Boston Celtics, Playoffs 2017, Washington Wizards

Warum switchen so wichtig ist

Wie die Boston Celtics mit variabler Verteidigung Spiel 1 drehten

Das erste Spiel der Eastern Conference Semifinals ist Geschichte. In einer abwechslungsreichen, bis zum Schluss umkämpften Partie setzten sich die Boston Celtics letztlich vor heimischem Publikum gegen die Washington Wizards durch – nachdem diese die ersten 16 Punkte des Spiels erzielt hatten! Den Rest des Spiels gewann Boston 123 zu 95. Waren die Celtics (19/39 Dreier) einfach nur heiß gelaufen? Oder lassen sich aus diesen beiden so unterschiedlichen Spielphasen bereits taktische Komponenten ableiten, die die Serie prägen könnten? Eine davon möchte ich hier etwas näher beleuchten: die Screen-Verteidigung beider Teams.

Wohl dem, der switchen kann

Die Fähigkeit, mehrere Positionen zu verteidigen, ist im modernen Basketball eine der wichtigsten überhaupt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Blöcke können geswitcht werden, wenn der Verteidiger des Blockstellers danach kein riesiges Mismatch gegen den gegnerischen Ballhandler darstellt. Das Pick-and-Roll, Fundament (fast) jeder NBA-Offense, verliert so einen Großteil seines Schreckens. Das gleiche gilt natürlich auch für Offball-Screens. Wie nutzten beide Teams nun also dieses taktische Mittel?
Die Washington Wizards profitierten in der Anfangsphase von ihren langen, variablen Außenverteidigern. John Wall, Bradley Beal und Otto Porter können ihre Starting-Five-Kontrahenten Isaiah Thomas, Avery Bradley und Gerald Green fast in beliebiger Konstellation übernehmen. Konsequenterweise switchten die Wizards daher viele der Offball-Screens, die eigentlich Thomas in gute Abschlusspositionen bringen sollten.

Zu sehen ist das in folgender Possession: Porter switcht nach dem Screen auf Thomas und ist dank seiner Länge und solider Geschwindigkeit in der Lage, ihn beim Wurf zu stören.

Auch im Pick-and-Roll führten solche Switches zum Erfolg.

Allerdings ist diese Taktik nicht ohne Risiko. Nach einem Switch bleibt die Offense immer kurz in einem Zustand der Unklarheit, vor allem, wenn nicht klar kommuniziert wird. Der abrollende Offensivspieler hat so häufig die Möglichkeit, sich in Richtung Korb anzubieten. Allerdings sind dafür körperliche Fähigkeiten vonnöten: Gerald Green etwa kann kaum zum Korb rollen, den Ball in der Zone behaupten und mit dem Rücken zum Korb abschließen. Kelly Olynyk allerdings bestrafte die Switches der Wizards mehrfach hervorragend und nutzte das Zeitfenster des Switches, um seine körperlichen Vorteile am Brett auszuspielen. In wenigen Minuten kam er so auf 12 Punkte (5/7 FG).

Ebenfalls kritisch für die Pick-and-Roll Defense der Wizards war der Ausfall von Markieff Morris. Er ist schnell genug auf den Beinen, um die gegnerischen Guards zumindest notdürftig einzudämmen; Marcin Gortat ist dazu kaum in der Lage. Besonders in der zweiten Halbzeit hatten die Wizards keine Antwort auf das Thomas-Horford Pick-and-Roll, aus dem entweder Thomas zum Korb zog oder Horford (10 Assists) den Ball klug verteilte.

Problematisch ist dazu, dass von der Wizards-Bank kaum noch Spieler kommen, die auf diese Art und Weise verteidigen können. Brandon Jennings ist aufgrund seiner Größe ein Mismatch, Bojan Bogdanovic und Jason Smith zu langsam; einzig Kelly Oubre ist in dieser Hinsicht brauchbar. Im Laufe des Spiels hatten die Wizards daher immer weniger eine Antwort auf das Pick-and-Roll der Celtics.

Variable Celtics

Und wie stellten sich die Celtics ihrerseits in der Pick-and-Roll Defense an? Zu Beginn alles andere als gut. Isaiah Thomas ist defensiv gegen jeden Spieler ein Mismatch und kann daher kaum switchen; gleichzeitig ist er körperlich zu schwach, um sich hinter Wall durch Screens zu kämpfen und sorgt so dafür, dass der Big Man recht lange beim Ballhandler aushelfen muss. Besonders schlimm ist das, wenn ein unbeweglicher Big Man à la Amir Johnson auf dem Parkett steht, der in dieser Serie eigentlich kaum spielbar ist. In dieser Szene wird deutlich, dass Johnson und Thomas Wall nicht halten können, sodass Gortat schließlich einen freien Abschluss in der Zone hat:

Gortat dominierte so die Anfangsphase durch Abschlüsse am Korb, Offensiv-Rebounds und kluge Pässe auf freie Mitspieler, weil sein Verteidiger sich zu stark auf Wall konzentrierte. So wurden die Celtics als Team gezwungen viel zu rotieren – schlechte Reboundpositionen (Gortat: 8 Offensiv-Rebounds) waren die Folge. Hier sieht man, wie Olynyk aus Angst vor dem abrollenden Gortat viel zu weit in die Zone rotiert und so einen freien Eckendreier von Kelly Oubre abgibt.

Allerdings stellten auch die Celtics ihre Defense im Laufe des Spiels um. Gerald Green und Amir Johnson flogen weitgehend aus der Rotation, dazu versuchte Brad Stevens Thomas gegen Otto Porter oder Kelly Oubre zu verstecken. In die Verteidigung der gegnerischen Stars Wall, Beal und Gortat waren so hauptsächlich Marcus Smart, Avery Bradley, Jae Crowder und Al Horford involviert – alles mobile, variable, starke Verteidiger. Hier sieht man gut, wie Smart und Bradley, die beide ungefähr die gleiche Statur haben, einen Offball-Screen erfolgreich switchen.

Das gleiche sieht man hier auch bei einem Onball-Screen für Wall, den Rozier und Crowder einfach switchen.

Generell hatte Wall, besonders in der zweiten Halbzeit Probleme mit der Pick-and-Roll-Defense der Celtics, die häufig die Zone erfolgreich dicht machen konnte; 8 Turnover sind deutlich zu viel, falls Wall sein Team zum Sieg führen möchte…

Fazit

Spiel 1 hat gezeigt, dass die Screen-Verteidigung ein kritischer Aspekt dieser Serie sein wird. Beide Teams hatten genau in den Phasen Erfolg, in denen sie es schafften, die Screens mit variablen Spielern und mit vielen Switches zu verteidigen. In der Offense kommt es für beide Teams darauf an, die schwachen Block-Verteidiger gezielt zu attackieren. Und für wen ist das ein Vorteil? Ganz klar die Boston Celtics, die einfach viel mehr variable Verteidiger und ganz generell viel mehr brauchbare Flügelspieler zur Verfügung haben. Avery Bradley, Marcus Smart, Jae Crowder, Jaylen Brown und Al Horford sind für diese Art der Verteidigung perfekt geeignet, Kelly Olynyk und Terry Rozier zumindest phasenweise. Bei Washington verdienen sich dagegen nur John Wall, Bradley Beal, Otto Porter und Kelly Oubre die Auszeichnung „Switch-Defender“. Die Verletzung von Markieff Morris hilft da natürlich überhaupt nicht.

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4 comments

  1. Avatar

    lemanu

    top artikel!

    warum hat die defense der celtics gegen die cavs dennoch so schelcht funktioniert?

  2. Julian Wolf

    |Author

    Hmm, schwere Frage, vielleicht wissen die Celtics-Experten hier mehr. Spontan würde ich sagen: die cavs haben Lebron + Kyrie, die das noch heftiger bestrafen + Schützen, die das Feld extrem breit und die Wege länger machen… aber müsste man nochmal untersuchen :mrgreen:

  3. Avatar

    lemanu

    vielleich ist es einfach die tatsache dass lebron einfach kaum 1on1 zu verteidigen ist.

    kaum von spielern wie crowder und erst recht nicht bei einem switch.
    hab aber von der serie selbst wenig gesehen daher interessiert mich da eure meinung.

  4. Poohdini

    Ich denke, ein Nachteil des Switchens ist ja, dass Mismatches entstehen. In der heutigen NBA, die immer mehr passen will, kann und will kaum noch jemand diese Mismatches ausnutzen. Deshalb funktioniert switchen gegen die Warriors ja auch so erstaunlich gut. Die Cavs haben eben die perfekte Mischung aus starken Passern, Schützen und 1-on-1-Scorern.

    Gegen die Celtics hat man das auch gut gesehen. Da werden so viele Screens gestellt, bis LeBron am Perimeter gegen ein Big steht. Dann gehts in die Isolation und da hat der Big keine Chance mehr. Bei Kyrie ist es ähnlich mit größeren oder langsamen Gegenspielern. Switchen ist gegen die Cavs nicht immer so gut^^

    Sowieso finde ich die Cavs offensiv unfassbar stark. LeBron + Kyrie mit Schütze ist de facto nicht zu verteidigen.


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