Detroit Pistons

Vom Bordstein zur Skyline und zurück

Photo: Jeffrey Simms (Lizenz)

Tracy McGrady geht mit einem weniger glücklichen Gesichtsausdruck Richtung Umkleidekabine. Sein neues Team, die Detroit Pistons, verlässt zum fünften Mal in Folge das Parkett als Verlierer. Die fünfte Niederlage im fünften Spiel – der ligaweit schlechteste Saisonstart 2010. Bis dato konnte es der ehemalige zweifache Scoring Champion auf elf Punkte bringen – in allen fünf Partien insgesamt. Der von Verletzungen gebeutelte ehemalige Superstar ist die letzte namhafte Verpflichtung von General Manager Joe Dumars. Viel Grund zur Freude liefert diese ihm bisher nicht.

Rückblende.

Rasheed Wallace strahlt und feiert 2004 im Mittelkreis des Palace of Auburn Hills in Detroit. Sein Team konnte als klarer Außenseiter die Los Angeles Lakers um Shaquille O’Neal, Kobe Bryant, Gary Payton und Karl Malone in fünf Spielen bezwingen – ein Erfolg mit Seltenheitswert, wie es im es auch in diesem vergangenen Artikel deutlich wurde. Kurz vor der Trading Deadline konnte Dumars Wallace im Paket mit Mike James über einen Trade mit zwei weiteren Teams – Atlanta und Boston – für mehrere Rollenspieler (Chucky Atkins, Lindsey Hunter, Bob Sura, Zeljko Rebraca), eine Hand voll Dollar und ein Wahlrecht in der ersten Runde des 2004er Draft ins Team holen. Der impulsive Wallace wurde damals zehn Tage vor dem Deal mit den Pistons von den Portland Trail Blazers nach Atlanta verfrachtet. Ein einziges Spiel absolvierte er im Dress der Hawks. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten die Trail Blazers ein ziemliches Problem mit ihrem Image. In Fankreisen kam es zur inoffiziellen Umbennung des Teamnamens in Jail Blazers – Portland war aufgrund der hohen Anzahl an Problemkindern metaphorisch das Gefängnis der NBA. Wallace war einer der “Übeltäter”, sodass er das Team auch verlassen musste, als das Management der Blazers den Prozess der Imageverbesserung startete.

Des einen Leid, des anderen Freud – vor der Verpflichtung des Power Forwards konnte das Team aus Motown eine Bilanz von 34 Siegen und 22 Niederlagen vorweisen, mit ihm wurden 20 der letzten 26 Spiele der Saison und letztlich auch die Meisterschaft gewonnen. Ein voller Erfolg für Dumars.

Alles Gute kommt von unten

Zwei Jahre nach dem Rücktritt vom aktiven Basketballsport hatte Dumars bereits den wichtigsten Posten im Management der Pistons inne und blieb somit der Franchise treu, die ihn 1985 draftete und bis zum Karriereende an ihm festhielt. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte der Trade von Detroits größtem Star der 90er Jahre – Grant Hill. Der jetzt für die Suns aktive Flügelspieler war 2000 neben Tim Duncan der heißeste Free Agent (vergleichbar mit Dwyane Wade in diesem Sommer). Angezogen von der Sonne Floridas strebte Hill einen Wechsel zu den Orlando Magic an. Dumars konnte einen ‚Sign & Trade‘ einfädeln, wodurch zumindest ein wenig Gegenwert für den damals fünffachen All Star nach Michigan kam. Neben den oben erwähnten Atkins konnte Dumars aushandeln, dass ein zu kleiner, nicht gedrafteter Center ohne jegliche offensive Fähigkeiten (Karrierewerte bis zum Zeitpunkt des Wechsels: 4,0 Punkte / 6,3 Rebounds) ein Teil des Trades wurde. Sechs Jahre später konnte sich dieser Spieler mit vier Auszeichnungen zum besten Verteidiger der NBA in die Geschichtsbücher verewigen. An dem Tag als Hill, der Held aller Fans, die Mannschaft verließ, kam er: Ben Wallace – der Anker der berüchtigten Verteidigung des Meisterteams. 32 Partien konnten die Pistons im ersten Jahr mit Dumars als Kopf des Managements gewinnen, ein Jahr später waren es bereits 50 Siege und Wallace führte die NBA in Rebounds sowie Blocks an und gewann seine erste ‚Defensive Player of the Year‘-Trophäe.

Zwischen der Verpflichtung der beiden Wallace‘ traf Dumars noch einige wegweisende Entscheidungen – allesamt im Sommer 2002. In der Draft wurde der spindeldünne Tayshaun Prince von der University of Kentucky an 23. Stelle gewählt. Ein wahrer Glücksgriff. Casey Jacobsen, Qyntel Woods, Kareem Rush, Ryan Humphrey, Curtis Borchardt, Juan Dixon, Jiri Welsch, Bostjan Nachbar, Fred Jones und Marcus Haislip waren die zehn Spieler, die direkt vor Prince gewählt wurden. Keiner dieser Spieler verfügt derzeit über eine Anstellung in der NBA. Insbesondere in der Verteidigung gegen Kobe Bryant machte Prince sich in den Finals einen Namen. Dank seiner außergewöhnlichen Armspannweite gepaart mit den defensiven Instinkten hatte er dem Star der Lakers das Leben unglaublich schwer gemacht (Bryant in fünf Spielen: 113 Punkte bei 113 Würfen). Richard Hamilton kam aus der Bundeshauptstadt nach Detroit. Der explosive, aber oftmals ineffiziente Scorer Jerry Stackhouse (2001: 29,8 Punkte; 2002: 21,4 Punkte) tauschte mit ihm im Gegenzug das Trikot. Erneut stellte dieser Trade eine Glanzleistung Dumars‘ dar. Nach einem Jahr bei den Wizards nahm Stackhouse‘ Leistungsfähigkeit bereits merklich ab (2002: PER 18,7; 2003: PER 13,2), während Hamiltons Karriere in Detroit erst wirklich begann. Dessen Partner im Backcourt sollte in der Vision des ehemaligen Verteidigungsspezialisten der Bad Boys Chauncey Billups werden. Dieser bekam 2002 von Dumars direkt einen 5-Jahres-Vertrag angeboten, obwohl der dritte Pick des 1997er Drafts in seinen ersten fünf Jahren bereits in drei Trades involviert wurde und für vier verschiedene Mannschaften auflief. 2004 wurde zum Finals-MVP, zum wertvollsten Spieler der Finalserie, ausgezeichnet.

Heavy Metal’s Way Back

Die Startaufstellung bestehend aus Wallace, Wallace, Prince, Hamilton und Billups ist Geschichte. Fünf Spieler, die sich ergänzten und die Schwächen des Mitspielers kaschierten. Verstoßene. Keine Superstars. Spätzünder. Aber eine Einheit, die es geschafft hat. Dumars’ Vertrauen wurde mit vielen Siegen belohnt und dem Titel gekrönt.

Aus dem Meisterteam sind aktuell nur noch Prince und Hamilton verblieben, Ben Wallace  kehrte nach Abstechern zu den Chicago Bulls und Cleveland Cavaliers zu alter Wirkungsstätte zurück. Der zweite Wallace hat die Basketballschuhe an den Nagel gehängt, Billups wurde 2008 für Allen Iverson nach Denver geschickt (es war Dumars zweiter Versuch Iverson zu verpflichten; acht Jahre zuvor scheiterte ein Versuch in allerletzter Sekunde). Ein Versuch, dem Team neue Motivation einzuverleiben. Nach drei Niederlagen in den Eastern Confernce Finals in den Jahren 2006, 2007 und 2008 spielte Dumars diese riskante Karte. Bei allem Talent Iversons konnte niemand vorhersagen, wie sich der egozentrische Star, der nicht mehr den Status vergangener Tage hatte, im Teamgefüge der Pistons zurechtkommen würde. Dumars‘ Blatt wurde übertrumpft – Iverson verließ das Team nach nur einer Saison (und nach 28 weiteren Spielen in Memphis und Philadelphia auch die NBA).

Der aktuelle Kader wirkt diffus. Wallace ist der einzige Center im Kader und mit zunehmendem Alter nicht mehr in der Lage, an die Leistungen vergangener Tage anzuknüpfen. Einen Aufbauspieler kann das Team auch nicht vorweisen.

Rodney Stuckey als Starter und Will Bynum als dessen Ersatz bekleiden diese Rolle – eine Rolle, die nicht ihrem Naturell entspricht, da beides vornehmlich Spieler sind, die ihre Stärken im Erzielen von Punkten haben. Mannschaften, die mit einem LeBron James, Brandon Roy oder einem jungen Tracy McGrady auf dem Flügel spielen, können diesen Typen eines Point Guards verkraften. Die Pistons hingegen haben auf dem Flügel fast ausschließlich Spieler, die den Ball serviert bekommen sollten: Richard Hamilton, Tayshaun Prince, Ben Gordon, Jonas Jerebko, Austin Daye. Ein Gordon kann für sich kreieren, aber nicht für seine Mitspieler. Ein Spielgestalter ist – bis auf McGrady – nicht vorhanden. Nur ist dieser nicht mehr in der körperlichen Verfassung, ein Team zu führen. Sollte Dumars darauf gehofft haben, dass McGrady diese Rolle ausfüllen kann, ist dies eine extrem fahrlässige Erwartungshaltung gewesen.

Aufgrund fehlender Qualität auf den großen Positionen entschied sich John Kuester für Prince und Daye als Starter auf den beiden Forward-Positionen, wobei keiner der beiden Flügelspieler mit ihren körperlichen Voraussetzungen einen durchschnittlichen Power Forward verteidigen kann. Die Alternativen sind bescheiden: Charlie Villanueva macht derzeit eher wegen eines Streits mit Bostons Kevin Garnett als mit guten Leistungen auf sich aufmerksam, Jason Maxiell und Chris Wilcox fehlt die Qualität, während Rookie Greg Monroe, siebter Pick von der Georgetown University, in den ersten fünf Partien bereits zweimal nicht eingesetzt wurde. Als hoffnungsvollstes Talent auf den großen Positionen wird Kuester mittelfristig und bei steigender Anzahl an Niederlagen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Monroe setzen (müssen).

Zeiten ändern Dich

Wohin steuert Joe Dumars? Kann er das Ruder rumreißen? Er setzte auf Spieler, die ansonsten wenig Liebe erhielten und brachte seine Pistons auf diesem Weg nach ganz oben. Er versuchte abermals dasselbe und kommt damit bisher nicht mehr voran. Das Resultat von der Geschichte mit Iverson wurde erläutert, für die Verpflichtungen von Gordon und Villanueva nahm er viel Geld in die Hand, obwohl beide Spieler nicht zum bestehenden Konzept passen bzw. ein Konzept scheinbar fehlt (Gordons Verpflichtung in Kombination mit der vorherigen Verlängerung von Hamiltons Vertrag war für viele Fans unverständlich), und McGrady konnte seinen Worten vom Sommer bisher keine Taten folgen lassen:

Photo: Keith Allison (Lizenz)

“I feel good – I feel really good,” he smiled after Wednesday’s workout. “What I can tell you is the stuff I’m doing now, I couldn’t do that when I was playing for New York. I’m going to surprise a lot of people. What people saw in New York, if that’s the type of player they think I’m going to be, man, they’ve got another think coming.”

[August 2010 / Pistons.com]


Die Zeit des Lobes ist vorbei. Die Dankbarkeit für das Zusammenstellen eines Meisters eventuell verbraucht. Dumars muss sich neu beweisen. Mit Blick auf dem Kader wird dies keine einfache Angelegenheit.

 

Abschließend möchte dieser Artikel mit einem Aufruf an die Leserschaft enden,  personalpolitische Verbesserungsvorschläge für die Pistons (Baustellen wurden angesprochen) und – sehr gerne auch – konkrete Trade-Proposals, deren Vereinbarkeit mit den Regeln der CBA (Collective Bargaining Agreement) über die Trade Machine von ESPN überprüft werden kann, im Kommentarbereich zu posten. Diese könnten im Anschluss gemeinsam mit dem Team hinsichtlich der Sinnhaftigkeit bzw. einer möglichen Problematik diskutiert werden.

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3 comments

  1. Was vielleicht ein ganz interessanter Zusammenhang ist, wenn man das plötzlich konfuse Management der Pistons betrachtet, ist die Rolle von John Haammond. Der war von 2001 bis 2008 Assistant GM und ging dann zu den Milwaukee Bucks als alleiniger General Manager. Seit 2008 wurden sämtliche Personalentscheidungen getroffen, die zur heute vertrackten Situation geführt haben – die Abgabge von Billups, die viel zu teuren Verträge von Villanueva und Gordon, die Beschäftigung von zig Shooting Guards und Small Forwards etc..

    In der gleichen Zeit haben die Milwaukee Bucks ihren rasanten Aufstieg hingelegt (auch wenn ich nicht verschweigen will, dass 2008 doch eher mäßig war). Aber der Trade für Salmons, der Draft von Jennings, die diversen Signings (Delfino, Maggette usw.) gehen alle auf Hammonds Kappe, weshalb ich die starke Vermutung habe, dass er damals in Detroit auch ein wesentlicher Baustein des Erfolgs war.

    Was die Frage zu Trades usw. angeht: sehe da eher wenig Spielraum, weil viele Verträge (Hamilton, Villanueva, Gordon) einfach furchtbar und eigentlich untradebar sind. Dazu hat man auch eher nur eine Stange schlechter Draftpicks zu bieten, wenn man nicht gerade eigene Firstrounder weggeben will. Lediglich Prince ist mit einem auslaufenden 11 Mio.-Vertrag für viele Teams interessant, aber den Capspace kann Detroit natürlich auch selber gut gebrauchen. Sehe da momentan nicht, wie sie sich per Trade signifikant verbessern können oder wollen, wenn nicht gerade irgendein Team in Hamilton, Gordon oder Stuckey DIE Lösung für seine Probleme sieht. Und das würde ich dann mal eher ausschließen 😉

  2. Hassan Mohamed

    |Author

    Danke für Deinen Kommentar, Malte.

    Signifikante Verbesserungen in Detroit sind schwierig. Um dem Kader zumindest etwas mehr Struktur zu geben, wäre Kirk Hinrich eventuell eine Möglichkeit. Dieser ist in Sachen Spielgestaltung natürlich kein Steve Nash, aber er ist mehr Point Guard als Rodney Stuckey oder Will Bynum. Stuckey könnte auf die Zwei rutschen, Ben Gordon als Backup, oder vice versa. Im Gegenzug könnte Richard Hamilton nach Washington wechseln und den Wizards mehr Größe/Erfahrung im Backcourt verschaffen.

    Probleme:

    1. Hamiltons Vertrag läuft ein Jahr länger als Hinrichs, und hat außerdem ein höheres Volumen. Die Wizards würden sich finanziell mehr auflasten. Man müsste davon überzeugt sein, dass Hamilton aus seinem Loch kommt.

    2. Ein direkter Eins-zu-Eins-Trade erfüllt die CBA-Regeln nicht. Hamilton für Hinrich/Thornton würde funktionieren, aber eventuell messen die Wizards Thornton auch sportlichen Wert bei. Ein weiterer SF wäre für Detroit auch nicht von Vorteil. Ein möglicher Sweetener der Pistons könnte der verletzte Jonas Jerebko sein, wobei schwer zu sagen ist, wie das Management zu ihm steht. Seine Rookie-Saison war durchaus solide.

    Nicht ganz einfach.

  3. Flobi

    Vergessen wurde noch die Milicic-Sache im ’03er Draft. Bei aller Liebe zu Tay Prince, es war vorherzusehen, dass Carmelo Anthony der bessere Spieler werden wird, mit ihm würden sie nun sicherlich auch anders dastehen. Aber Dumars fiel auf den Darko-Hype gnadenlos rein.

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