalmers – Wade – James – Bosh – Haslem für die Heat.

Spoelstra bringt damit einhergehend seinen zweiten Two-Way-Player in Dwyane Wade. Die Offense der Bulls bessert sich etwas, doch Miami findet immer wieder eine Lösung, um zurückzuschlagen. Nach einem Offensiv-Foul von Rose an Wade und einem unveränderten 6-Punkte-Rückstand wechselt Thibodeau ein weiteres Mal, um die Offense der Bulls richtig in Schwung zu bringen.

Abschnitt 3 (7:54-6:39)
Thibs entscheidet sich für ein Lineup mit Carlos Boozer: Rose – Brewer – Deng – Boozer – Noah für die Bulls; Chalmers – Wade – James – Bosh – Haslem für die Heat.

Bei 6:40 geht Carlos Boozer an die Linie, nachdem ihn Chris Bosh defensiv nicht halten konnte. Boozer verkürzt auf vier Punkte (mittlerweile steht es 74-78) und Thibodeau wechselt ein weiteres Mal.

Abschnitt 4 (6:39-5:07)
Kyle Korver wird gebracht, um den Bulls offensiv drei Optionen zu geben: Rose – Korver – Deng – Boozer – Noah für die Bulls; Chalmers – Wade – James – Bosh – Haslem für die Heat.

Dies ist die kritische Phase des Spiels und hier wird das Spiel entschieden. Während die Heat zumindest vier Spieler auf dem Feld haben, die gut verteidigen können (Chris Bosh ist der einzige Spieler, der individuell nicht gut verteidigt, in diesem Spiel aber sogar den guten Carlos Boozer ausscort), setzen die Bulls komplett auf die Offensive. Mit Rose, Korver und Boozer hat man drei Offensiv-Optionen auf dem Feld, allerdings gleichzeitig auch drei eher mittelmäßige bis schwache Verteidiger. Die Folge? Die Heat scoren in allen vier Possessions bis zur nächsten Auszeit. Wade kann nur durch Fouls von Rose und Korver gestoppt werden, ebenso foult Korver James beim Drive. Offensiv greift die Help-Defense der Heat in Person von LeBron James, der einen Jumper von Carlos Boozer blockt und einen Pass von Derrick Rose abfängt.  In keiner Possession kommen die Bulls zu einem Korberfolg. Die Heat ziehen auf 13 Punkte weg (87-74). Also nimmt Chicago eine weitere Auszeit.

Abschnitt 5 (5:07-2:46)
Korver, der nur durch zwei Fouls auffiel, wird wieder auf der Bank platziert: Rose – Brewer – Deng – Boozer – Noah für die Bulls; Chalmers – Wade – James – Bosh – Haslem für die Heat.

Thibodeau erhofft sich von Brewer eine bessere Defense gegen Wade und James, auch wenn er dafür auf einen Shooter verzichten muss. Dieses Lineup funktioniert sehr viel besser für die Bulls, auch weil man nun eine gewisse Balance zwischen Offense und Defense gefunden zu haben scheint. Die Bulls entscheiden diesen Abschnitt mit 6-2 für sich, ehe Miami beim Stand von 89:80 eine Auszeit nimmt. Das Problem dieses Abschnitts ist, dass Chicago ihn zwar für sich entscheidet, aber offensiv dennoch nicht genug Kapital aus der Situation schlägt. Man limitiert Miami über den ganzen Abschnitt, aber bräuchte einen größeren Run. Spoelstra unterbindet den Run mit einer Auszeit.

Abschnitt 6 (2:46-0:00)
Rose – Brewer – Deng – Boozer – Gibson für die Bulls; Chalmers – Wade – James – Bosh – Haslem für die Heat.

Die Heat verwalten recht souverän den Vorsprung über die Zeit, entscheiden auch den letzten Abschnitt für sich, da man nie wieder in die Gefahr kam, das Spiel zu verlieren.

Erkenntnisse

Natürlich ist es für einen Coach einfacher, sein Team aufzustellen, wenn eine Führung erspielt worden ist. Aber falls es bisher nicht auffiel: Erik Spoelstra änderte genau einmal sein Lineup – und dies auch nur, um Dwyane Wade von der Bank zu bringen. In den nächsten zehn Minuten spielt Spoelstra seine beiden Two-Player, dazu zwei gute Verteidiger in Haslem und Chalmers, die offensiv für Spacing sorgen, und einen sehr guten One-Way-Player in Chris Bosh, der in diesem Spiel nicht zu stoppen war.

Coach Thibodeau suchte hingegen immer wieder nach der Balance zwischen Offensive und Defensive. Auf Shooting Guard musste er sich zwischen den One-Way-Playern Brewer und Korver entscheiden, dasselbe auf Power Forward mit Boozer und Gibson. Als er sich dafür entscheid, beides Mal die offensive Variante zu wählen, verloren die Bulls das Spiel, während sie mit der defensiven Variante am Anfang des Viertels nicht scoren konnten. Es muss daher  immer ein Gleichgewicht gefunden werden.

Letztlich müsste der Umstand der Eindimensionalität der Bulls eigentlich diese Serie zu Ungunsten Chicagos entscheiden. Coach Thibodeau schwankt durchgehend zwischen zu wenig und zu viel Offense respektive zu wenig oder zu viel Defense. Die Heat haben dieses Problem nicht. Sie stellen zwei sehr gute Two-Way-Player über 40 Minuten aufs Feld und haben mit dem genesenen Haslem und Anthony ideale Ergänzungen zu Chris Bosh. Dadurch haben die Heat immer drei Offensiv-Optionen auf dem Feld, ohne große defensive Löcher zu reißen.

Versuchen die Bulls dies auch nur ansatzweise anzustellen, müssen sie defensiv erhebliche Kompromisse eingehen. Der einzige Two-Way-Player der Bulls (Luol Deng) hat zudem nicht die Klasse von Wade oder James. Letztlich muss die Defensive zu viel kaschieren, um in der Offensive erfolgreich zu sein. Das kann durchaus gelingen – auch so überzeugend wie in Spiel 1. Aber konstant die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist eine weitaus schwierigere Aufgabe als darauf zu hoffen, dass die Superstars Normalform erreichen. Chicagos Vorteil der tieferen Bank wird letztlich dadurch negiert, dass man zwar viele gute, aber eindimensionale Rollenspieler im Kader hat, die auf einer der zwei Seiten des Feldes immer Probleme schaffen.

Es war vor den Playoffs schon absehbar, dass Chicago Probleme bekommen wird, wenn man keine zweite Scoring-Option ins Spiel integrieren kann. Nun steht man jedoch vor dem Problem, dass die Defense nicht mehr stark genug ist, um die Heat zu stoppen, wenn man gleichzeitig auch scoren will. Wie man es dreht und wendet: Es fehlt an Two-Way-Playern.

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2 comments

  1. Amar'e

    wieder eine sehr gute analyse…kannte den bregriff “one-way und two-way-player” nicht…

    danke dir

  2. Smido83

    Tja, in dieser Serie sieht man momentan wer wohl der eigentliche MVP hätte sein müssen! Rose sieht im letzten Viertel und in der OT der 4. Spiels nicht eine Schnitte gegen seinen direkten Gegenspieler Lebron James! Dieser jedoch closed offensiv zusätzlich noch die enge Partie für die Heat… mal wieder! Der Mann kann anscheinend einfach alles!

    Wade hatte nen rabenschwarzen Tag, Bosh war an sich nur Durchschnitt (vor allem defensiv), außer vieleicht noch Miller hatte kein anderer Spieler offensiv irgendwelchen Impact! Alles egal, James macht das!

    Der momentan beste “Two-Way-Player” (Ich habe wieder was gelernt ^^) der gesamten NBA! Außer ihm gibts wohl nur noch Dirk, wenns um den Playoff-MVP geht! Nicht umsonst scheinen beide mit ihren Teams ins Finale einzuziehen. Gegen das Team mit dem besten Scorer der NBA und das Team mit dem MVP der regular Season!

    Btw: Was ist eigentlich für euch die bestmögliche Aufstellung der Heat?
    Die momentane “klassische” mit Bibby Wade James Bosh Anthony, oder die etwas unortodoxe des letzten Viertels mit Wade Miller James Haslem Bosh?

    Letztere, selbst wenn man dort keinen wirklichen “Big Man” als Center UND keinen wirklichen PG hat, würde ich bevorzugen! Defensiv können sie in dieser Aufstellung alles verteidigen, und offensiv können sowohl James als auch Wade durchaus ein Spiel leiten und sich selber Würfe kreieren bzw auch die Mitspieler gut einsetzen! Bosh als zusätzliche Scoring Option, der sich genau wie die anderen beiden selber Würfe erarbeiten kann, sollte natürlich auch nicht vergessen werden! Ab und an dann noch ein 3er oder ne Penetration von Miller, ein paar Pünktchen von Haslem und ich wüsste nicht wie man diese Heat noch stoppen kann!

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