Denver Nuggets, Minnesota Timberwolves, New York Knicks

Melo-Drama mit Happy End?

Endlich. Das dürfte das Wort sein, was Basketballfans in diesen Stunden zumeist gedacht haben, als die Meldung heute früh durch die Medien geisterte, dass Carmelo Anthony ab sofort ein Knickerbocker ist. Endlich, aus zwei Gründen: zum einen freuen sich die Fans der Knicks, dass sie neben Amar’e Stoudemire einen echten zweiten All-Star im Team haben, zum anderen ist der Rest der Fans froh, dass das scheinbar endlos werdende Theater um die Trade-Gerüchte sein Ende gefunden hat. Carmelo Anthony spielt nun bei den New York Knicks.

 

Erster Akt: Der Aufbau des Trades

Um Carmelo Anthony ertraden zu können, mussten die New York Knicks mehr abgeben als erhofft. Zudem wurden im Zuge des Deals die Minnesota Timberwolves involviert. Hierbei ist zu beachten, dass der Deal der Timberwolves aber auch als eigenständig angesehen werden kann, da die Denver Nuggets hierbei keinerlei Rolle spielten. Die Nuggets erhielten folgendes Paket für ihren Star: Wilson Chandler, Raymond Felton, Danilo Gallinari, Timofey Mozgov und den 2014 First-rounder. Zudem sollen weitere Picks an die Nuggets gegangen sein. Yahoo meint zu wissen, dass dies die zwei Second Rounder der Golden State Warriors sind, die die Knicks erhielten, als sie David Lee in die Bay Area schickten. Dazu soll es noch Cash Considerations aus New York gegeben haben.

Quelle: ESPN Trade Machine

Die Minnesota Timberwolves fügten zu ihrem Kader zwei Big Men hinzu, die sie von den New York Knicks erhielten: Anthony Randolph und Eddy Curry.

Quelle: ESPN Trade Machine

Neben dem Superstar der Denver Nuggets nahmen die Knicks insgesamt sechs Spieler auf, um ihren Kader komplett umzuwerfen. Carmelo Anthony, Chauncey Billups, Anthony Carter, Shelden Williams und Renaldo Balkman kamen aus Denver in den Big Apple, von den Minnesota Timberwolves verstärkt Corey Brewer den Kader der Knicks.

Quelle: ESPN Trade Machine

Zweiter Akt: Warum haben die Minnesota Timberwolves diesen Deal gemacht?

Bei so einem großen Trade hilft es vielleicht, zunächst einmal auf die neuen Kader zu schauen. Dabei ändert sich bei den Timberwolves eher wenig.

Flynn/Ridnour/Telfair
Johnson/Ellington
Beasley/Webster/Hayward
Love/Tolliver/Randolph
Milicic/Pekovic/Koufos/Curry

Wieso die Timberwolves in diesen Trade eingestiegen sind, ist nicht so leicht zu beantworten. Zuerst einmal muss man sehen, dass sie einen Trade abgeschlossen haben, der einen Guard gegen einen Power Forward tauscht (Curry ist als Cap Relief zu sehen). Ein ungeschriebenes Gesetz in der NBA besagt, dass man nicht Groß gegen Klein traden sollte. Von daher ist dies ein Gewinn für die Timberwolves. Wenn man hierbei noch bedenkt, dass Minnesota nie richtig von Corey Brewer überzeugt war – oder wurde -, weil dessen Ballhandling und Decision-Making in der Triangle unter Coach Kurt Rambis nicht ausreichend war, kann man durchaus nachvollziehen, wieso die Wolves nun ein anderes Projekt aufnehmen. Brewer ist ein guter Verteidiger auf seiner Position, hat aber weder einen Wurf noch die Spielübersicht, um produktiv in der TPO funktionieren zu können. Nachdem er sich in seiner vierten Saison bei den Wolves nie richtig durchsetzen konnte und auch nur 40,6% seiner Würfe aus dem Feld traf, haben die Wolves ihn wohl aufgegeben. Mit Wesley Johnson steht zudem ein Spieler bereit, der in seiner ersten Saison bereits bessere Werte aufzuweisen hat. Mit Wayne Ellington hat man zudem dahinter einen richtigen Schützen, der Brewer schnell ersetzbar macht.

Anthony Randolph hat ebenfalls in dieser Liga noch nichts bewiesen. Das sagte man von Darko Milicic oder Michael Beasley aber auch. Minnesota scheint hier ein gutes Händchen zu haben, wie man mit gescheiterten Charakteren umzugehen hat. Randolph, der noch keine 22 Jahre alt ist, konnte bisher zu wenig von seinem enormen Potential zeigen. Tat er es doch, trat danach meist eine Verletzung auf, die ihn zurückwarf. Dabei ist Randolph ein flexibler, unglaublich athletischer Spieler, der eigentlich einen Platz in der Rotation finden müsste. Durch die Ausdünnung auf dem Flügel und der Verletzung Beasleys könnte Randolph gar auf Small Forward auflaufen, kann aber ebenso Power Forward als auch Center spielen. Die Wolves sammeln also weiter Projekte und versuchen, ihnen Spielzeit zu verschaffen. Da zudem noch Cash aus New York mitgeschickt worden sein soll, steht einem Buyout Eddy Currys nichts mehr im Wege.

Dritter Akt: Die Denver Nuggets geben ihren All-Star ab

Warum Denver diesen Deal eingefädelt hat, ist eigentlich klar: Carmelo Anthony wollte nicht mehr in Colorado spielen, womit die Nuggets sich gezwungen sahen, einen Weg zu finden, um weiterhin eine Zukunft vorweisen zu können, die die Fans in die Hallen lockt. Nach dem Blockbuster sieht der Kader wie folgt aus:

Lawson/Felton
Afflalo/Smith
Gallinari/Chandler/Forbes
Martin/Harrington
Nene/Andersen/Mozgov/Ely

Wie das Management um Ujiri versichert hat, zog man den Deal mit den Knicks vor, da man weiterhin im Rennen um die Playoff-Plätze bleiben will und mit Felton, Gallinari und Chandler drei Akteure ins Team kommen, die alle zu großen Teilen für die Knciks starteten. Chandler lief zumindest in 30 von 51 Spielen als Starter auf, Gallinari und Felton starteten in jedem Spiel. Interessant ist die Forderung der Nuggets, Timofey Mozgov in den Trade zu involvieren. Im Prinzip sind die Nuggets auf der Center-Position ausreichend besetzt, Mozgov konnte sich auch nie so richtig in New York durchsetzen, obwohl die Knicks händeringend nach einem Center neben Stoudemire gesucht hatten. Wäre da nicht die Beteuerung, dass man weiterhin „competitive“ bleiben will, würde dies darauf hindeuten, dass Nene Hilario auf dem Tradeblock wäre, schließlich würde dieser wohl keinen Rebuild mitmachen wollen. Warum Mozgov also in diesem Trade ist, verwundert zunächst.

Wie dieses Team jedoch weiterhin um die Playoffs spielen soll, ist ebenfalls fraglich. Die erste Option fehlt nun, der Kopf des Teams, der die Geschicke lenkte, ist in Billups ebenfalls gegangen. Die Nuggets haben momentan überhaupt keine Identität mehr. Sicherlich hat Ty Lawson in der Saison überzeugt und Billups‘ Fehlen gut ersetzt, aber kann er auch ein Team leiten? Wer wird die erste Option in der Offensive? Die Nuggets spielen einen ähnlich schnellen Basketball wie die Knicks, was vielleicht hilft, die neuen Akteure zu integrieren. Aber da nicht einmal klar ist, wer der Point Guard ist, dem George Karl vertrauen wird, wird die Findungsphase wohl zu lange dauern, um ernsthaft um den Playoffplatz halten zu können. Die Nuggets sind momentan einen Sieg vor dem Neunten im Westen. Es wird hier jedes Spiel entscheidend sein. Wenn das Team sich nicht in atemberaubender Geschwindigkeit findet, schmerzt jede Niederlage empfindlich.

Denver hat durch diesen Trade aber eine Verjüngungskur vollzogen. Mit Billups und Carter verließen die ältesten Spieler die Franchise. Mit Martin, Harrington und Andersen sind nur noch drei Akteure über 30 (Melvin Ely darf vernachlässigt werden). Martins Vertrag läuft nach dieser Saison aus, die anderen beiden Verträge sind lang, aber nur auf Höhe der Mid-Level-Exception. Die Zugänge Felton (26 Jahre), Mozgov (24), Chandler (23) und Gallinari (22) sind alle noch sehr jung und damit zukunftsträchtig.

Vierter Akt: Ein zweiter All-Star für die New York Knicks

Carmelo Anthony ist in seiner Traumstadt gelandet. Die Knicks haben dafür ihren halben Kader aufgegeben und komplett umgeworfen. Sechs Akteure verlassen New York City, sechs neue Gesichter freuen sich auf die riesige Metropole.

Billups/Douglas/Carter
Fields/Walker/Azubuike/Mason/Rautins
Anthony/Shawne Williams/Brewer/Balkman
Stoudemire/Shelden Williams
Turiaf

Die Depth Chart sieht schlimmer aus als sie ist. Die Knicks haben die gesamte Saison über das Problem, dass sie keinen Center aufbieten können. Die wahrscheinlichste Variante wird sein, dass man lange Zeit mit Stoudemire auf Center agieren wird. Carmelo Anthony hat die Größe, um problemlos auf Power Forward auflaufen zu können. Entzerrt man das Gebilde ein wenig, ergibt sich folgendes Bild:

Billups/Douglas/Carter
Fields/Walker/Azubuike/Mason/Rautins
Shawne Williams/Brewer/Balkman
Anthony/Shelden Williams
Stoudemire/Turiaf

Wer nun auf dem Flügel startet, ist fast nebensächlich, denn alle Athleten haben ihre Vorzüge und Nachteile. Fields wird definitiv starten, wer der fünfte Starter sein wird, hängt von Verletzungen, Matchups und Mike D’Antonis Launen ab. Eine große Aufstellung mit Turiaf (wie in Variante 1) ist möglich, ebenso kann man einen schnelleren Stil wählen und mit Brewer oder Balkman die Defensive oder mit Williams, Walker oder Azubuike die Offensive stärken. New York ist flexibel genug, um Adjustments vornehmen zu können, wenn es gefordert ist.

Warum die Knicks diesen Trade gemacht haben? Schließlich hieß es ja, dass Carmelo Anthony auch einfach nach der Saison als Free Agent unterschreiben könnte. Es sprechen mehrere Gründe dafür, dass man sich jetzt dafür entschieden hat, Anthony zu verpflichten. Zum einen sagt ein Sprichwort, dass es besser ist, den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach zu haben. Ja, New York wäre ein Kandidat für Anthony gewesen, wenn er Free Agent geworden wäre. Ja, man hätte nun Felton, Gallinari, Chandler und Mozgov halten und einfach Anthony hinzufügen können. Jedenfalls in der Theorie. Zur nächsten Saison muss Wilson Chandler bezahlt werden. Er ist zwar Restricted Free Agent, aber seine gute Saison wird Interesse generiert haben. Es kann gut sein, dass man ihm viel zahlen muss. Man würde ohne Chandler 44 Millionen für Stoudemire, Felton, Turiaf, Mozgov, Gallinari, Randolph, Douglas, Walker, Fields und Rautins zahlen. Damit kann man keinen Maximal-Vertrag für Anthony bieten und muss auf Chandler, Shawne Williams und Kelenna Azubuike verzichten. Chandler wäre nach dieser Saison also nur ein Knick geblieben, wenn Carmelo Anthony kein Knick geworden wäre.

Wenn man also betrachtet, dass man Chandler sowieso verloren hätte, tradeten die Knicks Felton und Gallinari gegen Billups und Anthony. Dass man sich hier sportlich verbessert hat, sollte klar sein. Felton mag ein junger Guard sein, der im System von D’Antoni wie ein All-Star aussah, er ist es aber nicht. Billups ist ein Veteran, der mehr Conference Finals gespielt hat als Felton Jahre in der Liga ist. Unter der Prämisse, dass die Knicks 2012 zudem auf einen Elite-Point-Guard schielen (Chris Paul und Deron Williams werden Free Agents), wäre Felton nur eine Übergangslösung gewesen. Billups ist in diesem begrenzten Zeitraum die bessere Lösung.

Außerdem sollte man nicht davon ausgehen, dass die Nuggets Anthony nicht doch noch an ein verzweifeltes Team getradet hätten. Die Nets haben wohl einen Smokescreen erzeugt, um die Knicks zu einem guten Angebot zu treiben, aber nachdem auch Gerüchte gestreut wurden, dass Anthony wohl bei den Dallas Mavericks eine Vertragsverlängerung unterzeichnen würde, war dies nicht mit Sicherheit zu sagen. Nicht zuletzt verlautbarte eine Quelle, dass Anthony die Extension bei den Nuggets doch unterschreiben würde, wenn er zur Trading Deadline noch immer in Colorado verweilen würde. Damit wäre die Nuggets in einer sehr viel komfortableren Verhandlungsposition. Dann hätte ein Paket um Felton und Gallinari vielleicht gar nicht mehr gereicht. Wilson Chandler hätte verlängert werden müssen. Würde diese Verlängerung zu hoch ausfallen, hätten die Nuggets vielleicht kein Interesse mehr an ihm. Sowohl Felton als auch Gallinari wären in ihrem Vertragsjahr und hätten danach bezahlt werden müssen. Kurzum: Die Situation hätte sich verkompliziert. Die Knicks haben auch nicht zu viel für Anthony bezahlt. Man hat keinen schlechten, langen Vertrag aufnehmen müssen. Al Harrington und Chris Andersen sind weiterhin Bestandteil des Kaders der Denver Nuggets.

Fünfter Akt: Das Finale – zusammengefasst

Wer profitierte am meisten von dem Melodrama? Die Minnesota Timberwolves tauschten nur zwei Rollenspieler aus und sind deshalb zu vernachlässigen. Wobei die Timberwolves ein gewisses Gespür für verschmähte Talente haben und sich Anthony Randolph als Steal erweisen könnte. Corey Brewer hatte genug Chancen erhalten und zu wenige genutzt. Randolph bekommt diese Chance nun ebenfalls.

Die Denver Nuggets verlieren ihr Gesicht, ihren Franchise Player, ihren Point Guard, der sie das einzige Mal über die erste Runde hievte – aber stehen dennoch ganz gut da. Man hat junge Talente mit Upside erhalten, hat seinen Kader radikal verjüngt und erreicht mit dem nötigen Glück gar noch die Playoffs in dieser Saison. Man muss sicherlich sehen, was man mit Wilson Chandler macht, da dieser verlängert werden muss. Ansonsten ist auch noch unklar, ob dies die letzte Transaktion der Nuggets war. Ein Core um Lawson, Felton, Afflalo, Gallinari, Chandler und Nene ist nicht so schlecht oder hoffnungslos wie die Teams in Cleveland oder Toronto. Allerdings stellt sich auch die Frage, was man mit einem First Rounder 2014 und zwei Second Roundern anfangen will. Die Knicks werden ein sicheres Playoffteam sein, auch 2014 wohl noch. Die Second-Rounder sind zumeist wertlos. Generell stellt sich die Frage, wie die Nuggets sich nun verstärken wollen. Ein Franchise Player ist wohl keiner der neuen oder verbliebenen Spieler im Kader. Für einen hohen Draftpick dürfte das Team zu stark sein. Hier muss wohl eine noch schwierigere Entscheidung getroffen werden als Melo zu traden. Das Spielermaterial könnte sich eignen, um hohe Picks oder weitere Rohtalente zu erlangen. Im jetzigen Stadium ist Denver weder Fisch noch Fleisch. Es muss sich für eine Richtung entschieden werden.

Die New York Knicks haben nun einen zweiten All-Star im Team, der einen weiteren ehemaligen All-Star im Schlepptau mit sich bringt. Die New York Knicks sind wahrscheinlich besser als vor dem Trade. Billups kann Felton ersetzen, Anthony ist besser als Gallinari, Chandler dürfte teamintern aufgefangen werden können. Mozgov hatte in dieser Saison vielleicht drei gute Spiele absolviert.

Die größte Frage ist allerdings, wie die ersten Optionen Stoudemire und Anthony harmonieren können. Beide brauchen unbedingt den Ball in der Hand, um effektiv zu sein. Beide sind Ballstopper, kommen im System, wo Ballmovement wichtig ist, nicht so gut zu Recht, beide können kaum verteidigen. Werden die Knicks essentiell mehr in dieser Saison erreichen als ohne den Trade? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht gäbe es Außenseiter-Chancen gegen die Orlando Magic, die sich nach ihrem Blockbuster-Trade noch immer nicht völlig gefunden haben, ansonsten erwartet sie ein klares Erstrunden-Aus gegen die Heat, Celtics oder Bulls. War der Trade dann sinnlos? Wahrscheinlich auch nicht. Die Knicks positionieren sich für die Free Agent-Class 2012 und haben gute Argumente vorzuweisen. Man hat keine langjährigen Verträge angesammelt, die einen Coup verhindern könnten.
Es fehlt aber auch noch einiges, damit man ein Contender werden kann. Zum einen müssen Anthony und Stoudemire erst mal „clicken“ und einen Weg finden, um nebeneinander existieren zu können. Zum anderen fehlt ein defensiver Center, der alles das ausbügelt, was Stoudemire und Anthony hinten durchwinken. Sieht man dazu noch die Konkurrenz im Osten, wo die Superfriends aus Miami schon einen Schritt weiter sind, wo die Bulls ein defensives Bollwerk um Joakim Noah gebaut haben, wird es schwer, den ganz großen Wurf hinzulegen.

Aber immerhin endet nun das Melodrama – auf zu den Gerüchten um Chris Paul und Deron Williams.

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2 comments

  1. Amar'e

    Sehr sehr guter artikel zum “endlich abgeschlossenen drama”…danke!

    viele wichtige informationen die die hintergründe erklären und den sachverhalt verdeutlichen…somit leuchtet alles ein, das ganze mit den nets, melos aussage er würde doch verlängern, das dallas gerücht, wilson chandler usw.

    sehr sehr infromativ, sehr gut geschrieben… danach ist ma top informiert…ich muss heute zu dem ganzen thema nichts mehr recherchieren und nachlesen, jetzt warte ich nur noch auf die pressekonfernez und die interviews der spieler…

    gruß

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