Philadelphia 76ers

Taking a wrong Turn(er)

Es ist gerade mal ein Jahr her, dass Evan Turner als College-Spieler des Jahres die Basketball-Welt begeisterte, die Ohio State Buckeyes zu einer 29-Siege-Saison führte und im NBA-Draft an zweiter Stelle gewählt wurde. Seitdem ist es jedoch stillgeworden um den 22-Jährigen, der bei den Philadelphia 76ers eigentlich als Leistungsträger auf sich aufmerksam machen sollte.

Zwei in Konkurrenz zu Turner gedraftete Rookies haben sich besser präsentiert: Derrick Favors hat als derzeit jüngster NBA-Spieler gute Ansätze gezeigt, und DeMarcus Cousins hat trotz seinen charakterlichen Defiziten die Fähigkeiten eines Franchise-Centers angedeutet. Beide werden von Philadelphia gebraucht und würden auch in den aktuellen Sixers-Kader passen. Darum stellt sich die Frage: War Turner ein großes Missverständnis?

Grau ist alle Theorie

Auf dem Reißbrett sah alles so gut aus: Turner sollte in Philadelphia mit Jrue Holiday den Backcourt der Zukunft bilden und mittelfristig Andre Iguodala als Franchise-Spieler ablösen. Tatsächlich verdichteten sich die Trade-Gerüchte um Iguodala, sobald absehbar wurde, dass Turner von den Sixers gewählt werden würde, und warum auch nicht? Turner hatte gerade als zwei Meter großer Aufbauspieler die NCAA beherrscht, konnte auf hohem Niveau punkten, passen und rebounden. Iguodala schien ersetzlich.

Einige Schönheitsfehler an diesem Szenario wurden schon damals ignoriert. Turner war bei Ohio State der unumstrittene Dreh- und Angelpunkt gewesen – bei den Sixers war das am ehesten Iguodala, der dieselbe Position spielte. Zudem verfügte Philadelphia mit Holiday bereits über einen talentierten Spielmacher, der ein Jahr (NBA-)erfahrener, dafür aber fast zwei Jahre jünger als Turner war, der in seinem neuen Team generell nicht wie ein überragendes Talent wirkte: Auch Small Forward Thaddeus Young war trotz dreijähriger NBA-Karriere nur wenige Monate älter und noch nicht am Ende seines Potenzials angelangt.

Auch sonst waren Zweifel an Turner angebracht. Es war abzusehen, dass er bei Philadelphia weder dieselbe Position noch dieselbe Rolle wie am College einnehmen würde. Seine durchschnittliche Athletik bereitete den Experten Sorgen. Er würde hauptsächlich als Shooting Guard auflaufen, ohne jedoch gut werfen oder generell gut abseits des Balls spielen zu können. Da es den Sixers an guten Schützen fehlte, die das Spiel in die Breite ziehen konnten, drohten Turners kreative Fähigkeiten beim Einsetzen seiner Mitspieler ebenfalls zu verpuffen. Dasselbe galt für den Größenvorteil, der ihm durch den Positionswechsel verlorenging.

Turners Startprobleme

Trotzdem war das Vertrauen in Turner groß, nicht nur in Philadelphia. Er war als Nummer-2-Pick im Draft unangefochten und wurde von Experten sogar mit All-Star Brandon Roy verglichen. Der allgemeine Optimismus erhielt seinen ersten Dämpfer, als Turner im vergangenen Sommer nur eine mäßige Vorbereitung absolvierte. Marc J. Spears bezeichnete ihn gar als „größte Enttäuschung der Orlando summer league“, nachdem Turner unter 10 Punkten pro Spiel geblieben war und gerade mal jeden dritten Wurf getroffen hatte.

Dieser Trend setzte sich in der Preseason fort: 7,7 Punkte, 31% Trefferquote. Unterdessen brannte Nr.1-Pick John Wall für die Washington Wizards ein Feuerwerk ab, was den Leistungsunterschied zwischen den beiden Top-Rookies ihres Jahrgangs noch deutlicher machte. Zu allem Überfluss hinterließ auch Holiday vor Saisonbeginn einen besseren Eindruck als Turner, was dessen Lage nicht vereinfachte.

„Er ist nur ein Rookie“, „Er wird sich verbessern“ – die Durchhalteparolen setzten schon früh ein. In Fan-Kreisen wurde praktisch vorausgesetzt, dass Turner sich als 2. Pick noch steigern werde. Dabei bestand schon vor dem Draft Einigkeit, dass Turner nicht wegen seines Potenzials, sondern wegen seines Könnens gewählt werden würde. Im Vergleich zu anderen seines Jahrgangs galt er als „fertiger Spieler“, der sofort Leistung bringen sollte.

Es ist typisch für Fans, die weder High-School- noch College-Basketball verfolgen, Rookies so zu behandeln, als wären sie gerade aus dem Nichts aufgetaucht und hätten ihre Entwicklung noch vor sich. Dabei war Turner bereits 21 Jahre alt und „durchgescoutet“; die NBA-Teams kannten seine Stärken und Schwächen genau. Sie wussten, dass seine großartige Junior-Saison bei Ohio State die Krönung einer beeindruckenden Entwicklung gewesen war, die sich allerdings vor seiner NBA-Premiere abspielte, nicht danach.

Bescheidene Anfänge

Turner war als Schüler an der St. Joseph High School in Westchester, Illinois ohne Zweifel ein guter Basketballer, jedoch keiner, der die Recruiting-Experten begeisterte. Sie sahen ihn als „four-star recruit“ und zählten ihn zu den Top-50 seiner Klasse. Er galt nicht als herausragendes NCAA-Talent und erst recht nicht als zukünftiger Franchise-Star. Die heutigen Rollenspieler Donte Greene, Austin Daye und James Johnson wurden vor ihm eingeordnet. Bekannte Namen in Turners Nähe waren Craig Brackins, Bill Walker und Jeff Teague – allesamt weit davon entfernt, als Große ihres Fachs zu gelten.

Nun können Experten sich auch irren bzw. Spieler sich enorm steigern und wider Erwarten zu Stars werden; Blake Griffin und Russell Westbrook sind Beispiele dafür. Trotzdem hat das RSCI-Ranking, das die Einschätzungen mehrerer Fachleute in einer einzigen Rangliste bündelt, sich über die Jahre als recht verlässlich erwiesen und viele Spieler in die Regionen gesteckt, in die sie gehören. Der High-School-Senior Evan Turner belegte darin Platz 54.

Während seiner Zeit bei Ohio State verbesserte Turner sich dann stark, wurde zu einem der besten College-Spieler und begehrtesten NBA-Talente. Trotzdem bestand in Draft-Kreisen kein Zweifel daran, dass Turner nicht dasselbe Potenzial besaß wie Favors, Cousins oder Wall, die nicht nur bereits gute Basketballer waren, sondern ihre Entwicklung größtenteils noch vor sich hatten. Die folgende Übersicht zeigt, wo diese vier Spieler im RSCI-Ranking geführt wurden, als sie aus der High School kamen:

SpielerDT RCHMRHPSAS Ges.
John Wall*2131362
Derrick Favors*1312111
DeMarcus Cousins*3245423
Evan Turner**59487058454954

* Klasse von 2009
** Klasse von 2007

Turner war unter ihnen der beste, aber auch der mit Abstand älteste College-Spieler: fast zwei Jahre älter als Cousins und Wall und annähernd drei Jahre älter als Favors – dazwischen liegen Welten, gerade in der Rookie-Bewertung. Dass Turner weiter entwickelt war als seine Kollegen, bedeutet im Gegenzug womöglich, dass seine Entwicklung weitgehend abgeschlossen ist. Sogesehen ist seine mäßige Rookie-Saison nicht so überraschend, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Wie ist Turner nun einzuordnen?

Das wirft die Frage auf, was von Turner in Zukunft zu erwarten ist. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten: Eine ist die vieldiskutierte These, Philadelphia habe seinen hohen Draftpick auf einen Rollenspieler verwendet. Die Gefahr, dass dies zutrifft, ist nicht von der Hand zu weisen: Gerade ältere Rookies bleiben oft auf ihrem Einstiegsniveau und verbessern sich nur punktuell, ohne grundsätzlich ihren Status zu ändern. Kirk Hinrich, Shane Battier, Mike Dunleavy und OJ Mayo sind aktuelle Beispiele für dieses Phänomen. Es ist also durchaus realistisch, dass Turner den Sprung zum Star nicht mehr machen wird.

Vielleicht gehört Turner sogar in die Gruppe der Gescheiterten, die ihre College-Leistungen nicht auf die NBA übertragen können. Er weist Gemeinsamkeiten mit Ed O’Bannon auf, der ebenfalls als National Player of the Year in die NBA kam und sich dort an eine neue Position gewöhnen sollte. Athletische Defizite und ein unzureichender Wurf zählten zu den Gründen, weshalb O’Bannon sich nach nur zwei NBA-Saisons in Europa wiederfand. Heute verkauft er Autos in Henderson, Nevada.

Parallelen bestehen auch zu Reece Gaines, der als Student ein vielseitiger Spielgestalter war, in der NBA aber nie fußfassen konnte. Dort sollte er nicht wie bei Louisville als großgewachsener Point Guard, sondern als Guard/Forward auflaufen und kam mit dieser Umstellung nicht zurecht. Gaines war die Nummer 39 im RSCI-Ranking – zwischen Matt Bonner und Matt Carroll –, als er 1999 die High School verließ und entwickelte sich über vier College-Jahre zum Kandidaten für den National Player of the Year. In der NBA brachte er es anschließend auf 71 Spiele bei einem Schnitt von 8,5 Minuten.

Turners Rookie-Saison hat die Befürchtung entstehen lassen, dass seine weitere Karriere der von O’Bannon und Gaines gleichen könnte. Allerdings besteht bei Turner immer noch die Chance, dass er sich in der NBA zum Leistungsträger entwickeln wird. Um dies abschätzen zu können, muss die Situation, in der er sich bei Philadelphia befindet, näher betrachtet werden.

Iguodala, der Platzhirsch

Wie bereits erwähnt, sollte Turner Iguodala in Philadelphia mit der Zeit ablösen – nur war und ist Iguodala nicht gewillt, sich einfach verdrängen zu lassen. Vielmehr hat die laufende Saison seinen Platz bei den 76ers gefestigt, während die Zweifel an Turner immer größer geworden sind. Von einer Kooperation der Beiden, die aufgrund ihrer ähnlichen Spielweisen ohnehin schwer möglich war, kann auch nicht die Rede sein: Iguodala pocht intern auf seine Rolle als Alpha-Tier und gibt seinem Konkurrenten so wenig Raum wie möglich.

Das zeigt sich auch in den NBA-Spielen. Gegen Washington am 23. November des vergangenen Jahres forderte Iguodala vehement einen Pass von Young, der stattdessen Turner den Ball für den letzten Wurf gab, woraufhin Iguodala vor Wut herumhampelte und das Spielen einstellte.

Keine zwei Monate später kam es gegen Milwaukee zu einem bezeichnenden Zwischenfall, als Iguodala seinen Rookie-Kollegen bewusst mit dem Ellbogen anrempelte.

Es lag bei Turner, Iguodala die Stirn zu bieten. Er musste seinem Talent und seinen Fähigkeiten entsprechend auftreten und Iguodala zur Not im Training an die Wand spielen, um sich den Respekt seiner Coaches und Kollegen zu verdienen. Ein Nummer-2-Pick zu sein, sollte ihm dabei eigentlich einen taktischen Vorteil verschafft haben, doch Turner hat offensichtlich nichts daraus gemacht. Es entspricht einfach nicht seinem Charakter. Er ist ein Leisetreter und Teamspieler, der sich eher unterordnet, als aufzumucken. Iguodala, der als Rookie nicht diese Vorschusslorbeeren bekam und sich seine NBA-Karriere selbst erarbeitet hat, verspeist solches Mitläufertum zum Frühstück.

Turner in der Sackgasse

Es gibt für Turner aber auch kein Ausweichen. Holiday ist als Point Guard etabliert und hat seine Entwicklung im zweiten NBA-Jahr fortgesetzt. Neben Holiday und Iguodala zu spielen, scheitert an Turners schwachem Distanzwurf. Der Dreierspezialist Jodie Meeks, der im Talent und in der Draftposition weit hinter Turner zurückbleibt, hat ihm diese Saison nicht ohne Grund den Rang abgelaufen, denn er passt einfach besser zu den Spielern, die das Vertrauen von Head Coach Doug Collins genießen. Da jener dafür bekannt ist, mit Rookies wenig anfangen zu können, steht auch der erfahrene Andres Nocioni inzwischen höher in seiner Gunst als Turner.

Collins will gewinnen und die Playoffs erreichen, nicht junge Spieler entwickeln. Wenn beides sich verbinden lässt – wunderbar. Darüber hinaus ist es nicht seine Aufgabe, einen Rookie zu bespaßen, der sich nicht durchsetzen kann. Fans, die mehr Spielanteile für Turner fordern, sehen nur die Spitze des Eisbergs. Turner muss sich seine Einsatzzeit im Training erarbeiten wie jeder andere Profi auch. Qualität setzt sich durch und wird dann auch vom Coach nicht ignoriert, besonders wenn jener nicht auf Namen achtet, sondern auf Leistung.

Wenn er spielt, schadet Turner seinem Team jedoch mehr, als er ihm hilft. John Hollinger stellte Anfang des Jahres fest, dass Turners Leistungen unter denen eines typischen Ersatzspielers lägen, und fuhr fort:

„Tatsächlich kann man sagen, dass [Turner] Phillys Playoff-Chancen sabotiert – die Sixers haben ihn hauptsächlich wegen seiner hohen Draftposition 24 Minuten pro Spiel eingesetzt, aber er ist so schlecht gewesen, dass es die Offensivbilanz der Sixers bedeutend nach unten gezogen hat.“

Turners Situation hat sich seitdem nicht verbessert. Wenn es einen Trend gibt, dann vielmehr den, dass Turner immer weniger spielt: Nach 25,5 Minuten im Januar und 23,4 Minuten im Februar waren es im März nur noch 16,5 Minuten pro Spiel – Tendenz fallend.

Ein Opfer der Umstände

Zahlen lügen bekanntlich nicht, aber in Turners Fall erzählen sie auch nicht die ganze Wahrheit. Wenn man Philadelphia spielen sieht, wird schnell klar, dass es für den 22-Jährigen durchaus noch Hoffnung gibt, denn er wird nicht gemäß seinen Fähigkeiten eingesetzt. Er hat nie die Chance erhalten, wie Dajuan Wagner oder Adam Morrison in die zu ihm passende Rolle zu schlüpfen und dieser Aufgabe dann nicht gewachsen zu sein.

Turner wirkt im Spiel der Sixers wie ein Fremdkörper. Es werden keine Spielzüge für ihn gelaufen, und seine Kollegen ignorieren ihn selbst dann, wenn er völlig frei steht. Er versucht er sein Bestes, sich einzubringen, verteidigt engagiert, fängt Rebounds und leitet den Ball dann an Holiday weiter, damit der den Spielaufbau übernehmen kann – Turner, der ballführende Spielgestalter, ist zum Rollenspieler degradiert worden.

Eine interessante Entwicklung der vergangenen Tage zeigt deutlich, in welch geringem Ansehen Turner in Philadelphia steht: Lou Williams, der im Team von der Bank kommend den Ball dominiert, hat sich am Oberschenkel verletzt. Um ihn zu ersetzen, greifen die Sixers aber nicht auf Turner zurück, sondern werden wohl den 36-jährigen Antonio Daniels verpflichten, der zurzeit noch in der D-League spielt.

Ausblick

Es ist fraglich, ob Turners Karriere bei den Sixers noch zu retten ist. Dadurch, dass er das Duell mit Iguodala verloren oder vielleicht nie angenommen hat, ist er von Anfang an überflüssig gewesen. Es gibt keinen Platz für ihn in diesem Team, und er scheint intern auch nicht akzeptiert zu sein. Selbst wenn Iguodala getradet werden sollte, würde Turner mit Holiday gleich die nächste Auseinandersetzung darüber drohen, wer bei Philadelphia den Ton angeben darf.

Um zum Rollenspieler umzuschulen, fehlt Turner hingegen schlicht die Zeit, denn kaum jemand erlernt das Werfen im Laufe eines Sommers. Es ist wahrscheinlicher, dass Philadelphia ihn zuvor traden wird, solange er noch Trade-Wert besitzt. Nimmt man alle Faktoren – die Zusammensetzung des Kaders, die Einstellung des Coaches und den Verlauf der Rookie-Saison – zusammen, ist ein Neuanfang bei einem anderen Team für Turner wohl ohnehin das Beste.

Turners Situation erinnert an den schwierigen NBA-Start von Joe Johnson, der als Hoffnungsträger der Boston Celtics scheiterte und nach nicht einmal 50 Spielen seiner Rookie-Saison nach Phoenix getradet wurde. Bei den Suns konnte er neben Stars wie Steve Nash seine Nische finden und dann in Atlanta als Lead-Guard zum fünffachen All-Star werden. Auch für Turner ist es noch nicht zu spät, eine ähnliche Karriere zu erreichen. Allerdings muss man bezweifeln, dass ihm dies in Philadelphia gelingen wird.

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