EWE Baskets Oldenburg, medi Bayreuth

Bayreuths Balanceakt

Bayreuths Probleme gegen das Oldenburger Pick&Roll in Spiel 1 und 2

medi Bayreuth steht nach zwei Niederlagen in der Serie gegen die EWE Baskets Oldenburg im Heimspiel am Sonntag schon fast mit dem Rücken zur Wand. Die vermeintlich spannendste Viertelfinalserie der diesjährigen Playoffs hielt dabei in den ersten beiden Partien, was sie versprach und drehte sich auch fast ausschließlich um diese eine Frage, die Bayreuth seit dem Ausfall von Andreas Seiferth im Bezug auf diese Serie beschäftigen sollte: Wie viel dürfen sie in der Zone gegen Brian Qvale & Co. aushelfen, ohne von Außen abgeschossen zu werden? Es ist der Bayreuther Balanceakt.


Mit Blick auf die ersten beiden Spiele lässt sich jetzt schon sagen, dass bei 85 respektive 102 kassierten Punkten dieser Balanceakt nicht geglückt ist. Die Bayreuther Defensive hat nur über kurze Phasen dieser 80 Minuten überzeugen und die Oldenburger Pläne damit durchkreuzen können. Denn was die EWE Baskets vorhaben, ist ganz offensichtlich: Sie forcieren immer und immer wieder das Pick&Roll mit Brian Qvale, postieren drei Schützen rund um den Perimeter, lassen der Bayreuther Verteidigung die Wahl, worauf sie sich fokussieren will, und schlagen dann eiskalt zu. Sinken die Außenspieler des Tabellenvierten zu weit ab, kommt sofort der Pass nach außen an die Dreierlinie und Spieler wie Frantz Massenat, Philipp Schwethelm oder Maxime De Zeeuw netzen ein. Entscheidet sich die Defense hingegen eng an den Schützen dranzubleiben, bedient der Pick&Roll-Ballhandler entweder sofort Qvale oder zieht selbst zum Korb.

Die Bayreuther Big Men Assem Marei und De’Mon Brooks sind weiterhin den Beweis schuldig geblieben, dass sie den abrollenden Qvale konsequent verteidigen können. Immer wieder kommen sie sehr weit hoch, erhalten dann keine Hilfe eines weiteren Spielers und der Oldenburger Center hat freie Bahn auf dem Weg zum Korb.  

www.telekombasketball.de

Während das in Spiel Eins noch etwas besser klappte und Qvale so bei lediglich fünf Punkten gehalten werden konnte, offenbarten sich in der zweiten Partie mehr Lücken, die der Oldenbuger Big ausnutzen konnte. Dies lag natürlich auch daran, dass die EWE Baskets im Auftaktspiel ganze 52 Prozent (13/25) ihrer Dreier versenkten und Bayreuth somit gewarnt war. Wieder eine solch gute Dreipunktquote abzugeben, würden die Siegchancen geringer werden lassen.

Doch nach Spiel Zwei kann nun gesagt werden, dass die Bayreuther sich in der Verteidigung des Dreipunktwurfs nicht besserten beziehungsweise die Oldenburger einfach nicht schlechter trafen. Wieder fanden 13 der 25 Oldenbuger Dreier ihr Ziel (52%) und waren damit ein großer Schlüssel zum Sieg.

Dabei werden die Männer von Raoul Korner beim Pick&Roll der Norddeutschen immer vor eine “pick-your-poison”-Entscheidung gestellt, die, wie in den folgenden Screenshots erkannt werden kann, nahezu immer gleich aussieht. 

Hier läuft Frantz Massenat das Blocken und Abrollen mit Qvale. Nachdem er sich mit dem Screen Platz verschafft hat, ist Kyan Anderson bereits hinter dem Play und kann kaum noch eingreifen. Nun muss Nate Linhart eingreifen, der normalerweise Rickey Paulding auf der ballfernen Seite decken würde, weil Marei mit einer Zwei-gegen-Eins-Situation konfrontiert ist. Linhart hilft sehr tief, um mit dem Oldenburger Center Kontakt aufzunehmen, was den offenen Dreipunktwurf für Paulding ermöglicht.

www.telekombasketball.de

Hier ein nahezu identisches Bild. Chris Kramer läuft das Pick&Roll über die Mitte und Bastian Doreth hilft in der Zone aus, um Qvale beim Abrollen zu stören. Das lässt Vaughn Duggins die Sekunden, die er braucht, um den Ball zu fangen und abzudrücken.

www.telekombasketball.de

Das Clevere, was die Oldenburger dabei machen, ist, den Schützen immer hoch zu bringen, sobald der ballführende Spieler seinen Drive aus dem Blocken und Abrollen startet (“lift”). Das bedeutet, dass der Weakside-Spieler nicht einfach in der Ecke stehen bleibt, sondern genau auf den Ball achtet und sich entlang des Perimeters nach oben bewegt. So ist der Weg für den Pass deutlich kürzer und er kann schneller werfen. Für den Verteidiger dieses Spielers entstehen dann ganz andere Wege.

Hier lässt sich diese Konzept gut erkennen. Wieder laufen Kramer und Qvale das Pick&Roll und Massenat befindet sich auf der Seite des aushelfenden Verteidigers. Statt in die Ecke zu gehen, kommt Massenat gegensätzlich zu Kramer nach oben. Nun steht sein Gegenspieler, in dem Fall Kyan Anderson, vor der Entscheidung. Hier hilft Anderson kurz beim abrollenden Qvale aus, was Kramer sofort für den kurzen Pass zu Massenat nutzt, der den Dreier versenkt.

www.telekombasketball.de

Eine wichtige Bewegung in diesem Zusammenhang ist der sogenannte “stunt”. Dabei geht es darum, dass der aushelfende Verteidiger nur kurz zum Big Man absinkt, aber seine Beinarbeit so ist, dass er sofort zum Schützen raussprinten kann. Dazu wird das Gewicht auf das hintere Bein verlagert, kurz die Präsenz beim Big Man angetäuscht und sofort raus an die Dreierlinie gesprintet. Bei Anderson konnte dies im oberen Bild erkannt werden. Es ist meist die Voraussetzung dafür, dass der Wurf noch irgendwie erschwert werden kann. Wenn man ohne diese Bewegung absinkt, ist man aus dem Stand nicht mehr schnell genug und macht es dem Schützen damit leichter. Wie De’Mon Brooks im folgenden Fall:

www.telekombasketball.de

Die zweite Möglichkeit für den Verteidiger in diesem Spielzug ist es also, einfach nicht bei Qvale auszuhelfen und stattdessen eng beim Schützen zu bleiben. Nate Linhart zeigt in der nächsten Sequenz, wie das aussehen würde. Allerdings ist die Rechnung hier ganz einfach: Da Linhart nicht aushilft, spielt Kramer den Pass auf Qvale und der nimmt zwei einfache Zähler mit. Dies liegt hier aber auch wieder daran, dass Marei in einer schlechten Position ist, um beides irgendwie stoppen zu können. Dass dies ohnehin schwer genug ist, sollte aber auch bedacht werden.

www.telekombasketball.de


Bereits in unserer “Playoff-Preview” hatten wir das Oldenbuger Pick&Roll an der Seitenlinie ausführlich angesprochen und als einen der gefährlichsten Spielzüge der BBL ausgemacht. Dies liegt vor allem daran, dass Qvale ein extrem guter Blocksteller ist und die EWE Baskets so ihre restlichen Spieler gut auf dem Spielfeld verteilen können. 

Auch in dieser Serie wird das Sideline-Pick&Roll häufiger von den Oldenburgern eingesetzt und von Erfolg gekrönt. Der Unterschied zu den bisher gezeigten Situationen liegt einfach darin, dass sich dabei nun drei Spieler auf der ballabgewandten Seite befinden und es somit für den Gegner gar keinen Help-Defender mehr gibt. Insbesondere Chris Kramer ist so gut darin diese Situationen zu lesen und sofort auszunutzen, dass es für kaum ein Team in der Basketball-Bundesliga zu verteidigen ist.

Beispielhaft dafür soll die folgende Szene stehen. Kramer kommt um den Screen von Qvale zur Mitte und hat nun die Entscheidungsfreiheit. Er kann nun darauf warten, was Marei macht und sich dann danach richten. Der Ägypter sieht sich einer Zwei-gegen-Eins-Situation gegenüber, die er alleine kaum lösen kann. 

Aus diesem Grund sinkt auch De’Mon Brooks noch tiefer ab. Allerdings sollte dabei beachtet werden, dass Kramer mit dem Pass auf De Zeeuw so möglicherweise eine dritte Option eröffnet wird. Marei orientiert sich in diesem Fall zu Kramer, der Qvale für zwei Zähler am Brett bedient.

www.telekombasketball.de

Wenn der Bayreuther Big sich eher dafür entscheidet Qvale zu verteidigen, haben die Oldenburger Guards trotzdem genug Möglichkeiten, um daraus Kapital zu schlagen. Hier setzt Massenat zum kleinen Floater an, nachdem Marei ihm die Mitte etwas öffnet.

www.telekombasketball.de


Es bleibt also für Sonntag die große Frage, welche Ideen sich Raoul Korner und sein Co-Trainer Lars Marsell ausdenken, um dieses Oldenburger Pick&Roll irgendwie einzudämmen. Geht man mit allem, was man hat, auf Qvale und lässt Oldenburg von außen werfen in der Hoffnung, dass die Quote irgendwann sinkt? Oder ignoriert man eher Qvale, lässt ihn 40 Punkte auflegen und hat lieber die Schützen so eng gedeckt, wie es nur geht? Oder doch etwas dazwischen? Die Balance macht es. Doch die ist verdammt schwer, wie die ersten beiden Spiele eindrucksvoll bewiesen haben.

Ein Mittel, welches medi Bayreuth überraschenderweise bislang wenig eingesetzt hat, ist die ICE-Defense. Immer wieder erlauben sie “middle penetration” für Kramer oder Massenat und eröffnen den Oldenburger Spielmachern damit alle Möglichkeiten. Bei der ICE-Defense forciert man den ballführenden Spieler von der Mitte weg zur Seitenlinie, von wo aus das Kreieren deutlich schwerer fällt. Insbesondere gegen das gefürchtete Pick&Roll an der Seitenlinie wäre das ein legitimes Mittel. Zusätzlich gibt es dem Big Man-Verteidiger mehr Zeit, um seinen Mann wieder aufzunehmen.

In der folgenden Szene lässt sich erahnen, wie es funktionieren könnte. Trey Lewis stellt parallel zur Seitenlinie und lässt Kramer damit den Block nicht nutzen. Gleichzeitig kommt Marei etwas hoch, um einen möglichen Dreipunktwurf zu stoppen.

www.telekombasketball.de

Nachdem der Block ineffektiv ist, bewegt sich Qvale zur Mitte, um trotzdem den Pass von Kramer empfangen zu können. Dies gelingt auch, allerdings ist Marei in der Zeit längst wieder zurück bei seinem Gegenspieler und kann ihn eng verteidigen. Gleichzeitig nimmt das den Fluss aus diesem (versuchten) Blocken und Abrollen und es braucht keine Help-Defender. Alle ballfernen Spieler können bei ihren Gegenspielern bleiben und die Possession resultiert am Ende in einem Offensivfoul.

www.telekombasketball.de

Es wird sehr interessant zu sehen sein, ob wir diese Art der Verteidigung in Spiel Drei vermehrt sehen werden. Eigentlich kann Bayreuth es nicht wieder zulassen, dass Kramer so viel über die Mitte gehen kann. Es hat sich gezeigt, dass wenn die Oberfranken die Mitte erlauben, sie fast keine Chance mehr gegen diese Offensivmaschinerie aus Oldenburg haben. Mit einer guten ICE-Defense könnte man ihnen einen wichtigen Spielzug wegnehmen und so möglicherweise weniger vor diesen schwierigen “pick-your-poison”-Entscheidungen gestellt werden.


Doch 85 beziehungsweise 102 kassierte Punkte resultieren logischerweise nicht nur aus diesen zwei Spielzügen der EWE Baskets. Es muss schon gesagt werden, dass Bayreuth in den beiden Partien auch einige vermeidbare Dreipunktwürfe hinnehmen musste. Hier zeigte die Defensive des Tabellenvierten nicht wirkliches Playoff-Niveau und erlaubte durch einige unnötige Abstimmungsprobleme offene Würfe für den Gegner. 

Insbesondere in der Verteidigung des Pick&Pops mit Philipp Schwethelm konnten einige Kommunikationsprobleme erkannt werden. Der Oldenburger Forward nutzt dieses Play, um sich offene Dreipunktwürfe zu bekommen. Dabei fakt er auch gerne mal den Block und sprintet stattdessen sofort durch, was ihm meist einen klaren Vorteil und damit genug Platz für einen Wurf verschafft.

In den nächsten drei Szenen lässt sich dies sehr gut erkennen. Während Schwethelm durchsprintet, stehen gleich zwei Bayreuther beim ballführenden Spieler. Zum einen weil Steve Wachalski deutlich langsamer ist und erst noch den möglichen Drive des Ballhandlers stoppen will. Damit wäre es nun die Aufgabe von Kramer Gegenspieler den freistehenden Schwethelm zu übernehmen. Doch auch dieser bleibt stehen, sodass der deutsche Scharfschütze letztendlich einen offenen Wurf bekommt.

www.telekombasketball.de

Exakt dasselbe passiert auch in der nächsten Sequenz. Hier sind sich Wachalski und Lewis sogar so uneinig, dass sich beide erst von Kramer weg und dann gleichzeitig wieder zu ihm hinbewegen. Ob Switchen in diesen Situationen vom Coach angesagt war, wissen nur die beiden. Gegen dieses “Slide”-Pick&Roll mit Schwethelm wäre switchen allerdings die effektivste Verteidigungsart.

www.telekombasketball.de

Denn das würde dann auch davor schützen, wenn Schwethelms Verteidiger mal spät dran ist. Hier bemerkt Brooks das Play viel zu spät, was Schwethelm wiederum einen offenen Wurf ermöglicht.

www.telekombasketball.de

www.telekombasketball.de


Somit ist es nicht nur auf die guten Werfer von Oldenburger zurückzuführen, dass der Tabellenfünfte so hochprozentig aus dem Feld traf. Trotzdem muss festgehalten werden, dass Bayreuth über die zwei Spiele extrem viel richtig gemacht hat. Mit ihrer kleinen Big Man-Rotation ist es ihnen trotzdem gelungen, mit einer sehr gut aufgelegten Oldenburger Mannschaft mitzuhalten. 

Es wird nun spannend zu beobachten sein, welche Adjustments Raoul Korner für Sonntag vornimmt, um sein Team noch besser auf die Oldenbuger Offense einzustellen. Klar ist jedenfalls, dass Bayreuth offensiv auch genug Waffen hat, um die Norddeutschen vor große Probleme zu stellen. Der Schlüssel für einen Heimsieg wird aber wieder mal in der Defensive und den daraus resultierenden Wurfquoten der Oldenburger liegen. 

  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Melde dich an, um einen Kommentar zu schreiben