Draft

Geplatzte Seifenblasen?

Sie sind die vermeintlich 14 besten Spieler eines Jahrgangs. In sie wird die größte Hoffnung gesetzt, wenn es darum geht, erfolglose Franchises wieder zu Ruhm und Glanz zu tragen. Die Fans träumen von Siegen, Erfolgen, Playoffs, Meisterschaften. Doch nach einer Halbserie zerplatzen die Träume zumeist wie Seifenblasen: unerwartet schnell. Wie erging es den Lotterypicks 2010 bisher in der Liga? Sind einige Träume schon zerplatzt?
Zunächst ist festzuhalten, dass der Hinweis von Hassan Mohamed, den er in seinem Artikel „Prädikat: Seltenheitswert“ gab, nie wichtiger war als in diesem Moment:  „Um große Enttäuschungen zu vermeiden, sollten Fans ihre Erwartungen an die Rookies dennoch herunterschrauben, auch wenn der Wunsch nach einem Superstar im eigenen Team natürlich verständlich ist.“

Deshalb ist auch äußerste Vorsicht geboten, wenn man die Liganeulinge bewertet. Schließlich sind nicht einmal 40 Spiele gespielt. Dennoch lassen sich einige Tendenzen erkennen, die zumindest einen groben Überblick darüber bieten können, was von den Rookies auch in den kommenden Jahren erwartet werden kann.

Einsatzzeit

Zunächst ist festzuhalten, dass der Großteil der Lottery-Class sich in ihren Franchises zumindest in die Rotation spielen konnte. Was für viele Fans verständlich erscheint, ist bei genauerer Hinsicht eben doch ein Qualitätsmerkmal, wenn man sich in der besten Basketballliga der Welt als 19-23-jähriger konstant Minuten erkämpft.

Photo: SD Dirk (Lizenz)

Wer sich bisher jedoch noch überhaupt nicht durchgesetzt hat, ist Cole Aldrich. Fabian Thewes wies in einem Redaktions-Roundup schon darauf hin, dass man von Aldrich in dieser Saison nichts mehr erwarten dürfe. Er ist eine der größten Enttäuschungen in der Lottery-Class. Aldrich galt als NBA-ready und brachte es im letzten College-Jahr in Kansas es immerhin auf 10 Rebounds und 3,4 Blocks in 26 Minuten. Gerade das Rebounding ist der Skill, den die Draft-Experten als am ehesten auf NBA-Level übertragbar halten. Dazu bot die Franchise auf Oklahoma auch geradezu optimale Voraussetzungen für Aldrich, der sich defensiv aufreiben und der Thunder-Defense weitere Stabilität verleihen sollte. Mit Nenad Krstic hatte man einen eher unterdurchschnittlichen Center im Kader, der aufstrebende Serge Ibaka kann auch problemlos die Position des Power Forwards bekleiden. Minuten für Aldrich wären eigentlich da gewesen. Trotzdem reicht es für ihn nur für ganze 55 Minuten, verteilt auf 7 Spiele. Aldrich konnte zu keinem Zeitpunkt überzeugen. Skeptiker sehen ihn schon in einer Reihe mit Center-Busts wie Byron Mullens,  Robert Swift, Johan Petro oder Mouhamed Sene. Die Argumentationen dazu sind auch nicht von der Hand zu weisen: Aldrich hat kaum upside. Anders als die Draftees Swift, Petro oder Sene, die als rohe Projekte in die Liga kamen und denen man Zeit geben wollte oder musste, gilt Aldrich als fertiger Spieler, der eigentlich sofort einen gewissen Einfluss aufs Spiel haben sollte. Diesen hatte er jedoch nicht.

Patrick Patterson hat ebenfalls die Rotation nicht geknackt, auch wenn er mittlerweile das Dreifache der Spielzeit Aldrichs aufweisen kann. Der Power Forward (einer von drei Spielern der Kentucky Wildcats in der Lottery-Class 2010) schafft es jedoch nicht, sich konstant Minuten zu erkämpfen. Das liegt zuvorderst nicht an den Talenten des 21-Jährigen, sondern vor allem an der dichten Rotation der Houston Rockets. Eine gesunde Big Man Rotation würde neben Patterson auch Luis Scola, Jordan Hill, Chuck Hayes, Brad Miller, Yao Ming und Jared Jeffries umfassen. Patterson sah erst Minuten, als mit Yao Ming und Chuck Hayes gleich zwei Big Men fehlten. Steht Patterson auf dem Feld, hat er jedoch direkt Einfluss aufs Spiel. In den drei Spielen über 20 Minuten legte Patterson 10,6/8 auf. Er bestätigte das, was die Experten vor dem Draft schon sahen: Patterson ist NBA-ready, hat natürlich kein großes upside mehr, aber kann ein solider Rollenspieler werden, den eigentlich jedes Team gebrauchen kann. Er ist ein intelligenter, hart arbeitender Big Man, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt, um mit ihnen zu gewinnen. Patterson wird sich in dieser Liga durchsetzen, wenn er die Chance dazu bekommt.

Anders verhält es sich mit Paul George. Der Small Forward der Indiana Pacers wurde trotz körperlicher Fitness erst in 16 Spielen eingesetzt. Diese Einsätze bekam der 20-Jährige zumeist wegen eines Ausfalls von Danny Granger oder während der Sperre Brandon Rushs. In diesem Punkt sind also Gemeinsamkeiten zu Patrick Patterson zu finden. Jim O’Brien meinte jedoch Mitte November: “He’s not playing good offense. He’s not taking good shots. He’s not having good practices.” Dieses Urteil bedeutete eine einmonatige Zwangspause für George, der zwischen dem 23.11. und 29.12. keine einzige Chance bekam, sich zu beweisen. Seitdem bekommt George aber immer wieder mal 10 oder mehr Minuten, die Rotation hat er aber noch immer nicht geknackt. Abschreiben sollte man George aber nicht. Er produziert solide Quoten und hat es auf dem Flügel auch sichtlich schwer, sich die Minuten hinter Franchise Player Danny Granger zu erkämpfen.

Ekpe Udoh ist der letzte im Bunde, bei dem man attestieren kann, dass er sich noch nicht durchgesetzt hat. Der schon 23-Jährige war zum Zeitpunkt des Drafts schon als zu hoher Pick eingeordnet worden; zudem kam noch eine Verletzung Udohs hinzu, die eine Bewertung kaum möglich macht. 2,5 Punkte und 2,3 Rebounds sprechen aber keinesfalls für den ehemaligen Studenten von Michigan und Baylor. Für ein hinreichendes Fazit reicht es aufgrund Udohs Verletzung jedoch nicht.

Außer den oben genannten vier Spielern, die sich nicht durchsetzen konnten, sind zur Saisonhalbzeit gar schon alle Lottery-Rookies in ihren Teams als Starter aufgelaufen. Das übertrifft beispielsweise die letzte Lottery-Class aus dem Jahr 2009, wo die gesamte Saison über Blake Griffin, James Harden,  Ricky Rubio, Jordan Hill, Gerald Henderson und Earl Clark aus den verschiedensten Gründen kein Spiel für ihre Franchise starteten.

Allerdings muss man hier auch relativierend sehen, dass bisher gerade mal 4 Spieler mehr als 24 Minuten pro Spiel sehen. John Wall ist der einzige Lottery-Pick, der die 30 Minuten übersteigt. Die Einsatzzeit hängt natürlich auch vom Umfeld eines Spielers ab. Ein Lottery-Team des letzten Jahres (hier sind bspw. Utah und Oklahoma City schon ausgenommen) ist potenziell schwächer aufgestellt als ein Playoff-Team, allerdings kann es – wie im Falle von Paul George – trotzdem dazu kommen, dass der Rookie dieselbe Position wie der beste Spielers des Kaders bekleidet. Die Folge ist in diesem Fall ein Verlust von Einsatzzeit.  Interessanter ist es da zu sehen, welche Leistungen die Spieler bisher abrufen konnten.

Leistung/Impact

Leistung oder auch Impact sind natürlich sehr schwer zu messen, vor allem vergleichend gesehen kann man dies nur über Zahlen lösen. Vorab sollte man jedoch einschränkend aufführen, dass bisher nur Cole Aldrich und Gordon Hayward bei „Winning Teams“ (Teams mit einer Bilanz von mehr als 50%) spielen. Bei Aldrich macht dies wohl keinen Unterschied, aber Hayward könnte der einzige Lottery-Rookie sein, der in seiner ersten Saison in einem Team steht, das über 41 Spiele gewinnen wird. Folglich wird Coach Jerry Sloan auch ganz anders die Minuten verteilen als beispielsweise Paul Westphal in Sacramento.

Die bekannteste statistische Formel zur Berechnung der Effizienz eines Spieler ist das Player Efficiency Rating von John Hollinger. Dieser hat versucht, mithilfe einer Formel alle relevanten Statistiken so zu bündeln, dass er eine Kennziffer erhält, mit der er einen Spieler bewerten kann. Zwei  Einschränkungen müsste Hollinger bei der Formel jedoch machen: Zum einen kann sie nicht die defensive Leistung beschreiben, weil es keine Zahlen dafür gibt, wie gut ein Spieler im Post oder am Perimeter verteidigt oder wie gut er rotiert. Grundsätzlich fehlt dem Rating alles, was nicht in einem Boxscore auftaucht. Zum anderen werden beim PER Zahlen normiert, um sie vergleichbar zu machen. Die erzielten Statistiken werden durch die gespielten Minuten geteilt. Das bedeutet bspw. im  Fall von Ekpe Udoh und Wesley Johnson, dass Udohs 2,5/2,3 nur durch knapp 13 Minuten Einsatzzeit geteilt werden, während bei Johnson (dem Rookie mit den meisten Minuten aller Lottery-Picks) durch 27,5 Minuten geteilt wird. Folglich kommt Udoh auf ein höheres PER. Da es aber besonders in der Rookiesaison  auch auf Einsatzzeit ankommt, ist das PER hier nur zu Teilen hilfreich. Patrick Patterson führt die Lottery-Picks in diesem Bereich an. Sein Wert von 18,6 liegt klar über den durchschnittlichen 15,0. Nimmt man dann noch die Spiele über 20 Minuten hinzu, ergibt sich das Bild, dass Patterson auch weiterhin berücksichtigt werden sollte, weil er einem Team schon jetzt hilft.

In den Top 6 des PER finden sich aber auch die drei Spieler wieder, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung am besten hervorgetan haben. John Wall liegt auf Platz 2, weist einen leicht überdurchschnittlichen PER von 16,1 auf, was die Indizien verstärkt, dass Wall seinem Team ab dem ersten Spiel wirklich hilft. Es folgen auf Platz 5 Derrick Favors (PER 14,0) und DeMarcus Cousins (13,7). Beide Werte sind leicht unterdurchschnittlich. Bei Favors ist dies vor allem damit zu erklären, dass dessen defensive Qualitäten nicht erfassbar sind. Bei Cousins ist dies einfach die katastrophale Wurfauswahl. Hier bildet Hollingers Formel also genau die Unzulänglichkeiten Cousins ab, sie sind ja statistisch erfassbar.

Zudem hat Hollinger ein weiteres – auf PER basierendes – System entwickelt, mit dem er den zu bewertenden Spieler durch einen fiktiven 12. Bankspieler ersetzt und schaut, wie wertvoll der Spieler für ein Team ist. Die EWA (Estimated Wins Added) sind deshalb so interessant, weil sie auch die Einsatzzeit mit einkalkulieren. Patrick Patterson, „Führender“ im PER-Ranking der Lottery-Rookies, wird bei diesem Ranking – ebenso wie Ekpe Udoh und Cole Aldrich – aufgrund von zu geringer Spielzeit aussortiert. Die verbliebenen Lottery-Picks sind relativ nah beieinander, insgesamt gibt es nur ein Intervall von 3,1 zwischen dem besten und schlechtesten Lottery-Pick. Das ist beispielsweise ein geringerer Abstand als zwischen LeBron James und Dirk Nowitzki. Spitzenreiter ist hier John Wall, der nach diesem Ranking den positivsten Wert für seine Franchise hat und bisher für 2,4 Siege verantwortlich ist. Es folgen DeMarcus Cousins, Greg Monroe, Ed Davis und Derrick Favors. Alles Big Men, die einen leicht besseren Einfluss auf den Teamerfolg als ein 12. Spieler im Kader hatten.

Am Ende der Liste findet man neben Xavier Henry dann auch Evan Turner mit -0,7 Siegen (Turners PER ist momentan schlechter als  Derek Fishers). Der vielversprechende Allrounder wurde von den Philadelphia 76ers an der zweiten Stelle gezogen und sollte auf dem Flügel neben André Iguodala auflaufen, um den Sixers nach der enttäuschenden letzten Saison wieder in die Spur zu helfen. Vor der Draft gab es aus euphorischen Fanlagern immer wieder Vergleiche zu Tracy McGrady oder Grant Hill. Ein Spieler, der alles gut und sein Team auf viele verschiedene Arten unterstützen kann. Bisher hat Turner jedoch nur in ganz wenigen Momenten gezeigt, was er kann. Er konnte bisher in genau einem Spiel mehr als 20 Punkte scoren, obwohl die Sixers dringend  eine Scoringoption benötigten und Iguodala für einige Spiele ausfiel. Turner konnte offensiv den Sixers zu nahezu keinem Zeitpunkt helfen und wirkt auch nach über 30 Spielen immer noch wie ein Fremdkörper auf dem Feld. Defensiv kann er den Sixers zumindest seine Dienste als Rebounder anbieten. Hier liegt eine Stärke Turners. Allerdings ist er auch unter den Swingmen der Lottery-Rookies kein überragender Rebounder, Al-Farouq Aminu und Paul George weisen prozentual bessere Werte auf. Natürlich sollte man Turner nicht abschreiben, aber sollten seine Allround-Fähigkeiten eher auf dem Niveau von Hedo Turkoglu als von oben genannten McGrady oder Hill liegen (dies ist Anbetracht des schon fortgeschrittenen Alters von Turner nicht unwahrscheinlich), wird Turner in der NBA erst einschlagen, wenn er in einem Team auflaufen kann, wo er den Ball dominieren darf. In Anbetracht der derzeitigen NBA-Situation, wo es überdurchschnittlich viele gute Point Guards gibt, wird dies kein einfaches Unterfangen. Im eigenen Team spielt mit Jrue Holiday ein Point Guard, der jünger als Turner ist – und dem Trainer Doug Collins bereits vertraut. Turners größte Stärke scheint zugleich auch seine größte Schwäche zu sein. Wenn er im Angriff den Ball nicht in den Händen hält, kann er dem Team nicht helfen. Er hat weder die Range, um Platz für die anderen zu schaffen oder ein Double-Team zu bestrafen, noch ist er ein Slasher, der ohne Rücksicht auf Verluste zum Korb zieht und dort entweder abschließt, Fouls zieht oder den offenen Mann findet. Wenn Evan Turner nicht lernt, off-the-ball zu spielen, ereilt ihn dasselbe Schicksal wie Hedo Turkoglu in Toronto oder Phoenix: er ist nutzlos.

Fazit

Einzig John Wall hat unter den Lottery-Rookies einen signifikanten Impact auf das Spiel seines Clubs. Aber dieser positive Einfluss ist eher in Kategorien von guten Rollenspielern (als Vergleich zum Einfluss in dieser Saison wären vielleicht Shannon Brown, CJ Miles oder Leandro Barbosa zu nennen, die dieselben Werte beim PER oder EWA vorzuweisen haben) zu sehen. Der prädestinierte Rookie of the Year Blake Griffin spielt in ganz anderen Regionen (PER: 23,26; EWA 8,7; beides Top 15-Werte in der NBA). Wall hat aber die Anlagen, um in diese Sphären vorzustoßen. Vor allem die knapp 4 Turnover pro Partie verhindern Walls großen Durchbruch.

Hinter Wall zeigen sich mit DeMarcus Cousins‘ offensivem Talent (vor allem in den letzten Spielen hat sich die Wurfauswahl Cousins‘ erheblich verbessert; zudem ist Cousins der beste Rebounder des Rookie-Feldes) und Derrick Favors defensiver Präsenz hoffnungsvolle Ansätze, dass mehr als ein Spieler der Lottery-Class 2010 über den Status eines Rollenspielers hinauskommt. Dies wäre schon als Erfolg zu sehen. Evan Turner sollte man nicht abschreiben, damit aus ihm aber mehr als ein Rollenspieler wird, müsste das Umfeld schon exakt passen. Es hat sich allerdings auch kein anderer Rookie aufgedrängt, viel versprechende Ansätze sind zuletzt bei Ed Davis und Greg Monroe zu erkennen, die beide keinen guten Start hingelegt hatten (Davis kämpfte in der Anfangsphase mit einer Verletzung, Monroe mit den undurchsichtigen Rotationen seines Coaches), aber die die zweite Saisonhälfte nutzen wollen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Von Ekpe Udoh, Paul George und Cole Aldrich braucht man sich nicht mehr viel zu erhoffen, ohne Verletzungspech seiner Mitspieler kann wohl auch Patrick Patterson nicht mehr zeigen, was er zu leisten imstande ist.

Dennoch besteht Hoffnung, dass auch hinter John Wall noch einigen anderen Talenten eine solide NBA-Karriere bevorsteht, auch wenn sie den Turnaround ihrer Franchise nicht alleinig einleiten können.

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